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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-10-17 · 42 (17.10.1902) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
42 (17.10.1902)
Date
1902-10-17
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Sette 678 Dr. Bloch's Wochvnschrifl. Nr. 42 ungleich anständiger benommen haben als die Wiener Antisemitenpresse. Sie haben in der Verhandlung zugestanden, daß sie in wesentlichen Punkten in Jrrthümern befangen waren, für die sie um Entschuldigung bitten. Sie haben in ihren Schlußworten an den Gerichtshof selbst zugelaffen, daß sie gefehlt haben, und ersucht, auf die bewegte Zeit, in der sie die incriminirten Artikel schrieben, Rücksicht zu nehmen, weil man in der Leidenschaft des Kampfes die Worte nicht auf die Wagschale lege. In Wien aber lesen wir wörtlich, daß es »dem Einfluffe des Judenthums gelungen" sei, die Verurtheilung der Journalisten von der „Staatsbürger-Zeitung"herbeizuführen. Die Angeklagten im Konitzer Processe leisten ausdrücklich Ahbitte dafür, daß sie die Unparteilichkeit und Pflichttreue der Gerichtsbeamten in Zweifel gezogen haben, die Gesellen vom »Deutschen Volksblatt" erfrechen sich, den Richtern in Berlin zu insinuiren, daß sie nicht nach Recht und Gew-ssrn, sondern aus Parteilichkeit für die Juden und unter deren Einflüsse das Urtheil geschöpft haben. Vergani ist freilich allen Richtern gram, den Geschwornen sowohl, die »zufällig" seine Defraudationen als bewiesen erklärten, als auch den gelehrten Richtern, deren höchste Instanz ihm die Qualification als Defraudant bescheinigt hat. Allein die preußischen Richter haben ihm nichts gethan, und das Verganiblatt darf es nur deshalb wagen, den Berliner Richtern eine solche Beleidigung zuzusügen, weil es ähnliche Infamien jahraus jahrein ungezüchtigt verüben darf. * ->- * In die Freude der Antisemiten über die Millionendefraudation des Jellinek ist ein bitterer Wermuthstropfen gefallen. Der Jellinek hat bekanntlich nur deshalb defraudirt, weil er ein Jude ist, die Raceneigenthümlichkeiten hätten ihn zum Defraudanten gemacht, ihre Habgier, ihre Genußsucht, ihr glühender Wunsch, mühelos reich zu werden. Alle diese schönen Dinge findet man, so erzählen die Antisemitenblätter ihren Lesern, nur bei den Juden. Bei einem Arier gibts das nicht. Die Adele Spitzeder war ganz gewiß eine verkappte Jüdin, der I. B. Placht in seiner Jugend wahrscheinlich Schulklopfer in Groß-Meseritsch, die Madame Humbert die Tochter eines Tempeldieners in Mattersdorf oder Bösing. Der »jüdische" Defraudant Jellinek wurde sogar schon für die Landtagswahlen fructificirt. Rascher als sie es ahnen konnten, hat die Antisemiten auch in dieser Lügencampagne die Blamage ereilt. Schon wieder hat ein Spitzvube ein paar Millionen defraudnt. noch dazu nicht einem großen reichen Institute, sondern einer kleinen Sparbank, der eine Masse kleiner armer Leute ihre Ersparnisse anvertraut hatten. Mühelos reich werden wollen nur die Juden, darum spielte der päpstliche Kämmerer an der Börse; üppig leben wollen sie, darum lebte der fürsterzbischöfliche Notar in diilee jubilo. Wollüstig veranlagt sind sie, darum hielt sich der Rctter des päpstlichen Ehrenkreuzes eine hübsche Wirthschafterin, der er aus dem gestohlenen Gelde große Summen schenkte. Wie schön wäre es gewesen, dem Herrn Drozd ein Ausrufungszeichen (!) anzuhängen. Aber leider, er ist Monsignore, päpstlicher Kämmerer, fürsterzbischöflicher Notar, Vorstandsmitglied der St. Michaelsbruderschaft, päpstlicher Kammerherr, clerical und christlich-social. Den in die Kategorie der »jüdischen" Defraudanten einreihen, das war beim besten Willen nicht möglich. Wenn er wenigstens einen geeigneteren Namen hätte — da käme man vielleicht mit einem Fragezeichen weg, man könnte vermuthen lassen, daß er Judenstämmling sei. Wie aber der Fall liegt, ist es rein zum Verzweifeln, und mit den Jellinek-Witzen auf Kosten der Juden ist's nunmehr wohl vorbei, denn die Erinnerung an den Monsignore Drozd regt zu unliebsamen Vergleichen und Erinnerungen an. Zu allem Ueberfluß wird noch der Cassier eines christlich socialen Musterinstituts wegen Defraudation verhaftet, nämlich der Cassier der niederösterreichischen Landes-Versicherungsanstalt. Das ist eine christlich-sociale Schöpfung, und da unsere strammen Antisemiten bei allen auf Kosten der Steuerträger errichteten Instituten nur Gesinnungsgenossen anstellen, so begrüßen wir in dem verhafteten Cassier der Innsbrucker Filiale einen treuen Gesinnungsgenossen des Ernst Schneider und des Gregorig. * * * Schmerzliche Erlebnisse sind in diesen Tagen unseren Antisemiten überhaupt beschieden. Daß sie in St. Pölten, wo der große Bürgermeister von Wien über die Böschung eines Eisenbahndammes die Flucht zur Rückkehr ergreifen mußte, jämmerlich abgeblitzt sind, ist noch lange nicht so kränkend, wie daß ein veritabler Bischof einen jüdischen Oberrabbiner geküßt hat. Das ereignete sich Hodmezö-Basärhelh zwischen dem Bischof Bartholomäus K u n und dem Oberrabbiner Dr. L ö w. Also »wieder ein judenfreuadlicher Bischof", und wahrhaft herzbewegend ruft das Verganiblatt aus: »Was soll man zu einem solchen Oberhirten sagen?" Es scheint fast, als ob die Würdenträger der katholischen Kirche es darauf abgesehen haben, Vergani zu kränken. Da ist dem Vergani der Monsignore Drozd sympathischer; der hat wenigstens seine Wirthschafterin geküßt. Aber einen Oberrabbiner küssen? Lieber defraudiren! I s 6 A r i va. Graf Julius Andrassy und Prinz Liechtenstein. Der ehemalige Minister am königlichen Hoflager, Graf Julius Andrassy, benützte die Muße seit dem Rücktritte vom Amte zu einer Arbeit über den staatsrechtlichen Ausgleich vom Jahre 1867, die in der Gestalt eines nahezu 500 Seiten umfassenden Werkes im Verlage der Franklin-Gesellschaft erschienen ist. Aus diesem Buche hat die »Neue Freie Presse", October 1896, (»im Economisten") einige interessante Auszüge gebracht, welche das Judenthum näher angehen. Graf Andrassy gedachte in diesem Zusammenhänge auch der moralischen Erscheinungen in beiden Staaten der Monarchie, um die es in ihren extremen Kundgebungen besser bestellt sein sollte. Das gab ihm auch Gelegenheit, sich über die augenblicklichen Verhältnisse in Wien in folgender Weise zu äußern: »In der jüngsten Zeit sind inder StadtWien tiefbetrübende und hauptsächlich vom österreichischen Gesichtspunkte bedauerliche, weil erniedrigende Erscheinungen zu beobachten. Die friedliebende, sympathische und wackere Bürgerschaft dieser Stadt ist in ihrer Mehrheit ein blindes Werkzeug der widerwärtigen Leidenschaft des Hasses geworden. Das wohlgelaunte, humane, gebildete Wien wurde durch den Neid in Fieber versetzt. »Nieder mit den Juden!", »Nieder mit den Magyaren!", so lauten die Schlagworte seiner Mehrheit. Lueger, der ewig schimpfende Volkstribun, konnte Bürgermeister werden. Diese unbegreiflichen Erscheinungen deuten, wie ich hoffe, nur auf eine nicht lange währende Krankheit, deren Andenken selbst dem österreichischen Volke verdrießlich sein wird, und ich zweifle nicht daran, daß auch der irregeführte Theil alsbald auf die Bahn der Civilisation zurückkehren werde, auf der man diese Empfindungen der Vergeltung nie als berechtigt anerkennen darf, auf der man die Beschimpfung und das Fluchen eines ernsten Politikers nicht würdig hält, wie denn überhaupt derartige Ausbrüche nicht so sehr Demjenigen schaden, gegen den sie gerichtet waren, sondern denjenigen seiner selbst vergessenen Theil treffen, von dem sie ausgegangen sind. Ich will diese bedauerliche Verirrung dem Wiener Volke in seiner Gänze nicht aufs Kerbholz schneiden, wie man denn auch bei uns diese Ausbrüche im Allgemeinen mit Ruhe und Würde beurtheilt und es Niemandem beifällt, dieselben in gleicher Form zu erwidern. Diese Schmach werden wir auf den ungarischen Namennichtladen". Darnach ist die Zuverlässigkeit der Mittheilung des Prinzen Liechtenstein über die angebliche Aeußerung des Grafen Julius Andrassy über den Proceß von Tisza-Ezlar zu taxiren. Statistik der rumänischen Juden. W. B a m b u s. Die amerikanische Note an die Signatarmächte des Berliner Vertrages in Rumänien spricht von 400.000 Juden in Rumänien, und mancher Leser der jüdischen Zeitungen wird erstaunt gefragt haben, wo denn diese große Zahl herkomme, da man bisher immer nur von einer Viertelmillion gesprochen hat. Nun ist aber diese große Ziffer nur eine Erfindung des jetzigen Ministerpräsidenten in Rumänien, des Herrn Sturdza, der die ihm wohlbekannte Ziffer der rumänischen Juden einfach nach oben abgerundet hat, um die Frage der Gleichberechtigung in etwas anderem Lichte erscheinen zu lassen. Dieselbe Abrundung nach oben soll ihm zugleich noch zu zwei anderen Behauptungen den Beweis liefern. Erstens sollen die Juden angeblich massenhaft in das Königreich der Donau strömen und durch diesen Zuzug widerlegen, daß es den Israeliten dort so schlecht geht, andererseits würde dieser Zuzug, wenn er nicht wirklich vorhanden wäre, die Theorie, daß die Juden Fremde in Rumänien sind, wenigstens bis zu einem gewissen Grade beweisen. Dem gegenüber erscheint es geboten, die rumänische amtliche Statistik heranzuziehen. Sicher wird die-

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