Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 38 (19.9.1902)
- Date
- 1902-09-19
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 614 dr. Vlorlr's Woüjrnschrifk. Nr. 38 Bei den meisten Juden ist das Judenthum nur ein Act der Pietät. In dieser Form kann es auf die Dauer keinen Bestand haben; die gebildeten Juden haben sich von diesem Gefühl losgesagt. Eine Volksgemeinschaft aber, die ihre Intelligenz einbüßt, steht auf sthr schwachen Füßen. Es war dies ein Vorzug unseres Stammes zu allen Zeiten, daß die geistig Tüchtigen an seiner Spitze standen; jetzt ist das Judenthum nur noch in den Masten, weshalb es geistig immer mehr abnimmt. Da Wandel zu schaffen, ist die Ausgabe unserer Zeit. Dr. S. B e r n s e! d. (Korrespondenzen. Wien. Der Präsident der israelitischen Cultusgemeinde Herr kaiserl. Rath Heinrich K l i n g e r ist von seinem Erholungsurlaub zurückgekehrt und hat die Leitung der Präsidialgeschäfte übernommen. Eine amerikanische Protestnote an Rumänien. Aus New-Aork wird telegraphirt: Die Regierung in Washington hat in Bukarest eine in äußerst scharfem Tone gehaltene Note überreichen lassen, welche gegen die Vexationen der rumänischen Juden Protestirt. Die Berechtigung zu diesem Protest leitet die Regierung der Vereinigten Staaten daraus ab, daß unter Verletzung des Berliner Vertrages jüdische Rumänen zum Auswandern gezwungen werden und in immer steigendem Maße in die Bereinigten Staaten strömen. Die Protestnote, die auch allen Unterzeichnern des Berliner Vertrages zugestellt wird, ist ein erschwerendes Moment, da der Abschluß des rumänisch-amerikanischen Naturalisationsvertrages gegenwärtig in Verhandlung steht. Man glaubt in Washington, die Unterstützung der europäischen Mächte bei dem bevorstehenden Vorgehen gegen Rumänien voraussetzen zu dürfen. Wie unsere Leser sich erinnern dürften, hat die nordamerikanische Regierung einen Specialbevollmächtigten nach Rumänien entsendet, um an Ort und Stelle über die Ursachen der Maffenauswanderungen Erhebungen zu pflegen und der Regierung der Vereinigten Staaten zu berichten. Der Gesandte wellte wochenlang in Rumänien, conferirte mit den dortigen Machthabern und besuchte auf der Durchreise in Wien auch unsere Redaction. hatte mehrfache Besprechungen mit unserem Herausgeber, der ihm amtliches Material über die rumänische Judennoth zur Verfügung gestellt hat. Wir können den heutigen Schritt der amerikanischen Regierung, dem sich Frankreich und England zweifellos anschließen dürsten, nur mit dankbarer Genugthuung begrüßen. Wie». Die Czenstochauer Ausschreitungen gegen die dortigen Juden werden ernster dargestellt, als die officiellen Nachrichten zugeben. Die verfolgten Juden wurden von der Bevölkerung geschlagen und mit Steinen beworfen. Die aus Bendzin, Radomsk und Petrikau requirirten Kosaken ritten in die dichtgekeilte Menge hinein und tödteten zwei Personen. Zwölf Andere wurden so schwer verwundet, daß an ihrem Aufkommen gezwciselt wird. Hundert Ruhestörer wurden verhaftet, darunter zwei Geistliche. Der Gouverneur von Petrikau feuerte die Kosaken zu größerer Energie an. Ablösung von Neujahrs-Gratulationen. Alljährlich wird eine ungezählte Summe ausgegeben, um Freunde und Bekannte, Verwandte und Geschwister zum Neuen Jahr zu beglückwünschen. Was könnte indeß Alles mit dem Gelde Gutes gethan werden, wenn es nicht auf Gratulationskarten und Postwerthzeichen ausgegeben würde. Wir glauben daher unendlich Vielen aus der Seele zu sprechen, wenn wir den Vorschlag machen, die Glückwünsche zum diesjährigen Uosetr- IiLseliLNL-Feste durch Gaben für die „Chewra-Kadischa" abzulösen. Wir werden die Spender in unserem Blatte in einer besonderen Rubrik mit der Ueberschrift: „Die Unterzeichneten qratuliren allen Verwandten, Angehörigen, Freunden und Bekannten nur auf diesem Wege zum Neuen Jahre und wünschen ihnen eine rDito ramm rmc*, aufzäblen und über die Gaben quittiren. Wir möchten im allgemeinen jüdischen Jntereffe wünschen, diß von dieser Einrichtung recht ausgiebiger Gebrauch gemacht wird. Zum Proceß Hilsner. Der Prager „Cas" enthält folgende Notiz: Aus P o l n a: Vielleicht wird es die Leser interessiren, daß der bekannte Kronzeuge aus dem Hilsner-Processe, der scharf- und weitsichtige P e s a k soeben gegen die Gemeinde Polna eine Klage bei dem Bezirksgerichte Polna überreicht hat. Herr Pesak verlangt, daß ihm die Gemeinde jene Belohnung von 200 Kronen zahle, welche seinerzeit für Jenen ausgeschrieben wurde, der den Thäter des Mordes an Agnes Hruza ausforscht. Bei dieser Gelegenheit bemerken wir, daß bereits drei Zeugen aus dem Polnaer Proceffe in das Irrenhaus eingeliefert worden sind. Alle leiden an Verfolgungswahn/ Wien. (Eine 400.000 Kronen-Spende des Bergrathes v. Gut mann.) Bergrath Max Ritter von G u t m a n n hat aus Anlaß des Bombenattentates in Selzthal für verschiedene Wohlthätigkeitszwecke die Summe von 400.000 Kronen gespendet. Bon Wiener Humanitätsinstituten wurden bedacht: das israelitische Mädchen-Waisenhaus in Döbling mit 50.000 Kronen, der Philanthropische Verein mit 25.000 Kronen und die Rettungsgesellschaft mit 5000 Kronen. 100.000 Kronen bestimmte Ritter v. Gutmann als Stiftung für dürftige Witwen und Waisen von Forstleuten in Obersteiermark, 80 000 Kronen als Stiftung für Hilfsbedürftige in den Gemeinden Gföhl, Droß, Jmbach und Rehberg. Eine Spende von 20.000 Kronen erhielt das Witkowitzer Waisenhaus, 20.000 Kronen der Witkowitzer Waisenfonds, 20.000 Kronen das Kaiserin Elisabeth-Asyl in Oberlanzendorf, 10.000 Kronen spendete Herr v. Gutmann für die Armen der Stadt Rottenmann, 10.000 Kronen für die Armen der Gemeinde Selzthal, 5000 Kronen für das Spital in Rottenmann und 55.000Kronen für diverse humanitäre Vereine und Institute. Wien. (Berh aftung eines antisemitischen Journalisten.) Auf Requisition des Landesgerichtes wurde hier der 35jährige Journalist Otto Heinrich B ö ck l e r, Correspondent der Berliner „Staatsbürger-Zeitung" zu Oranienburg geboren, verhaftet. Gegen ihn liegt ein rechtskräftiges Urtheil des Landgerichtes Berlin vor, demzufolge Böckler wegen öffentlicher Beleidigung durch die Preffe zu sechs Monaten Gefängniß verurtheilt ist. Außerdem liegen gegen den Journalisten vier Haftbefehle vor. Sie sind wegen dringenden Verdachtes der öffentlichen Beleidigung durch die Presse, respective wegen Vergehens der Aufreizung gegen eine Religionsgenossenschaft erlassen. Die Verhaftung erfolgte in der Wohnung Böckler's, Laudongaffe 10. Böckler wurde behufs Durchführung des Auslieferungsverfahrens dem requirirenden Gerichte eingeliefert. Er war seit ungefähr einem Jahre in Wien ansässig und bewohnte bei dem Buchbinder Georg Pfaffstetter im ersten Stockwerke des Hauses Laudongasse 10 ein Cabinet. Er ist verheiratet und kinderlos. Wien. Zum Jubiläum der Bodleianischen Bibliothek in Oxford dürfte es von Interesse sein, zu erfahren, daß die vielen Tausende, einen unschätzbaren Werth besitzenden Handschriften semitischen Ursprungs dieser Bibliothek von dem berühmten Bibliographen Dr. Moriz Steinschneider in Berlin, über Auftrag der englischen Regierung, gesichtet und katalogisirt worden sind. Von dem Umfang und der Bedeutung dieser Handschriften kann man sich einen ungefähren Begriff aus der Thalsache machen, daß Steinschneider nahezu acht Jahre an Ort und Stelle bedurfte, das vorhandene Materiale sachlich und fachlich aufzuarbeiten. Der von Steinschneider über die erwähnten Semitica verfaßte Katalog bildet ein dickleibiges Buch von über tausend Seiten und ist ein unentbehrliches Nachschlagewerk für jeden Bibliographen und für alle Gelehrten und Forscher auf semitischem Gebiete. Dr. Moriz Steinschneider ist ein Oesterreicher, in Proßnitz in Mähren geboren, lebt seit Anfangs der Fünfziger-Jahre in Berlin, hat das 86. Lebensjahr bereits überschritten, erfreut sich jedoch glücklicherweise einer phänomenalen Geistesfrische. Znaim. (Flucht eines antisemitischen Agitators.) Einer von den Gehangenen! Und dazu kein Jude! Kein Rufzeichen des „Deutschen Bolksblattes" wird den Namen des begeisterten Anhängers Vergani's, des persönlichen Freundes des Herrn Bürgermeisters Doctor Lueger zieren, well ihm ja ohnehin die große Ehre zutheil ward, mit ihm auf einem Bilde zu figuriren. Dem charakterfesten Retter des kleinen Mannes Löbl rc. gesellt sich ein neuer Gesell, Herr G e n s ch a, zwar nicht der Herr von — Wien, aber von Znaim. Auch in Wien