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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-09-19 · 38 (19.9.1902) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
38 (19.9.1902)
Date
1902-09-19
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Veite 618 Dr. Bloch's WochonschrM. Nr. 38 »Sie fragen mich: Biel Geld führt ihr mit euch? — Nun, ich alter Schlaukopf, gehe nicht so leicht auf den Leim. Durch und durch kenne ich euch, ihr Rostower Vögel. Verschlagen seid ihr wohl, wer aber aus Podolien stammt, der wickelt euch doch dreimal um den Finger herum! Ich habe bei Polen und Juden gelernt. Meine Kenntnisse stammen aus meiner Festungshaft vom Jahre sirbenundsechzig. „Viel!" antwortete ich, »öffne nur die Tasche recht weit und sieh' zu, daß sie nicht durchreißt!'' find jetzt, Brüder, denkt an meine Worte: Ich will nicht Kitajew heißen, wenn dieser Rostower Stutzer mitsammt all' seinen Juden nicht kahl wie eine Kirchenmaus morgen von mir geht! Geld! Wieso können wir Geld haben, wenn wir von Schelaja kommen? Statt dessen haben wir einen Kopf auf den Nacken. Statt dessen hat uns unser geistlicher Vater erleuchtet!" »Nun, dich zu bedauern, Kitajew, wäre wirklich eine Sünde", sagte unerwartet Nikolajew, der, als er die interessante Wendung des Gesprächs vernommen, seinen Platz verlassen und sich der lustigen Gesellschaft genähert hatte. In dem langen, weißen, mit einem schmalen Gürtel zusammengehaltenen Hemd, mit einem wellige», grauen Bart — ähnlich denjenigen, die man auf Heiligenbildern sieht — mit krausem, in der Mitte des Kopfes sorgfältig gescheiteltem Haar, mit schlauen, grauen Augen und einem wohlgeformten, runzligen, aber rothwangigen Gesicht, machte er mit den auf der Brust gefalteten Händen, dem langsamen Gang und der singenden Stimme den Eindruck eines Mannes, dem nichts auf der Welt die geringste Ursache zur Unzufriedenheit gibt. Ec schien zufrieden mit seinem Schicksal, mit sich selber und mit den Menschen, und immer bereit, Andere zu belehren und ihnen die gleiche Zufriedenheit und kluge Mäßigkeit beizubringen. »Dich zu bedauern, Kitajew, wäre wahrlich eine Sünde!' wiederholte er. »Dein Sack ist wahrscheinlich gehörig mit Rubelchen vollgestopft." »Ach, Du alter Hund! Hast Du meinen Sack untersucht, wie?" »Und vielleicht ist es nicht wahr? Und wieso hat deine Freundschaft mit Ljuba so lange gedauert? Würde solch' ein Mädchen dich lieben, wenn du kein Geld hättest?" »Und warum nicht? Ist mein Gesicht vielleicht widerlich? Wenn ich ein Kumatsch*) Hemd anziehe und die Harmonika in die Hand nehme, so kann sich — obgleich ich vierundvierzig Jahre zähle — nicht nur Ljuba, sondern ich weiß nicht wer in mich verlieben! Dumm bist du, dumm, du Nowgoroder Pflock! Du urtheilst, wie es scheint, nach dir selber, weil keine Frau dich ohne Geld liebgewinnen kann!" »Mich laß' in Ruhe. Ich habe längst schon diese Jahre überschritten. Zu Gott beten — damit muß ich jetzt meine Zeit ausfüllen." »Zu Gott beten? Nein, zum Teufel betest du, nicht zu Gott. Weil du unaufhörlich das Evangelium liesest und Psalmen singst, so glaubst du, daß ich dich nicht durchschaue! Ich kenne dich mein Schatz, kenne dich vorzüglich ..." Kitajew's Gefährten begannen laut zu kichern. Ein wenig verlegen, ein wenig selbstbewußt, blinzelte der Alte mit den Augen, und leise lächelnd wiegte er tadelnd sein Haupt. »Das heißt reden . . . Das heißt reden . . . Solchen Unsinn bringt er zusammen, daß einem die Ohren brennen!" »Unsinn? So sage denn, wie viel Geld hast du zusammengescharrt? Wetten will ich. daß wir alle mitsammen nicht soviel besitzen, wie du in deinem Mantelsack eingenäht hast. Aber du bist ein Geizkragen. Wir, keiner aus der ganzen Gesellschaft wird zehn Rubel sammeln, die er für's Essen ausgeben kann. So trinken wir denn, wie du siehst, guten Thee mit Weißbrot und efs-n jede» Tag Hammelfl-isch. Und du. was hast du heute gegessen? Sv sage toch. Zwieback mit Wasser? Nicht mal von dem Thee in Täfelchen hast du dir zu trinken gegönnt." »Und wenn mir mein Zwieback besser schmeckt, als euer Hammelfleisch? Von dem Hammelfleisch hat man nur dumme Gedanken." »Ho, ho, ho! Dumme Gedanken ... Ja, ja, freilich! Nein, bitte, bleib' jetzt hier, werde nicht zornig. Ich will dir was sagen, Nikolajew, in Freundschaft. Lassen wir die Zänkereien. Sei dem, wie ihm wolle, wir haben doch mehrere Jahre zusammen im Zuchthaus verbracht. Da ich dir also gut wünsche, rath' ich dir: Nimm du den Markt in Pacht. Die d'rin scheinen reich zu sein. Es ist gute Verwendung für dein Geld." »Hm... Was du doch für ein sonderbarer Mensch bist, Kitajew! Bon welchem Gelbe? Wo habe ich Geld?" »Verstell' dich nicht, Nikolajew. Sag' lieber ehrlich: wie viel Geld hast du?" ' »Ich weiß nicht mal. Das Geld für's Essen habe ich, gestern bekommen .. Von der zuletzt erhaltenen Summe sind auch vielleicht zwanzig Kopeken übrig..." »Du lügst! Du hast mehr als das." »Thu' dich hinweg von mir, Satan! Herr, verzeih' mir meine Sünden . . ." Und N'kolajew, diesmal schon ernstlich böse, macht eine verächtliche Bewegung mit der Hand und wendet sich zum Gehen, vom lauten Lachen der Gesellschaft begleitet. Kitajew jedoch, in vorzüglicher Laune, als Herrscher dieser kleinen, aber ihm ergebenen Schaar sich fühlend, bläst in höchster Selbstzufrieden auf seine mit Thee gefüllte Untertasse und fährt zu prahlen fort: »Wie, Freund Oska Njepomniaschtschi? Ich glaube, du hältst dir jetzt noch die Seiten und kneifst dich, um dich zu überzeugen, ob du nicht träumst, ob du wirklich der Gewalt des Abtes entronnen und dich nun frei ansiedeln wirst?" »Sprich lieber nicht so viel," murmelte das kleine, bärtige, Njepomniaschtschi genannte Männchen. »Denn, die Wahrheit gestanden, dachte ich die ganze Zeit über, du würdest nach Sachalin kommen. Schon daß du der Familie der Njepomniaschtschi angehörst, ist für die Leute ein hinreichender Grund, dich als schädlichen Menschen zu betrachten. Da, ganz unerwartet, trifft der Befehl ein: Uebersiedelung nach Klintschewsk." »Sie haben sicherlich den Paragraph zu lesen vergessen," bestätigte ein junger, russificirter Tartar, mit Namen Mangirow. „Wer kommt von Sachalin zurück? Alle Vagabunden werden dorthin geschickt." »Mit einem Wort, ein Glückskind! Nach Klintschewsk! Mir scheint, Oska, von dort kann man, wenn man die Hand ausstreckt, deinen Geburtsort erreichen." „Schweig!" halb ernst, halb scherzend drohte ihm Njepomniaschtschi mit dem Finger. »Wie? Noch jetzt zitterst du vor unserem Abt? Fürchtest, man könnte dich zurückschicken? Nein, Freund, damit ist's aus! Jetzt sind wir freie Leute... Jetzt kannst du — unter Freunden — sogar deine Herkunft enthüllen." Njepomniaschtschi jedoch vrrrieth nicht die Absicht, dies thun zu wollen, und verharrte in ununterbrochenem Schweigen. »Oeffne den Mund, so redet er von selber," antwortete Mangirow statt seiner, »aber er ist standhaft, er ist ein Schieferstein!" »Und doch warst du die letzten Monate sehr kleinmüthig," fuhr Kitajew fort. »Ach, und wie kleinmüthig! Verstimmt, in Gedanken versunken, ging er auf dem Hofe des Gefängnisses auf und ab und murmelte vor sich hin: Sachalin — oder nicht Sachalin?" »Jetzt hat dies Nachdenken aufgehört," rief Njepomniaschtschi plötzlich mit lauter Stimme. Trotzdem er schweigsam und in sich gekehrt war, strahlte während dieses Gesprächs sein Antlitz nichtsdestoweniger in Zufriedenheit und Freude. War es ein todter, von Allem losgelöster Mensch, welcher der Welt wiedergeschenkt worden war? Und schien ihm die Vergangenheit, die er hinter sich ließ, nur ein schwerer, fürchterlicher Traum? Ec war ein sanfter, friedliebender Mann, der vor Kurzem geheiratet und noch nicht Zeit gehabt hatte, die Freuden des Familienlebens kennen zu lernen, als er zum Militär genommen wurde. Der schwere, ungewohnte Dienst... die Sehnsucht nach seiner Frau und seiner Familie. . . zahllose, unverdiente Beleidigungen. Die sanfte, demüthige Seele empört sich, . nd den Schluß davon bildet die Versetzung in die Strafcompagnie. Die Beschreibungen des unmöglich zu ertragenden Lebens in derselben füllen das Herz des jungen Soldaten mit wahnsinniger Angst — und er zieht eine waghalsige Flucht, trotzdem er dabei Gefahr läuft, ein Kugel in den Rücken zu bekommen, oder wenn er ergriffen wird, zu einer noch grausameren Strafe v.'rurtheilt zu werden, dem Aufenthalt in dieser Hölle vor. Diesmal war das Schicksal ihm günstig. Man ergriff ihn zwar, aber die Entfernung von dem Orte seiner Flucht betrug bereits tausend Werst. Er nannte sich Ossip Njepomniaschtschi. Da man ihn für einen entlaufenen Sträfling hielt, machte er die Rundreise in alle Bergwerke des Nertschinsker Gouvernements, wurde nirgends als zugehörig anerkannt und schließlich zu vier Jahren Zwangsarbeit verurtheilt. Diese ganzen vier Jahre zitterte er bei dem Gedanken, daß man ihn nach Sachalin schicken würde — und plötzlich, statt dessen, bestimmt man ihm ') Kumatsch, ein bucharischer, rother Baumwollstoff.

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