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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-09-12 · 37 (12.9.1902) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
37 (12.9.1902)
Date
1902-09-12
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 37 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 6V1 und grauen, ängstlich umherblickenden Augen. Eine zahlreiche Familie umringte ihn: seine Gattin, eine kleine, magere, immer kranke Frau, die kaum die Füße schleppen konnte, deren Züge jedoch nichtsdestoweniger die Spuren einer einst höchst eigenartigen, sympathischen Schönheit trugen. In den Armen hielt sie zwei kleine Mädchen, von denen eines feuerrothes, krauses Haar, runde, vom Frost geröthete Wangen hatte und Allen freundlich zuzulächeln schien, indeß das andere, im Gegentheil dunkel wie eine kleine Zigeunerin war und mit seinen großen, schwarzen, gleichsam vor Erstaunen weitgeöffneten Augen ängstlich seitwärts blickte. An den Rock der Mutter klammerte sich ein drittes, etwas älteres Mädchen, dessen ernstes Gesichtchen den Ausdruck einer nichts weniger als kindlichen Sorge trug; ein viertes hatte sich mit einem Sack beladen, der größer war als die Trägerin selber. Der Vater und ein ihm sehr ähnlich sehender zehnjähriger Knabe, der ebenfalls eine lange, spitze Nase und graue Augen halte, schleppten den übrigen Reichthum der Familie. „Hierher, Jenta, hierher!" sagte mit dem charakteristischen jüdischen Lispeln das Haupt der Familie, die Gegenstände auf eine leere, der Thür zunächst befindliche Pritsche legend. „Abram, lauf' rasch hinaus und sieh', ob wir nichts vergessen haben." Kraftlos sank Jenta mit beiden kleinen Mädchen auf die Pritsche nieder. Sofort sprang das rothhaarige heiter auf die Erde und begann den älteren Schwestern beim Auspacken der Sachen zu helfen; das schwarze hingegen klammerte sich noch fester an die Mutter. „Nun, wie, Jentele? Wie geht es dir jetzt?" fragte mit gedämpfter Stimme der Mann, indem er seiner Gattin mit Zärtlichkeit und Besorgniß in die Augen sah. Doch sie antwortete nicht und blickte nur beunruhigt auf das Köpfchen der sich an sie schmiegenden Lieblingstochter. „Ich brühe sofort den Thee auf. . . dann wird uns gleich warm werden! Chasse, Bruche, Surele, helft der Mutter. Das Wasser hole ich schon/ „Nun, und ich, meine Herren, wo soll ich mich denn hinthun?" fragte in diesem Augenblick mit lauter Stimme ein alter Mann, der als der Letzte den Raum betreten hatte. Sein Aeußeres war einnehmend und achtunggebietend und in seinen klugen, grauen Augen blitzte es manchmal schelmisch auf. „Soll ich, ein Alter, vielleicht unter eine Pritsche mich legen?" „Dem Greise Nikolajew unsere Hochachtung! Bitte zu uns zu kommen," rief vom Fenster der rothbärtige Mann aus der Gesellschaft der Jwarows. „Komm' zu uns, alter Schieferstein!" rief noch Einer aus ihrer Mitte. „Seht, schon schon schimpft ihr!. .. Ist das recht, meine Herren? Ich komme euch freundlich entgegen und ihr antwortet mir mit solchen Dummheiten!" „So nehmt, ich bitte, den Platz neben uns ein, Nikolajew," erklang aus einer zweiten Ecke eine einschmeichelnde Stimme. Dieselbe gehörte einem schon älteren, breitschulterigen, bleichen Manne, dessen Augen und Gesichtszüge einen unangenehmen, bösen Ausdruck hatten, obgleich ein süßliches Lächeln nicht von seinen Lippen wich. „Zu uns, Paul Nikolajewitsch! Bitte zu uns zu kommen!" bestätigte auch die neben ihm sitzende Frau. „Ihr seid alt, bei einer Familie werdet ihr größere Ruhe finden." „Selbstverständlich! Danke für die Freundlichkeit. Wir werden also Nachbarn sein." „Oho! Der alte Teufel! Zu den Weibern ist er hingegangen! Ja, der ist kein Narr!" brüllte der Rothbart vom Fenster. „Du, Perminow. Hab' ein Aug' auf die Beiden. Er versteht seine Sache . . . Wir kennen diese gottesfürchtigen Greise... Paß' gut auf, sonst bleibst du ohne Frau!" Perminow's Züge, als er diese Worte hörte, verzerrten sich zu einem boshaften Lachen; doch schwieg er und begnügte sich damit, einen verächtlichen Blick auf die Gruppe im Winkel zu werfen. Auch Nikolajew, der seine Sachen auszupacken begann, ließ den Spott unbeantwortet; sein Gesichtsausdruck jedoch verrieth, daß er sich eher geschmeichelt als verletzt fühlte. Nach und nach gewann der Raum ein wohnlicheres Aussehen. In Stretmsk pflegen die zurückk.hrenden Sträflinge nicht kürzer als zwei Wochen zu verweilen. So richteten sich denn die Ankömmlinge ein, als hätten sie die Absicht, ganze Jahre da zu bleiben. Man band die festgeschnürten Packete auf und nahm die daselbst aufbewahrten Borräthe heraus. So lange die Kammer noch nicht für die Nacht geschlossen war, wanderten die Sträflinge im Corridor und auf dem Hofe des Gefängniffes auf und ab, gaben sich Mühe, die localen Gebräuche und Einrichtungen kennen zu lernen, suchten in Erfahrung zu bringen, ob das Gefängniß außer ihnen noch andere Sträflinge berge, u. A. m. Es erwies sich, daß in den benachbarten Raum eine Compagnie von achtzig Mann sich befand. Dieselben waren „Neue", d. h. officiell noch nicht gemeldet und nicht untersucht, und wurden daher eingeschlossen. Bor einigen Tagen waren sie aus Wagowieszczeüsk angelangt und bestand die Äbtheilung zur Hälfte aus Männern, die zur Zwangsarbeit verurtheilt, zur Hülste jedoch aus solchen, die, des bekannten Ueberfalls einer goldführenden Karawane halber, dem Gericht in Irkutsk überliefert werden sollten. An der Thür dieses Raumes stand ein kleines Häufchen der soeben angekommenen „Freien" und suchte sich durch eine Spalte mit den „Alten" drin zu verständigen. „Wird man hier streng untersucht?" fragte der kampflustige Rothbart, den die Kameraden Kitajew nannten. „Man kann sagen, sogar unmenschlich," erwiderte jenseits der Thür die Stimme eines Mannes, an deren Klang und Worten man erkennen konnte, daß ihr Besitzer ebenso kampflustig und redselig, und nicht minder erfahren war als derjenige, der die Frage an ihn gerichtet hatte. „Kapitän Petrowski könnte Gendarm sein. Kaum etwas — schon haut er einem in die Freffe. Aber ihr, meine Herren, braucht euch darum nicht zu ängstigen. Ueber unserer Thür, neben dem Ofen, ist ein mit einem Fetzen verstopftes Loch. Beeilt euch also, was ihr von Adam und Eva's verbotenen Früchten etwa besitzt, uns zum Ausbewahren zu übergeben." „Und wann wird die Meldung und Untersuchung stattfinden? Heute noch?" „Keinesfalls. Capitän Petrowski's Gesetze sind hart. Ein für allemal unumstößlich. Morgen um elf Uhr wird's losgehen." Der Vorschlag des Unsichtbaren wurde sofort zur allgemeinen Kenntniß gebracht, und Oska Njepomniaschtschi, auf die Schultern des starken, großgewachsenen Kitajew steigend, kroch auf den Ofen, um das rettende Loch zu suchen. In den Händen hielt er mehrere Spiele Karten und noch andere der „verbotenen F.üchte", vor deren Beisichbehalten der vorsichtige Rathgeber gewarnt hatte. „Und morgen, nach eurem Verhör, wird man unsere Thür aufschließ«'n. Dann werden wir eure angenehme Bekanntschaft machen, und wenn ihr es wünschen solltet, können wir uns gegenseitig besuchen." „Mit Vergnügen. Und habt ihr etwas Geld?" „Nun, freilich. Fahren wir doch einer Goldangelegenheit halber nach Irkutsk. Die Juden find reich, man muß sich die Sache nur überlegen. Nun, wir werden uns ja noch sehen und des Genaueren darüber sprechen. Und woher kommt ihr des Weges?" „Wir kommen aus Schelaja. Habt wahrscheinlich von diesem Ort gehört?" „Ein warmer Winkel; wie sollte man nicht davon gehört haben? Man sagt, 's ist ein Grab." „Eure wahrhaft heilige Stätte! der Aufseher — ein Abt; die Sträflinge — Mönche! Ha, ha, ha!" „Das heißt, daß auch ihr eine hübsche Summe Geldes mit euch führt. Wahrscheinlich habt ihr die in der Abtei gesammelt." „Nun, viel oder wenig, für unsere Lebensdauer wird es schon reichen," erwiderte, seinen Gefährten zublinzelnd, Kitajew mit Prahlerei. „Doch. Kinder, es ist Zeit, nach Hause zu gehen. Ich glaube, man kommt schon unsere Thüren schließen. Aus Wiedersehen, meine Herren!" In der That trat, von einigen Soldaten gefolgt, in der Hand einen Bund Schlüssel haltend, der Gefreite in den Corridor und befahl, den Eimer in das Zimmer zu stellen. Nachdem die Sträflinge gezählt, ging man an das Schließen der Thür. „Herr Gefreiter", mit diesen Worten trat das Haupt der jüdischen Familie schüchtern vor den Gestrengen, „wollen Sie die Güte haben, zu berücksichtigen . . ." „Was denn?" unterbrach der noch bartlose Gefreite hochmüthigen Tones, den Juden mit scheelem Blick von oben bis unten musternd. „Hier sind Frauen . . . und viele junge Mädchen . . . . meine Töchter ..." „Nun. was soll's damit? Man verlangt sie ja nicht von Dir . . . Oder bieten sie sich vielleicht selber an?" „Es ist des Eimers wegen, Herr Gefreiter. Ersuchen Sie gefälligst den Herrn Officier, die Thür nicht zuschließen zu kaffen, damit der Eimer draußen stehen bleiben kann."

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