Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 41 (10.10.1902)
- Date
- 1902-10-10
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 668 Dr. Bloch's Wochrnfchrrfk. Nr. 41 jüdische Dame, welche in der Verwaltung des Krankenhauses thätig war, auszuscheiden und mit einem befreundeten Herrn das Institut der jüdischen Schwestern zu begründen. Diese haben sich so gut bewährt, daß selbst die Erwartungen der Begründer übertroffen wurden. Bei dieser Gelegenheit möchte ich auf eine ebenfalls mehrfach in Ihrem Blatt gegebene Anregung zurückkommen, daß jüdische Familien mehr als bisher üblich dazu übergehen sollen, jüdische Dienstboten cinzustellen. Die vielen Unannehmlichkeiten, welche jüdische Dienstherrschaften durch abergläubische christliche Dienstmädchen hatten, wären ein genügender Grund, abgesehen davon, daß damit Gelegenheit gegeben ist, der hungernden galizischen Bevölkerung Arbeitsgelegenheit zu schaffen. Es wäre dies sehr wesentlich eine Aufgabe des galizischen HilsscomitSs. Soweit ich hörte, hat dieses Bedenken getragen, die Angelegenheit in die Hand zu nehmen, weil es der Meinung ist, daß die jüdischen Mädchen aus Galizien sich zu Dienstboten nicht eignen. Die Erfahrungen mit den jüdischen Schwestern sollten einen Anhaltspunkt geben, daß man über solche Fragen nicht mit Borurtheil, sondern nur aus längerer Erfahrung urtheilen kann und daß es voraussichtlich bei gutem Willen und der nöthigen Energie gelingen muß, einer Anzahl jüdischer Mädchen eine Brotstelle auf diese Weise zu verschaffen. Das Muster eines Seelsorgers. Der »Allgemeinen Zeitung des Judenthums" wird von einem Bonner Freunde folgendes ergreifendes Bild von dem Leben und Wirken des verstorbenen Rabbiners Dr. I s a a c R ü l f, dessen Leichenbegängniß am 22. September unter lebhafter Betheiligung stattfand, zugesendet: Der verstorbene I. Rülf gehörte zu den Männern, die mehr waren, als sie schienen. Gerade Dr. Rülf ist ein Beweis dafür, daß die freisinnige Richtung des Judenthums, die er uneingeschränkt vertrat, auch die Bedürfnisse der Juden an der Ostgrenze verstehen und ihnen entgegenkommen kann. Ich hatte Gelegenheit, das Tagewerk dieses Rabbiners der kleinen deutschen Gemeinde Memel zu beobachten. Das Gehalt war namentlich Anfangs sehr klein, und Rülf verdiente einen großen Theil des Lebensunterhaltes dadurch, daß er die einzige größere (liberale) Zeitung der Stadt, das »Memeler Dampfboot", rcdigirte. Für die zahlreiche, namentlich im Sommer wegen des iifeolfr und Getreidehandels fluctuirende russisch-jüdische Bevölkerung in Memel hatte Rülf eine eigene Schule im Krankenhaus und ein Beüi ha midrasch erbaut, in dem er am Freitag Abend selbst vorbetete. Da zu Rülf zahlreiche arme russische Juden, aber auch Zionisten und jüdische Gelehrte, um seinen Rath zu erbitten, kamen, um ihn kennen zu lernen u. s. w., so ist es wirklich wunderbar, daß dieser Mann noch Zeit gefunden hat, tiefdurchdachte philosophische Werke (»Der Einheitsgedouke", »Weltgedanke und Gedankenwelt", eine von den Fachgelehrten anerkannte Metaphysik zu schreiben. Das Größte aber leistete Rülf im Nothstandsjahre 1867, als eine Hungersnoth in Ostpreußen und an der russischen Grenze herrschte. Um den Nachwirkungen dieses für jene Gegenden schrecklichen Jahres zu begegnen, erließ Dr. Rülf 1868 einen Aufruf, der über eine halbe Million Mark für die Bedrängten zusammenbrachte und Positive Organisationen ins Leben rufen half, um für »Jüdisch-Rußland" (vergl. Dr. Rülf, Drei Tage in Jüd.-Rußland) eine bessere Ausbildung, namentlich der Jugend, anzubahnen. Dr. Rülf hatte sich damals, als es galt, die Noth zu studieren und einzudämmen, so aufgerieben, daß er schwer erkrankte. Aber es war ihm in Memel und in Bonn noch ein glücklicher Lebensabend beschieden, und er konnte als Emeritus in Bonn einige Jahre ganz seinen philosophischen Studien leben. Seine Neigung zur Systematik führte ihn auch zum Zionismus, den er offen und freimüthig aus der Rabbinerversammlung des oft- und westpreußischen Rabbinerverbandes in Thorn bekannte, als das Schlagwort und die Partei noch gar nicht existirten. Er sagte in seinem Vortrag, wie einst die drei Parteien der Pharisäer, Sadduzäer und Effäer sich um die Lehre der Unsterblichkeit und ihre verschiedene Auffaffung gruppirt hätten, so sei heute die Lehre und Offenbarung der strittige Punkt. Ihm (Rülf) sei die »Halacha" der durch die Länder wandelnde Jude, in dem Volke der Juden sehe er die Offenbarung. Als er dann diesen einzelnen Juden typisch schilderte als mit Elend und Lumpen bedeckt, brach Rülf in Thränen aus. Seine Theorie wurde sofort vom Vorsitzenden desavouirt, was Rülf nicht anfocht, und als er Morgens 6 Uhr, ohne von jemanden weiter Abschied zu nehmen, abfuhr, händigte er mir das Manuskript seines Vortrages ein, denn er war von der Bedeutung seiner Auffassung, die er später im »Aruchas bas ammi* weiter ausführte, tief durchdrungen. Wenn seine philosophischen Theorien vielleicht längst vergessen sind, wird im dankbaren Herzen der östlichen Juden Rülf's Gedächtniß noch fortleben. In diesem Wirken war er vorbildlich, so.daß ein so tüchtiger Organisator wie Justizrath Makower selbst nach Memel fuhr, um Rülf's Werk aus eigener Anschauung kennen zu lernen. Diese Arbeit dort war wahrlich nicht leicht. — Rülf hatte sich vom hessischen rationalistischen deutschen Prediger — er hatte in Marburg vor der damals noch bestehenden Universitätscommission sein Rabbinatsexamen gemacht — zum östlichen jüdischen »Maggid" umgewandelt. Dabei hat er stets doch auch in den Bildungscentren Eindruck als Redner gemacht. Als am 11. October 1869 Berthold Auerbach hier in Berlin anläßlich der Anwesenheit Crömieux's an der Bildung des westrussischen Hilfscomitss mitwirkte, dessen Seele Rülf war. berichtet er in einem Brief an seinen Vetter Jacob (s. Briefwechsel, Band I. S. 406): »Ergreifend sprach Albert Cohn, mit warmen Herzton; er reiste aus der Sitzung ab nach Jerusalem. Dr. Rülf u. A. gaben Schilderungen vom Leben der westrussischen Juden." — Es waren viele tüchtige Redner da, so auch der um das Hilfswerk sehr verdiente Dr. Bamberger-Königsberg. Dem Dichter Berthold Auerbach ging Rülf's Rede nahe, denn ein Dichter, ein warmherziger, für alles Edle begeisterter universeller Mensch war auch Rülf. Tausende von unglücklichen Menschen verdanken ihm eine Existenz. Zum Schluffe sei noch erwähnt, daß der nervenschwache, aber muthige Mann mehrfach in Ausweisungsangelegenheiten seinerzeit an Bismarck, Puttkamer telegraphirt uno auch Erfolge erzielt hat. Manau über Zola und die Dreysus-Affaire. Paris. Der ehemalige General-Procurator Manau, welcher in seiner amtlichen Eigenschaft das Schwurgerichtsurtheil gegen Zola vom Cassationshof aufheben ließ und dessen letzte Amtspflicht die Anordnung der Revision des Dreyfus-Proceffes ist, schreibt in einem Briefe an eine normannische Zeitung: Trauer erfüllt meine Seele. Ich vermische meine Thränen mit den Thränen Frankreichs und der ganzen Welt, aber ich kann meine Entrüstung, meinen heiligen Zorn nicht meistern gegenüber dem herzbrechenden Schauspiele. welches Leute bieten, die Christen zu sein behaupten. Ohne Achtung vor dem Tode begeifern sie dieses edle Grab und begehen noch die Heuchelei, an demselben niederzuknien und sich gegenüber diesem gütigen Manne eine lächerliche Verzeihungsgewährung zu erlauben. Uns steht es zu, jenen ewigen Feinden der Wahrheit und Gerechtigkeit ihre bewußten Verleumdungen, ihre unfläthigen Beleidigungen zu verzeihen. Was mich betrifft, der ich ebenso wie er insultirt worden bin, bleibe ich glücklich und stolz, daß ich das von Zola begonnene Werk fortsetzen konnte. Zola's Anklagebrief, welcher zu meinem großen Bedauern, ich gestehe es, zunächst die Affaire Dreyfus von dem Rechtswege abirren ließ, welchen das Gesetz ihr gesichert, hat nichtsdestoweniger unter den vielfachsten Gefahren für ihn selbst die Thür der Revision geöffnet, und als vor den gesetzlichen Richtern am Obersten Tribunale die Frage aufgeworfen wurde, hat der höchste Gerichtshof anerkannt: daß Dreyfus 1. auf ein falsches Beweisstück hin verurtheilt wurde, das er nicht geschrieben hatte. Und merkwürdigerweise wurde derjenige, der es geschriebene, sreigesprochen. Es gibt heute trotz Allem, was seither sich ereignet hat, Niemanden, nicht einmal unter Jenen, welche ihren politischen Leidenschaften ergeben blieben und niemals die Waffen strecken werden, der zu behaupten wagte, das Bordereau, welches zur Verurteilung Dreyfus' führte sei von Dreyfus' Hand geschrieben. Warum legen sie nicht die Waffen nieder? . . . Aber Geduld! Das ist mein letztes Wort: Die Frage der Gerechtigkeit, wenn es sich um die Unschuld und die Ehre eines Mannes handelt, ist unverjährbar. Im Namen des Gesetzes wird eines Tages trotz Allem dieRehabilitirung Dreyfus' ausgesprochen werden. An diesem Tage werden Jene, die uns überleben, eine schöne Mission zu erfüllen haben. Sie werden auf das Grab Zola's das Urtheil tragen oder es am Sockel seines Denkmals eingraviren müssen — dieses Urtheil, welches seinen Anklagebrief vollkommen rechtfertigen und das Buch »Justice" ersetzen wird, das seine zu früh erstarrte Hand leider nicht mehr Zeit hatte, zu schreiben. Dieser Tag wird ein Tag der Glorification sein für Zola, für Dreyfus, für die Gerechtigkeit, für Frankreich." So äußert sich der neunzigjährige Mann, der ein halbes Jahrhundert eine Zierde des französischen Richterstandes gewesen ist.