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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-10-05 · 40 (5.10.1902) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
40 (5.10.1902)
Date
1902-10-05
Page
– (sequence 14)
Language
German
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bette «5L Dr. Bloch's Wochsnschrrfk. Nr. 40 Feuilleton. Kilder aus Kidrrren. Novelle von L. Melschin. Uebersetzt aus dem Russischen von Malwina Blumberg. (Fortsetzung.) Tags darauf, nachdem die Compagnie einregistrirt, wurden beide Zimmer aufgeschlossen und die Sträflinge durften nach Belieben ihre Plätze in denselben wählen. Sofort strömte eine Menge Leute aus dem kleineren Raum in den größeren, und wurde es daselbst unsagbar eng. Auf den Dielen, unter den Pritschen, überall lagen menschliche Wesen. Der Lärm war unbeschreiblich. Tabaksrauch, der Athem so vieler Menschen, (trotz der Enge war es empfindlich kalt) füllten das Zimmer vom Boden bis zur Decke. Die zahlreichere, von Blagowieszczeüsk auf einem Dampfer gekommene Compagnie bestand aus den verschiedensten Elementen. Es waren darunter Leute, deren Papiere nicht in Ordnung und die infolge deffen nach ihrem Geburtsort transporlirt wurden; andere, die, bereits zur Zwangsarbeit verurthellt, auf dem Wege zu den Bergwerken waren, und noch andere, etwa zwanzig an der Zahl, die dem Gericht in Irkutsk überliefert werden sollten. Diese letztere, aus reichen und dreisten Männern bestehende Gruppe spielte die Hauptrolle. Der beredte Erzähler, mit dem die Zurückkehrenden gestern durch die Ritze in der Thüre bekannt geworden waren, erwies sich als ein etwa sünfunddreitzigjähriger. nicht großgewachsener Mann mit sehr bleichem Gesicht und durchdringenden schwarzen Augen. Er trug einen grauen Rock und eine Weste, auf der eine goldene Kette blitzte. Er hieß Krasnopjerow und gehörte zu denjenigen, die wegen des Ueberfalls einer Karawane vor Gericht gestellt werden sollten. Mit dreister Prahlerei erklärte er, daß der Galgen seiner darre. . . . Fünf Sechstel seiner Gefährten, die mit nicht minderer Frechheit behaupteten, daß auch sik em gleiches Schicksal erwarte, schimpfte er hinterrücks Verleumder und Heiden. Unter Anderem hatte Krasnopjerow einen etwa siebenjährigen, ungemein wuthigen und entwickelten Knaben bei sich, der eine Hand in der Hosentasche versenkend, mit der anderen ununterbrochen Nüffe aushülste. »Das ist unser Rinaldo Rinaldini, der Anführer der Bande', so stellte Krasnopjerow mit lauter Stimme den Knaben uilseren Bekannten, Nikolajew, Kitalew und den Uebrigen vor. Dreist und selbstbewußt blickie der Kleine auf die Fremden, und seine neugierigen grauen Augen wanderten von einem Gesicht zum andern. Dann nahm er. wie ein Erwachsener, seinen Platz auf der Pritsche ein. »Nun, wie, ist das dein Sohn?', fragte Nikolajew. »Nein, das ist der Sohn des berühmten Juden Pento. Vielleicht werdet ihr euch erinnern, daß er vor mehreren Jahren zugleich mit dem Kaufmann Aleksiejew gehängt wurde wegen Ueberfall eines Postwagens. Die Mutter heiratete ein zweitesmal, wiederum einen Juden, der jetzt in unserer Angelegenheit in Irkutsk vor Gericht stehen wird."' »Und der wahrscheinlich auch wird aufgehängt werden/ »Voraussichtlich. Das ist doch ein eigenartiges Schicksal; nicht? Zwei Väter haben und Beide am Galgen verlieren! Und ihr werdet gar nicht glauben, wie entwickelt der Knabe ist! Noch nicht ganz sieben Jahre ist er alt und versteht jedes Wort wie ein Erwachsener. Wir nennen ihn auch den Anführer unserer Bande!' »Gehörig durchprügeln sollte man ihn"", bemerkte Nikolajew mit Unzufriedenheit, »er würde bald diesen Namen zu verdienen aufhören/ »Ha, ha, ha! hörst Du Mischa, was Großväterchen sagt?"' »Seine Arme sind zu kurz', gab der Feldherr der Bande zur Antwort, und Nikolajew frech in die Augen blickend, spuckte er eine zerbisiene Nußschale aus. »Werdet ihr heute Karten spielen?', erkundigte er sich dann bei seinem Verwandten. Letzterer jedoch hörte die Frage nicht, da er sich mit Kitajew, der eifrig bestrebt war, eine intimere Bekanntschaft anzuknüpfen, bereits entfernt hatte. Bald schienen auch die Beiden eine geheime Verabredung miteinander getroffen zu haben. Nach einer Weile traten sie zusammen auf Nikolajew zu. »Nun, Paul Nikolajewitsch! Nicht vergeblich rieth ich Dir?gestern, Deine Tasche vorzubereiten. Höre, was der Mann da agt.- »Ja, ich behaupte, daß es lohnt, sich damit zu befaffen. Und ich mache Sie aufmerksam, daß der Jude Löwenstein dasselbe Ziel auf's Korn genommen hat. Schon daran allein können Sie erkennen, daß die Sache einträglich ist/ »Nun, wünsch' guten Erfolg. Mich kümmert's nicht. Meinethalben kann es ein Tartar nehmen. Ich will Niemanden um sein Brot bringen, sind wir doch hier alle Vater- und mutterlose Waisen. Jeder muß an sich denken/ »Nicht darum handelt es sich, Alterchen. Aber für uns Christen wird es eine Schande sein, wenn die Juden Alles in ihre Hände bekommen. Und ihre Zahl ist eine sehr große. Es wird uns schlecht gehen/ »Mir kann Niemand was anhaben. Ich bekomme mein Zehrgeld, und das ist Alles. Aber wenn diese Sorge euch drückt, so könnt ihr ja selber darauf reflectiren/ »Du bist ein kopfloser Narr, Nikolajew, in Wahrheit ein Narr. Wenn wir Geld hätten, würden wir zu dir mit solchem Vorschlag kommen? Ich wünsche dir gut, weil du mein Landsmann bist. So viele Jahre haben wir zusammen in Schelaja verbracht, schämst du dich nicht, du alter Teufel, für deine Freunde nicht einstehen zu wollen?' »Womit soll ich denn aber einstehen? Wo habe ich soviel Geld, wie dazu erforderlich? Muß man eine große Summe dafür zahlen?' »Eine Kleinigkeit. Man beginnt mit zwei Rubeln und höchstens kommt es bis auf sechs/ »Das ist ein bedeutendes Capital. Nein, so viel Geld Hab' ich nicht. Und hält' ich es, ich würde es daran nicht wenden. Ihr sagt zwar, daß eure Compagnie reich ist, aber seht euch doch nur um, ich bitte, welche Würdenträger, welche Senatoren in einer Reihe mit mir liegen. Lauter Zobelpelze, wie meint ihr? . . . Läufe haben sie, Läuse — ja, daran fehlt es wahrlich nicht!" „Nun, wie es euch beliebt. Ich hab's euch vorgeschlagen. Das Geld dazu würde sich bei mir schließlich noch vorfinden. Nur wollte ich mich nicht damit befassen. Den Juden Löwenstein lasse ich nicht heran, das steht fest, nicht um die Welt." Und die neugebackenen Freunde entfernten sich, nachdem sie zuvor den Alten mit unruhigem Blick gemustert hatten. Die Hände über der Brust gekreuzt, ging Nikolajew bedächtigen Schrittes in den Nebenraum, um dort die Gespräche der „Neuen" zu hören und ihre Gesichter zu betrachten. Der Eindruck, den er von dieser Musterung davontrug, war sichtlich ein günstiger. Die Leute schienen wirklich reich. Mehreremale im Laufe des Tages trat er an Kitajew heran und begann wieder über die Angelegenheit zu sprechen. »Du sagst, Kitajew, ich soll die Marktpacht übernehmen. Wie kann ich etwas derartiges beaufsichtigen? Ich bin alt/ »Und was hast du denn zu beaufsichtigen? Hast gekauft, bezahlt — und basta. So versteh' doch, du alter Zaunpfahl, daß außer dir Niemand das Recht haben wird, hier mit etwas. zu handeln. Ein Gegenstand bringt dir ein, was du gezahlt hast. Und die Karten? Denk' doch nur, welch' ein Spiel hier losgehen wird! Mich jucken die Hände schon im Vorhinein. Ein Jude ist dort, der hat vorige Nacht, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken — rund zweihundert Rubel verspielt und ist bereit, heute dasselbe zu thun. Bon zweihundert Rubeln kämen zwanzig auf deinen Theil. Ueberleg's Dir also, Du Narr. Zwei Monate wird es dauern, bis wir an unseren Bestimmungsort gelangen, und im Ganzen wirst du vielleicht sechs Rubel bezahlen/ »Sechs Rubel ist doch nur so gesagt. Ich weiß recht gut, daß es bis zehn Rubel betragen wird/ »Und wenn sogar zehn. Binde deinen Sack auf, du Gierhans/ »Ich habe nicht so viel Geld, sag' ich dir: nein. Und noch eins: man müßte doch einen Compagnon dazu haben, einen Gehilfen/ »Das ist schon meine Sache/ »Ja, aber wen denn? Hier braucht man einen gewiffenhaften Menschen. Wenn Oska Njepomniaschlschi das übernehmen wollte. Od^r noch lieber, du Kitajew. Zwar weiß ich. daß du ein Betrüger und gemeiner Kerl bist, aber ich weiß auch, daß du mich Alten nicht verrathen wirst . / »Dort scheint's, wird die Auction stattfinden . . Kauf' bei Zeiten!'

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