Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 41 (10.10.1902)
- Date
- 1902-10-10
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Str. 41 Seite 671 Dr. Blorh's Wochenschrift. Schluß der Festpredigt einer andächtigen Gemeinde wiederholt wurde: »Solachti — ich habe verziehen!" — Wenn die Vorbereitungen zu diesem ernsten Tage schon lange vorher uns in eine weihevolle Stimmung versetzen, wenn wir mit fast angehaltenem Athem andachtsvoll unser Haupt neigten, um vor dem Gottesdienste noch den Segen der Eltern zu empfangen, wenn wir mit heiliger Scheu in das Gotteshaus traten, dann löste sich erst das beklemmende Gefühl in dem Momente, wo von gottbegeisterten Lippen wie Sphärenharmvnie der Ruf der Verzeihung »Solachti" uns entgegentönte. Der Druck und die Schwere löste sich und mit dem Frohmuth des Ueberwinders nahmen wir die Lasten, die der Tag nach Außen hin brachte, freudig entgegen, in froher Hoffnung aus den Augenblick harrend, der uns nach vollendetem Feste wieder zusammenführte. Mächtig und ergreifend tönt wohl dieser Versöhnungsrus an jedes Ohr und an jedes Herz. Doch erst, wenn wir den Ernst des Lebens kennen lernen und mitten im Kampfe stehen, verantwortlich für uns selbst und für Andere, wenn wir da Haß ernten, wo wir Liebe gesäet, und dort Hohn und Verachtung, wo wir Anerkennung und Dankbarkeit suchten — wenn unser heißes Bemühen für Andere fruchtlos geblieben, wenn wir mit lauterem Sinn die Wahrheit geredet und man uns der Lüge gezeiht — wenn wir unser ganzes Herz hingegeben, um es von anderen getreten und es achtlos verworfen zu sehen — dann quillt ein heißes, bitteres Empfinden in uns empor, und wir verschließen unser todtwundes, verhärtetes Herz dem Zauberruf der Vergebung: wir können nicht verzeihen! Und all' die Schwere des Erlittenen senkt sich mit voller Macht auf unser Denken und Empfinden und umdüstert den Horizont unseres Seins. Unser Blick nach der Höhe ist verengt und verdunkelt! Wir tragen mit unserer Lebenslast noch eine andere mit uns — eine schwerere! Warum ist Vergeben so schwer? Und Gott vergibt an jedem Tage, zu jeder Stunde-! Und alljährlich erklingt sein Versöhnungsruf, verheißend und tröstend von Neuem, in nie endender Güte und Milde! Wir nehmen ihn hin zuerst, wie wir das Sonnenlicht des Morgens hinnehmen, und die erquickende Abendkühle und den Sternengruß zur Nacht, so wie die Naturereignisse uns als etwas Selbstverständliches erscheinen, so erscheint uns auch dieser Ausfluß göttlicher Güte natürlich. Gott vergibt Tausenden und Millionen seit unendlicher Zeit, seine Allmacht und Güte wechselt nicht in dem Irren und Wirren der Tage und Jahre! Welche Wandlungen und Phasen wir durchmachen in unserem Seelenleben, er bleibt der Anker in der uns umtosenden Lebensfluth. Er verzeiht, wir bauen aus seine Liebe, auf seine Geduld und auf seine Langmuth! Aber verzeihen auch wir? Tritt ein solcher Moment an uns heran, so schrecken wir vor der Größe und Schwere dieser Lebenspflicht zurück. Wir ringen unsere Seele wund, unser Stolz bäumt sich, unser Gerechtigkeitssinn sträubt sich — wir versuchen, wir wollen — aber im letzten Augenblick überwältigt uns die Ohnmacht, wir stehen solchen Opfern zu klein gegenüber. Gott vergibt zu jeder Zeit und Stunde! Nicht an einem bestimmten Tage. Doch in seiner Allweisheit gab er uns diesen Tag, damit wir unsere Herzen zum Verzeihen, zur Versöhnung erziehen sollen! Seine unendliche Liebe will an diesem Tage den Funken und die Flamme in unserem Herzen zünden und uns dadurch reicher, größer und glücklicher machen. Wir sollen heranreifen von Jahr zu Jahr, dem hohen Ziel entgegen — zu verzeihen und zu vergeflen! Wir sollen unser Herz läutern von all' den bitteren und niedrigen Empfindungen, die sich in dem rauhen Kampf des Lebens einnisten und am Abend des bedeutungsvollen Tages dem Feinde die Bruderhand reichen und zur Einsicht kommen, daß auch wir, wissentlich oder unwissentlich, in unserer Kurzsichtigkeit oft auch an Anderen sündigen, daß man auch uns zu verzeihen hat. Je leichter wir verzeihen können, desto seltener werden wir im Leben gekränkt werden, denn unsere Anschauung über Welt und Menschen wird eine reinere, höhere, idealere sein. Wir werden nicht den Trost, die Freude und die Anerkennung unter uns suchen im Leben, sondern in dem Aufblick nach Oben und in der tiefen Verinnerlichung unseres Selbst! Die ewigen Schönheiten, die ewigen Wahrheiten, die uns der Schöpfer zu jeder Stunde zeigt und darthut — wir werden sie mit dankbarem Berständniß entgegennehmen und sie mit jedem Male neu genießen und uns ihrer erfreuen. Unser Herz wird sich weiten und mit der göttlichen Liebe wird das göttliche Erbarmen in uns einziehen, und wie uns in frühester Jugend milde Hände gestreichelt, treue Lippen uns kosend berührt und liebverklärte Augen unseren Schritten gefolgt und uns Glück und Sonnenschein auf unseren Weg gezaubert, unseren wilden, trotzigen Kindersinn gezähmt, so werden wir jene zu uns emporziehen, die mit niedrigen Gedanken sich uns genaht und sie mit unserer Liebe heiligen, die wie ein unerschöpflicher Quell unserem Herzen entströmen wird. Ob wir in schlichter Enge unseren Lebensweg gehen, ob wir dem Hochflug der edelsten und größten Geister folgen können, unser Dasein wird nicht spurlos vorübergehen. Wir werden den Stempel der Gottähnlichkeit in uns tragen, wenn wir in seinem Sinne verzeihen und vergessen können! So möge der Versöhnungsruf hinaus in die Welt klingen und den Bann lösen, der sich in der Sturmfluth des Lebens um unsere Herzen gelegt, daß aller Haß und alle Zwietracht schwinden und wir unserem ewigen Vater gleich rmt ganzer Inbrunst und Freude unser dankbares Empfinden zusammenfaffen in die unvergeßliche Sphärenharmonie des uralten »Solachti — ich habe verziehen!". Kilder aus Sibirien. Novelle von L. Melfchin. Uebersetzt aus dem Russischen von Malwina Blumberg. (Fortsetzung.) Jeder hat seine Angelegenheiten und seine Sorgen. Die versteckteste, sonderbarste Lebensweise führten die Perminow'schen Eheleute. Dieselben waren sichtlich aufgeregt und stritten miteinander, obgleich mit unterdrückter Stimme, damit kein Laut zu den Gefährten dringe. In leisem Flüstertöne machte der Mann seiner Frau heftige Vorwürfe. Endlich brach Letztere, da sie die bösen Worte nicht länger ertragen konnte, in lautes Weinen aus. »Immer ist es so, immer.... Was habe ich Schlechtes gethan? Warum soll man, wenn man einem Bekannten begegnet, nicht ein bischen mit ihm plaudern, ihm nicht ein Glas Thee anbieten dürfen? Auch du hast Bekannte getroffen, hast die ganze Zeit über dich mit ihnen unterhalten und ich habe nichts dazu gesagt. .. ." Weinend erhob sie die Stimme, so daß sie die Aufmerksamkeit Aller auf sich zog. »Still!" flüsterte .der Mann, der, vor unterdrückter Wuth bebend, sie mit den Augen verschlingen zu wollen schien. Diese Familienscene entging der Aufmerksamkeit Kitajew's nicht. »Schaut nur, Kinder," rief er vom entgegengesetzten Ende des Zimmers, »Perminow, scheint es, ist schon wieder eifersüchtig auf seine Frau. Wehe dem armen Weibe! Des Nacht legt er, damit Niemand sich heranschleiche, alle möglichen Säcke um sie herum, und am Tage läßt er sie nicht einen Augenblick aus den Augen. I, Tante! So spuck' doch auf die alte Meerrettigstange! Fehlt es hier etwa an jüngeren Männern! Wenn du z. B. mich wählen möchtest.. .." »Natürlich ist er eifersüchtig," klagte die verzweifelte Frau. »Das Leben wird Einem zur Last. Und wenn er sich wenigstens vor den Leuten schämen möchte! Wer wird mich jetzt noch anschauen wollen! Zähl' ich doch das zweiundfünfzigste Jahr. . »Warte nur, warte," brüllte der Mann voller Wuth. »wenn ich ansangen werde, dich zu hauen, und wieder zu hauen, wirst du schon wissen, wie eine ehrbare Frau sich aufführen soll." »Und ist meine Aufführung etwa schlecht?" »Mit jedem Vorübergehenden liebäugelst du." z.»Jch thäte das?" Wann hast du es gesehen?" j Warte nur, ich werde dich lehren!" v Und unmittelbar nach diesen Worten versetzte er ihr eine weithin schallende Ohrfeige. Die Frau brach in krampfhaftes Schluchzen aus, und die ganze Kammer protestirte wie ein Mann gegen diese Brutalität; (im Grunde genommen, geschah dies nur, weil sie Alle Perminow haßten.) Kitajew hielt eine flammende Rede zur Ehre der Humanität im Allgemeinen und der weiblichen Schwäche insbesondere, und um ein Haar wäre es zwischen ihm und Perminow zu einer Schlägerei gekommen. Doch flüchtete Letzterer rechtzeitig in den Nebenraum. Lange noch saß die arme Frau weinend auf der Pritsche. Mit freundlichen Fragen trat Nikolajew auf sie zu. Trotz der zweiundfünfzig Jahre, die sie soeben eingestanden, war ihr Gesicht noch jung und angenehm. Es war augenscheinlich, daß sie