Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 42 (17.10.1902)
- Date
- 1902-10-17
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 42 Dr. Bloch's Wochenschrift« Seite 67selbe nicht die Zuverlässigkeit der westeuropäischen Statistik besitzen, indessen, wenn die alljährlich wiederkehrenden Aufzeichnungen über Ehen, Geburten und Todesfälle im Einklänge mit den Ziffern der Volkszählungen stehen, wird man annehmen dürfen, daß die möglichen Fehler jedenfalls nicht groß genug sind, um das Resultat wesentlich zu alteriren. Wir werden daher die Angaben der rumänischen Statistik ruhig brauchen dürfen, um so mehr als sie die Behauptungen des Mimsterpräsidenten einfach Lügen strafen. Nach einer 1877 vorgenommenen Zählung lebten in den vereinigten Fürstenthümern Moldau und Walachei: 216.304 Juden. Nach der Volkszählung von 1894 waren es: 243.223 Juden. - , , , 1899 , „ 269.015 , Die christliche Bevölkerung hat sich in dieser Zeit vermehrt von 4,582.600 Einwohner auf 5,912 520, also um 1.329.920 Seelen over 29 Percent, die jüdische dagegen um 50.711 Seelen gleich 23 Percent. Wohlgemerkt, diese 22 Jahre enden vor dem Termin, an dem die große Auswanderung beginnt. Es läßt sich nun leicht Nachweisen, daß die natürliche Vermehrung in diesen 22 Jahren weit größer gewesen ist. Die Ziffern sind folgende. Geburten Todesfälle Ueberschuß 1876 7421 3787 1694 1879 8604 4911 3693 1880 8601 4943 3708 1881 9176 4859 4319 1882 9164 3915 3849 1883 8860 5806 3369 1884 9729 4626 5103 1885 9543 5036 4506 1886 9463 8194 4259 1887 9386 6476 3909 1888 9536 6171 3380 1889 9448 6624 3824 1890 9717 5339 4376 1891 9779 3746 4033 1892 10085 5498 4887 1893 10336 5512 4624 1894 10317 5460 4857 1895 10710 6376 5134 168940 97119 72821 Wenn man zu den Ziffern von 1877 den Geburtenüberschuß hinzuaddirt, kommt man auf folgendes Resultat: 218.304 und 72.621—291.126 Juden. Dazu kommen die Ueberschüffe der Jahre 1896—1899, für die die Ziffern fehlen, die aber mindestens auf 20.000 Seelen zu veranschlagen sind, so daß im Jahre 1899 die Zahl der Juden in Rumänien ohne jede Einwanderung mindestens 311.000 Seelen betragen mußte. Sie betrug aber nur 269.000. das heißt, es sind in den 22 Jahren von 1877—99 mindestens 62.000 Juden aus Rumänien mehr ausgewandert als eingewandert. Mit diesem Nachweis wird noch eine andere Behauptung der rumänischen Antisemiten hinfällig, da jetzt auch die Regierungsorgane gegen die amerikanische Note in das Feld ziehen. Diese behaupten nämlich, daß die Auswanderung der Juden nur eine Folge der ökonomischen Krise sei, nicht der Verfolgung, denn solange die Geschäfte in Rumänien gut gingen, seien die Juden nicht emigrirt. Die obigen Ziffern beweisen aber, daß auch in den 20 Jahren nach dem Unabhängigkeitskrieg, als das Land prosperirte, die Juden maffenhaft, 20% der Gesammtzahl, ausgewandert sind, um freiere Länder aufzusuchen. Belief sich somit 1899 die Zahl der Juden in Rumänien auf 262.005 unter 5,912.520, das heißt auf 4*55°/p, so ist jetzt sicher ein starker Rückgang zu verzeichnen, denn die Jahre von 1899 bis jetzt brachten die mächtige Auswanderung, der die ebenfalls im Rückgänge befindliche natürliche Vermehrung nicht entfernt gleichkommen konnte. Wenn man diese mit 10.000 Seelen veranschlagt, so ist dies schon sehr hoch gegriffen, dagegen sind nach dem Bericht des amerikanischen Einwanderungsinspectors bereits vor 1899 bis Ende 1901 etwa 40.000 Juden aus Rumänien emigrirt. und im laufenden Jahre ist auch schon die Ziffer von 10.000 Auswanderern überschritten. So wird man die Zahl der Juden, die in diesem Moment in Rumänien leben, sicher nicht höher als 229.000 Seelen annehmen dürfen. Die Wirkung der Auswanderung zeigt sich sofort in der Statistik des Jahres 1901 auf das Deutlichste. Es wurden geboren im Jahre 1901 8994 Juden, es starben 6477 und der Ueberschuß ergab 3517 Seelen Vermchrung. Damit vergleiche man nun diese Zahlen von 1898, die so viel höher sind — die Geburten find nun 1716, das heißt, um 16'4% zurückgegangen, die Todesfälle dagegen nur um 99, das heißt 2%, der Ueberschuß aber um 1617, gleich 3172%. Es macht sich eben fühlbar, daß die kräftigsten Elemente ausgewandert sind. Auch die Ziffern der einzelnen Monate 1902, die bisher bekannt geworden find, zeigen die gleiche Tendenz. Zu dieser Statistik ist noch eine Bemerkung von großem Jntereffe. Die Juden wohnen vorzugsweise in den Städten nahezu 80%, während nur ca. 20% im Lande, in den Dörfern zerstreut find. Nun hat die städtische Bevölkerung in Rumänien beinahe gar keine natürliche Vermehrung aufzuweisen, und wenn man die Juden abzieht, ist sogar alljährlich eine namhafte Verminderung nachweisbar, die nur durch die Vermehrung der Juden einerseits, durch die Vermehrung der Landbevölkerung andererseits ausgeglichen wird; dabei stimmen alle Kenner der Verhältniffe darin überein, daß die jüdische Bevölkerung in viel größerer Armuth lebt, als die christliche. So ist auch in diesem Falle die Statistik dazu berufen, Vorurtheile gegen die Juden zu widerlegen und antisemitische Behauptungen, die ihren Weg selbst zu unparteiisch Gesinnten gefunden haben, zu entkräften. Vom Gemeindebunde der israelitischen Cuttusgemeinden Böhmens. Der Ausschuß hat in letzter Zeit eine Sitzung abgehalten, in welcher beschlossen wurde, auf den Monat Jänner 1903 den Gemeindetag einzuberufen. Auf die Tagesordnung gelangen außer der Wahl der Functionäre, dem Geschäfts- und Cassaberichte noch folgende Gegenstände von allgemeinem Interesse: Maßregeln gegen den Wanderbettel: Referent Dr. Arnold Rosenbacher. Reorganisation des Religionsunterrichtes: Referent Magistratsrath Dr. August Stein. Besprechung der Mängel des Gesetzes vom 21. März 1900, betreffend die äußeren Rechtsverhältnisse der israelitischen Religionsgesellschaft: Referent Dr. Jofef Schanz er. Berathung über die Altersversorgung der Gemeinde- Angestellten: Referent Dr. Josef P od vinec. Jüdische Wohllhäligkeil gegenüber Nichtjuden. Im Jahre 1885 ist in Wien Herr Med. Dr. David Seegen gestorben und hat testamentarisch verfügt, daß sein ganzes Vermögen, dessen Nutzgenuß er seiner Gattin Frau Julie Seegen vermachte, nach deren Ableben zu einem israelitisch-homöopathischen Kinderspitale in Prag verwendet werden solle, in welches zunächst acht israelitische Kinder, sodann aber auch Kinder ohne Unterschied der Confeffion ausgenommen werden sollen. Frau Julie Seegen ist im Jahre 1897 gestorben, die Verlafsenschaftsabhandlung wurde von der niederösterreichischen Finanzprocuratur besorgt und in der letzten Zeit beendet. Der reine Nachlaß im Betrage von über 570.000 Kronen wurde der böhmischen Slatthalterei übermittelt, welche, obschon der Erblasser nichts über die Person des künftigen Stiftungsverwalters bestimmt hatte, die Prager israelitische Cultusgemeinde-Repräsentanz mit der Verwaltung dieser Stiftung und des zu errichtenden Kinderspitales betraut hat. Interessant ist ferner, daß der Erblasser stricte verboten hat, daß seine Witwe irgendwie bei Verwaltung seines Nachlasses controlirt und von derselben irgend welche Sicherstellung für das ihr zur freien Verfügung überlassene Vermögen verlangt werde, und daß dieses Vermögen sich seit dem Ableben des Erblassers im Jahre 1885 um ungefähr 25 Percent vermehrt hat. So verwalten Juden wohlthätige Institutionen! Der Ritualmord von Szt. Marton-K^ta. Im Laufe des Monates September berichtete wiederholt das „Deutsche Volksblatt* und nach ihm andere antisemitische Blätter über den Fund einer Mädchenleiche in der ungarischen Gemeinde Szt. Marton-Käta. Nach diesem Berichte soll an der Leiche ein tiefer, bis an die Wirbelsäule reichender Halsschnitt bemerkt worden und unter der Leiche ein Rasirmeffer gefunden worden sein. Es ist selbstverständlich, daß die erwähnten Blätter offen oder versteckt auf einen Ritualmord hindeuteten und hiezu den Sachverhalt in unverschämter Weise fälschten. Wir haben in Nr. 38 den Sachverhalt nach einer Darstellung der Staatsanwaltschaft constatirt. Das hat die antisemitischen Preßkulis nicht gehindert, ihr lügnerisches Werk fortzu-