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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-10-17 · 42 (17.10.1902) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
42 (17.10.1902)
Date
1902-10-17
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 42 Seite 683 Dr. Bloch's Wochenschrift' die Pforte des Schlachthauses hinweg gesehen, wie Baum ein geschlachtetes Thier, das durch zwei Hölzer gehalten auf dem Boden lag, am Hintertheil verunreinigt habe. Baum dagegen beschwor, in seinem Schlachthaus nie urinirt und auch keine Hölzer beim Schlachten verwendet zu haben. Schmitt wurde wegen falscher Anschuldigung zu 6 Monat Gefängniß verurtheilt. Außerdem ist eine Zivilklage auf 2000 M. Ersatz wegen Geschäftsschädigung anhängig. Nun sammelte Schmitt weiteres Material und veranlaßte die Einleitung der Meineidsuntersuchung gegen Baum, der auch Folge gegeben wurde. Auffällig ist dabei, daß Schmitt, obwohl er die Schweinereien im Schlachthaus gesehen haben will, nach wie vor bis zum Jahr 1901 sein Fleisch von Baum bezog. Trotz der langen inzwischen verstrichenen Zeit ist dieser Hauptzeuge in der gestrigen Verhandlung noch deutlicher gewesen wie das erstemal. Jetzt will er sogar genau gesehen haben, daß das Thier durch zwei Scheithölzer gestützt war. Weiter sagt er, er sei am kritischen Abend in das Schlachthaus eingetreten und habe B. beim Uriniren überrascht. Der Vergleich oder Widerruf im vorigen Jahr sei ihm abgepreßt wurden, als er betrunken gewesen sei. Hier gab sich die Bertheidigung alle Mühe, die Widersprüche in den Aussagen des Zeugen aufzuklären, allein der Vorsitzende machte ihr den Borwurf, sie wolle den Zeugen nur verwirren. Da der Zeuge auch erklärt hatte, er habe „keine Feindschaft gegen B.. fragte ihn die Bertheidigung, wie es denn komme, daß er sein Kind gelehrt habe, dem Baum nachzuäffen. Darauf erklärte der Vorsitzende: „Es werden oft Juden nachgeäfft, das kann auch im Humor geschehen sein!" Von seiner Beobachtung will der elastische Zeuge einigen Ortsnachbarn erzählt haben, aber diese bekundeten, daß das nicht wahr sei. Außer Schmitt traten noch vier andere Zeugen auf, die bei anderen Gelegenheiten Baum beim Uriniren im Schlachthause beobachtet haben wollen. Darunter ist ein Schuhmacher Benkert, der wegen eines Hausfriedensbruches bei Baum 14 Tage Haft erhalten hatte. Auch dieser hatte über den Vorfall geschwiegen, angeblich weil „er sich nicht mit Juden behängen wollte, die sich doch überall heraus lügen". Mehrere Zeugen deponiren dann wegen der Hölzer im Schlachthaus. Einige wollten Scheithölzer, andere sog. Schrotleitern gesehen haben. Dies bestreiten aber der Fleischbeschauer von Nordheim, ein Fleischergeselle, der Lehrer und Schächter Fulder. der (von 1886 bis 1893) in Nordheim wirkte, ebenso ein Geschäftsmann, der manchmal beim Schlachten mithalf. Bemerkenswerth ist, daß die Beobachtungen der ersteren auf 12—18 Jahre zurückliegen. Die Geschwornen fällten einen Wahrspruch, der auf Schuldig unter Ausschluß mildernder Umstände lautete. Das Gericht erkannte auf eineinhalb Jahr Zuchthaus und fünf Jahre Ehrverlust. Die Geschwornen haben an die Schuld des Angeklagten geglaubt. Was sie zu dem Glauben gebracht hat, brauchen sie nicht zu sagen. Wir glauben an die Schuld nicht. Bukarest. Eine angesehene politische Persönlichkeit, ein früherer liberaler Minister, versichert, die Regierungskreise seien geneigt, das Gewerbegesetz besonders den einheimischen Israeliten gegenüber ohne Schwierigkeiten anzuwenden und Auswandererpäffe anstandslos auszufolgen; sie sei jedoch in Verlegenheit, weil die Präfecten der moldauischen Bezirke hie Regierung aufmerksam gemacht haben, daß die Judenauswanderung mit einer öconomischen Katastrophe gleichbedeutend sei. Der Exminister versichert noch, daß die bei der Kammereröffnung etwa eingereichten Naturalisirungsgesuche eine günstige Erledigung finden werden. Nicht die amerikanische Note, noch auch fremde Preßstimmen hätten den Anstoß dazu gegeben, sondern ein höherer Wunsch sei im Verein mit Aeußerungen angesehener Jurisconsulten ausschlaggebend gewesen, welche längst schon erklärt haben, die gegenwärtige Stellung der einheimischen Israeliten sei unhaltbar, und auf Mittel hingewiesen haben, um die Gleichberechtigung einzuführen, ohne zugleich auch politische Rechte zn bewilligen. Die Regierung ist gefaßt darauf, dahingehende Interpellationen anzuhören. Die Lösung der Frage sei wohl beschlossen, die Form, in der sie erfolgen solle, jedoch noch nicht. Durch die Spaltung in der conservativen Partei sei die liberale Regierung trotz mancherlei Uneinigkeit sattelfest. Sturdza beabsichtige, das Ministercabinet frisch zu gestalten und aufrührerische Elemente zu entfernen. Handwerker versichern mir, daß die Auswanderung dennoch der einzige Rettungsanker sei, weil die Naturalisirung der hohen Kosten wegen unerreichbar sei, und weil die Ausstellung der Meisterdiplome erst nach Bezahlung der rückständigen Steuern erfolge, wozu es an Mitteln mangle. Odessa. Der Gouverneur von Taurien hat alle ihm unterstehenden Behörden auf die wiederholten Entscheidungen des,Senats, welche Juden ohne Ausnahme gestatteten, sich aus Gesundheitsrücksichten oder zu Handelszwecken vorübergehend auf dem platten Lande aufzuhalten, aufmerksam gemacht und aus diesem Grunde den Landgendarmen verboten, Juden, die sie außerhalb der Städte und Flecke antreffen, auf eigene Faust auszuweisen. Letzteres dürfe nur vom Landrath des Kreises verfügt werden. Zugleich hat der Gouverneur angeordnet, daß unseren Glaubensgenossen der vorübergehende Aufenthalt in den Dörfern ein für allemal zu gestatten sei. Diese für die Juden der Halbinsel Krim so überaus günstige Wendung wurde auf Drängen der Bauern und der die Interessen der Gutsbesitzer vertretenden Semstwos herbeigesührt. welche schon seit Jahren die Behörden mit Bitten bestürmen, den Juden wenigstens zur Zeit der Ernte den freien Verkehr auf dem flachen Lande einzuräumen, da die Bauern infolge des Fehlens der jüdischen Einkäufer gezwungen waren, ihre Products den christlichen Wucherern um jeden Preis zu überlaffen. Aus demselben Grunde find auch zahlreiche Dorfgemeinden und größere Gutsbezirke um die Gewährung von Stadtrechten bei der Regierung vorstellig zu geworden, um Juden in ihren Ortschaften ständig aufnehmen zu können. Major Gordon in Russland. Der bekannte Führer der fremdenfeindlichen Bewegung in England und Mitglied der jetzt tagenden Fremdencommission, Major Gordon. hat bekanntlich eine Reise nach Rußland unternommen, um durch den eigenen Augenschein sich von der Lage der jüdischen Auswanderer an Ort und Stelle zu orientiren. Nach kurzem Verweilen in Riga und Dwinsk ging er nach Petersburg, um von da Libau, Wilna, Pinsk und Warschau zu besuchen. In Libau besichtigte er die Auswandererschiffe und in Wilna suchte und fand er Gelegenheit, das jüdische Leben und Treiben an der Urquelle zu studiren. Er besuchte da die jüdischen C h e d e r s und die dortigen I e s ch i b o t h und, wenn auch kein Christ im Stande ist, das Wesen und den hohen sittlichen und inneren Werth einer jüdischen Jeschiboth zu würdigen, so hat doch Major Gordon diese ihm fremden und vielleicht wenig sympathischen Sachen nicht mit den Augen eines schneidigen judenfrefsenden Jünglings aus einer Berliner Hochschule angesehen. In Pinsk fand er zum ersten Male Gelegenheit, ganze Betriebe kennen zu lernen, welche nur mit den Sabbath streng feiernden jüdischen Arbeitern aufrecht erhalten werden. In Warschau hielt sich Major Gordon eine ganze Woche auf und inspicirte daselbst in Begleitung des Herrn So ko low, des bekannten Herausgebers der hebräischen „Harekrati", sämmtliche jüdischen Gemeindeinstitutionen, die jüdischen Armenwohnungen, sowie zahlreiche Fabriken mit jüdischen Arbeitern. Die Warschauer Blätter, die fast sämmtlich scharf antisemitisch sind, haben über diese Besuche des Major Gordon die abenteuerlichsten Berichte gebracht uno unter Anderem mitgetheilt, dah er unter dem Einflüsse Sokolow's und der Jewish Colonisation Association steht. Andere Blätter haben den Neffen des Helden von Chartum flugs zum Juden oder doch zum „Judenknecht" gestempelt. Tatsächlich scheint die russische Reise auf den Major Gordon einen tiefen und unauslöschlichen Eindruck gemacht zu haben. „Das jüdische Volk", sagte Major Gordon, „hat so schwer gelitten, daß ich es nicht übers Herz bringen kann, seine Leiden noch zu vermehren. Ich denke nicht daran, die armen Juden, die in unserem Lande Schutz und Zuflucht suchen, von unserer Thüre zu weisen. Ich möchte nur in der Emigration Ordnung schaffen, wie sie etwa in Nordamerika besteht, und zwar ausschließlich im Interesse dieser armen Auswanderer selber." Die Juden in Egypten. In keinem der Länder des Morgen- und des Abendlandes ist die Lage der Juden so günstig wie im Lande der verflossenen Pharaonen. Zu der arabischen Toleranz und der wahrhaft vornehmen Ruhe des Mohammedaners, der gerne lebt und leben läßt, tritt in Egypten noch die von den Engländern eingeführte geordnete Verwaltung und moderne Gesetzgebung hinzu, durch welche die Stellung der Juden in diesem Lande noch weit günstiger sich gestaltet hat, als selbst in der Türkei mit ihrer geradezu musterhaften Toleranz. Von keinem bakschischlüsternem Beamten bedrückt und durch keine Ausnahmegesetze oder Berwaltungsmaßregeln in ihrer Bewegungsfreiheit gehemmt und künstlich zum Paria und Bettler herabgedrückt, konnte der Jude in Egypten seine natürliche Begabung ungehemmt entfalten und auf dem Gebiete der Industrie,, der Arbeit, des Handels und der Wissenschaft Vortreffliches leisten. Die jüngere unter englischer Verwaltung entstandene Generation eignet sich die europäische Cultur an, ohne dabei ihrem Judenthum und dessen Traditionen untreu zu werden. So haben in diesem Jahr

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