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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-10-17 · 42 (17.10.1902) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
42 (17.10.1902)
Date
1902-10-17
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 686 Nr. 42 Dr. Blorh's Wochrnsthrifk. scheint. Jede Nation hat so ihre besonderen Aerzte und jeder hat seine besondere nationale Clientel. Nur die Deutschen vertheilen sich mehr und einigermaßen auf alle. Kommt da auch dieses Jahr Herr v. L i tz i n g e n aus Ostelbien nach Tbad und hat von der Berliner Specialität, die er consultirt hat, einen Empfehlungsbrief an Dr. — nennen wir ihn — Waldstein. Der Name gefiel ihm zwar nicht, aber der Berliner Profeffor hatte ihn empfohlen — im Interesse der Gesundheit darf man ja wohl auch einen nichtchristlichen Arzt aufsuchen. Zu seiner großen Freude fand der Ostelbier in Dr. W. aber nicht nur einen sorglichen Pfleger für fein körperliches Wohl, sondern auch einen unterhaltenden, liebenswürdigen Gesellschafter, kurz einen „sehr netten Kerl''. Alle Abend traf man sich zum gemüthlichen Schoppen und v. Litzingen war so entzüÄ von dem „netten Kerl", daß er den ganzen Tag über für ihn in die Posaune stieß und überall Patienten für ihn zu werben suchte. Zu seiner Freude konnte er eines Abends, als man wieder gemüthlich beim Schoppen saß. seinem ärztlichen Freunde die Mittheilung machen, morgen käme sein Gutsnachbar, Herr von Schlechtershausen an, den habe sein Arzt auch nach Lbad geschickt. „Natürlich müsien Sie ihn in Behandlung nehmen, Doctor, übermorgen früh bringe ich ihn in Ihre Sprechstunde mit." Am angesagten Tage erschien aber weder der neue Patient, noch der alte, auch Nachmittags und am nächsten Morgen blieb er aus, trotzdem er sonst täglich vorzusprechen. Bericht zu erstatten und sich weitere Verordnung zu holen hatte. Da von Litzingen auch den Abendschoppen geschwänzt hatte, wurde Dr. W. ängstlich und suchte ihn auf. Er traf ihn nicht zu Hause, hörte aber, daß er wohl und munter sei und es sonst ihm gut ginge. Auf dem Heimwege sah ihn der Arzt auch — allein — promeniren, ließ seinen Wagen halten und ging auf ihn zu, Herr v. Litzingen hatte dies bemerkt, wollte durch eine Seitenallee entwischen, es gelang ihm aber nicht. „Was ist denn los, Herr v. L., wenn Sie mich nicht mehr brauchen, dann haben Sie deshalb doch nicht nöthig, den Abendschoppen zu schwänzen?" — „Lieber Doctor! Ehrlich gestanden, ich schäme mich, Ihnen unter die Augen zu treten! Ich hatte Ihnen doch versprochen, mit Herrn v. Schlechtershausen zu Ihnen zu kommen, aber der Kerl will durchaus nicht zu Ihnen und ist zu einem anderen Arzt gegangen!" — „Darin kann ich nicht blos nichts finden, sondern das halte ich sogar für absolut correct, daß Ihr Freund den Arzt aufsucht, an dem er von seinem Arzt verwiesen ist, und nicht den, den Sie ihm empfehlen. Umgekehrt würde mich das wundern." „Ja, das ist's ja eben, warum ich mich schäme, er ist an Niemand empfohlen, und zu Allen will er gehen, nur zu Ihnen nicht." „Nicht zu machen", sagt er und bleibt dabei. „Ach, ich verstehe, weil er mich für einen Juden hält?" „Richtig, lieber Doctor, seh'n Sie, wir sind Alle so, Einer mehr, der andere weniger, — aber bei mir, wenn's sich um die Gesundheit und — ich will ehrlich sein — um ein gutes Geschäft — handelt, dann scheer' ich mich den Deibel drum, ob Jud' oder Christ; ich bin nur theoretischer Antisemit, aber Schlechtershausen, der treibt's auch in der Praxis, der ficht'S bis aufs „tz" durch. Der kaust beim Juden nicht, er verkauft nichts an Juden j als ich ihm Ihren Namen nannte, meinte er: „Hast Dir richtig den einzigen Juden rausgefischt, is aber bei mir nicht zu machen! Ich geh' zum ersten christlichen Arzt, den ich in der Liste finde." „Also hat er sich zum College», Medicinalrath Lehmann in Behandlung gegeben?" „Ja, der alte Herr scheint ihm zwar nicht zu paffen, ich Hab' mir schon den Mund fusselig gered't, waS Sie für'n netter und tüchtiger Kerl sind." „Is nicht zu machen, sagt er, und darum schäm' ich mich, zu Ihnen zu kommen. Nu ist'S aber raus,. der Deibel auch, ich bin heut' Abend beim Schoppen und morgen in Ihrer Sprechstunde." „Freut mich — Ihren Freund nehm' ich nicht in Behandlung — das sag' ich Ihnen gleich voraus — aber in'S Ohr möcht' ich Ihnen. was sagen, — ich bin kein Jude — bis zu meinen Großvätern — weiter reicht die Familienchronik nicht — kann ich mein reines Christenthum Nachweisen, aber bei meinem Collegen Lehmann, trotzdem er noch Jude ist — ist Ihr Freund ausgezeichnet aufgehoben, Lehmann ist hier anerkannt der erste Arzt!" „Kreuzbombenelement, nee, daS ist jroßartig, mehr wie coloffal", — dabei schlug sich von Litzingen mehrmals auf feine kräftigen Oberschenkel und lachte so auf, daß die Spaziergänger aufmerksam wurden. — „DaS muß ich gleich Schlechtershausen erzählen", und spornstreichs war er davongekaufen. Am nächsten Morgen der erste Patient in der Sprechstunde bei Dr. Waldstein war Herr von Schlechtershausen, der sich durch seine Karte angemeldet hatte. „Entschuldigen Sie, Herr Dr. —, aber wenn man Einem Unrecht gethan hat, muß man es auch eingestehen und sich entschuldigen." „Aber, bitte sehr, dazu liegt für Sie kein Grund vor?" „Das ist nett, Herr Doctor, daß Sie die Sache fo auffassen, also Sie nehmen mich als Ihren Patienten an?" „Nein, Herr von Schlechtershausen, das muß ich ablehnen, erstens sind Sie schon beim Collegen Lehmann, zweitens bei ihm ausgezeichnet aufgehoben, und endlich der Grund Ihres Wechselns genirt mich vor mir und namentlich dem Collegen Lehmann gegenüber." „Na, hören Sie, lieber Doctor, ich uin von meinem praktischen Antisemitismus gründlich curirt, das hat Xbad schon besorgt; wenn ich nach Hause komme, will ich's beweisen, aber hier müssen Sie mir noch wenigstens gestalten — konsequent zu sein." Literatur. Die Thora, das kostbarste Gut Israels von Dr. M. H. Friedländer, Wien 1902. Der unermüdliche Verfasser setzt in dieser Schrift, die sich den vorangegangenen eng anschließt, seine sehr anerkennenswerthen Uterarischen Bestrebungen fort, die Geschichte des Judenthums zu popularisiren und sie dem großen Publicum mundgerecht zu machen. ES ist nicht leicht, hier den richtigen Ton zu treffen, und es gibt nur Wenige, die ihn so treffen, wie unser Verfasser. In der vorliegenden Schrift werden wir zunächst über das Schicksal unterrichtet, welches der Talmud im Mittelalter zu erleiden hatte und das ihm vorzüglich durch jüdische Apostaten bereitet wurde. Von dramatischer Belebtheit sind die Schilderungen, die uns der Verfasser von den Disputationen entwirft, welche, ebenfalls von jüdischen Apostaten angeregt, zwischen christlichen und jüdischen Theologen geführt wurden, in welchen jüdischerseits die gegen die Lehre des Judenthums gerichteten Angriffe abzuwehren und die heikle Frage der Messianität Jesu zu erörtern war. Auch hier lernen wir eine ganze Reihe jüdischer Apostaten kennen, die es in der Kirche zu den höchsten Würden gebracht und ihren Glaubensgenossen, die ihren Mahnungen, sich zum Christenthum zu bekehren, nicht Folge leisten wollten, die schwersten Verfolgungen bereiteten. Ebenso erhalten wir einen lichtvollen Einblick in die anregende apologetische Literatur, welche wir diesen literarischen Kämpfen verdanken. Das höchste Interesse erregt die Darstellung des gegen Ende des sechzehnten Jahrhunderts zwischen den Kölner Dominikanern und Reuchlin über den Talmud geführten Kampfes, in dessen Mittelpunkt der berüchtigte jüdische Apostat Pfefferkorn stand. Seither wollten die Anklagen, daß der Talmud Schmähungen gegen das Christenthum und dem Stifter desselben enthalte, nicht mehr verstummen und finden sich besonders in dem Eisenmenger'schen Werke „Entdecktes Judenthum" zusammengetragen. Sehr lehrreich und erhebend ist das Capitel, welches die Menschenliebe in dem jüdischen Schriftthum behandelt, das uns überdies einen reichen Schatz für apologetische Zwecke bietet. Wir brauchen den Verfasser nicht erst aufzufordern, mit der Verbreitung der in unserer Zeit so nothwendigen Kenntniß der jüdischen Geschichte fortzufahren, er thut es von selbst. Nur möchten wir bitten, jeden Ueberschwang zu vermeiden. Er versteht es ganz vorzüglich, das Geschichtsmaterial uns nahe zu bringen, darnach wir heute lechzen. Das Urtheil wollen wir uns selber bilden. Wir, die Leser, wollen ja doch auch etwas zu thun haben. D. G- Briefkasten. S. S. Ihre Anregung, betreffend das gesundheitsgefährliche Ausspucken während des Gottesdienstes in den Bethäusern an hohen Feiertagen, wollen Sie dem Bethausvorstand der israelitischen Cultusgemeinde in Wien mittheilen. Obercantor Singer, Wie». Der Bericht ist nach einem schriftlichen Verzeichniß und nach mündlichen Mittheilungen abgefaßt und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Es wurden noch andere Personen und Deputationsmitglieder nicht erwähnt, ohne daß sie eine nachträgliche Erwähnung gefordert hätten. Mehrere Leser in Vorarlberg. Die Beschwerde der israelitischen Cultusgemeinde-Mitglieder aus Hohenems abzudrucken, ist überflüffig, nachdem dieselbe im „Vorarlberger Volksblatt" bereits erschienen ist. L. in Petersburg. Es ist richtig, daß nach einer Mittheilung, die wir gelesen haben, der Finanzminister bereits am 26. August die Einführung von Actien und Jnterimsscheinen der Jüdischen Colonialbank

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