Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 39 (26.9.1902)
- Date
- 1902-09-26
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 628 Dr. Bloch's Wochenschrift. Sk. 89 Jlger diese Erklärung unterschrieben hat, und hat ihn durch den von Jlger selbst veröffentlichten Wahrspruch aus dem Officierscorps entfernt. „Traurigen Herzens"', schreibt Herr Fritz Gabriel Jlger in dem von ihm betriebenen angeblichen Witzblatt, „nehme ich Abschied von der schönen Armee, der ich seit meinen Knabenjahren' angehöre." Das nennt Herr Jlger Abschied nehmen. Ja, nimmt der Gast, der wegen unanständigen Betragens hinausgeworfen wird, vom Wirthe Abschied? Jedenfalls ist der Abschied ganz auf Seite des Herrn Jlger und nicht auf Seite der „schönen Armee"', deren Ehre die Ausscheidung dieses Herrn, der die Meinung ausspricht, er sei höchstens „cynisch", aber nicht ehrlos, nothwendig machte. Um jeden Zweifel auszuschließen, veröffentlichte nach dem Erscheinen der betreffenden Nummer des „Kckerikl" die Frau Jlger eine Erklärung, sie habe jenen, von ihrem Gatten unterschriebenen Zettel nicht erschlichen, sondern durch materielle Zugeständniffe erkauft. Herr Jlger müßte kein antisemitischer Geschäftsmann sein, wenn er, um seine eigene moralische Verkommenheit zu beschönigen, nicht nach dem naheliegendsten Ausweg greifen würde, den Juden die Schuld an seiner Schmach zuzuschreiben, die Juden sind an Allem schuld, folglich auch daran, daß Herr Fritz Gabriel Jlger sich von seiner Frau das Recht der freien Liebe abkaufen läßt. Der Handel mit Ehebruchsknoppern verträgt sich nicht mit der Ehre eines Officiers. Mit dem Gewerbebetrieb eines antisemitischen Mandelbogens hingegen läßt er sich ganz gut vereinbaren. Den Spruch des Ehrenrathes kennzeichnet Herr Jlger als eine von den Juden herbeigeführte Bestrafung seines Antisemitismus und die Ausschußmitglieder des Ehrenrathes als „Frischauer im Waffenrock". Der „Kikeriki"' ist also stellenweise doch noch immer ein Witzblatt, und der verflossene Herr Oberlieutenant, der soeben in rührender Weise Abschied von der „schönen Armee" genommen, bringt gleich in der nächsten Nummer ein großes Bild mit militärischen Carricaturen, denen ein polnischer Jude seinen Dank für die „Maßregelung" Jlger's ausspricht. Plötzlich haben Officiere dieser schönen Armee .so lächerliche Gestalten angenommen, und ebenso plötzlich ist der Ehrenrath dieser schönen Armee ein Vollstreckungsorgan der Juden geworden. Aus einer Reihe von Processen war seit Jahren der Charakter und das Privatleben dieses Herrn Fritz Gabriel Jlger öffentlich bekannt. Es ist uns niemals eingefallen, davon Notiz zu nehmen. Herr Jlger scheint aber Werth darauf zu legen, als das Opfer jüdischer Angriffe zu erscheinen und er wascht seine häusliche Schmutzwäsche selber vor der Oeffentlichkeit. Diesen Herrn „anzugreifen", fällt uns aber durchaus nicht ein. Mag er, unbeirrt durch die ihm seitens des Ehrenrathes zutheil gewordene Ehrlosigkeitserklärung, sein Geschäft, den Verschleiß antisemitischer Zerrbilder, weiter betreiben. Es soll nur festgestellt werden, aus welcher Sorte von Charakteren der Heerbann der Antisemiteupreffe sich recrutirt, und auf die Frechheit hingewiesen werden, mit welcher ein solcher Mensch nicht blos die Juden zu versöhnen sucht, sondern auch die militärischen Ehrenrichter m den Bereich seines öden Witzes zieht. Damit nehmen auch wir „Abschied" vom „Kikeriki", für den das persönliche Elebniß seines Herausgebers eine prächtige Bilderidee abgibt: Ein polnischer Jude, wie er dem aus dem Officierscorps ausgestoßenen Herrn Fritz Gabriel Jlger die unbrauchbare Uniform und das goldene Porteepee abkauft. _ Isegrim. Gerneindekurrd der israelitischen Cnltnsgemeinden Kohmens. Seit längerer Zeit erscheinen in der jüdischen Fachpresse Oesterreichs Notizen, in welchen dem Gemeindebunde Untbätigkeit vorgeworfenu' und hiedurch gegen deffen Leitung die Rüge mangelnder Wichterfüllung erhoben wird. Um demjenigen Publicum, welches von wahrem Jntereffe für das gesammte öffentliche jüdische Leben und nicht blos für einzelne Tendenzen in demselben beseelt ist. das Material zu bieten, in dieser Frage ein unbefangenes Uctheil zu fällen, werden nachstehende Thatsachenveröffentlicht. fDer Gemeindebund wurde in Folge Anregung des leider zu früh verstorbenen Vorstehers der Cultusgemeinde Teplitz. des Herrn Dr. Oskar Willner, begründet. Daß die Prager Cultusgemeilche^in deren leitenden Kreisen schon seit längerer Zeit das Bedürfmtz nach einer Vereinigung der jüdischen^ Gemeinden Böhmens sich ebenfalls fühlbar gemacht hatte, ßiefe Anregung einer Landgemeinde überlassen hat, beruht auf dem Grunde, daß eine Initiative seitens der ersteren bei manchen Gemeinden des Landes die Befürchtung einer ihrer Autonomie schädlichen Prädominirung der Gemeinde der Hauptstadt erweckt und sie von dem Anschlüsse an den Gemeindebund ferngehalten^hätte. Die Prager Cultusgemeinde hat die von Teplitz erfolgte Anregung freudig begrüßt und auch zahlreiche Gemeinden des Landes haben ihren Anschluß im Principe zugesicherri^ Nach Beendigung der Vorbereitungsarbeiten j constituirte sich der Gemeindebund am 1. November 1896 auf Grund seiner an die Statuten des deutsch-israelitischen Gemeindebundes in Berlin sich anlehnenden Satzungen. Leider traten nur 60 Gemeinden dem Bunde bri^l mehrere notorisch reiche und große Gemeinden des Landes hielten sich demselben vom Beginne au ferne, mehrfache dringende Auff irderungen hatten nur den Erfolg, daß fine Mitgliederzahl sich auf 86 Gemeinden (von über 200 Gemeinden Böhmens) steigerte^/ Die Mltgliederbeiträge beliefen sich (einschließlich des Beitrages von Prag von 450 K) im Jahre 1897 auf 2334 K — h 1898 „ 1550 „ — 1899 „ 2239 „ 48 1900 „ 1566 „ 63 1901 „ 2384 „ 50 zusammen in 5 Jahren auf 10.074 K 61 h Hiervon wurden verwendet: zur Förderung der weiter unten zu besprechenden Lebensversicherung von Gemeindeangestellten im Jahre 1897 532 K 20 b „ „ 1898 382 „ 36 „ „ „ 1899 1177 „ 28 „ „ „ 1900 1284 „ 84 „ „ „ 1901 968 , 93 ,, Summa 4345 K 61 h Die weiteren Auslagen in den Jahren 1897 bis 1901 betrugen an Gründungskosten 355 K 66 h an gewährten Subventionen 860 „ — „ Gesammtregie (Schreibkraft, Druckkosten, Porti, Saalmiethe) 2206 „ 27 „ Summa 3421 „ 93 „ Summa 7767 K 54 h Das Vereinsvermögen setzte sich Ende 1901 zusammen: aus der D fferenz der Mitgliederbeiträge gegen die vorstehend specificirten Ausgaben im Betrage von ungefähr 2300 K — h der durch drei Jahre gewährten Subvention einer Versicherungsgesellschaft im Gesammtbetrage von 6000 „ — „ dem Gründungsbeitrage eines Mitgliedes 500 „ — „ zusammen 8800 K — h wozu noch das Zinsenerträgniß im Betrage von einigen hundert Kronen kommt. Ich habe zunächst das finanzielle Ergebniß der Bereinsgebahrung vorausgeschickt, weil es für jeden Vernünftigen selbstverständlich ist, daß die Thätigkeit eines Vereines sich nach den Mitteln desselben richten muß. Ich sehe von Seiten der Gegner, deren der Gemeindebund in verschiedenen Kreisen mehrfache zählt, zwei Einwendungen voraus, die erste, warum der Gemeindebund in fünf Jahren ungefähr 9000 Kronen erspart und dieselben nicht verwendet habe, und die zweite, warum die Zahl der beigetretenen Gemeinden und deren Beiträge verhältnißmäßig so gering seien. Zur kurzen Beleuchtung dieser Einwendungen will ich nur anführen, daß zwei Drittel des Ersparnisses in den durch die drei ersten Jahre geleisteten Subventionen einer Versicherungsgesellschaft bestehen, welche in der Anhoffung einer regen Betheiligung der Gemeinden und ihrer Angestellten an der Lebensversicherung geleistet, nach Ablauf der drei Jahre aber eingestellt wurden, nachdem die Zahl der Angestellten der Gemeinden, welche mit der Begünstigung, daß der Gemeindebund ein Drittel der Prämien für sie zahlt, ihr Leben versicherten, stabil blieb, obschon der Gemeindebund wiederholt die Betreffenden von dieser Vergünstigung benachrichtigt hat. Ein weiteres Anwachsen der Mittel des Vereines in ähnlichem Maße ist sonach ausgeschlossen, und der angesammelte kleine Betrag kann nicht ausgegeben werden, wenn der Gemeindebund für irgend eine nothwendig werdende größere Action leistungsfähig sein soll. Nicht so einfach ist der zweite Einwand zu beantworten. Der Vereinsvorstand hat es an Aufforderungen zum Beitritt zum Bunde, .an Bemühungen, austrittslustige Mitglieder zurückzuhalten,