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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-09-19 · 38 (19.9.1902) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
38 (19.9.1902)
Date
1902-09-19
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 608 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 38 deutlich die griechische Geschichte, und der Vater der Geschichtsschreibung Herodot. Er ist zwar getragen von dem edelsten Nationalbewußtsein; aber die fremden Völker erwähnt er nur, soweit sie mit den Griechen in Verbindung stehen. Die ersten Ansätze von dem Begriff einer Weltgeschichte finden wir bei Polybius, zu der Zeit, als das Griechenthum bereits verfallen war und der genannte Geschichtsschreiber als Grieche in Rom lebte. Ihm kam die Idee, daß Geschichte nicht eine bloße Reihenfolge von Ereignissen, Todtschlag, Länder- und Geldraub sei, sondern daß ihr ethische Triebfedern zu Grunde liegen, und er meint, daß diese Triebfeder die Unterwerfung aller Völker unter die Herrschaft der Römer sei. Die alten Römer als leitende Macht über die Menschheit, sei als ein Glück zu bezeichnen, und zwar nicht als ein blindes Glück, sondern die Geschichte der Völker werde von bestimmten Intentionen gelenkt. Eine Specialgeschichte berücksichtigt den inneren Zusammenhang der Dinge nicht, das thut nur die Universalgeschichte. So reift in chm der Plan, eine Geschichte der bekannten Welt zu schreiben. Allerdings ist die ihm bekannte Welt noch klein, er weiß nichts von den Völkern jenseits der Alpen, das Land zwischen Nil und Don bezeichnet er als Asien rc. Aber mit diesem Plan war die bloße Nationalgeschichte überwunden, er war fundamental für die weitere Entwicklung der Weltgeschichte. Hundert Jahre später, zur Zeit Cäsars, sehen wir, daß der Begriff einer „Gemeinen Geschichte" bei Diodor bereits geläufig ist. Er sieht in der Geschichte der Menschheit ein Analogon zu der Bewegung der Himmelskörper. Seine Ideen waren eine Wirkung der weltbürgerlichen Philosophie der Stoiker und der Epikuräer: Alle Menschen sind Brüder, weil sie in gleicher Weise Gott zum Vater haben. Die Idee war da, aber ihre Ausführung und Ausdehnung fehlte, weil man noch der Chronologie ermangelte. Das Bedürfnis nach ihr macht sich schon bei Diodor geltend. Weil man sie nicht hatte, mußte alles Assyrische, Syrische rc. außer Behandlung bleiben, konnte man nicht die Synchronismen feststellen. Die Technik versagte. Sie trat aber in fördernde Wirksamkeit, sobald die Cultursphären sich mischten. Mit dem Christenthum und der Receptton des Alten Testamentes macht sich das Bedürfniß geltend, die Geschichte zu einer Einheit zu verschmelzen. Die Historiographie des Alten Testamentes ist ebenso wichtig wie die griechischen Quellen. Den leitenden Gedanken dieser Verschmelzung saßt Reuß am Präeisesten. Er erklärt die jüdische Geschichte auch für national, nimmt auch die Legenden an, ebenso wie dre Localüberlieferungen, faßt aber das Ganze national zusammen. So kommt man zu einer wirklichen Geschichte des Nord- und des Südreiches. Die packendere von beiden ist die des Nordreiches. Die hebräischen Geschichtsschreiber gehen, und das ist der Fortschritt, zurück auf Moses und weiter. Beachtenswerth ist, daß schon im neunten Jahrhundert alle Stoffs des Jahvisten culminiren in dem Gedanken der menschlichen Einheit. Hier haben wir also die Idee von der Einheit der Geschichte; es entsteht nicht nur eine Cultur-, sondern eine Sittengeschichte der Menschheit. Das Tiefsinnig st e dabei ist, daß die sociale Ordnung auf den s ittlich e n Zust a n d derMenschheit an gewendet ist. Alles Dieses, die Einheit, der Grund und der Zweck der geschichtlichen Entwicklung, ist nicht inductiv gewonnen, sondern intuitiv. Die Intuition ist ein Bild von der Zeit der Proloplasten bis auf die Zeiten des Schriftstellers herunter national, aber zugleich universal, wie die Völkertafel beweist. Damit ist unser Jahvist um 800 schon auf den Boden gelangt, den die Griechen erst in dem Jahrhundert nach Christo erreichten. Da ist ein Gott, aber mit vielen Namen, und alle Völker verehren ihn unter den Namen ihrer Gottheiten. Das bedeutet, dieser Gott ist die sittliche Potenz in der Welt. Was die Juden also schon in alter Zeit hatten, das erreichten die Griechen erst, als das Christenthum an die Schwelle des Abendlandes trat. Wunderbar ist bei dem Jahvisten, daß er uns die Reihe der sittlichen Zwecke erkennen läßt, daß er uns über die Misere der kleinen Etappen in der Entwicklung hinweghebt auf eine sittliche Höhe. Wir kommen, wie Droysen sagt, zu einem Act des Verständnisses der Dinge in der Welt. Die Intuition wirft Lichtsunken in die Welt, das Gebiet der Geschichte ist der Kosmos der sittlichen Zwecke in der Welt. Leider läßt sich die Welt ebenso wenig von der Geschichte leiten wie von der Vernunft. Das Buch des Jahvisten, so klein es ist, bedeutet den entscheidenden Schritt zum Bewußtsein der Menschheit in ihrem sittlichen Charakter. Der Jahvist ist mit dem Propheten verwandt, ohne ein Prophet zu sein; denn dieser schaut vorwärts, jener aber rückwärts. Es war Amos, nicht erst Jesaias, der Gott zum Lenker der Geschicke der ganzen Welt macht, nicht nur Israels, sondern auch aller anderen Völker. Dieser Gedanke des Propheten ist aber nicht zu Ende gedacht worden. Man konnte nicht damit fertig werden, was aus dem Volke Israel werden sollte, wenn das Weltreich fertig sein werde. Die formale Seite der Weltgeschichte lieferten die Elohisten; von ihnen stammt die Chronologie. Was wir für besonders werthvoll schätzen müssen, ist die Erkenntniß des fundamentalen Unterschiedes zwischen den Phöniziern und Babyloniern aus der einen und den Hebräern aus der anderen Seite: die ersten waren M a t e r i a l i st e n und Evolisten, die andern Theisten und Kreationisten. Die Grundzüge einer Universalgeschichte schufen die Hebärer, die Jahvisten und Elohisten. Wo man die Idee der Einheit nicht erfaßt hat, wie bei den Arabern, entsteht keine Weltgeschichte. Sie haben nur eine Specialgeschichte; sie kennen nur Unterwerfung und Herrschaft: Herrschaft ihres Volkes, Unterwerfung aller anderen Völker. Darum werden sie auch nie zu einer Weltgeschichte kommen; denn sie trägt die Idee derBrüderlichkeit in sich. (Lebhafter Beifall.) Der Farbensinn der alten Hebräer. In der semitischen Section hielt Herr Kotelm ann- Hamburg über den Farbensinn der alten Hebräer einen sehr bemerkenswerthen Vortrag, der auch die breitere Oeffentlichkeit fesseln dürste. Der bekannte Sprachforscher Lazarus Geiger — so führte Dr. Kotelmann aus — war der Erste, der, offenbar unter dem Einflüsse des Darwinismus stehend, auf der Naturforscherversammlung in Frankfurt a. M. die Behauptung aufstellte, die Menschheit habe ursprünglich nur Lichlsinn besessen und daher blos Hell und Dunkel, Weiß und Schwarz unterschieden. Nach und nach sei dann aus dem Lichtsinn der Farbensinn entstanden, indem zuerst das lichtreiche Roth und Gelb, darauf das mittellichtstarke Grün und zuletzt das lichtschwache Blau und Violett gesehen worden seien. Insbesondere erklärt Geiger, daß die Heilige Schrift, trotzdem der. Himmel mehr als 450mal in ihr genannt werde, doch seiner blauen Farbe nirgends gedenke, und der Breslauer Ophthalmologe Magnus versicherte geradezu, noch Moses und seine Zeitgenossen seien blaublind gewesen. Es schien mir daher der Mühe werth, einmal zu untersuchen, welche Farben in den biblischen Büchern Vorkommen, um danach zu entscheiden, ob die alten Hebräer noch an einem Reste von Farbenblindheit gelitten haben. Als die lichtreichste Farbe wird Weiß angegeben, das uns nicht selten begegnet und das sogar für das von der Sonne beschienene blendende Weiß einen eigenen Ausdruck besitzt. Besonders charakteristisch tritt die weiße Farbe an dem Schnee und der Wolle hervor, so daß die Ausdrücke „weiß wie Schnee" oder „wie reine Wolle" häufig Vorkommen. Doch ist auch von weißen Kleidern und Vorhängen oder Linnen die Rede und ebenso von weißen Samen, Steinen, Wolken, Rossen und Eselinnen. Noch öfter aber werden gewisse Therle des menschlichen Körpers wie die Augen, die Zähne, das Greisenhaar, die Haut, namentlich diejenige der Ohnmächtigen und Erschreckten als weiß bezeichnet, und auch von pathologischen Gebilden wie den Lepra- Flecken und -Knoten gilt das Gesagte. Wiederholt wird auch ein gelblich-weißer Farbton damit bezeichnet, so wird von den Reben des blos geschälten und zu Boden geworfenen Weinstocks gesagt: „weiß sind seine Ranken", und als Jesus an gelben, bald zur Ernte reifen Feldern vorüberzieht, fordert er seine Jünger auf, die weißen Felder zu sehen. Aehnlich beschränkt der Apokalyptiker einen vom gelblichen Golde glänzenden Thron als weißen, dagegen redet der Psalmist bestimmter von der „gelben Farbe des Goldes", und im Pentateuch wird derselbe Ausdruck von dem grüngelben Kleiderbesatz gebraucht, und ganz verwandte Ausdrücke bezeichnen theils das Gelbwerden der vor Dürre hinwelkenden Gewächse, theils die grüngelbe, bleiche Tvdtenfarbe des Gesichts, die der Grieche odloros nennt. Sehr paffend sieht daher der Apokalyptiker den Tod auf einem grüngelben fahlen Roß reiten, während er in den anderen Gesichtern Reiter erblickt, die neben

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