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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-10-05 · 40 (5.10.1902) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
40 (5.10.1902)
Date
1902-10-05
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 40 Dr. Bloch's Wochrnfchrifl. Seite 649 und später Staatssekretär im Cabinet des Grafen Julius Andrässy, Eduard Horn, war ihr begeisterter Führer und — Rabbiner. In dem der Stadtregulirung zum Opfer gefallenen Valero'schen Hause in der Königsgasse befand sich das Bethaus der Reformer, zu dessen Mitgliedern unter Anderen Moriz Munk, Karl Reuß, Jacob Lackenbacher, Karl Hürsch. Leopold Schulhof KarlWaitzenkorn, Josef Ligeti, Dr. Heinrich Polläk, Dr. Josef Rozsay (Präses) und Dr. Ludwig Schwarz (Secretär) gehörten. Beim Gottesdienst wirkten die ersten Künstlerinnen des Nationaltheaters mit und derselbe war auf der denkbar freisinnigsten Grundlage aufgebaut. Ein Zeitgenosse äußerte sich über den Tempel der Reformer, daß man in demselben weder den Typus einer jüdischen, noch aber auch den einer christlichen Kirche zu erkennen vermöge. Mit der Unterdrückung des Freiheitskampfes verschwand die Reformpartei. Eduard Horn flüchtete ins Ausland, während Rabbiner Schwab im Neugebäude eingesperrt wurd , weil er sich während der Bewegung „compromittirt" hatte. Es würde weit führen, den Aufstieg der Pester Cultusgemeinde auch nur in den Hauptphasen zu streifen. Es genügt, zu constatiren, daß sie alle Ursache hat, mit stolzer Befriedigung auf ihren 100jährigen Entwicklungsgang zurückzublicken und ihr Jubiläum zu feiern. Sie gehört jetzt zu den größten und angesehensten Gemeinden der Welt, und wenn man von der ungarischen Judenschaft überhaupt sagen kann, daß sie zu den Stützen des konstitutionellen Nationalstaates gehört, darf dies von der Pester Judenschaft, die derzeit unter der weisen und umsichtigen Leitung des Präsidenten Sigmund Kohner und der Rabbinen Dr. Kohn, Dr. Kayserling, L. Pollak und M. Feldmann steht, gewiß behaupten. Ihre culturellen und Humanitären Institutionen sind gerazu mustergiltig und erleichtern die Aufgaben der hauptstädtischen Communität in ganz außerordentlichem Maße. Möge die Gemeinde auch in Zukunft auf gleicher Höhe stehen und im Stande sein, den großen Aufgaben, die ihr zugefallen sind, vollauf entsprechen zu können. „Neues Budapester Abendblatt." Sensationeller Proceß in Berlin. Berlin. Ein großer Proceß, der einen bewegten Verlauf nahm und der einiges Licht in die Könitz er Mordaff a i r e oder wenigstens in das Treiben der Antisemiten während dieser Affaire gebracht hat, begann am Dienstag vor der zweiten Strafkammer des B e r l i n e r Landgerichtes. Es ist dies der Beleidigungs-Proceß gegen die antisemitische „Staatsbürger-Zeitung«, beziehungsweise gegen deren verantwortlichen Redacteur Dr. Bötticher und den . Verleger Wilhelm Bruhn. Beide sollen durch eine Reihe von Artikeln über den Konitzer Mord verschiedene behördliche Organe und Privatpersonen beleidigt haben, insbesondere wurde die Thätigkeit des ersten Staatsanwaltes, des Untersuchungsrichters, der Criminal-Commissäre Braun und Wehn und des Bürgermeisters von Könitz bei dem Ermittlungsverfahren in Sachen der Ermordung des Gymnasiasten Winter so abfällig besprochen, daß sich diese Beamten dadurch beleidigt fühlten. Die Verhandlung nahm eine große Ausdehnung an, da seitens der Angeklagten ein umfangreicher Entlastungsbeweis angetreten wurde und die Verlesung zahlreicher Actenstücke nothwendig geworden ist. Den Vorsitz im Gerichtshof führte Landgerichtsdirkctor Opitz, Als Nebenkläger traten auf: der Schlächtermeister Adolf L e w y, jetzt in Berlin, dessen Sohn, der Schlächtergeselle Lewy, der die ihm wegen Meineides zuerkannte Zuchthausstrafe in Rawitsch verbüßt, der Kaufmann Großmann in Bütow und der Kaufmann Gustav Caspary in Könitz. Unter den geladenen Zeugen befanden sich: Ober-Staatsanwalt a. d. Wulf in Detmold, erster Staatsanwalt Settegast in Limburg, Landrichter Dr. Zimmermann in Könitz, Amtsrichter Pankau in Könitz, Bürgermeister Deditius daselbst, erster Staatsanwalt Schweiger in Könitz, ferner die Criminalinspectoren Braun und Klatt, Criminalcommissär Wehn und Andere. Die ganze Konitzer Mordaffaire ward in diesem Processe aufgerollt. Die Verhandlungen dauerten mehrere Tage. Frankfurt a. M. Die „Frankfurter Zeitung" berichtet: „An der Eschersheimer Landstraße Nr. 27. gleich oberhalb des Gärtnerwegs, erhebt sich ei" stattlicher Neubau, den die im Jahre 1888 gegründete „Frankfurt-Loge XX 392 U. O. B. B. geschaffen hat. Am letzten Sonntag ist das neue Heim festlich eingeweiht worden, und heute waren Vertreter der Presse und andere Gäste geladen, um die schönen Räume zu besichtigen. Zunächst ist als besonders wichtig hervorzuheben, daß Frankfurt nunmehr um einen Saal bereichert worden, der in solcher Lage und Gediegenheit unserem gesammten Vereinsleben zu statte» kommt. Der große, im Stil Ludwig's XL hergestellte Saal umfaßt etwa 300 Quadratmeter Grundfläche und es haben darin an 500 Personen Platz. An den großen Saal stößt der eigentliche Logensaal, der eine künstlerische Ausstattung erhalten hat. An den Logensaal schließen sich vier Clubzimmer. Besondererwähnenswerth ist auch das Vestibül, um das sich die Garderoben und Verwaltungsräume schließen. Vom Vestibül gelangt man auf einer breiten Marmortreppe in die Club- und Festräume. Die Loge, die elf Jahre hindurch in Miethräumen am Börsenplatz domicilirte, hat sich mit dem Neubau ein prächtiges Heim geschaffen." Bonn. Ueberall, wo Juden wohnen, wird die Trauerkunde von dem Hinscheiden des allgemein bekannten und geschätzten Rabbiners Dr. I s a a c R ü l f mit inniger Theilnahme ausgenommen werden. Dr. Rülf ist am 19. v. M. Abends infolge eines Schlaganfalles verschieden. Der Verstorbene hatte eine Radtour unternommen und war in der Nähe der Gronau, als er einem Fuhrwerk ausweichen wollte, mit dem Rade gestürzt. Ein Schutzmann, welcher den Vorgang beobachtete, brachte Dr. Rülf, welcher bei dem Fall nur eine leichte Schürfung der einen Hand erlitt, auf seinen Wunsch nach seiner in der Argelanderstraße belegenen Wohnung, woselbst der hochbetagte Herr, wohl infolge des vorangegangenen Schreckens, plötzlich verschied. Mit dem Fuhrwerk, welchem Dr. Rülf nach links ausweichen mußte, ist derselbe in keinerlei Berührung gekommen. Nach einer anderen Darstellung ist Dr. Rülf beim Fall gegen das Hinterrad des Wagens gestürzt, wobei er eine schwere Brustquetschung und eine Daumenverletzung erlitt. Der so unerwartet Dahingeschiedene, welcher am 10. Februar 1901 unter Antheilnahme weiterer Kreise hier seinen 70. Geburtstag beging, hatte seine Laufbahn als Lehrer begonnen. Er studirte später in Marburg und erwarb sich in Rostock den Doctorhut. Nachdem Rülf kürzere Zeit in Schwerin als Rabbiner thätig war, wirkte er etwa 30 Jahre lang in der gleichen Eigenschaft in Memel, woselbst er als Begründer und Leiter des „Memeler Dampfboot" Jahrzehnte lang auch im Interesse des Deutschthums im Osten eine segensvolle Thätigkeit entfaltete. In den Ruhestandsjahren, welche Rülf hier in Bonn verlebte, beschäftigte sich der trotz seines hohen Alte s immer noch rüstige Mann mit wissenschaftlichen Arbeiten. Jsaac Rülf war eine eigenartige Persönlichkeit. Seine publicistische Thättgkeit kam wesentlich dem „Memeler Dampfboot" zu gute. Rülf hatte jahrelang eine leitende Stelle bei dem ostpreußischen Blatte und trat wacker und mit viel Geschick für den Liberalismus ein. In Memel hatte Rülf ausgiebige Gelegenheit, die Noth der ärmeren russischen Juden zumal in den Grenzprovinzen des Czarenreiches kenn-n zu lernen. Er wachte es zn feiner Aufgabe, nach Möglichkeit dieser Noth zu steuern. Er ging zum Studium der Lage der Juden in Rußland wiederholt in das Nachbarland und schuf gemeinsam mit Anderen in Memel Wohlthätigkeitsanstalten zum besten russischer Auswanderer jüdischen Glaubens. Durch die Schriften „Meine Reise nach Kowno" und „Drei Tage im jüdischen Rußland" lenkte er die Aufmerksamkeit weiterer Kreise auf die Noth des großen Theils der russischen Juden. Einer seiner Lieblingsgedanken war, durch Verpflanzung in andere Gegenden die Nothleidenden in bessere Lebensbedingungen zu bringen. Seit den Achtziger-Jahren widmete sich Rülf philosophischen Studien. Rülf versuchte, ein festgeschlossenes System der Philosophie herzustellen, und er meinte, daß ihm dies gelungen sei. Seine Anschauungen legte Rülf zuerst in einer übersichtlichen Fassung 1880 in der Schrift „Der Einheitsgedanke als Fundamentalbegriff" nieder. Eingehend begründete er seine Lehre in einem mehrbändigen Werke „Wiffenschaft des Weltgedankens und der Gedankenwelt", mit dem Nebentitel „System einer neuen Metaphysik". Die einzelnen Bände behandeln die Wissenschaft des Weltgedankens, die Wissenschaft der Gedankenwelt, die Wissenschaft der Krafteinheit, di; Wissenschaft der Geisteseinheit. Schließlich beschäftigte sich Rülf auch mit socialpolittschen Studien. 1893 erschien von ihm eine Schrift „Das Erbrecht als Erbübel". In den letzten Jahren widmete sich Rülf mit dem Feuereifer, der ihm nun einmal zu eigen war, den zionistischen Bestrebungen in Wort und Schrift. Mit ihm scheidet eine der markantesten Persönlichkeiten des deutschen Rabbinerstandes, deren Bedeutung im Einzelnen noch zu schildern sein wird. Sein Andenken wird unvergessen fortleben.

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