Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 37 (12.9.1902)
- Date
- 1902-09-12
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 37 Dr. Bloch's Wochsnschrifl« Sette 603 Wir sehen das Werthvolle vorliegender Arbeit in dem Nachdrucke, mit dem der Verfasser (ob als Erster — können wir augenblicklich nicht feststellen) auf den Nexus hinweist, der zwischen der Stellung der alten Lehrer zu König Salomo und ihrem Verhältnisse zu dem davidischen Patriarchenhause besteht. Die Tannaiten, welche mehrfach, der sich gelegentlich autokratisch geberdenden hillelitischen Dynastie, Opposition machten, gehen mit Salomo und seinen Sünden recht scharf in's Gericht. Wollten sie doch durch Herabsetzung dieser glänzenden Persönlichkeit den Stolz ihrer Fürsten treffen. Die späteren Gelehrten jedoch, die größtentheils mit den Patriarchen ihren Frieden schlossen und zumal der Autorität Rabbi's unbedingt huldigten, suchten nach Möglichkeit des Königs Fehler zu beschönigen und seine großen Vorzüge in die rechte Beleuchtung zu rücken. Freilich wäre es für diese Theorie von großem Werthe gewesen, wenn Faerber die Behandlung David's in der talmudischen Literatur verfolgt hätte. Denn schließlich war Salomo nicht Stammvater der Patriachen (vgl. b. Kethub p. 62b), weswegen man sich ihm gegenüber Manches herausnehmen durfte. Aber auch David kommt nicht immer gut davon, während Saul — sein Gegner — die volle Sympathie der Rabbinen besitzt (vgl. z. B. b. Sabb. p. 56a, Sanh. p. 107, dagegen b. Joma p. 21 u. s. w.). Auch hat unser Autor nicht bei allen Traditionsträgern seine These gehörig durchgeführt. — Jehuda b. Jla'i war n*riM 'irr arma, war vielleicht sogar Chacham im Lehrhause des Nasi (vgl. b. Kidd. p. 52, Gittin p. 67, Menah. p. 103 u. s.) — warum zieht er so energisch gegen Salomo los? Auch Samuel — der im Gegensätze zu seinem College» Rab — in einem guten Verhältnisse zum Patriarchen stand (Juda II. vgl. Abodazara p. 3336 und besonders jer z. St.) ist nicht immer auf den König gut zu sprechen^). Die besondere Schärfe im Urtheile Simon b. Jochai's dürfte in der Psyche dieses Meisters ihre Wurzeln haben. Von einer Opposition gegen die Hilleliten ist — meines Wissens — bei ihm nicht viel zu merken (sein Sohn Eleazar allerdings brachte Juda I. nicht übermäßige Hochachtung entgegen, vgl. b. b, mezia p. 85 u. Par.). Dagegen wissen wir, daß Simon ein intensiver Gegner des National- Fremden war und auch die Vorzüge des römischen Regimes nach Möglichkeit zu leugnen suchte (vgl. b. Sabb. p. 33). Deswegen fand er besonders die Vorliebe für das Fremde und die fremden Weiber bei Salomo Hassenswerth (vgl. unsere Schrift c. V.). Auch mochte ihn — den Verächter weltlichen Gepränges — die luxuriöse Hofhaltung Salomo's abgestoßen haben. Im Nachstehenden wollen wir einige Einzelheiten besprechen 1) S. 8. Unser Autor scheint den Ausspruch: maan v aaa U'N nabtr bty mißverstanden zu haben. Es handelt sich nicht um Herabsetzung der Weisheit Salomo's. Simon b. Menaßja unterscheidet lediglich zwischen i n s p i r i r t e n Schriften, denen der Charakter der Heiligkeit zukommt und solchen, die mens chl i ch e r Weisheit entstammen. Auch wir sprechen doch heutzutage von der Sophia-Literatur (vgl. Frankenberg Einleitung zu s. Proverbia-Commentar) den sog. Chochmaschriften (vgl. auch die häufige Phrase inaam nnb& la« im Gegensätze zu trnpn nn s. Berach p. 4 a, Sabb. p. 151b, 153 a, Sanhedr. p. 107 a, auch Raschi b. bathra p. 14b. naan naa am» n^npi ^»a 2) S. 9, Anm. 4. Levy (der mir nicht zur Hand ist), dürste wohl an arab. p'^ia Art und Weise (ursprünglich Weg. wie hebr. “pn schon Prov. XXII. 6) gedacht haben, was vorzüglich paßt „nach Art des himmlischen Wagens". Man müßte demnach '2'->r2 lesen. Ich möchte nicht wagen, ’a-iya vorzuschlagen und in gleicher Weise zu fassen. 3) S. 10 f. Daß Samuel b. Nachmani im Namen Jonathans die Sünden Salomos (wie die anderer biblischer Persönlichkeiten) aus der Welt zu schaffen sucht und auch die Königin von Saba in ein „Ministerium" umdeutet, hat wohl seine zeitgeschichtlich - apologetischen Gründe, vgl. meine Bemerkungen R. E. J. no. 78, p. 303 s. 4) S. 29. Das Targum stellte wohl np' — zu arab. — „gehorsam sein", womit mp' in der That zusammenhängt (vgl. Delitzsch Sprüche 30. 17). 5) S. 35. Der Ausdruck a^p rai baia» (vom Propheten gebraucht) wurde vielleicht mit Hinblick auf das Lehrhaus des berühmten Amoräers Samuel geprägt, vgl. B. K. p. 59 b von demselben: nn mp -ra 'n baiatr vgl. übrigens noch b. Erubin p. 45 a und die L. A. Raschis z. St. ') Zu Gunsten seiner These hätte der Verfasser S. 6 die Lesart des Tanch: DV?» “Q mi.T für ‘raia» "ias min' nn acceptiren sollen. 6) S. 37. Anm. 23. Nödelke dachte wohl an arab. ms Individuum. 7) S. 38 ist ">2 "p2,"fe falsch übersetzt („von dir entsprießen zu lassen") Richtig: „dir aufzupropfen", da doch (abgesehen vom sprachlichen) beide Frauen nicht von Abraham stammen. Wien, 20. August. Dr. H. P. C h a j e s. Irta Friedmann 1116s. A zsidd vallas a modern korban. Die jüdische Religion in der modernen Zeit. Verfaßt von E. Friedmann, Secretär der israelitischen Cultusgemeinde zu Waag-Neustadtl. Les extremes se touchent. — Gegensätze berühren sich. Chasiidim und Reformer, beide stimmen überein, daß Glauben und Wissen unvereinbar seien, nur opfern die Ersten die Wissenschaft der Religion. Letztere die Religion der Wissenschaft. Beide sind im Jrrthum. Es gibt einen Mittelweg zwischen Bigotterie und Abfall, zwischen Aber- und Unglaube, man kann das eine Extrem vermeiden, ohne in das andere zu verfallen. Jede Einseitigkeit nach der einen, wie nach der andern Seite ist von Uebel; also Bildung ohne Nihilismus, Religion ohne Fanatismus. Der Verbreitung dieser Gedanken dient vorliegende in ungarischer Sprache abgefaßte Broschüre, in welcher wir zwar nicht einer zusammhängenden Behandlung eines Gegenstandes begegnen, wohl aber einer ganzen Sammlung hochwichtiger Zeitfragen, die geeignet sind, allgemeines Interesse zu beanspruchen. . ' Das Schriftchen ist zugleich eine Würdigung des in Ungarn — von den Orthodoxen als von den Fortschrittlern — noch immer verkannten, berühmten Frankfurter Raw, S. R. Hirsch, und es ist wahrlich kein müßiges Unternehmen, diesem großen Verfechter des traditionellen Judenthums der ungarisch sprechenden Judenheit etwas näher zu bringen. Die Bedeutung Hirsch's sollte doch endlich auch in Ungarn anerkannt werden, denn es ist nicht zu leugnen, daß das Talmudstudium auch in Ungarn nicht mehr so intensiv wie ehedem betrieben wird; einerseits ist es der daselbst sich immer mehr ausbreitende Chassidismus. der die jungen Talmudisten vom „Lernen" ablenkt, anderseits wieder das Bestreben eines Theiles der Talmudisten, sich im weltlichen Wissen auszubilden. Kurz, es wird weniger „gelernt" und was wäre noch so geeignet, die Lücken in talmudischen Kenntnissen auszufüllen, als das Studium der Hirsch'schen Schriften. Das Schriftchen ist int Dialoge gehalten und eingeführt werden wir in dasselbe durch ein Paradoxon. In einem Badeorte begegnen einander ein Reformrabbiner und ein orthodoxer Jude, Beide Männer, die auf der Höhe der Zeit stehen, Beide mit einer Badelectüre versehen, der Rabbiner liest das Buch Jesaias, der orthodoxe Jude Darwin's „Entstehung der Arten". Es entspinnt sich ein Gespräch, das uns gleich io medias res überführt, daß heute nicht mehr die Philosophie im Allgemeinen, sondern die Naturwissenschaft das Feld ist, auf dem der Kampf des Glaubens mit dem Wissen jetzt vornehmlich geführt wird. Das erste und das zweite Capitel ist eine Auseinandersetzung mit dem Materialismus, der angeblich die ganze Schöpfungstheorie umstoße. Für den Fachmann der Philosophie ist allerdings der Materialismus eine überwundene Phase der Wissenschaft. Sowohl von der Philosophie, als auch von seiten der Naturwissenschaft wurde ihm heftige Opposition gemacht und die Haltlosigkeit seiner Thesen bewiesen. Ueberhaupt seit dem Erscheinen des so oft aufgelegten Werkes „Geschichte des Materialismus" von F. Alb. Lange, in dem dargethan wird, oaß der Materialismus gegenüber der Erkenntnißtheorie Kant's keine Daseinsberechtigung habe, ist er ein Factor, mit dem man sich nicht mehr auseinanderzusetzen braucht. Aber es ist trotzdem nicht zu leugnen, daß besonders L. Büchner den Materialismus popularisirte, indem er seine Hypothesen in die Verkehrsmünze für das gewöhnliche Leben umprägte. Büchner's Werk ist heute noch Gemeingut aller Halbgebildeten, für dieselben gibt es kein Räthsel mehr im Himmel und auf Erden und sie spielen mit „Kraft und Stoff" wie mit Rechenpfennigen. Es ist deshalb zu begrüßen, daß der Verfasser — ohne das schwere Rüstzeug der Philosophie zu Hilfe zu rufen — wenn auch durch wenig neue Gedanken, jedoch durch feine Dialectik und geistreiche Sarkasmen die Hohlheit und Unhaltbarkeit des Materialismus nachzuweisen sucht und so Jedem ein Mittel in die Hand gibt, um nicht haltlos dem Nachtschatten des Materialismus, den Phrasen des Tages zum Opfer zu fallen. Die Annahmen Darwin's und der Geologie hält der Verfasser für Hypothesen, aber nicht für Theorien. Das dritte Capitel ist ethischen Inhaltes, und theils in losem Zusammenhänge, theils in Anmerkungen entwickelt der Verfasser seine Ideen über die Uebergriffe der Reform, über Erziehung der Kinder, über jüdische Mittelschulen u. s. w. Im vierten Capitel prüft der Verfasser den Chassidismus, und was er uns bietet, ist eigene Erfahrung. Er schildert das asketische, anspruchslose Leben der so oft verlästerten und verkannten „Wunderrabbiner" ohne jede Voreingenommenheit, geißelt aber dafür ihre gedankenlosen Anhänger. Diese Abhandlung auch macht die Broschüre hoch actuell. Es ist nicht zu leugnen, der Chassidismus breitet sich in Ungarn aus und die früher aschkenesisch gesinnten Gemeinden Oberungarns sind heute auch schon Hochburgen des Chassidismus, wie etwa Marmaros-Sziget und Huszt. Der größte Theil der Orthodoxen wandelt — leider — schon längst nicht mehr in den Bahnen, in welchen ihr großer Meister der „Chaffam Sofer" gewandelt, wohl