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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-09-26 · 39 (26.9.1902) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
39 (26.9.1902)
Date
1902-09-26
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 636 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 39 sowohl für die Soldaten wie für jede Obrigkeit gebraucht.) „Verfluchter Satan!" wiederholte er nochmals mit unglaublicher Wuth. „Und du, schweig' lieber, langnasiger Kranich!* erwiderte mit verzerrtem Gesicht Perminow, der, nachdem er in Folge des unerwarteten Angriffs eine Weile regungslos dagestanden, seine Fassung wiedergewonnen hatte. „Gott hat ihn geschlagen, der Kaiser hat ihn gebrandmarkt, — sitz' schon in deinem Winkel und schnupfe deinen Tabak. Nein — immer wird er borttjiu kriechen, wo ein Pferd ihm einen Husschlag versetzen kann!" „So bist du vielleicht das Pferd? Ein verfluchter Satan bist du, nichts anderes!* „Ein Kranich! Ein Gestäupter! Eine Tabaksnase; das bist du!" „Wer beleidigt so unseren lieben Kranich?" mischte sich aas der Ecke Kitajew in den Streit. „Oho! Perminow ist's! So gib es ihm, lieber Kranich, gib's ihm gehörig! Ein verfluchter Satan ist er, ein Satan!* „Das ist er auch! ein verfluchter Satan!" brüllte der Alte noch einmal, sich in seiner ganzen Größe aufrichtend und seinen Feind drohend anblickend. Im Nu jedoch wurde er ruhiger, ließ sich auf die Pritsche nieder, und in seinen Zügen malte sich der Ausdruck einer Zufriedenheit, die gleichsam ein Ergebniß gewissenhafter Pflichterfüllung war. Dann fuhr er fort, seinen Tabak zu schnupfen, ohne Perminow's weiteres Geknurre der geringsten Ausmerksamkeir zu würdigen. Letzterer jedoch, nachdem er noch eine Weile sein Mülhchen gekühlt und einige gehässige Blicke auf Timofejew und Kitajew geworfen hatte, begann wieder alle seine vernünftigen und guten Eigenschaften aufzuzählen; indessen that er es mit gedämpfter Stimme, um nur von seiner Frau und Nikolajew gehört zu werden. Elftere jedoch schlief schon lange und auch Nikolajew gähnte. Es war augenscheinlich, daß er den Reden Perminow's weniger Aufmerksamkeit schenkte, als dem, was nebenan in der jüdischen Familie vorging. Dort hatten schon alle Thee getrunken. Die Kinder hatten sich beruhigt und schliefen, mit Pelzen, Kleidungsstücken und allerhand Lumpen zugedeckt. Die Köpfchen der Kinder lagen nebeneinander wie Blumen eines Kranzes. Die zwei kleinsten Mädchen, die rothhaarige Surele und die schwarze Ruchele hielten sich umschlungen und schmiegten sich mit den zarten, runden Wangen aneinander. Nur Vater und Mutter schliefen noch nicht und waren in ein leise geführtes Gffpräch vertieft. Die Frau drückte sich hin und wieder im Jargon aus und gebrauchte Worte und Wendungen, welche verriethen, daß sie eine litlhauische Jüdin war; er jedoch sprach nur russisch, und es war augenscheinlich, daß er sich als „echten" Russen betrachtete. Zur Bekräftigung dessen gebrauchte er auch mit Vorliebe — wenngleich immer zur Unzeit, — „echt" russische Wendungen und Sprichwörter, deren Sinn er stets verdrehte. Hustend und die Hand in einemfort auf ihre hagere, eingesunkene Brust drückend, klagte Jenta über ihr Schicksal. Der Gatte sucht sie zu trösten. „Nein, Mojsche, ich werde deine Freisprechung schon nicht mehr erleben. Die Zeit bis dahin ist noch lang, und ich fühle, daß es mit mir zu Ende geht." „Was du nicht redest, Jenta! Du weißt gar nicht, was du sagst! Darf man so reden? Du mußt länger leben als ich. Was kann ich meiner Familie nützen, wenn ich im Gefängniß sitze? Aber ohne dich, was wird aus ihnen werden? Nein, Jenta, du mußt leben, und du wirst sehen ... Du wirst sehen, oaß du hundert und zwanzig Jahre leben wirst! Nicht umsonst haben wir um die Versetzung nach Serentuj gebeten, wir thaten cs, weil uns dort bester sein wird. Die älteren Kinder werden in die Schule gehen und dort Lesen, Schreiben und ein Handwerk lernen. Aus Abram, Chaffe und Bruche wird man Menschen machen ... Drei, vier Jahre noch und Chasse ist ein erwachseilks Mädchen. Was schüttelst du den Kopf? Ich sag' die Wahrheit, Jentele. Ist es so unglaublich, daß unsere Chaffe einen Mann findet? Und einen guten Mann. Wenn ich auch ein Sträfling bin, sie ist ein freies, rechtschaffenes Mädchen, die Tochter einer freien, rechtschaffenen Mutter. Und Abram ist auch schon ein großer Junge. Es ist Zeit, daß er ein Handwerk erlernt. Entweder ein Schlosser. oder ein Schmied, oder ein Drechsler wird er werden. Sein Vater wußte seine Hände zu brauchen, und er wird auch ein guter Arbeiter sein. Was sagst du?" „Ich werde deine Freisprechung nicht mehr erleben." „Nu, warum redest du so, Jenta? Warum sollst du das nicht erleben? Von Serentuj ist es viel näher zur Obrigkeit... Wenn ich den Commandanten sehen werde, fall' ich ihm zu Füßen. Er wird mich fortstoßen, ins zweite Zimmer gehen, — ich folge und fall' ihm wieder zu Füßen! Er geht in's dritte Zimmer, — ich ihm nach ... Er kommt Tags darauf, und Tags darauf fange ich wieder an zu bitten: „Ew. Hochwohlgeboren! Meine Frau ist krank, Kinder haben wir eine ganze Menge, eines immer kleiner als das andere. Ich bin ein ehrlicher Handwerker. Mit meiner Hände Arbeit habe ich meine Familie ernährt. Geben Sie mir die Freiheit wieder!" Nun, was meinst du, Jenta? Ich denke, er schenkt mir die Freiheit!" „Wenn er's thäte, wär' es gut. Wenn er dich aber zu weiterer Haft verurtheilt?" „Und du, Jenta, du mußt mir helfen. Ich von einer Seite, du von der anderen ... Ich bitte, du bittest noch flehentlicher ... Chasse, Bruche, Abram, Surele, Ruchele — alle weinen, alle fallen ihm zu Füßen . . . Schließlich wird es ihm lästig und er sagt: „Ja, wirklich! Man soll Mojsche Boruchowitsch befreien!" Siehst du, Jenta. ich will nicht Mojsche heißen, wenn er nicht so sagen wird! Nu, und dann werden wir schon ruhig leben! Du wirst sehen, Jenta. Jede Arbeit kann ich machen. Daß ich jetzt wie ein krepirtes Pferd aussehe, das hat nichts zu bedeuten... Die Kräfte habe ich noch nicht verloren, und meine Hände freuen sich auf die Arbeit ... Du wirst noch wie eine Dame gekleidet gehen. Ich will nicht von der Stelle aufstehen, wenn ich lüge: Du wirst eine Dame sein, Jenta!" „Worüber bist Du so aufgeregt, Boruchowitsch?" fragte plötzlich eine Stimme neben der Pritsche. Jenta und Mojsche erbebten und richteten sich erschrocken in die Höhe. Doch beruhigten sie sich sofort, als sie beim schwachen Schein des Talglichtes, welches den Raum nur nothdürftig erhellte, Nikolajew's gutmüthiges Gesicht erblickten. Von allen Sträflingen dieser Compagnie war er der Einzige, den sie achteten. Trotz seiner scharfen Zunge und der Neugierde, mit der er fremde Angelegenheiten zu erforschen suchte, machte er den Eindruck eines seelensguten Menschen und flößte Vertrauen ein. „Setzt euch, Alterchen, setzt euch", forderte Mojsche freundlich auf. „Ihr werdet uns ein lieber Gast sein. Seht, meine Jenta klagt, daß es bis zu meiner Freisprechung noch so lange dauern wird, und ich sage ihr, daß wir auf Gott vertrauen sollen. Nicht wahr, Gott kann Alles zu unserem Besten wenden. Er hat uns diese Prüfung auferlegt, er kann uns von hier befreien." „Schlecht genug steht es mit ihr. Woran, ich bitte dich, hängt unsere Seele? Freilich, das Sterben wird Einem nicht leicht, wenn man solch' eine Schnur Kinder zurückläßt. Aber fruchtbar seid ihr Juden, das muß man schon sagen, schrecklich fruchtbar!" „Auch das, Alterchen, ist Gottes Fügung. Ein Jude — weißt du — ist auch ein Mensch. Oder, wie scheint es Dir, ist der Jude vielleicht kein Mensch?" „Ein Mensch ist ein Mensch. Warum habt ihr aber Christus gekreuzigt? Jetzt rächt er sich dafür und verfolgt euch in der ganzen weiten Welt." „Und warum verfolgt er euch? Ihr seid doch keine Juden." „Uns? Uns straft er für unsere Sünden .... Ach, ach, ach! wie schwer sind unsere Sünden! Du thust mir leid, Boruchowitsch! Wie ich sehe, bist Du ein aufrichtiger Mensch. Sieh' nur, der dort (mit einer Bewegung seines Bartes wies er auf den heiter plaudernden Kitajew), ist ein Russe, ein Christ, nun, und was hilft's? Für eine kupferne Kopejke wird er dich verrathen und verkaufen. Wieso ist es aber gekommen, daß du mit deiner Familie hier bist?" „Ich bin unschuldig, weiß Gott, daß ich unschuldig bin. Ich büße für einen Anderen. Und alles, weil ich ein Jude bin. Die Kirche unseres Dorfes wurde beraubt. Auf wen fällt der Verdacht? Selbstverständlich auf einen Juden. Man durchsuchte mein Haus und fand in demselben ein Kirchentuch.Der Teufel selbst muß es dort hingeworfen haben. Bis heute wissen weder Jenta noch ich, auf welche Weise dies geschehen konnte. Aber das galt als Beweis und zu siebzehn Jahren Zwangsarbeit wurde ich verurtheilt." „Wenn du nicht lügst, bist du bedauernswerth. Ja, wenn man uns Glauben schenken möchte, so gibt es keinen einzigen Schuldigen hier . . . Auch Perminow sagt, daß er für die Wahrheit leidet.. . . Und Jener dort! An den Augen sieht man ihm an, daß er ein Räuber ist."

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