Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 38 (19.9.1902)
- Date
- 1902-09-19
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 38 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 813 Unsere Intelligenz Bei keinem Volke der Erde sind die gebildeten Classen dem eigenen Volksthum so stark entfremdet, wie bei uns Juden. Wir halten es fast für selbstverständlich, daß jeder Jude, der eine höhere Stufe der socialen Leiter erklommen hat, nicht mehr zu uns gehört; und wenn ein solcher trotzdem hin und wieder auch nur die geringste Theilnahme für das Judenthum zeigt, ist man höchst überrascht. Wie oft hört man es erzählen, der oder jener jüdische Richter habe am Versöhnungstage die Synagoge, wenn auch nur für kurze Zeit, besucht. Dies ist stets auffallend, weil in der Regel solche Elemente uns verloren gehen, und höchstens gehören sie dem Judenthum nur noch dem Namen nach an. Selten, daß geistig hochstehende Männer sich an unserem Gemeindeleben betheiligen. Thun sie dies, nachdem sie zur Uebernahme eines Ehrenamtes gedrängt worden waren, so bringen sie der Sache nicht dos mindeste Verständniß entgegen. Natürlich kommt es oft vor, daß sie gewaltige Böcke schießen, und sagt man es ihnen, so sind sie darüber beleidigt. Ja, ja, das hat man davon, sagen diese Herren, erst quält man uns, Ehrenämter der jüdischen Gemeinden anzunehmen, und nachher macht man es den Leuten nicht recht. Wir besitzen jetzt eine Ueberzahl geistiger Kräfte, die an sich nirgends beschäftigt werden, aber auch bei uns, wo sie sich bethätigen könnten, nutzlos bleiben. Unser ganzes sociales Leben ist zur Zeit auf den Kopf gestellt, weil es eine unnatürliche Entwicklung genommen hat. In der Regel können geistige Arbeiter nur dann Gedeihliches schaffen, wenn sie ihre Kräfte ihrer Fähigkeit und innerer Neigung nach bethätigen können. Durch die judenfeindliche Strömung unserer Zeit ist dies nicht gut möglich. Junge Leute, die Neigung zum Lehrerberuse haben, werden Aerzte; solche, die Richter werden möchten und in diesem Berufe Ersprießliches geleistet hätten, müssen Rechtsanwälte werden. Viele begabte Männer widmen sich der Journalistik, wo sie oft gar nicht an ihrem rechten Platze sind. In Berlin, wo sich zur Zeit das geistige Leben Deutschlands immer mehr eoncentrirt, ist das Zusammenströmen der Kräfte, die nicht ihre natürliche Beschäftigung finden, sehr zu spüren. Zuweilen hört man von Leuten, die sonst nicht antisemitisch gesinnt sind, klagen: Die Juden sind wohl das Salz der Gesellschaft und somit ein sehr nützliches Element, aber unser Leben ist jetzt schon versalzen; es sei des Guten doch zu viel. Niemals laß ich mich dahin aus, apologetisch diese Anklagen zurückzuweisen, vielmehr lautet meine Antwort stets so: Es wäre doch ungerecht, wenn nur wir die Folgen der verkehrten Politik gegen die Juden trügen. Ihr habt die Schuld daran, indem Ihr cs durch Vorurtheile dahin gebracht habt, daß geistig außergewöhnlich beanlagte Juden dort Beschäftigung finden müssen, wo sie sie eigentlich nie suchen wollten, hätte man sie nicht auf diese Babn gedrängt. Das ist natürlich in erster Reihe eine wirthschaftliche und culturelle Frage; aber sie geht auch uns Juden insbesonders an. Nachdem es dem gebildeten Juden gelungen ist, nach harten Kämpfen und vielen Entbehrungen sich irgend eine Stellung zu erobern, fühlt er auch das Bedürfniß, sich an dem socialen Leben zu betheiligen. Dies wird heutzutage immer schwieriger. Selten findet man christliche Mitbürger, die ganz vorurtheilslos gegen Juden sind, und selbst wenn sie es sind, so läßt sich die Sache nicht immer ohneweiters machen — wegen der Andern. So z. B. gibt es Logen und Vereine, die keine Juden aufnehmen; manche nehmen Juden nur in beschränkter Zahl auf, und jedenfalls wird Einem das gesellige Leben verleidet, wenn so viel von den confessionellen Gegensätzen gesprochen wird. Ich bin beleidigt, wenn man mich als Juden zurückweist; aber genau ebenso beleidigt bin ich, wenn man mich „ausnahmsweise" aufnimmt, oder wenn man mir sagt: „Ja, Sie als Jude sind ein netter Mensch". Thatsächlich hat jetzt der harmlose Verkehr zwischen Juden und Christen fast gänzlich aufgehört. Ich bin oft in der Lage, mit gebildeten Juden, die sich so isolirt Vorkommen, über ihre sociale Unthätigkeit zu sprechen und ich rathe ihnen, sich doch jüdischen Angelegenheiten zu widmen. Ja, was ist Judenthum? Die Leute sind leider allem Jüdischen so sehr entfremdet. Und will man sie mit dem jüdischen Leben vertraut machen, so weiß man nicht, wo man anfangen könnte. Mit dem jüdischen Ceremoniell wollen sie nichts zu thun haben, obwohl auch dieses, wenigstens für religiös gestimmte Naturen, viel Erhabenes und Schönes hat. Und sonst wird die landläufige Meinung angeführt: Wer nicht in die Synagoge gehen will, hätte mit dem Judenthume nichts zuschaffen. Das Gefährlichezdieser Anschauung kann nicht genug betont werden. Meiner Meinung nach ist die sogenannte religiöse Erziehung der Jugend an diesem Uebel schuld. Die Frommen in unserer Mitte wollen Judenthum, aber keine Juden. Sie werden nicht die kleinste Concession machen, weil sie vom Standpunkte ausgehen, es komme gar nicht daraus an, daß alle Juden jüdisch leben, mehr oder weniger, sondern daß man jüdisch lebe, und zwar recht strenge, auch das Tüpfelchen auf dem i darf nicht fehlen. Hält man ihnen entgegen, daß ja die Zahl der nach ihrer Meinung wahren Juden sehr klein ist, so erwidern sie darauf: das schadet nicht, „Minjan“ haben wir noch immer. Der liebe Gott hat mehr Gefallen an einem kleinen Häuflein wahrer Juden, als an vielen, die nur halb zu uns gehören. Diese Redensarten hört man oft genug. Freilich sehen wir, daß selbst die Kinder der Frommen diesem Judenthume entfremdet werden; aber, wie gesagt, „Minjan" hat man noch immer, und für das Uebrige läßt man Gott sorgen. Dieser einseitige Standpunkt, so engherzig er auch mir erscheinen mag, ist doch wenigstens klar und begreiflich. Biel sonderbarer finde ich es. daß die sogennanten liberalen Juden die Dinge so gehen lassen, wie sie eben gehen. Diese Leute haben überhaupt keinen Boden unter den Füßen. Einerseits stellen sie die Lehre auf, das Judenthum sei eine Religion und nichts mehr als eine Religion; anderseits aber sind sie dem Judenthme als Religion ziemlich entfremdet. Dadurch erklären sich die vielen Versuche, die in der letzten Zeit in diesen Kreisen gemacht worden sind, das Judenthum recht eigenthümlich zu definiren. Die Leute möchten daraus eine Religion destilliren, die auch Atheisten annehmbar erschiene; es soll eine Religion sein , und doch keine Religion, ein Glaube, den auch Ungläubige sich gefallen lassen können. Ich rede von den Ehrlichen unserer liberalen Juden, die durch ein natürliches Gefühl am Judenthum hängen, aber nicht den Muth haben, sich über dieses Gefühl Rechenschaft abzufordern und darüber nachzudenken. Thäten sie dies, so würden sie zweifellos zur Ueberzeugung gelangen, daß ihre Anhänglichkeit für das Judenthum, im Grunde genommen nur ein Stammesbewußtsein ist. das sie sorgfältig auch vor sich selbst, und vor den Anderen erst recht verbergen zu müffen glauben. Daraus erklärt sich die Zwiespältigkeit in ihrem geistigen Leben, indem sie einmal alles Jüdisch-Religiöse abstreifen, das anderemal aber für das Judenthum mit aller Wärme eintreten wollen. Fast niemals haben wir das dringende Bedürfniß nach einer neuartig jüdischen Religionsphilosophie so empfunden, wie in unseren Tagen. Es gilt, die gebildeten Juden zurückzugewinnen und ihre Zugehörigkeit zum Judenthum wissenschaftlich zu begründen. Wenn diese Aufgabe je gelingen sollte, so wäre der moralische Nutzen davon ein unermeßlicher. Man bedenke, welche große Masse geistiger Kräfte uns verloren geht, weil die Leute den Zusammenhang zwischen sich und dem Judenthum verloren haben. Der Ausgangspunkt kann nur die geschichtliche Bedeutung und Entwicklung Israels sein. Freilich müßte man einfür allemal mit der vorgefaßten Meinung brechen, das Judenthum sei etwas Fertiges und Abgeschlossenes, das man einfach befolgen müsse. Nur eine solch armselige Zeit, wie die unsere, in der jede schöpferische Kraft aufgehört hat. konnte diesen unglückseligen Gedanken in die Welt setzen. Als abgeschloffen galt das Judenthum noch vor hundert Jahren nicht. Zur Zeit, wo die frommen Rabbinen in ihren Studirstuben saßen und neue Erschwerungen erfanden, stand die Sache viel günstiger als jetzt. Wenigstens wurde etwas geschaffen. Unser Zeitalter ist durchaus negativ und unschöpferisch. Ich meine nicht, wir sollen wieder mit Reformen anfangen — diesen Streit können wir ruhig bei Seite lassen; aber wohl sollen wir etwas Neues beginnen: das Judenthum von einer neuen Seite beleuchten, ein „Führer der Irrenden" zu werden. Wenn wir auch noch keine systematische, moderne Religionsphilosophie haben können, so sollte man vielleicht damit beginnen, Materialien sür diesen Bau zu sammeln. Nur soll man sich hüten, wieder mit Subtilitäten zu beginnen, die Ethik des Judenthums nochmals zu beleuchten und ihr neue Gesichtspunkte abzugewinnen. Zumeist kommt dabei nicht einmal die Wissenschaft auf ihre Rechnung, da Vieles nur hineininterpretirt wird. Was das Judenthum gelehrt hat, weiß man schon zur Genüge; man soll damit beginnen, darzustellen, was die Juden gethan haben.