Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 37 (12.9.1902)
- Date
- 1902-09-12
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 37 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 597 nach Jawbabad reiste, um die beiden Familien aufzusuchen, waren sie leider von dort verzogen, wie es hieß nach Neeruch oder Nasirabad. Obgleich ich mich brieflich an beiden Orten nach ihrem Verbleib erkundigte, konnte ich nichts mehr von ihnen erfahren. Wahrscheinlich haben meine Correspondenten nicht so ernstes Interesse an der Sache genommen wie ich, sie konnten die L:Ute, die in ihrem früheren Wohnort als Oelpresser gearbeitet hatten, nicht mehr auffinden, und so waren diese beiden Familien für uns verloren. Sie hatten, wie mein Freund mir erzählte, trotz ihrer Zugehörigkeit zum mohammedanischen Glauben, nur untereinander geheiratet, und wenn die Zahl ihrer Familienglieder dazu nicht ausreichte, waren sie nach anderen Orten gezogen, wo noch mehr Anhänger ihrer Secte lebten. Ich habe mich nach besten Kräften bemüht, diese Sectirer aufzufinden. Jakobabad hat vordem zum Gebiet von Beludschistan gehört. Die dort wohnenden, hier in Frage kommenden Familien haben von jeher das Handwerk des Oelprefiens ausgeübt, ganz wie die alten in Indien lebenden Benei-Jsrael, deren Nachkommen sie aber sicherlich nicht sind. Im Gegensatz zu anderen Mohammedanern haben sie ihre Todten nach Osten und nach Westen zu begraben, sie haben genau dieselben der Mischna entnommenen Opfergebräuche gehabt, wie sie bei den indischen Benei-Jsrael historisch nachgewiesen sind. Bei dem Mangel aller authentischen Beweise ist es unmöglich, hieraus irgendwie haltbare Schlüsse zu ziehen, ich erwähne alle diese Thatsachen nur, um Ihren Lesern zu zeigen, daß die alten Israeliten ihren Weg überallhin gesunden haben, daß sie überall versucht haben, sich von den eingeborenen Einwohnern abzusondern, und sich nur durch den Zwang der Verhältnisse mit den anderen Nationen vermischt haben oder ganz erloschen sind. Die Juden haben ihr Forschungs- und Befreiungswerk ein Jahrhundert zu spät begonnen. Ich bin überzeugt, daß, wenn die Nachforschungen und Untersuchungen über den Verbleib der Zehn Stämme nur hundert Jahre früher begonnen hätten, eine so vollständige Verschmelzung, wie sie jetzt an vielen Stellen gefunden worden, nicht hätte geschehen können — aber da wir selbst zu viel gegen Verfolgungen anzukämpfen hatten, konnte nach dieser Richtung nichts gethan werden. Wenn aber der Messias kommt, wird er die Reste dieser Stämme sammeln, und dann wird die Religion Israels wieder die herrschende auf Erden sein. Dann wird die Vaterhuld Gottes und die Bruderliebe der Menschen, das hohe und glückverheißende Ideal des Propheten Jesaia, auf Erden walten, die Welt wird den Herrn suchen, dessen Gnade über alle Geschöpfe leuchten wird. Möge dieser Tag bald heraufdämmern!" („Jsr. Wochenschrift.") Correspondenzen. Wien, 9. September. Der Landtag von Niederösterreich ist aufgelöst worden. Eine Folge davon ist, daß von einer Nachsession, auf welche insbesondere die antisemitische Majorität gehofft hatte, nicht mehr die Rede sein kann, daß somit auch das Lueger'sche Project, die Dorfgemeinden des linken Donau-Ufers der Gemeinde Wien einzuverleiben und bei dieser Gelegenheit durch entsprechende Aenderungen des Wiener Gemeindestatuts das christlich-sociale Wahlglück zu corrigiren, vertagt bleibt. Eine andere Folge aber ist, daß nunmehr der Wahlkampf auf der ganzen Linie entbrennt. Die „A.-Z." charakterisirt treffend die Bedeutung dieses Wahlkampfes: „In Niederösterreich handelt es sich um den Kampf gegen die selbstsüchtigste, die gehässigste, gegen die frechste Partei, gegen die anmaßende, wahrhaft demüthigende Herrschaft der Luegerei. Den Lueger klein zu machen, das entwürdigende Joch dieser Tyrannei abzuschütteln, die Landesverwaltung von der schrankenlosen Allmacht dieser unduldsamen, verfolgungssüchtigen, racheschnaubenden Clique zu befreien: das ist das Ziel dieses Wahlkampfes, der auch ein Ende setzen muß dem verwüstenden Wirken des Clericalismus, der wie ein finsterer Schatten über dieser großen Stadt liegt. Der Landtag ist eine wichtige Verwaltungskörperschafi, aber dennoch ist es ausschließlich ein politischer Kampf, der in den Landtagswahlen entschieden werden wird. Herr Lueger hat den Landtaq zu einer Filiale des Gemeinderathes gemacht; wie er im Rathhaus und im Magistrat als ein größenwahnsinniger Despot schaltet, so hat er auch im Landtag und im Landesausschuß seinen Willen als das Maß aller Dinge bestimmt. Der russische Absolutismus ist eine erträgliche Regierungsform gegenüber der Luerger'schen Despotie, und der deutsche Kaiser ist ein ruhiger, bescheidener, objectiver Mensch gegenüber der Lueger'schen Effecthascherei, der nichts zu groß und nichts zu klein ist, um sich darin nicht selbstgefällig zu spiegeln. Auch andere Großstädte haben Bürgermeister, aber wo ist es noch der Fall, daß der erste Verwaltungsbeamte mit Reclamegeschrei und eklem Selbstlob die Oeffentlichkeit erfüllte, wo gibt es noch einen Bürgermeister, der nicht den Mund öffnen kann, ohne seine Gegner mit Lügen und Schmähungen zu überschütten? Hat man von dem Bürgermeister von London, von Paris, von Berlin dergleichen gehört? Diese frechen Anmaßungen zu treffen, dieser kecken Willkür einen Schlag zu versetzen, dazu soll dieser Wahlkampf die Gelegenheit bieten. Aber in der Luegerei trifft man mcht blos die Wiener Despotie, man bricht in ihr auch jenem Clericalismus das Genick, der um so gefährlicher ist, je moderner er sich ausstaffirt hat: dem Clericalismus der politischen Geschäftemacher, dem Clericalismus der Demagogen. Die Niederlage der Luegerei wäre die Niederlage der österreichischen Neaction, in Lueger schlägt man den ersten Söldling des österreichischen UltraMontanismus. lieber die Schwere des kommenden Kampfes ist sich in Niederösterreich Niemand im Unklaren. In den Christlich-Socialen hat man es mit Gegnern zu thun, die zu Allem fähig sind: zu jeder Bosheit und zu jeder Schlechtigkeit. Die Wahlen werden bald ausgeschrieben sein und man wird rasch erfahren, wann der Entscheidungstag sein wird. Aber schon heute rufen wir die Parteigenossen zur Arbeit an; mit aller Kraft muß sie begonnen und durchgeführt werden. Nieder mit der Luegerei! — ist die Parole." Die Juden als Handwerker. Es ist eine alte Fabel, daß die Juden manuelle Arbeit scheuen und sich nur widerwillig den Handwerken widmen. Diese Fabel erhält sich mit zäher Ausdauer und ist nicht umzubringen. Die „O e st e r r e i ch i) d) c Wochenschrift" kann darauf Hinweisen, daß sie sich schon unzähligemale der Mühe unterzogen, diese ebenso verlogene als verdächtige Beschuldigung aufs Eingehendste widerlegt zu haben. In den Landestheilen, wo sie nur vereinzelt leben, können sich die Juden selbstverständlich mit Erfolg den Handwerken nicht zuwenden, in dem von Juden dichter bevölkerten Provinzen dagegen sind sie in allen Professionen ausreichend vertreten, Beweis deffen Galizien, wo das Handwerk nahezu ausschließlich von Juden betrieben wird. Einen schlagenden Beleg bietet Rumänien, in welchem die Juden deshalb zum Exodus gezwungen werden, iveil sie Handwerker sind und weil die Absicht besteht, infolge der durch den Exodus entstandenen Lücke für die Rumänen als Prof Monisten Platz zu machen. Während der antisemitischen Aera haben sich für die dem Handwerke zuwendenden Juden namhafte Schwierigkeiten ergeben. Dem eine höchst dankenswerthe und erfolgreiche Thätigkeit zur Seite stehenden „Verein zur Beförderung der Handwerke unter den inländischen Jsaeliten in Wien" war es in der Zeit der antisemitischen Strömung immer schwerer möglich, Lehrlinge unterzubringen, denn jüdische Meister gibt es sür den großen Andrang der einer Profession sich widmenden jüdischen Knaben zu wenig, und die arischen Meister zeigten eine Abneigung, jüdische Lehrlinge aufzunehmen, was in der Regel mit erheblichen Geldopfern applanirt werden mußte. Nun soll in dieser Richtung ein Wandel zum Beffern geschaffen werden. Der Handelsminister hat im Verordnungswege eine ganze Reihe gewerbliche Lehranstalten namhaft gemacht, deren Absolvirung mit günstigem Erfolg den bisher geforderten Nachweis zur Erbringung einer Befähigung behufs Ausübung eines Gewerbes vollständig ersetzt. Der „Verein zur Förderung der Handwerke unter den inländischen Israeliten in Wien" wird zweifelsohne mit Vergnügen die Gelegenheit ergreifen, die seiner Obhut anvertrauten Zöglinge die erwähnten gewerblichen Lehranstalten frequentiren zu lassen, weil diesen Zöglingen hiedurch die Möglichkeit geboten erscheint, eine den modernen Anforderungen besser entsprechende Ausbildung als bisher zu erhalten, ferner weil dieselben weniger den Chikanen und Bexationen der zünftigen Meister und Gesellen ausgesetzt fein werden. Die Ausbildung der Zöglinge in den fachlichen Lehranstalten wird freilich mit namhaft erhöhten Kosten verbunden sein und ganz außerordentliche Anforderungen an das Budget des genannten Vereines stellen. Da jedoch die Mittel des letzteren nicht hinreichen, um auf die bisherige Weise die Kosten der Ausbildung zu bestreiten, so wird er bemüffigt sein, sich neue Einnahmsquellen zu erschließen und einen Appell an das gute Herz unserer Glaubensgenossen zu richten. Die „O österreichische Wochenschrift", welche schon so oft Veranlaffung genommen, die Ziele und Zwecke des Wiener „Vereines zur Förderung unter den inländischen Israeliten" nach Thunlichkeit und mit allen