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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-09-26 · 39 (26.9.1902) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
39 (26.9.1902)
Date
1902-09-26
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 39 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 637 »Und du, Großväterchen, wofür bist du hier?" »Ich? . . . Nehmen wir an, daß ich wirklich unschuldig bin? . . Wer wird mir glauben? Das Gericht hat mir nicht geglaubt, aus welchem Grunde sollst du oder sonst irgend Jemand es thun wollen? Ich mag daher auch gar nicht darüber sprechen. Das muß man gründlich untersuchen. Wer weiß, ob man nicht am Ende noch nach der Zeit der Zwangsarbeit sich sehnen wird?" „Kann schon sein", bestätigte Boruchowitsch, der ebenfalls gern philosophirte, „sagt doch das russische Sprichwort: was wir haben, hüten wir nicht, wenn das Gewand verloren ist! . ." Nachdem er etwa eine halbe Stunde in Gesellschaft des Ehepaares zugebracht, erhob sich Nikolajew und kehrte — da die Gespräche mittlerweile in allen Ecken verstummt waren — laut gähnend auf seinen früheren Platz zurück. Dort breitete er auf der Pritsche seine schmale, wollene Matratze aus, befestigte seinen Sack als Kopfkissen, und nachdem er sein Gebet auf den Knieen verrichtet und dabei mehrmals mit dem Haupt an die schmutzigen Dielen des Gefängnisses geschlagen, begab er sich zur Ruhe und zog — nach Bauernsitte — beim Zudecken den Pelz über den Kopf. Doch lange noch suchte der Schlaf ihn nicht auf. „O, Herr, Herr, verzeihst du unsere Schwächen?" dachte der Greis mit aufrichtiger Zerknirschung. „Sündigt man nur einmal, ohne sich dessen bewußt zu werden, so begeht man das Böse weiter und weiter, in einemfort bis zum Schluß. Nehmen wir zum Beispiel diesen Juden : wahrscheinlich hat er die Kirche beraubt und fürchtet nur es einzugestehen. Ach. ach, ach! Alle streben wir nach Reichthum und bereiten uns die Hölle hier und im Jenseits. So ich seinerzeit. Ich lebte ordentlich, trank, aß und kleidete mich wie ein anständiger Mann, genoß die Achtung der Fremden, die Liebe meiner Kinder und plötzlich — Alles vorbei! Als hätte ich mich selber in einen Abgrund gestürzt! Der Kopf war während langer Jahre rasirt, an den Füßen klirrten eiserne Armbänder — und unter welchen Menschen mußte ich leben, was Alles sehen und hören! . . . Jetzt, nehmen wir an. ist all' dies vorüber und ich bin ein freier Mann . . . Nun, so wie es war, wird es nie mehr werden! Meine Geburtsstadt werde ich nie Wiedersehen, in der Fremde, in der Erniedrigung sterben, von meinen Kindern vergkssen und verflucht... Ja. Und wo werde ich auf meine alten Tage ein Stückchen Brot finden? Das Bischen Geld, das ich im Gurt und in den Stiefelschäften eingenäht habe, bildet jetzt meine einzige Hoffnung. Und da schimpfen noch Kitajew und die Anderen über meinen Geiz, nennen mich einen Teufel. Ich möchte sehen, wenn Jeder von ihnen 63 Jahre alt wäre, wie sie dann singen würden. Und sonderbar ist dieser Kitajew! „Pachte den Markt", sagt er, „die Compagnie ist zahlreich und die Leute haben Geld." Nun, und zu welchem Zweck soll ich, ein Greis, mich in diese Angelegenheiten mischen? Das muß ja ein schlechtes Ende nehmen. Es ist wahr, daß ich schreiben kann und ein scharfes Auge habe. Aber ich sehe nichts besonders Kluges darin: einige Spiele Karten im Vorrath haben und nun gib Acht: wisse, wie viel Partie» des Nachts gespielt werden und wie viel deine Percente betragen. O, nein! Pfui, pfui! Herr, verzeih', vergib! Sie mögen thun, was sie wollen, für mich ist schon der bloße Gedanke daran eine Sünde! . . ." (Fortsetzung folgt.) Literatur. Neue Bücher. 2o. Jahresbericht der Landes-Rabbinerschule in Budapest. Für das Schuljahr 1901—1902.. Voran geht: Studien zum althebräischen Buchwesen und zur Biblischen Literaturgeschichte von Professor D r. Ludwig Blau. Budapest 1902. Kriefkasten. Pan Derganew. Der Bankkrach in Hannover ist kein semitisches, ondern ein rein arisches Familienereigniß. Gegen Ende der Neunziger- Jahre thaten sich auf Anregung von antisemitischen Herren aus der Stadt Hannover Bauern und Kleingewerbetreibende aus der Provinz Hannover zur Gründung einer Bank zusammen. Die Gründung machte sehr viel Schwierigkeiten, gelang aber endlich doch. Das Actiencapital belief sich auf 1 Million Mark und wurde durch kleine Kaufleute, Grundbesitzer und antisemitisch gesinnte Männer gelehrten Berufs aufgebracht. An der Spitze der Bewegung zur Gründung der „Hannoverschen Landesbank", wie sich das Institut nannte, stand der Gewerbekammersecretär Dr. Lindström, der die Carriere eines Gymnasial lehrers aufgegeben hatte, um sich der antisemitischen Agitation und der „Mittelstandsbewegung" zu widmen. Die erst 1899 ins Leben getretene Bank, die in drei Jahren ihrer Existenz, 5, 5 und 4"/» Dividende bezahlt hat, macht jetzt die Einstellung ihrer Zahlungen bekannt. M. F. Die Besprechung der Schrift „Portugiesengräber" von Dr. G r u n w a l d stammt aus der Feder des Herrn Dr. S. Frankfurter und ist nicht vom Herrn Dr. Friedländer. Leser der Wochenschrift. Der Bericht des St. Petersburger „Herold" war in der „Oesterr. Wochenschrift" bereits früher zu lesen. K. In seiner großen Rede vom 30. Jänner 1872 sagte Fürst Bismarck: Ich habe gefunden, daß gerade die Juden sich durch besondere Intelligenz und Befähigung für staatsmännische Wirksamkeit auszeichnen. F. Paris. Tie Theilnahme der Jüdin an dem Kampfe zu Gunsten der katholischen Congregationen entbehrt nicht des Humors. Prinz Ferdinand de Lucinge hat an den Präfecten des Departements „Cotes du Nord" einen Protest gegen die Schließung der Nonnenschule in seiner kleinen Gemeinde, als dessen Maire er fungirt, gerichtet und mitgetheilt, daß er auf die Stelle des Maires verzichte, um nicht an den Angriffen gegen die Gewissens- und Unterrichtsfreiheil und gegen das Eigenthum theilzunehmen. Seme Gemahlin, die Prinzessin Lucinge, welche das Lehrerinnendiplom erlangt hat, erklärt, selbst eine freie Schule zu eröffnen und als Lehrerin die Nonnen zu ersetzen. Die Prinzessin Lucinge ist eme Tochter des Herrn Michael Ephrussi (eines nach Frankreich verzogenen russischen Juden) und seiner Gattin, geborenen Beer, einer Nichte von Meyerbeer. Sie ist die zweite Frau des Prinzen Ferdinand de Lucinge, welcher in erster Ehe mit Raphaela Cahen d'Anvers vermählt gewesen ist. Diese war die Tochter von Raphael Cahen d'Anvers (eines belgischen Inden Cahen aus Antwerpen), der vor Jahresfrist bei einem Automobilunfall den Tod gefunden, und der Baronin Irene Morpurgo. Nach dem am 5. December 1900 erfolgten Ableben seiner jungen Frau vermählte sich Prinz Lucinge bereits sieben Monate später, am 2. Juli 1901, mit Fräulein Raphaela Ephrussi, welche nun die frommen Landleute des Norddepartements von ihren Fähigkeiten als geprüfte Lehrerin profitiren lassen will, um das Werk der Klosterschwestern fortzusetzen. A. S. Anonyme Zuschriften können nicht berücksichtigt werden. Itotben. Zur Herbstfaison. Es erscheint gerade zum Beginne der Herbstsaison angemessen. die Aufmerksamkeit der L. T. Damen und Herren auf das großartige, modernst maschinell eingerichtete Etablissement für moderne Dampf-Kleider färberei und chemische Maschinen Wäscherei der Firma Ligmund Fluß, Brünn, aufmerksam zu machen. — Das bereits mit 3 Ehrenkreuzen, k. k. Privilegium und 10 Medaillen für hervorragende Lei st ungen ausgezeichnete Unternehmen hat seinen Sitz in Brün n, hält jedoch zahlreiche eigene Fabriksniederlagen in allen Haupt st ädten der Monarchie (siehe Inserat l e tz t e S e i t e). Als Specialität betreibt diese bestrenommirte Firma die Seidenkleider- und Straußfedern-Färberei. Provinzaufträge werden ebenso prompt erledigt, als in der Centrale erfolgt. Beste Referenzen aus den höchsten adeligen Kreisen, Militär- und bürgerlichen Oesterreichs-Ungarns. — Fabriksfiliale: Wien, H., Kleine Sperlgafse 8. K. k. Wiener Polizei-Lotterie. Für eine Krone nur, die ein Los dieser Lotterie kostet, spielt man in der unwiderruflich am 4. Oktober d. I. stattfindenden Ziehung auf 100 Haupttreffer — darunter auch solche im Werthe von 95.000, 5000, 1000 Kronen — und 1400 Nebentreffer mit, und trägt gleichzeitig zu einem eminent Humanitären Zwecke bei. Zu haben sind solche Lose in allen Wechselstuben, Tabak-Trafiken, Lotto-Collecturen und im Polizei-Lotterie- Bureau, I., Singerstraße 2. Aufruf. Kein Almosen, nur Arbeit! Ein armer jüdischer Diener, Familienvater und Ernährer seiner seit Jahren gelähmten Mutter, hat durch Machinationen seiner christlichen Collegen in einem jüdischen Hause seinen Posten, welchen er durch nahezu 5 Jahre bekleidete, verloren und nagt mit seiner Familie seit 6 Wochen am Hungertuche. Trotz der krampfhaften Anstrengungen, welche der Mann Tag um Tag macht, um einen bescheidenen Posten zu erlangen, ist er nicht im Stande, ein Unterkommen zu finden, weil, kaum ist es zu glauben, ihm bei den eigenen Glaubensgenossen die Confession hinderlich ist. Der Mann ist brav, solid und anstellig und für seine Ehrlichkeit wird die weitgehendste Garantie geleistet; er würde sich als Bureaudiener, Jncassant oder dergleichen gut eignen und vielleicht gibt es in dem großen Wien doch ein edles jüdisches Haus, welches eine brave jüdische Familie durch Verleihung einer Anstellung voni Hungertode rettet. Die Adresse des Mannes lautet: Heinrich Kohn> Floridsdorf, Hauptstraße 25.

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