Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 41 (10.10.1902)
- Date
- 1902-10-10
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 672 Di Bloch's Wochrnschrifk. Nr. 41 einst besiere Tage gekannt hatte. In ihrem Herzen, in diesem g'demüthigten, mißhandelten Herzen mußte sich viel Zorn und Empörung angehäuft haben. Den Blick ängstlich aus die Thür gerichtet, erzählte sie dem Alten rasch und mit gedämpfter Stimme die Geschichte ihres ganzen Lebens. »Glaubt ihm nicht, Großväterchen, was er von seiner Rechtschaffenheit erzählt. Ein Räuber war er, ein wirklicher Räuber. Und womit er mich geködert hat, — es ist mir selber unbegreiflich; — nicht schön war er, nicht reich, noch klug . . . Ein Zaunpfahl, ein Narr! Und doch heiratete ich ihn. Aus erster Ehe hatte ich eine erwachsene Tochter. Saschenka ist mein größter Kummer. Wer weiß, was jetzt mit meinem Herzblatt vorgeht? So gut war sie, wenn du sie gesehen hättest, so sanft, io zart, eine echte Dame. . . . Und wirst du es glauben? auch sie hat er behext. . . . Wollte sie zur Sünde verführen ... und schämte sich besten nicht mal vor mir!" »Und warum verläßt du ihn nicht? Einen solchen Barbaren!" »Ich war ja nicht frei. War ebenfalls, als ich herkam, aller Rechte verlustig erklärt. Er hat auch mich in diese Angelegenheit verwickelt. . . Weil ich ihn nicht verrieth und die Sachen in Verwahrung nahm, wurde ich vernrtheilt. Jetzt, heißt «s, soll das Manifest auf mich Anwendung finden. Aber welche, kann ich nicht in Erfahrung bringen. Er weiß es, will es mir aber nicht sagen, und läßt mich bei Niemand Erkundigungen einziehen." »So hält er dich also mit Gewalt?" »Mit Drohungen, Großväterchen. ... Ich wünschte so, mir bet guten Leuten Rath zu holen, auf welche Weise ich früher von hier fortkönnte, aber es ist unmöglich: nicht einen Augenblick läßt er mich allein. Und weißt du was noch? er will, daß ich Saschenka herbeiziehe." Plötzlich jedoch biß sich die Erzählerin in die Zunge. In der Thür stand ihr Gatte, und musterte Nikolajew, der mit gerötheten Wangen und sichtlich angeregt neben ihr saß, mit mißtrauischem Blick. »Ich bitte Großväterchen soeben, daß er ein Brieschen an unsere Saschenka aufschreibt," erklärte sie, zu einem freundlichen Lächeln sich zwingend. Perminow's Gesichtszüge nahmen sofort ihren gewöhnlichen, feierlichen Ausdruck an, und er ersuchte Nikolajew, den Brief doch sobald als möglich aufzusetzen. Der Alte ließ sich nicht erst lange bitten, und nachdem er sich ein Blatt Papier, Tmte und Feder geholt, und eine große, altmodische Brille in Schildplatteinfaffung aus die Nase gesetzt hatte, ging er sofort an's Werk. Vorerst kamen die üblichen Grüße an Verwandle und Bekannte, dann das gleichfalls übliche: »Ich schicke dir, meine liebe Tochter Saschenka, meinen mütterlichen Segen, der euch bis zum Grabe Gutes bringen wird." Darauf folgte eine lebhafte Schilderung des Schönen, und aller Bequemlichkeit, welche das Leben in dieser Gegend bietet, und schließlich der Rath, Saschenka solle ihre undankbare Familie verlassen und zu ihren lieben Eltern kommen, um zusammen mit ihnen ein neues, glückliches Dasein zu führen. Die alte Frau vergoß während des Schreibens heiße Thränen, doch getraute sie sich auch nicht mit einem Worte gegen das, was der Mann dictirte, Einspruch zu erheben. Der Blick seiner grünlichen Augen schien jeden Gedanken in ihr einzuschläfern, jede eigene Willensäußerung zu unterdrücken. Und nicht einen Augenblick zweifelte Nikolajew daran, daß ihre Träume vom Abschütteln seiner Herrschaft immer nur leere, unerfüllbare Träume bleiben würden. . . . (Fortsetzung folgt.) Literatur. Guttmann, Dr. I., Die Scholastik des dreizehnten Jahrhunderts in ihren Beziehungen zum Judenthum und zur jüdischen Literatur. Breslau 1902. VIll. und 188 Seiten. Dr. I. Guttmann, Rabbiner der Synagogen-Gemeinde zu Breslau, bezeichnet im Vorworte die Geschichte der jüdischen Religionsphilosophie als sein specielles Forschungsgebiet. In der That hatte der Verfasser mit großer Meisterschaft bereits früher die Religionsphilosophie von Abraham ibn D a u d, von Saadja, von Salomo ibn G a b i r o l und von Bachja ibn P a k o d a behandelt, ein weites und schwieriges Gebiet, auf dem sich außer ihm in nennenswerther Weise nur noch die bereits Heimgegangenen Forscher Dr. Joel in Breslau und Prof. D. Kaufmann in Budapest, ferner der uns noch erhalten gebliebene Doctor Schmied! in Wien bethätigt haben. Wie es Dr. Guttmann für gut fand, sein specielles Forschungsgebiet ausdrücklich zu nennen, so findet es auch Schreiber dieses für gut, ausdrücklich zu erklären, daß die Religionsphilosophie nicht sein specielles Forschungsgebiet ist, daß ich Dr. Guttmann zwar mit Verständnlß folgen, seine Behauptungen jedoch nicht nachprüfen konnte. Von der Behandlung der jüdischen Religionsphilosophen wurde Dr. Guttmann naturgemäß zu den gleichzeitigen ch r i st l i ch e n Religionsphilosophen hinübergeleitet, und er hatte schon 1891 an Thomas von Aquino, dem maßgebenden Philosophen der Kirche, gezeigt, wie mächtig die jüdische Philosophie auf die christliche eingewirkt hat. Darum fehlt Thomas, der ebenfalls im 13. Jahrhundert lebte, in diesem neuesten Werke Guttmann's; wir erhalten hier vielmehr die Prüfung des Verhältnisses anderer Scholastiker des 13. Jahrhunderts zu den jüdischen Philosophen des 10., 11. und 12. Jahrhunderts. Obgleich es eigentlich uur drei jüdische Philosophen sind, die den Christen als Autoritäten gelten, nämlich Isaak Israeli, Gabirol und Maimonides, so gibt uns der Verfasser dennoch in der Einleitung eine dankenswerthe Uebersicht über die ganze jüdische Philosophie von Saadja angefangen bis Maimonides, um dann zu den einzelnen Scholastikern überzugehen. Hier möchte ich eine Bemerkung einflechten. Nach der Oeconomie des Werkes deckt uns der gelehrte Verfasser den Einfluß der jüdischen Philosophie nicht im S Y st e m der Scholastik auf, sondern an der Vorführung der einzelnen Scholastiker; da wäre es doch wohl passender gewesen, das Werk »Die Scholastiker des dreizehnten Jahrhunderts" zu benennen. Freilich wären dann außer Wilhelm von Auvergne, Alexander von Hales, Albertus Magnus (der besonders eingehend behandelt wird), Viucenz von Beauvais, Bonaventura, Roger Bacon und Raymundus Lullus (diese drei bilden e i n Capitel) und Johannes Duns Scotus auch noch andere Scholastiker des 13. Jahrhunderts zu behandeln gewesen, aber das gerade hätten wir gewünscht, denn es verlohnt sich auch bei den kleineren Autoritäten zu constatiren, ob sie unter jüdischem Einfluß stehen oder nicht, ob sie in ihren Schriften ausdrücklich auf jüdische Autoren Bezug nehmen oder nicht? Der deutsche Mystiker Meister E ck h a r t, gewiffermaßen ein Landsmann und Gesinnungsgenosse. des Eleazar aus Worms (Rokeach), Heinrich von Gent (Gandavensis) und Andere hätten diesbezüglich eine Prüfung verdient. Allerdings ist das leichter gesagt als gethan; die Folio-Bände der Scholastiker bilden keine angenehme Lecture und wir müssen Demjenigen Dank wissen, der sie speciell zu jüdischen Zwecken durchmusterte; ich will also blos angedeutet haben, daß das Forschungsgebiet noch nicht durchstreift worden ist. Dr. Guttmann's Arbeit erinnert mich lebhaft an meine eigene Bearbeitung der Kirchenväter — die Scholastiker gehören ja in Migne's Ausgabe zu den Patres — da gab's riesige Bände durchzustöbern, und das Wenige, danach man Begehren hat, muß aus einem großen Wulst trockenen Zeugs hervorgeholt werden; man läßt bei dieser Arbeit die nünores Zentrum gern beiseite. Wir möchten nun den verdienten Autor daran gemahnen, daß er nicht den Schluß gemacht, wie er behauptet, sondern sozusagen in der Mitte abgebrochen hat; buchstäblich in der Mitte, denn außer den oben bezeichneten Autoren behandelt er noch in einem Anhänge aus der Zeit der Renaissance Nicolaus von Cusa, Jacobus Faber, Stapulensis, Bonet de Lattes, Carolus Bovillus; wo bleibt das übrige 14. Jahrhundert, Wilhelm von Occam rc.? »Hat einer eine rrma angefangen — so sagen unsere Weisen — sagt man ihm: Mach's fertig!" Außer in der Aufzeigung von philosophischen Berührungen mit den Juden resultirt aus G u t t m a n n's Schrift so mancher Gewinn auch für die juristische Geschichte. Wir erfahren, daß Alexander von Hales darüber abhandelt, ob Gut und Habe der Juden dem Staate gehöre, wir hören Ansichten über jüdische Bücher gerade zur Zeit der Talmudverbrennung, wir werden auch darüber belehrt, wie es diese Denker mit der gewaltsamen Kindertaufe hielten. Albertus Magnus scheint auch im Talmud bewandert zu sein. Besonders aber ist die Abhandlung über Bonet de Lattes, der als Jude Arzt des Papstes war, von eminent historischem Interesse. An ganz geringfügigen Einzelheiten gestatte ich mir Folgendes zu bemerken. S. 49 ist der „Rabbi Nasse", der den Talmud verfaßte, wohl R. Juda ha - Nassi, der die Mischna