Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 42 (17.10.1902)
- Date
- 1902-10-17
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 680 Dr. Bloch's Wochvnfchrift. Nr. 43 setzen. Umso interessanter ist es, daß das „Deutsche Volksblatt^ in der Abendausgabe vom 8. Oktober folgende Meldung publicirt: (Eine Doppelmörderin.) Man telegraphirt uns aus Ofen- Pest unterm 8. October: Dem Gendarmerieposten in Nagy-Küta gelang es, gestern Abends die Thäterin des an dem greisen Honvedhauptmann Horvath verübten Raubmordes, über den wir bereits berichteten, zu verhaften. Die Mörderin ist, wie sofort nach Entdeckung des Raubmordes vermuthet wurde, die seither flüchtig gewordene 21jährige Wirthschafterin Julie A n d o r. Nach mehreren Versuchen, sich der Verhaftung zu entziehen, wurde sie inmitten einer Zigeunerfamilie, zu der sie geflüchtet war, verhaftet. Bei dem Verhör, dem sie sofort unterzogen wurde, gestand sie ein, den Raubmord an dem Honvedhauptmann verübt zu haben. Während des Verhörs erinnerte sich der Untersuchungsrichter, daß vor kurzer Zeit in derselben Gegend in der Nähe von Szent-Marton-Käta die Leiche eines jungen Mädchens gefunden worden war, der der Kopf fehlte. Es wurde der Verhafteten die polizeilich aufgenommene Photographie des ermordeten jungen Mädchens vorgezeigt, bei deren Anblick die Verhaftete sichtlich erblaßte. Ueber eindringliches Befragen gestand sie, auch diesen Mord verübt zu haben, weigert sich aber, irgendwelches Motiv für diese Mvrdthat anzugeben. Die Doppelmörderin wird dem hiesigen Gericht eingeliefert werden. Verbot der Actien der jüdische» Eolonialbank in Rußland. Ein Telegramm der „Köln. Zeitung^ meldet, daß Finanzminister Witte nach einer Rücksprache mit dem russischen Minister des Aeußern die Einfuhr der Actien der jüdischen Colonialbank verboten hat. Die Meldung kam umso überraschender, als erst vor kaum 18 Monaten eben dieser Finanzminister Witte auf Verwenkung des Profeffor Belkowski in Petersburg die Einfuhr der Actien dieser Bank gestattet hat, und zwar frei von jeder Steuer undAbgabe. Durch dieses überaus liebenswürdige Entgegenkommen von Seiten der russischen Regierung ist es erst möglich geworden, in Rußland so zahlreiche Actien dieser Bank zu verkaufen, daß die Bank vor zehn Monaten in die Lage gekommen ist, ihre Thätigkeit zu beginnen. Auf eine Anfrage an maßgebender Stelle in London wurde die Thatsache des Verbotes an und für sich b e st ä t i g t, jedoch mit der Hinzufügung, daß dieses wohl auf einem Mißverständniß beruhe und daß das Verbot binnen Kurzem wieder aufgehoben werden dürfte. Leider ist aber diese optimistische Auffaffung durchaus unberechtigt. Das Verbot ist im amtlichen Verordnungsblatt publicirt und am 26. August dem Senate amtlich als Gesetz notificirt worden. Ein solcher feierlicher Regierungsact wird nicht auf Grund eines Mißverständnisses vollzogen. Vielmehr scheint es, als wenn im russischen Finanzministerium, wo man noch vor 11/2 Jahren der jüdischen Colonialbank so wohl gesinnt war, mit dem Moment, wo die Bank in Action getreten ist, eine plötzliche Sinnesänderung eingetreten wäre. Wie wir hören, soll auch der Plan, in Rußland eine Filiale der Bank zu eröffnen, gleichfalls nun an dieser Animosität im russischen Finanzministerium gescheitert sein. Ern jüdisches Regiment. Die Organisation eines jüdischen Regiments ist in New- Iork zur That geworden. Um Ausschreitungen, wie solche gelegentlich der Beerdigung des Oberrabbiners Joseph dort stattfanden, vorzubeugen und bei ähnlichen Vorkommnissen der Polizei in der Aufrechthaltung der Ordnung hilfreich zur Seite zu stehen, haben sich 250 junge Männer jüdischen Glaubens als Regiment organisirt und zu diesem Zwecke Jncorporationspapiere von einem Richter unterzeichnen lassen. Reiche Glaubensgenoffen haben Gewehre und andere Waffen zur Verfügung gestellt, geschulte Soldaten leiten die militärischen Exercitien des jungen Regiments. Dasselbe gedenkt die nöthigen Schritte zu ergreifen, um der Nationalgarde des Staates einverleibt zu werden. Regimenter mit nationaler oder confeffioneller Färbung sollen zwar in den Vereinigten Staaten nicht ausgestellt werden — aber in keinem Lande läßt sich ein Gebot leichter umgehen. Correspondenzen. Arbeit für die Arbeitslustigen. Wiederholt haben wir darauf hingewiesen, daß es keine zweckmäßigere und auch keine den ethischen Grundsätzen mehr entsprechende Form der Unterstützung, aber auch keine edlere Thätigkeit zur Hebung des Gemeinsinnes und der Solidarität gibt, als die der Zuweisung von Arbeit an Arbeitsuchende. Auf diesem Gebiete der Wohlthätigkeit in höherem Sinne des Wortes entwickelt der „Verein für unentgeltlichen Arbeitsnachweis^ eine von Monat zu Monat steigende Thätigkeit, und mit Befriedigung verzeichnen wir aus dem uns vorliegenden Ausweis für den Monat September 1902 das Ergebniß, daß der Verein auf der ihm vorgezeichneten Bahn kräftig vorwärts schreitet. Wie sich seine Agenden vermehren, so nehmen auch seine Erfolge stetig zu, und wir können nur wünschen, daß sich alle jüdischen Arbeitgeber selbst von der trefflichen Organisation des Vereines überzeugen und ihm ihre praktische Mitwirkung zuwenden. Sie leisten damit nicht blos dem Vereine einen großen Dienst, sie fördern auch die gewerbliche Arbeit unter ihren Glaubensgenossen, sie nützen sich selbst, indem sie verläßliche Arbeiter erhalten, und sie tragen zum Wohle der Gesammtheit bei, indem sie die Arbeitslust erhöhen und die Arbeitswilligen beschäftigen. Bis Ende ^September 1902 hat der Verein 5004 Vermittlungen durchgeführt, im September 1902 allein 255 gegen 153 und 128 in dem gleichen Monat der Vorjahre, es ist sonach die Bermittlungsthätigkeit um mehr als 40 Perccnt gestiegen. Dieser Erfolg ist auch ein für die Zukunft viel verheißender und läßt uns erwarten, daß der Verein immer mehr — nicht Anerkennung allein — sondern hauptsächlich Zuspruch finden werde. Diese Hoffnung ist umso berechtigter, wenn wir die Ziffern des Ausweises pro September 1902 näher prüfen. Die Zahl der Besucher der vier Classen von Arbeitnehmern ist von 3055 und 3219 auf 4339 gestiegen; als Arbeitnehmer haben sich 737 (gegen 594 und 549 gemeldet) als Arbeitgeber 445 gegen 327 und 312 — also beiläufig um 30 Percent mehr — die Zahl der Zuweisungen ist von 729 auf 1023 gestiegen — also um fast 45 Percent — und die Zahl der Vermittlungen von 128 und 153 auf 255, also um circa 40 Percent. Aus diesen Erfolgen ist sowohl das Vorhandensein des Bedürfniffes zu erkennen, als auch die unermüdliche, hingebungsvolle Thätigkeit des Vorstandes, namentlich das Executivcomites und der Eifer und die Gewissenhaftigkeit der Beamten. Vorläufiger summarischer Bericht über die bisherige Thätigkeit des „Hilfsvereines für die nothleidende jüdische Bevölkerung in Galizien", Wien, I. Tnchlauben 17. Vor einem Jahre hat der Verein seine Thätigkeit mit der Einführung einer Heimarbeit, der Erzeugung von Haarnetzen, begonnen, die bis dahin in Galizien ganz unbekannt war und von der überhaupt nur Wenige wußten, daß sie einen ziemlich bedeutenden Exportartikel bildet, der von Oesterreich aus nach allen Erdtheilen versendet wird und für den circa 5 Millionen Kronen nach Oesterreich hereinkommen; 5 Millionen, von denen gegen 80 Percent als Arbeitslohn zur Auszahlung gelangen. Der Hilfsverein verschaffte sich zunächst die Gewißheit, daß noch sehr zahlreiche Arbeitskräfte bei dieser Industrie für absehbare Zeit Verwendung finden können. Einer der bedeutendsten Exporteure dieses Artikels erklärte sich bereit, für feinen Bedarf Haarnetze in Galizien' erzeugen zu lassen, und gab die Gewähr, daß er noch Tausende von Arbeitskräften zu beschäftigen in der Lage ist und dabei einen höheren Lohn zahlen wird, als sonst für irgend eine Heimarbeit gezahlt zu werden pflegt. Eine ständige Arbeiterin wird nach erlangter Fertigkeit, wozu eine 5-6monatliche Uebung gehört, 6—8 Kronen wöchentlich verdienen können. Der Artikel bot auch den großen Vortheil, daß bei ihm Fracht und Zoll für das Rohmaterial, wie für das fertige Product kaum ins Gewicht fallen. Rasch entschlossen sandte der Hilfsvetein im Vorjahre eine Anzahl von Fachlehrerinnen nach Galizien, eröffnete in 14 Orten unentgeltliche Lehrcurse und gab den zahlreich herbeiströmenden Lernenden unentgeltlich Werkzeuge, sowie das zum Lernen nothige Arbeitsmaterial. Das Euratorium der Baron Hirsch-Stiftungsschulen unterstützte den Hilfsverein in sehr wirksamer Weise, indem es ihm in den Orten, wo sich seine Schulen befinden, die zum Unterrichte nöthigen Lokalitäten bereitwilligst zur Verfügung stellte. Dadurch wurden die Leiter dieser Schulen in ebenso erwünschter als natürlicher Weise die Ueberwacher der vom Hilfsverein veranstalteten Lehrcurse. Einige von ihnen bewährten sich als verdienstvolle Förderer der Bestrebungen des Vereines. Mehr als 2000 Mädchen und Frauen hatten im Vorjahre das Haarnetzen erlernt. Allerdings ist in der ersten Epoche nur ein Theil der Schülerinnen bei der Arbeit geblieben, weil sie in Ermanglung der noch fehlenden Fertigkeit nicht sofort den erhofften Arbeitslohn verdienen konnten. Da jedoch fast überall eine wenn auch geringe Anzahl bei der Arbeit geblieben ist, deren Verdienst immer mehr stieg, schlossen sich ihnen die Ausgebliebenen nach und nach wieder an. In Kossow zum Beispiel blieben von Allen, die das Haarnetzen dort erlernt hatten, nur l0 als ständige Arbeiterinnen. Jetzt ist deren Zahl auf 200 angewuchsen und nimmt noch immer zu.