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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-10-05 · 40 (5.10.1902) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
40 (5.10.1902)
Date
1902-10-05
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Lette 648 Dr. Bloch's WmhVNschrifk. Nr. 40 die übergroße Mehrzahl der Handwerker bereits zu arm, um auch nur einen Theil der Reisekosten leisten zu können, und es ergreift die Verzweiflung immer größere Massen; das Herannahen des Winters mit seinen größeren Bedürfnissen erhöht diese Verzweiflung, und wir gehen einer sehr traurigen Zukunft entgegen. Dazu wird consequent die jüdische Landbevölkerung aus den Dörfern getrieben, die Leute kommen in die Städte und vergrößern das allgemeine Elends Wien. Der Verein zur Ausspeisung armer israelitischer Schulkinder für den XU., XUI., XIV. und XV. Bezirk blickt nunmehr auf das erste Jahr seiner Thätigkeit zurück. Wir haben vor mehreren Monaten Gelegenheit genommen, unsere Glaubensgenossen auf diesen Wohlthätigkeitsverein — eine Schöpfung des leider zu früh verstorbenen Seelsorgers im XV. Bezirke, Sr. Ehrwürden Herrn Rabbiner Dr. Jonathan Wolf — aufmerksam zu machen und constatiren heute, daß der Verein schon im ersten Jahre circa 50 Kinder mit dem Nöthigsten — mit kräftiger Speise — versorgt hat. Den Unschuldigsten und Aermsten der Armen wurde wenigstens einmal des Tages rituelle Kost verabreicht. Ein unermüdliches Damen-Comitö, Frau Regine Landeis an der Spitze, setzt sich für das beginnende zweite Vereinsjahr aber höhere Aufgaben: Die Ausspeisung soll nicht nur bis zum 1. Mai, sondern das ganze Jahr hindurch fortgesetzt werden. Weiters besteht die Absicht, jeden Freitag Abends nach dem Gottesdienste die Kleinen zu einer gemeinsamen Mahlzeit zu versammeln. Auf diese Art werden die Kinder zur Frömmigkeit, artigen Benehmen und zur Geselligkeit angeleitet. Zur Erreichung dieser gewiß edlen Ziele bedarf es aber der eifrigsten Förderung Aller. Es ist unseren Glaubensgenossen in den westlichen Bezirken Wiens nicht möglich, aus eigenen Mitteln all das Elend zu lindern, all die Roth zu bannen, die da draußen an der Peripherie unserer Kaiserstadt, gerade unter unseren Glaubensgenossen herrscht. In Erkenntniß dieses Umstandes hat sich eine große Anzahl Damen von Mariahilf und Neubau schon im Vorjahre aufopferungsvoll bemüht und zeitigte dies den Erfolg, daß zahlreiche Glaubensgenossen aus allen Bezirken Wiens ihren Beitritt als Mitglieder des jungen Vereines anmeldeten. Mögen diese Zeilen dazu beitragen, dem wohlthätigen Unternehmen, welches mit seinen hohen humanen Zwecken die letzte Schöpfung Sr. Ehrwürden Herrn Rabbiner Dr. Jonathan" Wolf bildet und am besten geeignet ist, das Andenken dieses Mannes zu ehren und zu verewigen, zahlreiche neue Gönner und Freunde zuzuführen. — Spenden und Mitgliedsbeiträge sind an den Sitz des Vereines, XV., Turnergaffe 22 zu richten. Kuttenberg. Nach vielen schweren Tagen, die die hiesige Gemeinde schon erlebte, ist endlich ein wahrer Freudentag angebrochen, Der energischen und aufopfernden Thätigkeit des Vorstandes, besonders des Vorstehers Herrn V. B e r a n gelang es nämlich, den vom Rabbiner Herrn A b e l e s angeregten Tempelbau in Angriff zu nehmen und auch durchzuführen Die Pläne zu dem herrlichen Baue wurden vom diesigen Architekten M o r a m e c verfertigt, von dem auch das in dem schönsten und ruhigsten Stadttheil sich befindliche Grundstück erworben und unter dessen Leitung auch der Bau ausgeführt wurde. Der Tempel hat vorläufig 140 Herrensitze und 95 Frauensitze, ist mit Gasbeleuchtung, System Auer, versehen und entspricht sämmtlichen Anforderungen der modernen Baukunst. Der Chor ist separat über der Frauengalerie angebracht, auf dem auch eine neue Orgel mit vollständiger Pneumatik aufgestellt ist. Der Ton ist herrlich, vom sanftesten Pianiffimo bis zum stärksten Forte, leicht spielbar, da durch die Pneumatik geradezu eine blitzartige Fortpstanzuug der Luft zu den Pfeifen hervorgebracht wird. Alles im Tempel Befindliche wurde von hiesigen Handwerkern zur vollsten Zufriedenheit ausgeführt, die Orgel stammt vom hiesigen Orgelbauer Mälzer. Gestern, am 28. September, fand nun die feierliche Einweihung statt. Trotz des schlechten Wetters war die Betheiligung von Seite des jüdischen und christlich-n Publicums so groß, daß der Tempel die Gäste nicht fassen konnte. Eingeleitet wurde die Feier mit einem großen Orgelpräludium, worauf das Ma-towu von Goldstein mit Chor und Solo gesungen wurde. Hierauf dankte der Herr Vorsteher allen Theilnehm rn für deren Erscheinen, indem er die Geschichte des Baues vortrug. Nach dessen Ansprache trug der Chor ein böhmisches Lied für gemischten Chor vor. Der Locolrabbiner Herr A b e l e s bestieg hierauf die Kanzel, entzündete das ewige Licht und hielt eine böhmische Predigt, die auf alle Anwesenden, besonders auf die christlichen Gäste, einen tiefen Eindruck machte. Hieraus wurden die Thorarollen unter Absingung des Goldstein'schen Halleluja in dem Tempel getragen und eine H a k o f o gemacht, hierauf eingehoben und e z c h a j i m gesunken. Hierauf bestieg der Rabb'ner Herr Dr. Weiner aus den kgl. Wembergen die Kanzel zu einer formvollendeten Rede in böhmischer Sprach^ in der er besonders die Nächstenliebe behandelte. Nach derselben verrichtete der Localrabbiner Abeles bei offener Lade das Kaisergebet. Mit dem Absingen der Bolkshymne schloß die einfache, äußerst gelungene Feier. An den fteudigen Gesichtern jedes einzelnen Besuchers sah man die Genugthuung und den schönen Eindruck der Feier. Anwesend waren der Bezirkshauptmann Schapka mit dem Commissär, der Kreisgerichtspräsident Hofrah Jezek mit mehreren Landesgerichtsräthen, Staatsanwalt Dr. Schneider-Swoboda mit den Substituten, der Oberst des hiesigen Infanterie-Regimentes mit einer starken Officiersdeputation, die Directoren der Ober-Realschule und Lehret- Bildungsanstalt mit mehreren Professoren und deren Damen, die Directoren der Volks» und Bürgerschulen, der Bürgermeister Landtagsabgeordneter Machaöek, die Bezirksvertretung; alle anderen staatlichen und autonomen Behörden waren durch Deputationen vertreten und viele christliche Familien. Sehr stattliche Deputationen sandten die Schwestergemeinden Kolin, Podöbrad, Caslau,Gole-Jenikau,Habern, Svstla, Deutschbrod und Polna. Nach dem Gottesdienste versammelten sich die Teilnehmer im „Hotel Moravec" zu einem gemüthlichen Abende, wo ein Concert stattfand, das bis Mitternacht unter gemüthlichster Stimmung verlief, bei dem auch die zahlreichen Glückwünschtelegramme verlesen wurden. Besonders hervorzuheben ist auch die Opferwilligkeit der Chefs der hiesigen Zuckerfabrik M. B. Teller, und zwar die Herren Heinrich Denhof und Dr. Max Lasch, die, nicht nur eine bedeutende Summe zum Baue spendeten, sondern auch alle Zufuhren und den Sand gratis beistellten. Es wäre zu wünschen, daß die Einigkeit, die beim Baue zu Tage trat, sich auch bei der Neuwahl des Vorstandes am 5. October aufs Neue documentiren würde. Budapest. (Hundert Jahre Pest er israelitische Cultusgemeinde.) Hundertjähriges Jubiläum? Die Pester israelitische Cultusgemeinde sollte erst seit einem Jahrhundert besteheu, während es doch Historiker gibt, welche behaupten, daß es in Ungarn schon vor der Landnahme, demnach vor 1000 Jahren Juden gegeben habe, nach Anderen aber eine größere Anzahl mit den Ungarn ins Land gekommen sei? Beide Behauptungen können richtig sein, wenn sie auch nicht unanfechtbar bewiesen sind, und trotzdem ist es richtig, daß die Pester Cultusgemeinde erst seit einem Jahrhundert besteht. Ja, noch mehr: es sind nicht viel mehr als 100 Jahre, daß sich in Pest Juden überhaupt aufhalten, während sie in Buda schon im 11. Jahrhundert und in O-Buda vor der Schlacht bei Mohäcs sich zu Gemeinden constituirt hatten. Die Magistratsräthe des alten Pest waren große Herren und noch größere Antisemiten, und es bedurfte des Eingreifens des freisinnigen Monarchen Kaiser Joseph Ik.. um den'starren Widerstand des Pester Magistrats gegen die Niederlassung von Juden zu brechen. Mit Vertrag vom 30. October 1783 wurde der Altofner Gemeinde gegen eine Jahresmiethe von 500 Gulden gestattet, in der Vorstadt vier rituelle Gasthäuser zu errichten, in welchen durchreisende oder die Märkte besuchende Juden beherbergt werden durften. Diese vier Gastwirthe waren die ersten ständigen, jüdischen Einwohner Pests. Nahezu zweier Jahrzehnte bedurfte es noch, bis die neuen Einwohner sich zu einer Gemeinde constituiren durften. Sie hatten nicht blos den Widerstand der Behörden, sondern auch jenen des Altofner Rabbiners Münz zu besiegen, welcher die Pester Juden durchaus als zu seiner Gemeinde gehörig betrachten wollte. Erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts konnte die Pester Cultusgemeinde sich constituiren und einen eigenen Rabbiner installiren. Sie hatte das Glück, in der Person des Israel Wahrmann aus Altofen einen solchen Seelsorger zu finden, dessen Ambition nicht darin bestand, nach Außen hin mit seiner Gelehrsamkeit zu prunken, sondern die festen Grundlagen zu all' jenen Institutionen zu legen, welchen die Gemeinde unversiegbare Kraft und wohlverdientes Ansehen zu danken hat. Ganz besondere Sorgfalt wurde dem Schulwesen zugewendet, und schon in den Bierziger-Jahren des neunzehnten Jahrhunderts bezeichnte ein berühmter Reisender die israelitische Schule als die schönste Zier von Pest, während der Franzose Appert sie zu den Musterschulen des ganzen Continents zählte. Ein Jahrhundert ist in der Geschichte der menschlichen Entwicklung kein langer Zeitraum. Umso staunenswerther ist die Entwicklung. welche die Pester israelitische Cultusgemeinde in dieser Zeit genommen hat. Diese war eine so rapide, daß es nur Wenige gibt, die ihr zu folgen vermochten. Sie hielt Schritt mit der Entwicklung der Hauptstadt selbst und hat zu ihrem Aufblühen nicht wenig beigetragen. Die starke Triebkraft verdankt sie nicht zum geringen Theile dem Umstande, daß ihr zerrüttende, große, innere Kämpfe erspart geblieben sind, wiewohl es immer Parteien gab, altgläubige und Reformparteien, von welch letzteren wohl jene des Jahres 1848 die interessanteste war. Diese Reformpartei hatte sich ursprünglich blos nationale Ziele gesteckt, wie dies schon ihr Name Magyarisirungsverein" besagt, aber später nahm sie auch die Reform des religiösen Lebens der ungarischen Juden in ihr Programm auf. Der nachmals berühmte französische Publicist

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