Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 41 (10.10.1902)
- Date
- 1902-10-10
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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31 r. 41 Dr. Bloch's Woüxrnschrift. Sette 663 allen jüdischen Cultusgemeinden schaffe, der dem erweiterten Ausschuß in allen religiösen Fragen Omnipotenz verleiht und der es dem Belieben des erweiterten Ausschuffes ganz anheimstellt, ob in seiner Gemeinde das Judenthum gänzlich auf den Kopf gestellt werde. Dieser unglückselige Paragraph gibt z. B. dem Gemeindeausschuß das Recht, die Sabbathfeier auf den Sonntag zu verlegen, am Neujahrstage das Schofarblasen abzustellen, das Thoravorlesen an jedem Sabbath abzuschaffen, sogar Zelem behechal aufstellen zu lassen. Köpfe mit Reliefs auf jüdischen Leichensteinen sind schon heute nicht selten. Der Rabbiner wird pro forma gefragt, er sagt Nein, der erweiterte Ausschuß beschließt Ja. Das ist das Judenthum mit Ausschluß der Rabbiner, und da der Gemeindebund auch einen solchen Standpunkt einnahm, mußte die ,,Chronik" ihn verurtheilen. Ob das Bessere der Feind des Guten sei. kann oft bezweifelt werden, aber Niemand wird zweifeln, daß das Schlechte der Feind des Guten ist. Es kann leicht zugegeben werden, daß der Gemeindebund Alles gethan hat, was in seinen Kräften stand, aber es ging ihm eben die Kraft zu irgend einer größeren Action ab. Dem Gemeindebund fehlte der große Gedanke, der Begeisterung hätte erwecken können, und darum blieben die Gemeinden fern. Das Judenthum hätte der Gemeindebund als Standarte aufstellen müssen, um diese Standarte hätten sich Alle geschaart, die noch jüdischen Sinn besitzen und deren Herz noch für das Judenthum stärker oder schwächer schlägt. Wie es darum verfehlt war, die Rabbiner auszuschließen' so war es auch verfehlt, statt eines Bundes der Gemeinden und der Organisation aller Juden in diesem Bunde, wie es die .Chronik" wollte, einen Bund der Vorsteher zu bilden. Die Vorstände in den Cultusgemeinden sind dem religiösen und bürgerlichen Gesetze gemäß Verwaltungsbehörden, ferner Vertreter ihrer Gemeinden, Vertreter des Judenthums sind sie nicht, und religiöse Oberbebörden sollen sie nicht sein; wie soll nun aus diesen versammelten Vertretern der Gemeinden plötzlich eine Vertretung des Judenthums und der Religion werden? Darum handelt es sich aber, wir wollen auch nach Außen eine geschlossene und geordnete religiöse Gemeinschaft sein, wir wollen, daß das Judenthum eine aus freier directer Wahl hervorgegangene Vertretung, bestehend aus einem Drittel Rabbinern, aus zwei Drittel Vorstehern, besitz-, die auch für uns einzutreteu die legale Berechtigung habe, die eine legale Autorität, wenn auch eine beschränkte, den Cultusgemeinden gegenüber besitze. Ein solcher Gemeindebund könnte zum Wohle und Heile des Judenthums wirken und etwas leisten. Der jetzige aber — Herr Dr. Rosenbacher weist auf das humanitäre Wirken desselben hin. Nun, ich glaube, Herr Dr. Rosenbacher, dessen privates Wohlthätigkeitsbudget das ganze Budget des Gemeindebundes mehrfach übersteigt, hat in den fünf Jahren als Privatmann und nicht als Leiter und Mitglied des Prager und Wiener Gemeindebundes mehr geleistet als der ganze böhmische Gemeindebund, die Thätigkeit des Wiener Gemeindebundes dazu gerechnet, denn der Wiener Gemeindebund laborirt an demselben Uebel wie der Prager. Es ist wahr, neue Programme sind überflüssig, wir benöthigen den neuen Gedanken, oder vielmehr den alten: Organisirung der Juden, eine Verfassung des Judenthums in Oesterreich, und wenn der Gemeindebund eine auf Dank Anspruch machende That leisten will, so möge er diesen Gedanken zu realisiren suchen. Der werkthätige Bundesgenoffe ist schon vorhanden : Der Rabbinerverband in Böhmen. Noch ein Wort über die Vorsorge für die Hinterbliebenen von Beamten der Cultusgemeinden: Jeder gewissenhafte Mensch wird zugeben, daß die Cultusgemeinden die unabweisliche Pflicht baben, für ihre Beamten und die Hinterbliebenen derselben zu sorgen. Thut es eine Cultusgemeinde nicht, so hat sie eine ihrer wichtigsten Pflichten schmählich vernachlässigt, denn sie nützt dann Menschen schonungslos nach Art der Sclavenhälter aus, um diese Menschen dann, nachdem sie ausgenützt sind, als Bettler auf die Straße zu werfen; todtschlagen wäre nicht viel ärger. Es geht nicht an, daß eine Cultusgemeinde durch einen Bettel, den sie jährlich bezahlt, ihre Pflicht erfüllt zu haben glaubt. Der Gemeindebund lehrt aber die Cultusgemeinden, durch Zahlung von etwa 50 bis 60 Kronen sich von der Pflicht, für dle Hinterbliebenen zu sorgen, zu befreien. In Deutschland bestimmt das Gesetz, daß die Witwe eines Beamten ohne Erziehungsbeitrag für die Hinterbliebenen Kinder jährlich ein Drittel des Gehaltes des Beamten erhalte. Das ist das karg genug bemessene Minimum, und nicht einmal dazu erhob sich die Fürsorge des Gemeindebundes. Er kann es aus Mangel an Kraft nicht lbun. Wäre aber der Gemeindebund die Vereinigung aller Juden in Böhmen, könnte er mit Leichtigkeit eine große Pensions- und Relictencassa schaffen, wodurch auch die Gemeinden befähigt würden, ihre Beamten definitiv anzustellen. Dr. Simon Stern, Rabbiner in Saaz. Nor dem Nersöhrrnngslag. Wer das Judenthum und seine Manifesiirung um diese Zeit auch nur flüchtig beobachtet, wer da sieht, wie an den „hohen" drei Tagen die zur Verfügung stehenden Gotteshäuser die Menge der Betenden kaum zu fassen vermögen, der dürste kaum dre Behauptung wagen, daß es dem Satanswerk der Antisemiten nach vieljährigen Anstrengungen gelungen sei, die jüdische Religion bei ihren Bekennern auch nur im Geringsten herabzusetzen und die altehrwürdige Treue und Anhänglichkeit zu unterwühlen. Es ist der höchste Kiddusch Haschem, wenn in diesen Tagen die lebenskrästige Existenz der Judenheit vor aller Welt sich ofienbart und aus allen Ländern der Ruf vernommen wird: „Jwrim anaehnu“ wir sind Hebräer, bekennen den alten Gott, dessen Siegel Wahrheit und Gerechtigkeit ist, in althergebrachter Weise und wollen Juden bleiben bis an's Ende der Zeiten. Umso schlimmer muß es uns bekommen, wenn sich in un'erer eigenen Mitte Männer von Geist und wohlverdienten Ruf treffen, welche ihre Stinnne einem zerfressenden Skepticismus. einem entmuthigenden Pessimismus leihen und so oft ein Versuch zur Besserung von Berufenen gemacht wird, mit wehmüthigen Klagen über den desolaten Zustand der Judenbeit zur Hand sind. Wir denken hierbei an Herrn Dr. Bernfeld, welcher in der letzten Nummer dieses vielgelesenen Blattes an der Schwelle des neuen Jahres seiner grauen und düsteren Stimmung über die Gebrechen und Gebreste des heutigen Israel freien Lauf läßt. Herr B. ist weder mit den Liberalen noch mit den Conservativeu zufrieden und findet selbst bei Letzteren „kein andächtiges Bete», keine weihevolle Stimmung, keinen wahren Enthusiasmus". Er wünscht eine neue, noch nicht abgenützte Weihe für die hohen Tage, sonst geht Alles verloren. Auch sollen neue Pajutanim erstehen, welche für unsere Zeit das leisten, was die alten für die ihrige im Mittelalter. Dem gegenüber sei es uns gestattet, zu erklären, daß wir Gott sei Dank noch immer nicht den Muth besitzen, den alten sicheren Boden zu verlassen, welchen Männer bestellt haben, mit deren Weisheit und Weihe sich die Berufensten selbst in unserer Zeit nicht zu messen vermögen. Wir glauben an den hohen Feiertagen unter Blumen zu wandeln, die ihre Anmuth und ihren Duft für alle Zeiten bewahren, indem uns aus unseren alten Gebeten herrliche Reminiscenzen und geistsprüchende Anspielungen auf Bibel-, Talmud- und Midrasch-Stellen entgegenströmen. Nicht die Reformation unserer Religion, sondern die unser selbst thut uns noth, hat einer der Begründer unserer neuern jüdischen Literatur einmal gesagt, und der Ansspruch verdient wahrlich unsere vollste Beherzigung. Die jüngeren Rabbiner, von denen selbst Herr B. zugibt, daß sie vom besten Eifer beseelt sind, werden nicht ruhen und rasten, bis sie den rechten religiösen Ernst an die Stelle der sich gegenwärtig noch breitmachenden Flachheit gesetzt haben, und müssen, werden es auch zuwege bringen, daß die Sprache der Bibel, die Muttersprache der Religion, wie einmal der unvergeßliche Professor Kaufmann geschrieben, zu ihrem vollen ungeschmälerten Recht gelangt. Daß wir diese Hoffnung zu hegen allen Grund haben, dafür bürgt uns der Ernst, der noch immer kräftig genug bei unseren Brüdern in den mannigfachsten Gestalten zu Tage tritt. Ganz besonders aber besitzen unsere hochheiligen Feste die Eignung, den jüdischen Herzen jene Urbarkeit zu verleihen, welche den gegründeten Besorgnissen und den vorherrschenden Nebeln ein sicheres Ende bereiten wird. Wir sind der festen und tröstenden Ueberzeugung. daß der bevorstehende Verso hnungstag Israel diesem ersehnten Ziele um ein Bedeutendes näher bringen wird, da seine Lehrer das rechte Wort zur rechten Zeit finden werden. Das walte Gott! Dr. I. Steinherz, Rabbiner in Szekesfejvrvür.