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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-09-19 · 38 (19.9.1902) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
38 (19.9.1902)
Date
1902-09-19
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 38 Vr. Bloch's Wochenschrifk. Sette «11 Bald löste auch der Wein, der tatsächlich einen unverkennbaren, vornehmen Bordeaux-Geschmack ausweist und uns nur insofern zum Theil etwas anders anmuthet, als wir ja im Allgemeinen nicht gewohnt sind, den Bordeaux direct vom Faß zu trinken, die Zungen. Zuerst ergriff der Berliner Director der Gesellschaft — ihr Hauptsitz ist Paris — Herr Bambus das Wort, um die „illustren Gäste" herzlichst zu begrüßen. „Für die Mitglieder des Ocientalistencongreffes", so führte er aus, „und zumal für die Mitglieder des deutschen Palästmavereins ist es wohl von Interesse, der eigenartigen Bewegung zu folgen, die daran arbeitet, das heilige Land der modernen Cultur wiederzugewinnen und zugleich Unglücklichen. Verfolgten eine ruhige Heimat zu sichern, in der sie durch ihrer Hände Arbeit als Bauern ihr Brot gewinnen dürfen. Seit zwanzig Jahren ziehen Tausende von ruffischen und rumänischen Juden nach Palästina, um dort, den Spuren der deutschen Templer folgend, den Boden zu bebauen, der einst ihren Ahnen gehörte. In dem armen ausgesogenen dünn bevölkerten Lande bilden sie ein Culturelement ohne Gleichen, das die Empfänglichkeit für europäische Bildung mit einer großen Anpassungsfähigkeit an orientalisches Klima und Sitten verbindet." Des Weiteren wies der Redner darauf hin, daß es nicht leicht gewesen sei, den Weltmarkt für diese Weine zu gewinnen, die übrigens auf der Pariser Weltausstellung die goldene Medaille erhielten. Aber es ist gelungen; die Hamburger Centrale verkauft jetzt jährlich etwa 30.000 Hektoliter, die anderen Verkaufsstellen weitere 20.000 Hektoliter, und mehr als 3000 Personen sind in ihrer wirthschaftlichen Existenz auf diesen neuen Produktionszweig angewiesen. Dem lebhaften Eindruck, den diese Worte hervorgerufen hatten, lieh aus den Reihen der Gäste zuerst Herr Profeffor L e f m a n (Heidelberg) Worte, indem er in bewegter Rede auf die sittliche Bedeutung dieses Culturwerks an dem Volk hinwies, das der Welt die religiöse Wahrheit gebracht habe. Mr. Schwab (Paris) und Mr. Gollancz (London) gaben in den Sprachen ihres Landes ihrem herzlichen Dank und ihrer Bewunderung Ausdruck. Ein Eceigniß aber war es, als sodann Prof. Deutsch (Cincinnatti) sich erhob um in — hebräischer Sprache die Fülle der Eindrücke dieser Tage zu schildern und speciell die Arbeit an der Wiedergeburt Palästinas zu feiern. Als Vorsitzender des Palästinavereins sprach Prof. D. Kautzsch (Halle), indem er das Werk, das hier vollbracht werde, aus den Schranken der nationalen Sonderung in die Sphäre der allgemeinen Humanität erhob. Daß der berühmte alttestamentliche Theolog erklärte, bei diesem Anlässe zum ersten Mal in seinem Leben eine hebräische Rede gehört zu haben, charakterisirt den vorangegangenen Redeact als ein Ereigniß von gewiffermaßen historischer Bedeutung, wenn sich auch nicht alle Anwesenden seiner Erklärung anschließ m konnten, daß er die Rede, die natürlich nicht in unserem Schul-Hebräisch gehalten war. ganz vortrefflich verstanden habe. Im Uevrigen sprachen Prof. Kautzsch der „8oei6lß ete." nochmals den wärmsten Dank aus für die den Gästen bereiteten Stunden, die allen Theilnehmern als mit die freundlichsten in treuer Erinnerung bleiben würden. Unmittelbar nachher erhob sich Dr. Poznanzki zu einer zweiten hebräischen Rede, die mit einem begeisterten Hoch auf Palästina schloß. Dann gedachte noch Herr Director Deutschländer in warmen Worten des Herrn Director T a r l a u und Herr T a r l a u seines College» Director Bambus, dem das Verdienst der ganzen Veranstaltung gebühre. Es versteht sich, daß begeistert in diese Hochrufe eingestimmt wurde. Gegen 3 Uhr brachte der „Tettenborn" die Gäste nach dem rechten Elbufer zurück. Sie werden diese Stunden in Hamburgs Freihafen sicherlich nicht so rasch vergessen._ Vom Jahrmarkt ors Lebens Glossen zur Tagesgeschichte. (Der Bischof von Raab. — Virchow und die Juden. — Die Excesse in Czen stoch au. — Die Galerie.) Es hat schon wieder ein Bischof „gejüdelt". Beim Empfange des Diöcesanbischofs Grafen Szöchenyi in Eisenstadt sagte der Bischof zu dem Sprecher der israelitischen Cultusgemeinde, es freue ihn, daß auch die Israeliten zur Erhöhung des Glanzes der heutigen katholischen Feier beitrugen. Er seinerseits werde darüber wachen, daß in seiner Diöcese der Geist religiöser Toleranz und friedlichen Zusammenwirkens jederzeit gepflegt werde. Ec versicherte die jüdische Cultusgemeinde seiner Achtung und seines Wohlwollens und flehte den Segen des Himmels auf ihre weitere Wirksamkeit herab. Mit diesem Würdenträger der katholischen Kirche weiß die Antisemitenpreffe um gar nichts anzufangen. Einen Grafen Szechenyi, den Sprossen eines der ältesten und vornehmsten Adelsgeschlechter der Monarchie, kann man nicht zum Judenstämmling fälschen. Der Glanz seines Namens und die hohe Würde seines Amtes verleihen dem Ausspruche dieses Kirchenfürsten eine Autorität, die jeder gläubige und rechtschaffene Christ anerkennt. Die Kundgebung trägt das Gepräge wahrer Ueberzeugung; der Bischof hat seine edle Gesinnung so rückhaltlos ausgesprochen, daß es kein Mäkeln und kein Deuteln gibt. Aber etwas Anderes kann die Antisemitenpreffe thun; sie kann die bedeutsamen Worte des Bischofs von Raab unterschlagen, sie der Kenntniß ihrer Leser vorenthalten, die sich sonst sagen müßten, daß Alles das, was ihnen täglich gesagt wird, um sie zum Judenhaß zu erziehen und in demselben zu erhalten, eine Lügengewebe ist. Religiöse Toleranz und friedliches Zusammenwirken, das ist genau das Gegentheil von dem, was die Antisemiten wollen. Sie leben ja von der Zwietracht und von der Verfolgung, von der Verdächtigung und Beschimpfung derselben Juden, die der Bischof seiner Achtung und seines Wohlwollens versichert. Weisheit und Güte leuchtet aus dieser Kundgebung; Dummheit und Bosheit aus jeder Zeile, mit welcher die Antisemiten das Herz des Volkes vergiften. * * * Ein Fürst im Reiche der Wiffenschaft ist dahingegangen, und wie anläßlich seines achtzigsten Geburtstages die Gebildeten der ganzen civilisirteu Welt darum wetteiferten, ihm ihre Verehrung und die Dankbarkeit des ganzen Menschengeschlechtes zu bezeugen, für dessen Wohl er Unvergängliches gethan, so beklagt j tzt einmüthig eine ganze Welt das Hinscheiden Rudolf Virchow's. Die Bedeutung Virchow's zu schildern, seine Persönlichkeit zu kennzeichnen und seine Verdienste als Arzt und als Forscher ist nicht unsere Aufgabe. Es gibt keine Zeitung der Welt, die das nicht anläßlich der Nachricht von seinem Tode gethan hätte. Daß er ein echter Deutscher und einer der Besten gewesen, die das deutsche Volk jemals hervorqebracht, darüber ist Alles einig. In W en freilich, in der Zeit, in welcher die Gregorigs und Bielohlaweks über die Wiffenschaft aburtheilen, da hätte es vielleicht auch einem Rudolf Virchow paffiren können, das man ihm sage, ein altes Weib verstehe mehr als ein Professor, und in Wien wäre es ihm, wenn er über die Gleichberechtigung der Juden und über die Ungerechtigkeit, die darin liegt, sie zu unterdrücken, ebenso gesprochen hätte wie im Deutschen Reiche, übel ergangen. Der Dr. Lueger hätte ihn mit einigen läppischen Bitzen dem Spotte seiner Amazonen preisgegeben und der Ernst Schneider hätte ihn mit einigen Schimpfworten angebellt. Das ist ja so manchem Gelehrten von internationalem Ruf bei uns geschehen. Nothnagel ist ein Judenknecht, Eduard Süß ein „Waffermacher". Warum sollten die Strobachs und die Hawraneks nicht auch einen Virchow beschimpfen? Und der Mann hat, um mit dem „Deutschen Volksblatt" zu sprechen, ebenfalls „g°jüdelt", und es ist eine Pflicht der jüdischen Presse, anläßlich des Todes Virchow's daran zu erinnern, daß dieser geniale Gelehrte und Staatsmann in zahlreichen Parlamentsreden die Judenhetze aufs Allerschärfste verurtheilt hat. Ec erklärte wiederholt mit dem größten Nachdrucke, er müsse gegen die widerrechtliche Verfolgung der Juden seine warnende Stimme erheben. „Es sind die niedrigsten Leidenschaften, an die Sie appelliren", sagte er den Antisemiten, und er kennzeichnete die ethnologische Begründung des Racenhaffes als lächerlich, die Verfolgung aus religiösen Gründen als verdammenswerth, und sprach von der antisemitischen Bewegung, die von Abenteurern in die Volksseele getragen werde, als von einer Seuche. Als Beschränkungen in der Anstellung jüdischer Lehrkräfte an den städtischen Unterrichtsanstalten in Berlin verfügt wurden, sprach Virchow in der Versammlung der Stadtverordneten aufs Entschiedenste dagegen und sagte, daß die Religion nicht dazu da sei, die Menschen zu veruneinigen, sondern zu einigen. Er warnte vor den Gefahren des Antisemitismus und wendete sich gegen den kleinlichen und neidischen Consessionalismus. Kurz, er trat bei jeder Gelegenheit mit dem Einsätze seiner ganzen Persönlichkeit für die volle Gleichberechtigung der Juden und gegen den Antisemitismus auf. Bon österreichischen Liberalen hat man eine so energische und dabei so würdige und überzeugende Sprache in Jahrzehnten nicht gehört. In Oesterreich hätte diese Gesinnung allerdings genügt, um auch einem Rudolf Virchow alle Bedeutung und alles Verdienst abzusprechen. Bon Berlin aus verbrettete

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