Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 39 (26.9.1902)
- Date
- 1902-09-26
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Sette «38 Dr. Blmtz's Worhsnschrift. Nr. 89 richtung eines öffentlichen Gotteshauses üben Sie, die uralte, nach mehrhunderljähriger Unterbrechung, vor etwa 50 Jahren wiedererstandene israelitische Cultusgemeinde Wiener-Neustadt, einen wahren Lickusek Haschern, eine Heiligung des göttlichen Namens. Durch den öffentlichen Gottesdienst, zu welchem nicht allein unseren Glaubensgenoffen, auch unseren christlichen Mitbürgern der Zutritt offen steht, wird der Beweis geliefert und immer und immer wieder von Neuem erbracht, daß wir gar nichts zu verheimlichen und zu verbergen haben, daß Alles, was bei uns gesagt und gesungen, gelehrt und gelernt wird, in ethischer Beziehung gegenüber unseren Mitmenschen in dem obersten Princip unseres Sittengesetzes wurzelt, in dem Principe, welches in dem 19. Capitel des 3. Buches Mosis seinen lapidaren Ausdruck findet in den Worten: Weohawto Lereacho Romancho. Du sollst lieben Deinen Nächsten wie Dich selbst. Die Errichtung des öffentlichen Gotteshauses in dieser Gemeinde liefert aber auch den Beweis und ist der Ausfluß der zwischen uns nie erloschenen und nie erlöschenden Zusammengehörigkeit. Diesem Gedanken, diesem Empfinden gebe ich Ausdruck durch meine Begrüßung namens der größten israelitischen Gemeinde des Reiches, der Wiener Cultusgemeinde. Und ich reihe hieran die Beglückwünschung und Begrüßung Hunderter israelitischer Cultusgemeinden Oesterreichs, welche in der von mir präsidirten Bereinigung, der auch seit deren Begründung Ihre Gemeinde angehört, dem allgemeinen österreichischen israelitischen Bund, vertreten sind. Und ich reihe hieran die Begrüßung namens des großen Vereines, der seit einem Drittel Jahrhundert es sich zur Aufgabe setzt, unseren Glaubensbrüdern dort, wo sie ihres Glaubens wegen zu leiden haben, es sei im In- oder Auslande, hilfreich zur Seite zu stehen. Es ist die Israelitische Allianz zu Wien. Für unseren Willkomms- und Abschiedsgruß bringt uns ein uralter Brauch das schöne Wort: Leholem aleetiem. Friede sei mit Euch. Mit diesem an die Cultusgemeinde Wiener-Neustadt, an alle hier im Gotteshause Anwesenden, an alle Bürger dieser Stadt gerichteten Begrüßungsworte: Lcholeur alechem, Friede sei mit Euch — schließe ich/ Mit der Absingung der Volkshymne schloß die glänzende Feier, welche allen Anwesenden eine bleibende Erinnerung bilden wird. * * * Das neue Gotteshaus, welches am Baumkirchnerring steht, ist ein in maurischem Style vornehm gehaltener Bau. der nach allen Seiten hin freisteht und dadurch einen außerordentlich günstigen Eindruckmacht. Jnsbesonders sind es die sorgfältige einheitliche Durchführung des Styls, die reiche, jedoch nicht überladene Ornamentirung und die polychrome Behandlung der Fanden und des Innern, die dem Bau einen großartigen Charakter gibt und namentlich bei längerer Betrachtung einen sehr harmonischen Eindruck macht. Alle Bau- und Einrichtungsarbeiten sind solid und mit größter Sorgfalt durchgeführt. Wir haben bereits der Baumeisterarbeiten und des Baumeisters Franz L. S ch m i d t in Baden erwähnt. Hervorgehoben seien noch die Tischlerarbeiten des Wiener Bau- und Kunsttischlers Jacob Boglhut, namentlich der mit Ornamenten geschmückte Altar, der wohl zu dem Besten zählt, was auf diesem Gebiete gemacht werden kann. Sodann die Schlofferarbeiten von Ferdinand Braun st ein, (Gemeinderath in Wr.-Neustadt), der insbesonders die Kunstschmiedearbeiten sehr sorgfältig durchgeführt hat; die Steinmetz- und Marmorarbeiten von I. Goldschmidt in Wr.-Neustadt Kunstspänglerarbeiten und Metallornamentik von Ferd. P i ck in Wien; Anstreicherarbeiten von Ignatz Berger in Wr.-Neustadt; die Kunstbemalung der Fatzade der Decken und Wände im Innern von dem rühmlichst bekannten k. u. k. Hofmaler Josef K o t t; die Kunstverglasungen von den Firmen G e y l i n g und Kratzmann; Pflasterungsarbeiten von der fürstlich Liechtenstein'schein Thonwaarenfabrik in Themenau (Brüder Schwadron in Wien); Metallschriften von Michael Winkler u. Sohn; Beleuchtungsobjecte von Adolf Kelsen; das „ewige Licht" von Friedrich I e l l i n e k; die Silbergeräthe für eine Thorarolle von Max Schwarz in Wien; Kunststickerei von M. Bels in Wien. Nach Schluß der Feier wurde Baurath S t i a ß n y von vielen Anwesenden, Allen voran Bürgermeister K a m m a n n und den erschienenen Officieren, zur glücklichen Vollendung des Baues beglückwünscht. Auch dem Präsidenten der Cultusgemeinde, Herrn Ignaz S ch i s ch a, wurde allgemeine Anerkennung für die Ausführung des allen Anforderungen entsprechenden Gotteshauses ausgesprochen. Telegraphische Glückwünsche liefen ein von: Cultusgemeinde St. Pölten; Baronin Charlotte Königswarter; David Ritter von Guttmann; Albert Freiherrn v. Rothschild; Director Emil Horner; Cultusgemeinde Purgstall; Architekten Fleischer; Vorstand des Synagogenvereines Beth Israel; Rabbiner und Vorstand der Cultusgemeinde Malaczka; Präsidenten kaiserl. Rath Heinrich Klinger; Örthod. Jsraeliten-Gemeinde Preßburg; Rabbiner W. Reich, Baden; Cultusgemeinde königl. Weinberge; Fabrikanten Kelsen; Dr. Emil Sonnenfeld, Wien. Schriftlich gratulirten: Cultusgemeinde Mistelbach; Gablonz, Gustav Bettelheim; Probstpfarrer Monsignore Dr. Carl Schnabl; Hofcaplan Med.-Dr. Friedenthal, Karlsbad, u. A. Correspondenzen. Zu den bevorstehenden Cultusvorstands-Wahlen. Eingesendet. Herr Redacteur! Ein Dritttheil des Cultusvorstandes soll mit Ende dieses Jahres ausgelost werden und im November finden die Neuwahlen statt. Dem Vernehmen nach haben bereits mehrere der bisherigen Vorstandsmitglieder eine Wiederwahl abgelehnt. Es müssen also neue Männer gewählt werden; es wäre wünschenswerth, daß die Wähler diesmal etwas umsichtiger zu Werke gingen als üblich, denn der Boden wankt unter dem Judenthume in Wien. Es wäre hohe Zeit, alle Gönnerschaften, Parteiactionen bei Seite zu lassen. Man sollte meinen, daß eine Cultusvorstandsstelle für Eitelkeit keinen Zielpunkt bildet, da man weder Orden noch Titel dabei einheimsen kann. Auch könnten die Zionisten — selbst wenn ihnen ein Mandat in die Hände fällt, für ihre „öffentlich-rechtlichen" Bedürfnisse keine Förderung finden. Man braucht doch wahrlich weder Streber noch Nationalisten im Vorstand, keine Affimilanten und keine Leute' die plötzlich ihr jüdisches Herz entdecken, sondern Juden, confeffionelle Juden, die sich um den Cultus, die Schule und die Armenpflege kümmern. Gestatten Sie einem alten Gemeindemitglied kurz und klar zu sagen, was von einem Candidaten für den Cultusvorstand gefordert werden sollte. Zunächst, daß er die Sprache der Bibel, die Gebetsprache kenne und auf den Ritus etwas gebe. Bon den 36 derzeitigen Vorstandsmitgliedern dürften etwa sechs dieser Bedingung genügen; es wäre daher kein unbilliges Verlangen, daß die neuen Candidaten hierbei besser Bescheid wissen. Sodann brauchte man einen tüchtigen Verwaltungsmenschen, der etwas für die Berbefferung der kostspieligen und unzureichenden Gemeindeverwaltung leisten könnte. Unter den zahlreichen jüdischen Verwaltungsräthen müßte sich doch Material finden. Und schließlich bedürfte es eines Arztes, der die bei der Armenpflege nicht länger zu vermeidenden ärztlichen und hygienischen Fragen, die Armenkrankenpflege, die Kindersterblichkeit, die Tuberculosenfrage etwas fester ins Auge faßte. Ihr Blatt, Herr Redacteur, sollte sich mit diesen Postulaten eingehend befassen. Ein Wähler. Zum Proeeß Hrlsner. Zum Polnaer Proceffe zwischen dem scharfsichtigen Herrn Pesak und der Gemeinde Polna meldet man uns einige Einzelnheiten. Die Gemeinde Polna hat seinerzeit auf die Ausforschung des Mörders der Agnes Hruza einen Preis von 200 Kronen ausgeschrieben und die Gemeinde VeZnic 100 Kronen. Um diese Entlohnung meldete sich der Gendameriewachtmeister Klenovec, und um einen Beweis zu haben, bewarb er sich früher bei dem Gendameriecommandanten um die „Taglia", aber dort wurde sie ihm verweigert. Jetzt tritt mit dem Ansprüche PeZak auf. Jüngst verlangte er von der Gemeinde VeLnic 100 Kronen unter dem Vorwände, daß ihm von der Gemeinde Polna die Belohnung schon ausgezahlt worden sei. Die Gemeinde VeniL zahlte ihm also die 100 Kronen. Als sie aber nun erfuhr, daß Pesak von Polna nichts bekommen und sie betrogen habe, machte sie gegen Peöak die Strafanzeige wegen Betrug. Im Proceffe des Pesak gegen Polna ist das Urtheil am 22. September gefällt worden.