Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 41 (10.10.1902)
- Date
- 1902-10-10
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 664 Vr> Sloch's WoürenschML rttr. 41 komrmieae res. Sicher gebettet zwischen Oesterreich und Rußland, welche den lieben Nachbar wegen der leidigen Judenfrage gewiß nicht rncommodircn werden — unnahbar für die großen Seemächte Amerika und England — wegen des Deutschen Reiches beruhigt durch dynastische Verwandtschaft und Gesinnungsgenossenschaft, kann sich das Donaukönigreich da unten — wo die Civilisation aufhört, der Rumäne, der Bulgar und der Zigeuner anfängt — ob der beiden Noten ins Fäustchen lachen. Im Gegentheil, die Bojaren fühlen sich geschmeichelt, daß zwei so mächtige Staaten sich mit ihnen beschäftigen und die Parvenues von gestern als ihres Gleichen behandeln. Diese Auszeichnung haben die undankbaren Menschen den Juden zu danken! Wann wäre sonst in der Preffe und in der Diplomatie die Rede von einem abseits von der Cultur gelegenen Staate, der in gar keiner Beziehung hervorragt, weder durch Handel, noch durch Industrie, noch durch Wissenschaft oder Fortschritt die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich lenkt und von dem nur die Rede war, wenn der Finanzminister mit dem Hut in der Hand an den Schwellen der europäischen Börsen zu erscheinen pflegte, um für das passive Ländchen einige Millionen zu erbetteln? Die Juden haben Rumänien in Mode gebracht, allerdings nicht in schmeichelhaftem Sinne. Man kann das Sprichwort »grattez 1e Russe et vous trouverez le Tartare“ travestiren: „grattez le Roumaine et vous trouverez le Tsigane“ — Da es nicht zu hoffen steht, daß die Continentalmächte Rumänien unsanft berühren und zu den Bestimmungen des Berliner Vertrages zurückführen werden, so gibt es nur Ein Mittel, die Bojaren zu zwingen, ihrer Rohheit gegen die dortländigen Juden einigermaßen Zügel anzulegen: den Boycott. Wenn man einem so dürftigen, auf fremdes Geld angewiesenen Lande den Credit unterbindet, seine Staatspapiere nicht kauft und seine Wechsel nicht escomptirt; wenn man es in seinen ewigen Geldverlegenheiten stecken läßt, so muß der ehemalige Hospodarenstaat ersticken, er mag noch so judenrein geworden sein, wie eine Lueger'sche Wählerversammlung. Dies hängt von den jüdischen Börsenmatadoren ab, die sich nicht durch den höheren Zinsfuß in Rumänien bestimmen lassen dürfen, ihre Capitalien dorthin zu legen, wo man ihre unglücklichen Brüder bis auf's Messer verfolgt und von wo sie eines Tages verjagt werden dürften, wenn sie hinkommen, ihre Forderungen einzutreiben. Der Uebermuth, die Rücksichtslosigkeit gegen Andere, die Ungerechtigkeit sind die Mißgeburten der Unbildung und der Verschlagenheit. Dies kleine Völkchen der Wallachen hat sich nicht entblödet, selbst dem mächtigen Deutschen Reiche die Treue zu brechen und die klaren Bestimmungen des deutsch.rumänischen Handelsvertrages — wie das „Berliner Tageblatt" in einer seiner letzten Nummern hervorhebt — mit Füßen zu treten. Es scheint, daß man dort vor Grafen Bülow lange nicht den Respekt hat, wie vor dem seligen Fürsten Bismarck. In dem Artikel 1 dieses Tractates heißt es nämlich, .daß Vorrechte und Begünstigungen in Handel und Gewerbe, welche den Angehörigen des einen Landes gewährt werden, auch denen des andern zugute kommen sollend Nun lautet Artikel 95 des Handwerkergesetzes, daß bei allen öffentlichen Unternehmungen und Lieferungen rumänische Offerenten vorzuziehen seien, selbst wenn sie um fünf P e r c e n t theurer als andere sind, und im Artikel 146, daß bei allen öffentlichen Arbeiten und Lieferungen für den S t a a t, die Gemeinden, die D i st r i c t e und alle Civil- und Militärbehörden nur rumänische Handwerker verwendet werden dürfen. Wenn sich Deutschland diesen directen Affront, diesen nackten Vertragsbruch von Rumänien gefallen läßt, so wird es schwerlich die diplomatische Feder zu Gunsten fremder Juden eintauchen, und eine Regierung, die ihre eigenen Verträge mißachtet und verdreht, wird vor der wohlgemeinten amerikanischen Note nicht die Segel streichen. An Hinterlist kommt den Rumänen Niemand gleich. Nur die Excommunic a t i o n kann sie mürbe machen. Dies ist auch im Interesse der Geld- und Creditgeber selbst gelegen, denn die Zustände dort spotten jeder Beschreibung, und die Staatsmaschine kann einmal gewaltig krachen. Der dortige Finanzminister Herr Costinescu selbst klagt über die Mißwirthschaft in der Gebahrung mit öffentlichen Fonds. In einem Berichte an den Ministerrath hebt der neueingetretene, wie es scheint noch jungfräuliche Schatzkanzler Rumäniens hervor, „daß fast alle Ministerien und verschiedene öffentliche Verwaltungen über viele große Fonds verfügen, aus denen sie nach eigenem Belieben bedeutende Summen ziehen, ohne Rücksicht auf das Budget und ohne Rechnungslage/ Der Minister bemerkt weiter, daß diese öffentlichen Fonds nicht allein Staatsgelder, sondern auch jene der Communen, der Handelskammern, der Spitäler und der öffentlichen Woblthätigkeitsanstalten umfassen. So sind der Fonds zur Wiederaufforstung der Dobrudscha, der Post und Telegraphen, der Hafenfonds und noch dreiundzwanzig andere, viele Millionen betragende Fonds durch Ausgaben persönlicher Art, ohne Controle und Rechnungslage, aufgezehrt worden. Dasselbe gilt von den Werthpapieren der Flotille von Galatz. Andererseits unterläßt es das Domänenministerium, die Coupons von bei ihm als Garantie deponirten Obligationen abzutrennen und läßt sie verfallen. Auch bei den Gerichten herrscht keine bessere Ordnung. Nirgends die gesetzliche Rechnungslage, nirgends eine eingehende Controle. Es muß, seufzt Herr v. Costinescu, Wandel geschafft werden, es muß ein Reglement ausgearbeitet werden, nach welchem öffentliche Fonds verwaltet werden sollen, und ein solches müsse auch für die Minister obligatorisch sein/ Man kann sich denken, wie faul es unten an der Donau sein müsse, wenn ein M i n i st e r selbst die Hände über dem Kopfe zusammenschlägt. Die unfreiwillige Auswanderung der Juden wird auch dem Staate nicht zu Glanz und Reichthum verhelfen, in dem es öde werden wird wie in Spanien und wo die Liegenschaften entwerthet, die Steuerkraft sinken, der Handelsverkehr abnehmen werden. Wer mit einem solchen Lande sich in Geldgeschäfte einläßt, sollte von der Staatsanwaltschaft wegen Hazardspieles verfolgt und von allen besonnenen Leuten geächtet werden. - Teplitz. LeoHerzberg-Fränkel. * * -i- Die „Berliner Zeitung" läßt sich aus Paris melden: Die Spitzen der Hochfinanz haben sich verständigt, daß man Rumänien solange finanzielle Hilfe und jedes Entgegenkommen versagen solle, solange Rumänien nicht im Sinne der amerikanischen und englischen Vorstellungen die Beschwerden der in Rumänien lebenden Juden abgestellt habe. Die Anregung zu diesem Schritte soll von London gekommen sein, wo man der Ansicht ist, die Verweigerung jeder finanziellen Hilfe werde viel kräftiger wirken als jede diplomatische Intervention. Die amerikanische Male. Nicht einmal die rumänischen Blätter reagiren auf die gegen Rumäniens Mißhandlung der Juden gerichtete Circularnote der Vereinigten Staaten so heftig wie die österreichische antisemitische Preffe. Die Rumänen fühlen den Pfahl in ihrem Fleische und sind wenigstens klug genug, den Schlag, den sie empfangen haben, nicht abzuleugnen. Ihnen verübelte man es wahrlich auch nicht, wenn sie etwa eine Abwehr versuchen wollten, obwohl man doch nur den Kampf des Zwerges gegen den Riesen belächeln kann. Tatsächlich haben ernste rumänische Staatsmänner noch keine Miene gemacht, den amerikanischen Angriff etwa durch einen Gegenangriff pariren zu wollen. Aber an ihren österreichischen Gesinnungsgenossen im Antisemitismus haben sie Partisane gefunden, die mit ihrem Wuthgeschrei, das umso lächerlicher klingt, je ohnmächtiger die ganze Sippe außerhalb von Wien und Niederösterreich ist, der Welt glauben machen möchten, die Vereinigten Staaten hätten einen leeren Lufthieb geführt, der Niemandem wehe thue. Die Rumänen wissen es besser; nur hüten sie sich, die Stelle zu zeigen, wo sie so schwer getroffen wurden, weil sie vermuthen, der Welt werde dann ihre schwache Seite nicht sehen. Es ist zwar auch vergebliche Mühe, aber es liegt darin doch wenigstens eine gewisse politische Würde. Bei ihren Verteidigern in Wien ist aber von dieser Würde natürlich nicht das Mindeste wahrzunehmen — woher sollten sie sie auch nehmen — und nichts kommt zum Vorschein als rohes Gepolter und dumme Lüge. Wenn sie sich dabei mit der Hoffnung trösten, die nordamerikanische Union werde vor ihnen zurückweichen und die europäischen Mächte werden auf die Anregung der Vereinigten Staaten nicht reagiren, so kann man ihnen