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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-09-26 · 39 (26.9.1902) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
39 (26.9.1902)
Date
1902-09-26
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 39 Dr. Bloch's Wochenschrift. Sette 631 sicht zutheil werden von dem allbarmherzigen, allerbarmenden Vater da oben, dessen Name hier geheiliget und gepriesen, verherrlichet und gelobt werden möge in alle Ewigkeit. Mit einer begeisterten Ansprache hat hierauf der Ortsseelsorger Herr Rabbiner Weiß das ewige Licht angezündet, worauf während der Absingung des Psalmes 24 unter Vorantritt einer Schaar blühender Kinder, weißgekleideter Mädchen, der Einzug der Thorarollen erfolgte. Der Oberrabbiner Herr Dr. G ü d e m a n u betrat sodann die Kanzel. Festpredigt des Oberrabbiners Dr. Güdemann. Unter den freundlichen Verheißungen des diesmaligen Wochenabschnittes findet sich auch das gewiß einem j'ben von Euch geläufige Wort: „Gesegnet seist Du bei Deinem Eingänge und gesegnet seist Du bei Deinem Ausgange". Ich kann gewiß kein besseres Begrüßungs- und Leitwort als dieses wählen, wenn ich jetzt, Euerer Einladung folgend, die Einweihung dieses Gotteshauses mit einer Darstellung seiner Bedeutung vollziehe. Diese Bedeutung ist eine zweifache: eine allgemeine und eine besondere. Was die erstere, die allgemeine Bedeutung des Gotteshauses betrifft, so macht weder die Zeit, noch der Oct seiner Errichtung, noch auch seine äußere Erscheinung darin einen Unterschied. Dieser allgemeinen Bedeutung des Gotteshauses hat der Herr selbst Ausdruck verliehen, wenn er sagt: „An jedem Orte, an welchem ich meinem Namen ein Gedächtniß stifte, werde ich zu Dir kommen und Dich segnen." Und eine Ergänzung dieses Wortes bildet das andere: „Du wirst Gott finden, wenn Du ihn suchest mit ganzem Herzen und ganzer Seele". Im Rahmen dieser uralten Aussprüche der Thora ist die allgemeine Bedeutung des Gotteshauses eingeschlossen. Mag es ein mächtiger Dom oder eine bescheidene Hütte sein, wo wir unsere Andacht verrichten — die wahre Heiligkeit verleiht ihnen allein Gott und unsere Andacht. Diese Bedeutung hat dem Gotteshause zu allen Zeiten innegewohnt und wohnt ihm auch heute inne. Denn das Bedürfnis, aus welchem Gotteshäuser hervorgehen, und dem sie dienen, ist so tief in der menschlichen Ratur begründet, daß es zu allen Zeiten hervorbricht und Befriedigung verlangt. Es ist das Bcdürfniß nach Sammlung, wozu wir in dem zerstreuenden Getriebe der Welt nicht gelangen können, es ist das Bedürfniß nach gemeinsamer Erhebung zu Gott, das allein im Gotteshause volle Befriedigung finden kann. Dieses Bedürfniß hat auch Euch gedrängt, mit opferfreudiger Bereitwilligkeit dieses Haus zu erbauen, in das Gott mit Euch seinen Einzug hält. Wer hier künftig mit rechter Andachl einkehrt, und gehoben, gebessert von hier scheidet, den empfängt und entläßt Gott mit dem Gruße: „Gesegnet seist Du bei Deinem Eingang, und gesegnet seist Du bei Deinem Ausgang". Aber dieses Gotteshaus hat neben seiner allgemeinen Bedeutung noch eine besondere, ihm eigenthümliche, und in Bezug darauf machen Zeit und Ort und äußere Erscheinung allerdings einen Unterschied. Wir befinden uns hier auf einem für die Geschichte der Juden bedeutungsvollen Boden, und wenn wir' jetzt unsere Blicke rückwärts, in die Vergangenheit schweifen lassen, da werden verschiedene Erinnerungen, freudig: und allerdings auch wehmuthige in uns wach. Hier blühte einst eine angesehene jüdische Gemeinde, in deren Mitte Gelehrte, die unter den Juden einen Weltruf genossen, das Panier unseres Glaubens und unserer Lehre hochhielten. Ich mache nur einen von ihnen namhaft, dessen Gutachten und Entscheidungen hochgeschätzt sind. Das ist Rabbi Israel b. Petachja, genannt I s s e r l e i n, der hier im Jahre 1460 gestorben ist. Bon ihm schreibt einer der größten Rabbiner des XVI. Jahrhunderts, Rabbi Salomo Luria: „Die Ansicht Jsserlein's ist maßgebend, von seinen Worten weiche nicht, denn er war groß und hervorragend zu seiner Zeit, hat religiöse Praxis vor sich gesehen und Ueberlieferung empfangen, und kannte von Grund aus die verschiedenen Bräuche deutscher und österreichischer Gelehrter, die fromm und Männer der That waren". Zu diesem gefeierten Lehrer, und zu älteren vor ihm, bis in das XIII. Jahrhundert zurück, wallfahrteten aus weiter Ferne lernbegierige jüdische Jünglinge, von den Ufern der Elbe, des Rheins und der Donau strömten sie hier zusammen, um den Vorträgen dieser Männer zu lauschen, und so bildete Wr.-Neustadt eine altberühmte, vielbesuchte Stätte jüdischer Gelehrsamkeit. Das ist gewiß eine freudige und stolze Erinnerung, die, wie bei häuslichen Festen ein altes kostbares Familienerbstück hervorgeholt wird, um damit die Feier zu schmücken, es ebenso verdient, bei dieser Feier hervorgeholt und verlautbart zu werden. Aber ich möchte hiebei noch eines anderen Umstandes gedenken. Die Verkehrs- und Vortragssprache in den hiesigen Schulen war die deutsche. Die ebenso wanderlustigen wie lerneifrigen jüoischen Jünglinge nahmen sie nun weiter nach Süden mit sich, und hielten bei der den Juden eigentümlichen Anhänglichkeit auch in dem Geltungsgebiete eines anderen Idioms unverbrüchlich daran fest. So kam es, daß weit über die jetzige deutsche Sprachgrenze hinaus, selbst in Oberitalien, in den jüdischen Gemeinden deutsch gesprochen und gelehrt wurde und daß die Juden freiwillige Vorposten der deutschen Sprache bildeten. Aber was diese freundliche Erinnerung von der geistigen Bedeutung und gewerblichen Regsamkeit der Juden und von der Pflege des Deutschen in den jüdischen Gemeinden uns enthüllt, das wird verschleiert und verdunkelt durch eine andere, wehmütige Erinnerung. Der Geist der Unduldsamkeit drang hier und in die benachbarten Provinzen ein und führte die Vertreibung der Juden herbei, die indeß nicht für sie allein beklagenswerth war. Denn Unrecht und Gewalt schaden nicht blos dem, der sie erleidet, sondern auch dem, der sie ausübt. — Das ist eine leider oft vernachläffigte Wahrheit. Aber die Zeiten sind andere geworden, und heute erhebt sich in der jüdischen Gemeinde zu Wr.-Neustadt wieder ein Gotteshaus, wohl nicht an demselben Orte, wo das einstige stand, aber sicher in schönerer Gestalt. Freuen wir uns dessen und lassen wir die wehmüthigen Erinnerungen und eben solche Betrachtungen, zu denen auch manche Erscheinung der Gegenwart Anlaß gibt. Freuen wir uns, daß dieses Gotteshaus erbaut werden konnte und eingeweiht wird unter den Segnungen der Menschenliebe und der Duldung, welche die Vertreter der hohen Regierung und dieser Stadt und zahlreiche Mitbürger durch ihr Erscheinen bekunden. Gedenken wir aber auch der Lehre, die eine Verordnung des diesmaligen Wochenabschnittes uns ans Herz legt. Wenn in alter Zeit der Israelit die Erstlingssrüchte des Erdreichs im Tempel zu Jerusalem darbrachte, dann mußte er ein Bekenntniß oblegen, worin er bezeugte, daß er seiner dürftigen Vergangenheit eingedenk sei, aber der Gnade Gottes durch seine Frömmigkeit und Wohltätigkeit sich würdig erwiesen habe, so daß er sprechen könne: „Ich habe auf die Stimme des Ewigen, meines Gottes, gehört und ich habe ganz so gethan. wie Tu mir geboten." Doch dies alles mußte der Opfernde still für sich sagen, er durfte sich seines Verhaltens und Thuns nicht laut berühmen, und erst bei dem Schlußworte durfte er seine Stimme erheben : „Schaue.h-rnieder von Deinem heiligen Sitz im Himmel und sende Deinen Segen." So, denke ich. geziemt es auch uns zu thun. Bon dem, was Menschen schaffen und wirken, davon sollen sie mit gepreßter Stimme und bescheidentlich reden, und wenn wir heute dieses Gotteshaus einweihen als die Erstlingsfrucht anderer Zeiten und besserer Zustände, so wollen wir auch von diesen nicht viel Aufhebens machen, denn es bleibt noch viel zu wünschen übrig, — aber laut und voll Dankbarkeit wollen wir unsere Stimme zu Gott erheben und ausrufen: „Schaue hernieder von Deinem heiligen Sitz im Himmel und sende Deinen Segen!" Segne, beschütze und erhalte unseren erhabenen und gütigen Landesvater, der alle seine Untertanen mit gleicher Liebe umfaßt, Kaiser Franz Joseph I. und das ganze kaiserliche Haus, segne das Vaterland, daß die Bande des Friedens und der Einigkeit alle seine Stämme umschlingen, segne diese Stadt, daß sie wachse, blühe und gedeihe, segne diese Gemeinde, daß Deine heilige Lehre, Wahrheit, Recht und Tugend in ihr eifrige Pflege finden, segne Alle, die an diesem Bau mitgewirkt, die ihn entworfen und ausgeführt, die das Haus geschmückt und ausgestattet und Liebesgaben für seine Errichtung gespendet haben, und möge jetzt und in aller Zukunft an denen, die hier andächtig ein- und ausgehen, das Wort sich erfüllen: „Gesegnet seist Du bei Deinem Eingang und gesegnet seist Du bei Deinem Ausgang!". Amen. * * * Nach dieser feinen tact- und geistvollen Rede des Oberrabbiners, welche den Glanzpunkt des Festactes bildete und von starker Wirkung auf alle Anwesenden war, ergriff der Bicepräfident der Wiener israel. Cultusgemeinde Dr. Alfred Stern das Wort zu folgender Ansprache: Für die Wiener israelitische Cultusgemeinde habe ich als deren Bicepräsident die Mission übernommen, die Glückwünsche, welche Ihnen dieselbe anläßlich der Errichtung Ihres neuen Gotteshauses bereits schriftlich übermittelte, neuerlich mündlich zu herzlichstem Ausdruck zu bringen. Durch die Er-

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