Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 39 (26.9.1902)
- Date
- 1902-09-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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De-, WochenschMlÄ Str. 39 Sette 624 allem es galt ebenso auf allen Gebieten der Verwaltung, namentlich aber in der Pflege des Cultus und des Religionsunterrichtes den Bedürfnissen einer neuen Epoche Rechnung zu tragen. Auf Grund des Gesetzes zur Regelung der äußeren Rechtsverhältnisse der Israeliten wurde das Statut der Cultusgemeinde einer grundlegenden Reform unterzogen. Entsprechend der Vermehrung der Agenden, aber auch entsprechend der höheren Verantwortlichkeit, welche der Cultusgemeinde- Repräsentanz aus den geänderten Verhältnissen, aus der räumlichen Erweiterung sowohl, wie aus der höheren Bedeutung der inneren Mission erwuchsen, wurden alle Zweige des Dienstes in modernem Sinne umgestaltet. Der administrative Apparat der Wiener Cultusgemeinde stellt heute an die physischen und geistigen Kräfte, an den Fleiß und Eifer des Cultusvorstandes und namentlich seines Präsidenten ganz außerordentliche Anforderungen, und rühmend muß hervorgehoben werden, daß Herr kais. Rath Klinger sowohl seinen Collegen im Vorstande, als auch dem tüchtigen Beamtenkörper der Gemeinde das Beispiel unermüdlicher, rastloser Pflichttreue und einer ganz außerordentlichen Arbeitskraft bietet. Eine der schwierigsten Aufgaben, welche die Repräsentanz des Wiener Judenthums in den letzten Jahren zu lösen hatte, war die Ausgleichung des Mißverhältnisses zwischen den Einnahmen der Gemeinde und den weit über diese hinausgewachsenen Ausgaben. Diese Ausgleichung war nur möglich durch eine wiederholte umfassende Reform der Cultusbesteuerung. Auch hier hat sich die Autorität, der Tact und die Concilianz des Präsidenten in erfreulichster Weise bewährt. Es ist selbstverständlich, daß durch eine Steuerreform, wie sie von der Wiener Cultusgemeinde durchgeführt werden mußte, mannigfache Interessen berührt, vielfache Reibungen hervorgerufen wurden. Dem milden, klugen Wesen des Präsidenten ist es zu danken, wenn schließlich alle Kreise der Wiener Judenschast sich ohne Widerstreben der Notwendigkeit fügten und die Steuerreform ohne ernstere Erschütterungen zu Ende geführt werden konnte. Auch das geistige Erbe, welches seine ruhmvollen Vorgänger in der Präsidentschaft hinterlassen haben, hat Herr kais. Rath Heinrich Klinger eifersüchtig zu wahren verstanden. Wo immer es galt, Opfer für die Pflege der jüdischen Wissenschaft und Lehre zu bringen, das religiöse Gefühl zu stärken, die Bildung zu heben, war Präsident Heinrich Klinger der eiftigste und entschiedenste Fürsprecher im Schoße des Vorstandes. Bemüht, allen Richtungen und Schattirungen des Judenthums volle Rechnung zu tragen, hat er doch mit kraftvoller Hand die Einheit unserer Glaubensgemeinschaft zu erhalten gewußt. Zu diesem erfreulichen Resultate trug nicht wenig die Thatsache bei, daß der Präsident selbst jede Gelegenheit suchte, die Wünsche und Stimmungen der jüdischen Bevölkerung aus eigener Wahrnehmung kennen zu lernen und mit ihr in unausgesetzte persönliche Berührung zu treten. Obwohl durch seine öffentliche und geschäftliche Thätigkeit fast über Gebühr in Anspruch genommen, hat kaiserlicher Rath Klinger dennoch die Zeit gefunden, in jüdischen Wählerversammlungen und in zahlreichen Versammlungen der jüdischen Vereine zu erscheinen und dort Aussprache mit seinen Glaubensgenossen zu pflegen. Man darf sagen, daß er der populärste Präsident der Wiener israelitischen Cultusgemeinde geworden ist. Nicht allein durch eine vornehme Repräsentation, sondern ebenso durch noble Gesinnung, den unnahbaren Charakter erinnert er an die Besten und Trefflichsten nnter seinen Vorgängern, und man begreift, daß sein Name auch außerhalb der Grenzen unseres Reiches mit Verehrung genannt wird. Unter den Tugenden und Merkmalen der „modernen" Epoche glänzt nicht die Dankbarkeit, die Verdienste unserer bedeitteudsten Männer werden vergessen und verleugnet, aus der Erinnerung weggewischt, die Kritik späht nach Schwächen, nach vermeintlichen, erdichteten, sie redet mit lauter Stimme, schreit durch die Sttaßen, so daß sich vor ihr Alles aus der Oeffentlichkeit flüchtet. Umsomehr ist es Pflicht des gewissenhaften Tageschronisten, wahres Verdienst zu notiren, die selbstlose aufopfernde Hingabe an die öffentlichen Interessen, die treue Arbeit im Dienste unserer Gesammtheit wahrheitsgetreu zur Erinnerung der Nachgebornen festzuhalten. Vom Präsidenten Klinger wird die Geschichte constatiren: Niemals hat er sich vorgedrängt, niemals hat er öffentliche Würden und Aemter aus ehrgeizigen Beweggründen angestrebt, niemals war es ihm um Lob und Preis, aber immer um das Bewußtsein treu erfüllter Bürger- und Bruderpflicht zu thun. Und dieses Bewußtsein ist auch der herrlichste Lohn, der ihm an seinem Ehrentage zutheil wird. Es ist ihm von der Vorsehung vergönnt, dieses Fest zu begehen als Oberhaupt eines herrlichen Familienkreises, dessen Glieder alle von Liebe zum Judepthum beseelt sind, möge ein gutes Geschick ihm noch lange Jahre volle geistige Frische und volle körperliche Gesundheit zutheil werden lassen, damit er mit ungebrochener Kraft ausharren könne auf jenem schwierigen und verantwortungsvollen Posten, auf den das Vertrauen seiner Glaubensbrüder ihn berufen. Möge er als Mensch, als Bürger und als Jude seine segenbringende Thätigkeit noch lange Jahre fortsetzen. Das Strafgericht über Rumänien. Ist der Tag des Gerichts über das Vertragsbrüchige, an Gottes¬ und Menschenrecht sündigende Rumänien angebrochen? Wir hoffen es, nicht blos weil wir es wünschen, sondern weil wir an die Gerechtigkeit glauben, weil wir Vertrauen haben, daß jegliches Unrecht seine Sühne finden muß, weil wir überzeugt sind, die Vereinigten Staaten von Nordamerika, die nicht aus Eigennutz, sondern um der Menschlichkeit willen ihre Stimme erhoben haben, um Rumäniens Missethaten zu brandmarken und Europa an seine Pflicht zu erfüllen, werden keinen Rückzug antreten, sondern fest darauf bestehen, daß Europa sich ihre Anschauungen zu eigen mache. Die Staatsmänner der Vereinigten Staaten von Nordamerika sind keine sentimentalen Faselhänse. Sie sind nüchterne, klardenkende, weitausschauende Politiker. Sie haben ihr Ziel fest im Auge und gehen geradezu auf dasselbe los. Sie weichen vor keiner Schwierigkeit zurück und haben die Mittel, ihren Anschauungen Geltung zu verschaffen. Ihnen kommt es auch nicht darauf an, ihren Worten die That folgen zu lassen. Sie haben noch immer und überall ihren Willen durchgesetzt, und größere Staaten als Rumänien haben klein beigegeben, wenn von Washington aus eine peremptorische Forderung gestellt wurde. Das Rundschreiben des Staatssecretärs Hay ist nicht blos eine Anklage gegen Rumänen, es ist zugleich und in demselben Maße eine Anklage gegen alle Contrahenten des Berliner Vertrages. Rumänien hat seine Pflicht verletzt, indem es die Bedingungen nicht erfüllt, die an die Anerkennung seiner Selbstständigkeit geknüpft sind und fortwährend dem Geiste und dem Wortlaut des Berliner Vertrages zuwiderhandelt. In gleichem Maße aber verletzen die Vertragsmächte ihre Pflicht, indem sie die Mißachtung ihrer Unterschrift dulden, es schweigend zugeben, daß die Fetzen des Berliner Vertrages ihnen vor die Füße geworfen werden, keine Einsprache erheben, wenn Denjenigen, denen sie ihren Schutz feierlich zugesagt haben, das Recht versagt wird, keine Hand rühren, um Rumänien zur Pflicht zurückzuführen. Amerika hält ihnen das Sündenregister vor und mögen auch die europäischen Diplomaten sich noch so sehr aufs hohe Rotz setzen, die amerikanischen Diplomaten verstehen den Spaß nicht und wissen wohl geeignete Mittel anzuwenden, um den zünftigen Diplomaten den Standpunkt klar zu machen. Selbst Rußland bindet mit Amerika nicht an und England hat ja schon vorher einen Schritt unternommen, um die Rumänen zu erinnern, daß sie die Schuldner Europas sind. Deutschland hat sich zwar seine Zustimmung zu Rumäniens Unrecht durch die Lösung der Frage des Rückkaufs der rumänischen Bahnen einmal abkaufen lassen, allein der Monarch, der an der Spitze des jetzigen Deutschland steht, hat wiederholt kundgegeben, daß er einer so materialistischen Auffassung der Staatspflichten, wie sie der „große" Kanzler besaß, nicht huldigt, vielmehr einer idealen Auffassung von Recht und Pflicht zugänglich ist. In Frankreich herrscht jetzt ein System, das principiell der Vorherrschaft der Intoleranz widersteht und in Italien ist die Confession überhaupt so wenig Gegenstand des politischen Kampfes und die Gleichberechtigung so zur Wahrheit geworden, daß man von diesen Staaten von vornherein annehmen kann, sie würden sich der amerikanischen Action nicht widersetzen. Und Oesterreich-Ungarn? Bei aller politischen Vorliebe für Rumänien kann es sich der gegen den Vertragsbrüchigen Staat gerichteten Action nicht entziehen, so daß die nordamerikanische Diplomatie auf einen vollen Sieg rechnen kann, wenn sie auf dem begonnenen Wege vorwärts schreitet. Es ist freilich tief beschämend für die europäischen Diplomaten, daß sie von ihren nicht zünftigen und nicht blaublütigen Collegen von jenseits des Oeeans