Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 37 (12.9.1902)
- Date
- 1902-09-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021439-3021477--12060-3036633- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 592 dx. Bloch's Woürenschrrfk» Nr. 37 Darüber will ich nicht viele Worte verlieren. Der Nutzen dieser Bersammlungen ist nicht allzu groß, und um solche zu veranstalten, braucht man keine Vereine ins Leben zu rufen. Eine Sache muß ich jedoch besonders hervorheben. Nach dem Verzeichniß der Persönlichkeiten, die den Aufruf unterzeichnet haben, soll die sogenannte „orthodoxe" Richtung in der Wissenschaft des Judenthums diesem Verein ferne gehalten werden. Ich liege seit Jahren im Kampf, mit der Orthodoxie; man wird mir somit keine Voreingenommenheit für diese vorwerfen. Ueberhaupt bin ich ein freier Mann und liebe die Freiheit in viel größerem Umfang als alle achtbaren und gelehrten Männer, die den Verein ins Leben rufen wollen. Aber ich kann doch nicht darüber hinwegkommen, daß in dem Ausschluß der orthodoxen Gelehrten eine unkluge und ungerechte Gehässigkeit liegt, die auf eine Berliner Localfehde zurückzuführen ist. In dem orthodoxen Seminar in Berlin lehren zufällig Männer von Weltruf. Warum diese zurückweisen? Jemand hat vor Jahren den tollen Gedanken ausgesprochen: Nur das Reformjudenthum habe wahre jüdische Wiffenschaft gefördert. Die geschichtliche Wahrheit lautet gerade umgekehrt. Rapaport, Zunz. Luzzatto und Frankel, die man doch sozusagen auch anerkennen muß, zumal sie zu ihrem Glück bereits todt sind, haben mehr oder weniger die Reform bekämpft. Rapoport und Luzzatto sogar mit einer Entschiedenheit, die schon beinahe einseitig war. Nachdem kleinlichenStandpunktunsererBereinsgründer hätte man sie heutzutage nicht für voll gelten lassen: denn die oben citirte Verrücktheit gilt jetzt in Berlin als Dogma. Nein, ich bekämpfe Tag für Tag die Orthodoxie, weil ich eine sehr religiöse Natur bin und das Judenthum in einer nie aufhörenden Entwicklung sehen will. Aber vor jüdischen Gelehrten orthodoxen Glaubens, die Bleibendes geschaffen haben, ziehe ich respectvoll den Hut. Der Parteigeist hat mich Gott sei dank noch nicht so gegen jedes wahre Verdienst abgestumpft. Ich hätte es gewiß unterlassen, einem solchen Kreis von anerkannten und verdienstvollen Gelehrten gute Lehren zu ertheilen. Aber ich bin überzeugt, daß die meisten den Aufruf, wie es in solchen Fällen stets üblich ist, ohne viel Nachdenken unterschrieben haben. Einen Verein zur Förderung der Wissenschaft des Judenthums gründen — warum nicht? Man müßte schon keinen Sinn mehr für das Judenthum haben, wenn man sich gegen ein solches Unternehmen sträuben wollte. Schließlich würde man sagen können: Nützt es nicht, so schadet es auch nicht. Aber, meine Herren! Bedenken Sie, daß dies vielleicht der letzte Pfennig ist aus der Sparbüchse unseres geistigen Könnens. Wir müssen mit unseren Kräften, die doch sehr dünn gesäet sind, sehr sparsam umgehen. Gedeiht dies Unternehmen nicht, und nach meiner Ansicht kann es nicht gedeihen, dann haben wir eine herbe Enttäuschung mehr, dann haben wir unsere tüchtigsten Männer in ein von vorneherein sür verloren zu gebendes Treffen geschickt. Die Herren haben sich in ihrem Aufruf auf das viel citirte Wort von Zunz (»Zur Geschichte und Literatur" S. 21) berufen: »Die Gleichstellung der Juden in Sitte und Leben wird aus der Gleichstellung der Wissenschaft des Judenthums helvorgehen". Zunz konnte dies im Jahre 1845 glauben. Aber wie Männer, die doch die jüdische Geschichte der letzten Jahrzehnte sammt de r vielen Enttäuschungen, die wir erlebt haben, kennen, Solches noch immer nachschreiben, ist mir ein wahres Räthsel. Wo war die jüdische Wiffenschaft zur Zeit der vermeintlichen Freiheit? Ich glaube mit größerem Recht den Satz aussprechen zu dürfen: Die Wiffenschaft des Judenthums wird erst dann zur vollen Blüthe gelangen, wenn sich der jüdische Stamm selbst befreien wird. Unter dieser Selbstbefreiung verstehe ich in erster Reihe die Selbstachtung, daß wir nicht in Allem und Jedem nach Außen hinschielen und fragen: Was sagen „Jene" dazu? Und dann müßte mit den corrupten Zuständen in unseren Gemeinden gründlich aufgeräumt werden. Wenn ich mir die Sache genau überlege, so komme ich zu der lleberzeugung: Wir brauchen zur Zeit keine Gelehrten, sondern Propheten. Ach, ließen sich solche in Israel erwecken; sie thun uns so dringend uoth! Berlin, im September 1902. Dr. S. B e r n f e l d. Vom Jahrmarkt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichle. (WiederHebräer Vergani Svrichwörterauslegt, — Ueber Betrug und ehrliche Arbeit. — Das Wort „lösche r".) Das Beispiel jenes Erzbischofs, von dem das „Deutsche Volksblatt" zu erzählen wußte, daß er jüdelt, hat den Ehrgeiz dieses Blattes, das sich christlich nennt, geweckt, und so wird denn in diesem edlen Organ lustig darauf losgejüdelt. Die Herren Jüdler vom „Deutschen Volksblatt" erzeugen hiebei einen Jargon, der auch dem eingefleischtesten Juden unverständlich ist, und fabriciren ein neues Hebräisch, über dessen Sinn und Ursprung die Schriftgelehrten sich vergeblich den Kopf zerbrechen würden. Herr Vergani hat für die Setzerei sogar hebräische Lettern angeschafsi, und es war ein ergötzlicher Anblick, christliche Leser zu sehen, die sich darüber ärgerten, daß ihr Leibblatt ihnen zumuthet, Worte aus einer fremden Schrift zu entziffern. Sie konnten sich nur damit trösten, daß ihnen auch Vieles, was in Vergani's Blatt in deutscher Sprache geschrieben wird, unverständlich bleibt. Die Antisemitenpresse betrachtet eben das bübische Verhöhnen und Verspotten der Juden, der biblischen Sprache, der religiösen Gebräuche der Juden als anständig und erlaubt. Ihre Aufgabe und ihr Geschäft ist es ja. die Juden vor den Augen der christlichen Bevölkerung lächerlich und verächtlich zu machen. Irgendwelche Rücksicht auf die gute Sitte, auf die Wahrheit und das Recht ist da nicht vorhanden, und so begegnen wir denn in jeder Zeile, die die Antisemitenpresse den Juden widmet, der bewußten Lüge und der perfiden Verleumdung. Auch der mit hebräischen Lettern gespickte und mit einer hebräischen Unterschrift versehene Artikel, der die Leser zu hebräischen Sprachstudien nöthigte, bietet einen Beweis sür Böswilligkeit und Verlogenheit, mit welcher den Juden verächtliche Eigenschaften angedichtet werden. Da wird das hebräische Sprichwort: „Viel Meloches, wenig Broches", wissentlich falsch übersktzt mit den Worten: „Viel Arbeit, wenig Segen", und es wird hmzugefügt: „Das ist gewiß ein recht charakteristisches Sprüchlein und man weiß, daß sich die Juden darnach auch ihr Leben einrichten: anstatt selbst rüstig zuzugreifen, lassen sie Andere für sich arbeiten und verlegen sich darauf, von den Früchten fremder Arbeit zu leben. „Biel Meloches, wenig Broches!" So „handelt" man lieber und haut dabei nicht nur den bis, den unbeschnittenen Heiden, sondern mit demselben Vergnügen auch den Jehudi über die Ohren. Es ist allgemein bekannt, auch der „Bocher", der den Artikel im „Deutschen Bolksblatt" versaßt hat, müßte wissen, daß vor allem Anderen „Viel Meloches" wörtlich nicht heißt: „Viel Arbeit", sondern „Biele arbeiten", und das Sprichwort: „Viel Meloches, wenig Broches" hat bekanntlich keinen anderen Sinn, als den, daß die Zersplitterung der Arbeitskräfte auf verschiedene Thätigkeiten nicht zum Vortheil gereiche. Das Sprichwort räth davon ab, vielerlei anzufangen, statt seine Arbeitskräfte auf ein bestimmtes Ziel zu richten. Gerade die concentrirte Arbeit wird durch dies Sprüchlein empfohlen, und die Tausende von jüdischen Lastträgern in Budapest, in Salonichi und in Odessa, die Tausende jüdischer Weber und Schneider in Galizien, in London und in New-Hork, die durch die mühseligste und angestrengteste Arbeit einen kärglichen Erwerb finden, die sind wohl die bedauernswerthesten lebendigen Zeugen dafür, wie niederträchtig es ist. die Juden als arbeitsscheu zu bezeichnen. Von den Früchten fremder Arbeit zu leben, das hat Ernst Vergani vortrefflich verstanden und versteht es noch heute, und die berühmtesten Antifemitenführer sind seine Rivalen in der Kunst, nichts zu arbeiten und dabei herrlich zu leben. Das Abschreiben fremder Artikel, das Defraudiren fremder Gelder, das Erpressen von Pauschalien, die Entgegennahme von Bestechungen, ist das vielleicht Arbeit? Soviel über die Legitimation des Herrn Ernst Vergani, über die Arbeitsfreudigkeit und die Arbeitsscheu anderer Menschen überhaupt nur ein Wort zu reden. Nun citirt Herr „Gamliel", so unterzeichnet sich nämlich der Specialmauschler des Antisemitenblattes, eine Erzählung eines berühmten jüdischen Dichters: „Wie ein Jude einen Bauern um sein Geld prellte." Es ist die Darstellung eines Spitzbubenstreiches, den ein Jude an einem Bauern verübt, und Herr Gamliel folgert daraus, daß der Dichter den Betrug verherrliche, und daß die Juden dem Betrug Beifall spenden. Eine so alberne Folgerung entzieht sich jeder ernsten Widerlegung, und wir möchten den Herrn Gamliel nur fragen, ob vielleicht auch der