Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 41 (10.10.1902)
- Date
- 1902-10-10
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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HtT. 41 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 685 dies kindliche Vergnügen umso eher lassen, als man ja nur abzuwarten braucht, wie sich die Ereignisse weiter entwickeln werden. Bisher hat die Union noch keinen Schritt zurückgenommen, keinen vergeblichen Weg eingeschlagen. Wir brauchen nur an ihre Erfolge auf wirtschaftlichem Gebiete gegenüber Rußland und Deutschland, auf ihre politischen Erfolge gegenüber England, auf ihre militärischen Erfolge gegenüber Spanien hinzuweisen, um daraus den Schluß zu ziehen, diese Macht werde auch vor den Verbündeten Rumäniens nicht zurückweichen. Und daß die Vereinigten Staaten selbst dem gesammten Europa gegenüber ihren Willen eventuell durchzusetzen wüßten — auch dafür liegt ein Beispiel vor. Nicht etwa die theoretische und praktische Verfechtung der Monroedoctrin, nein, ein viel mehr naheliegender greifbarer Fall. Es ist noch nicht lange her, daß der Ruf nach einer Einigung Europas gegen die „amerikanische Gefahr" erscholl, ja, erst vor wenigen Tagen wurde er erneut. Und die Wirkung? Der Ruf findet kein Echo! Begreiflich. Bon den entscheidenden Großstaaten will Keiner den Kampf mit Amerika aufnehmen, und so wie man es wirthschaftlich nicht zum Gegner haben will, so vermöchte man auch seine politische Gegnerschaft nicht zu ertragen. Bei den Antisemiten wird aber Amerika gewiß nicht um Erlaubniß anklopfen, wenn es seiner Forderung nach Menschlichkeit und Gerechtigkeit wird Nachdruck geben wollen. Mögen also die Antisemiten weiter gegen Amerika Gift und Galle speien. „Wuth und Ohnmacht wird verlacht!" Wie sehr aber der antisemitische Wahn nicht blos verroht, sondern geradezu auf die geistige Potenz zerstörend einwirkt, das hat sich gerade in der Beurtheiluug der amerikanischen Action besonders auffällig gezeigt. Das „Vaterland" ist bekanntlich nicht blos ein conservatives, sondern speciell ein legitimistisches Organ; als solches sollte es — so müßte man annehmen — die Heilighaltung der Verträge vertreten. In der That hat es auch bisher immer diesen Standpunkt als den seinigen erklärt — wenn es sich um irgend einen depossedirten Monarchen oder gar um den Kirchenstaat handelte. In solchen Fällen war kein Wort hart genug, das man gegen die Zerstörer alter Rechte gebrauchen konnte. Und Verträge statuiren doch Rechte. Wer Verträge zerreißt, tritt doch Rechte mit Füßen. Der Grundsatz gilt — aber nur einseitig, wenn er zu Gunsten der Anhänger des „Vaterland" angewendet werden soll, er wird verleugnet, wenn es sich um den Berliner Vertrag und die daraus zu Gunsten der Juden abgeleiteten Rechte handelt. Das „Vaterland" schreibt nämlich:,.selbst wenn Rumänien die Bedingungen des Artikel 44 des Berliner Vertrages nicht erfüllt hätte — so hätte heute nach 24 Jahren, wo der Berliner Vertrag nur mehr in Fetzen vorhanden ist, Niemand das Recht, sich in der intendirten Weise in die inneren Angelegenheiten Rumäniens zu mischen." Das ist ein kostbares Geständniß des „Vaterland". Also nach 24 Jahren erlöschen erworbene Rechte; nach 24 Jahren gelten Verträge nicht mehr; Verträge dürfen in Fetzen gerissen werden, wenn sie onoros sind; nach 24 Jahren hat Niemand von jenen, die für eine ihnen gemachte Zusage eine Leistung dargebracht haben, sich um die Erfüllung der Zusage zu bekümmern! Wenn das „Vaterland" diesen Theorien huldigt — so muß es ihm auch recht sein, wenn diese seine Lehrsätze künftig, und namentlich mit Bezug auf ganz concrete Fragen, die das „Vaterland" und seine Partei berühren, zur Anwendung gebracht werden. Das „Vaterland" wird dann mit demselben Maße gemessen werden, mit dem es mißt. Wenn die Discussion über die amerikanische Action dieses Resultat hervorgebracht hat — so war sie eine dankenswerthe, auch von unserem Standpunkte aus. Correspondenzen. K. k. Baurath W. Stiaßny. Am 15. October d. I. wird k. k. Baurath Wilhelm S t i a ß n y sein 60.Lebensjahr vollenden. Der Jubilar ist einer der bedeutendsten Architekten Oesterreichs und ein hochangesehenes, hervorragendes Mitglied der Wiener israelitischen Cultusgemeinde. Außer den Vielen, die Baurath S t i a ß n y in seinem öffentlichen, communalen und politischen Werken bewundern, wird eine große Schaar von Freunden und Verehrern sich zur Feier dieses Geburtstages vereinen, die in Baurath S t i a ß u y den treuen muthigen Juden, der für seine religiöse Ueberzeugung mrt Unerschrockenheit so oft eintrat, den trefflichen Menschen, den liebenswürdigen, geistvollen Gesellschafter und den feinsinnigen Musikkenner kennen und schätzen. Nachstehend bringen wir einige biographische Notizen über Baurath S t i a ß n y, die zugleich ein kurzes Bild von seinem vielseitigen Wirken und seiner erfolgreichen Thätigkcit bieten: Geboren am 15. October 1842, absolvirte er die Wiener technische Hochschule im Jahre 1861 und besuchte sodann durch 5 Jahre die k. k. Akademie der dildenden Künste in Wien, woselbst er seine Ausbildung unter den Professoren Ban der Nüll, v. Siccardsburg, Rösner und Tombaumeister Schmidt erhielt. 1862 gründete S t i a ß n y gemeinschaftlich mit einigen Genossen die Wiener Bauhütte, einen noch gegenwärtig in der Akademie der bildenden Künste bestehenden und schaffenden Verein. 1867 wurde S t i a ß n y durch das k. k. Handelsministerium zur Pariser Weltausstellung entsendet, woselbst er an den Jnstallationsarbeiten der Ausstellungscommission betheiligt war und an der internationalen Jury für Arbeiterhäuser theilnahm. Im Jahre 1868 begann S t i a ß n y seine Thätigkeit als selbstständiger Architekt, und hat er bisher über 180 Paläste, Schulen, Wohn- und Favriksgebäude, Spitäler, Siechenhäuser, Synagogen 2c. gebaut. Hievon sind insbesonders zu erwähnen: das von Baron Anselm von Rothschild gestiftete Spital der israelitischen Cultusgemeinde am Währinger-Gürtel in Wien, bei dessen Vollendung (1873) er von Sr. Majestät mit dem goldenen Verdienstkreuze mit der Krone ausgezeichnet wurde; das von Jonas Freiherrn v. Königswarte r gestiftete israelitische Blinden-Jnstitut auf der Hohen Warte in Wien, welches 1897 infolge einer Schenkung der Baronin Hirsch-Gereuth durch Aufbau eines zweiten Stockwerkes erweitert wurde; die Herrmannstraße (fttzt Reithlegaffe) in Ober-Döbling, welche als eine, nach einem Gesammtplane errichtete Villenstraße erbaut wurde; Ceremonienhalle und Nebengebäude auf der israelitischen Abtheilung des Wiener Central- Friedhofes, sowie Friedhofgebäude in Kojetein (Mähren); das unter dem Protectorate Ihrer k. u. k. Hoheit der Frau Erzherzogin Marie Therese stehende Seehospiz in Rovigno; Pollack von Rudin'scher Kindergarten im II. Bezirk in Wien; die Synagogen in Malaczka (Ungarn), Gablonz a. N (Böhmen), für die polnische Gemeinde in Wien, Czaslau, Wr.-Neustadt und die große Synagoge in Kgl. Weinberge (Böhmen); das freiherrlich von Rothschild'sche Ältersversorgungshaus in Gaming; Siechenhaus der israelitischen Cultusgemeinde in Wien; den von den Freiherren von Rothschild gestifteten chirurgisch-gynäkologischen Pavillon als Erweiterungsbau zum Spitale der israelitischen Cultusgemeinde in Wien; Palais Nmmann (mit steinerner Fagade), Palais Baron Liebig, Palais Alfred Straßer in Wien, Jubiläumshospiz in Karlsbad. 1876 wurde S t i a ß n y durch das k. und k. Ministerium deS Aeußern in die internationale Jury der in Brüssel abgehaltenen I. Allgemeinen Ausstellung für Sanitäts- und Rettungswesen entsendet. Er bekleidete daselbst das Amt eines Schriftführers und Berichterstatters für den Bau und die technische Einrichtung von Spitälern, Gefangenhäusern, Irrenhäusern, Arbeiterhäusern, dann für Canalifation und Affanirung von Städten. Bon 1878 bis I960, also durch volle 22 Jahre, war S t i a ß n y Mitglied des Gemeinderathes der Stadt Wien, nach Einbeziehung der ehemaligen Vororte durch einige Zeit auch Stadtrath, nach der im Jahre 1895 erfolgten Auflösung des Gemeinderathes war S t i a ß n y Mitglied des Beirathes. Im Gemeinderathe bat S t i a ß n y mehr als 1500 Referate erstattet, auch war er Obmann-Stellvertreter der Rathhaus-Commission.