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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-09-12 · 37 (12.9.1902) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
37 (12.9.1902)
Date
1902-09-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Ur. 37 Dl*a BIOCH’S Jahr-«,, XIX Centralorgan für die gefammten Interrlfen des Iudenthums. Wie«, 12. September 1902. -- Lrsch eint jeden Freitag. - ■> 1» H» - Brief-Adresse: Wien» IX/1» Berggaffe 39. Telegramm-Adresse: Vloch's Wochenschrift» Wien. Inhalt: Leitartikel: Die Wissenschaft des Judenthums. — VomJahrmarktdes Lebens: Glossen zur Tagesgeschichte. Statistik der jüdischen Handwerker in Rumänien. Die jüdischen Berliner Anwälte, lieber den jüdischen Bonner Husar Moses Bier. Juden als Holzflößer auf dem Czeremoszflusse. — Zur Lage der böhmischen Gemeinden. — Die verlorenen Zehn Stämme. — Korrespondenzen: Wien. Die Juden als Handwerker. Das neue israelitische Spital in Lemberg. Johannesburg, Bukarest, Basel, Petersburg, Paris. London, New-Uork, Brisbane. — Vermischtes: Kranzablösungsspenden zu Gunsten der Chewra-Kadischa in Wien. Wien, Znaim, Pohrlitz, Rosenberg, Pisek. — Feuilleton: Bilder aus Sibirien. — Literatur. — Neue Bücher. — Briefkasten. — Inserate. * A. ft. Pofifparraffen-Amt Clearing-Verkehr Nr. 810.976. Ledgction und Administrativ» W im IX/1, Berggaffe Nr. 39. Talephon Nr. 14.847. X & »ejujapret* fltr Srstrrrrich Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare Sv Heller, Fiir'm Anslaud: Halbjährig 10 Krone«. Banzjährig 20 , Anzeige«: Die4malgespaltene Petitzeile 24 Heller. Die Wissenschaft des Inderrlhmns. Ein neuer Verein ist im Entstehen begriffen, dessen Aufgabe es sein soll, die Wissenschaft des Judenthums zu fördern. Wo der Sitz dieses Vereines sein wird, läßt sich zur Zeit noch nicht mit Bestimmtheit sagen. Der Aufruf, eine constituirende Versammlung — allerdings nach Berlin — einzuberufen, ist von bekannten Männern in verschiedenen Gemeinden, sogar außerhalb des deutschen Gebietes, unterzeichnet. Fast möchte ich wünschen, die Herren sehen bei der Gründung des Vereines von Berlin als dessen Mittelpunkt ab. Die jüdische Gemeinde in Berlin hat so viel Geld und auch manche tüchtige Kräfte; aber es ist ein wahrer Jammer, daß Alles, was bei uns unternommen wird, in der Folge mißräth. Ich kann nicht genug das Wort des Historikers Grätz (XI, 447) bewundern, der vor vielen Jahren sagte: »Als wenn ein Fluch darauf lastete, konnte in dem Orte, wo Mendelssohn so zukunftsverheißend begann, seit seinem Tode nichts für die Verjüngung des Judenthums gedeihen." Aber lassen wir die pesiimistische Schau in die Zukunft und betrachten wir das Ziel, das sich die gewiß achtbaren und gutmeinenden Männer gestellt haben. Es wird im Aufruf beklagt, daß sich christliche Forscher nicht mit voller Unbefangenheit dem Studium der Wissenschaft des Judenthums widmen. Dies wird natürlich durch den neuen Verein nicht besser werden. Es gibt wohl christliche Gelehrte, die wissenschaftlich-jüdische Fragen mit voller Objectivität behandeln; ich erinnere nur an Emil Schürer's unvergleichliche »Geschichte des Mischen Volkes zur Zeit Jesu Christi"; aber es soll zugegeben werden, daß Viele anders handeln. Nun, was will da der Verein bessern? Doch wohl nur, daß wenigstens Juden nicht mehr auf die christlichen Forscher bei der Bildung ihres Urtheils in jüdischen Fragen angewiesen seien. Das ist jedoch zum großen Theil schon jetzt der Fall; aber wir können nicht verhindern, daß Juden die Leistungen jüdischer Forscher geringschätzen und dagegen Alles, was aus christlichen Kreisen kommt, für voll und wahr annehmen. Das ist die culturelle Unterthänigkeit des Judenthums, die uns tiefer drückt, als die politische. Der Verein wird die deutsche Judenheit kaum zur Selbstachtung erziehen. Mir hat ein Vorsteher einer jüdischen Gemeinde einen bekannten, gehässig-antisemitischen Gelehrten genannt, der seiner, des Vorstehers, Gemeinde einen Rabbiner empfohlen hat. Die E m p f e h l u n g hat auch genützt. Solche Fälle stehen nicht vereinzelt da. Ferner möchte der Verein begabten, jüngeren Gelehrten, die sich der Wissenschaft des Judenthums als Lebensberuf widmen wollen, um dereinst als Lehrer an den theologischen Lehranstalten zu wirken, die materielle Möglichkeit dazu gewähren. Bravo! Aber sehen wir uns die Sache etwas näher an. Die Zahl solcher Jünger der Wissenschaft, die wirklich Neigung und Begabung dafür haben, kann nur eine sehr kleine sein. Man braucht höchstens zehn Jahresstipendien von je 3000 Mark. Um Solches zu erreichen, braucht man jedoch keinen Verein. Die Gemeinde Berlin mit ihrem Millionen-Budget kann recht gut auch drei bis vier solcher Stipendien stiften; dasselbe ist mit der Gemeinde Wien der Fall, die sich doch auch zwei bis drei Stipendien leisten könnte. Ferner sind die Gemeinden in Frankfurt, Hamburg, Breslau, Köln u. s. w. da. Man würde somit leicht sogar fünfzehn Stipendien erreichen können, ohne die reichen Gemeinden allzu empfindlich zu belasten. Dies wäre übrigens eine Ehrenpflicht, der sie sich gar nicht entziehen können. In früheren Jahren hat jede halbwegs wohlhabende Gemeinde eine ganze „Jeschiba" auf ihre Kosten erhalten. Aber ich muß dabei eine bittere Wahrheit aussprechen. Die Klage, daß für die Lehranstalten kein geeigneter Nachwuchs an Lehrkräften vorhanden sei, höre ich seit Jahren. An wem liegt dies aber? Einzig und allein an der Corruptheit unserer Zustände! Bei der Besetzung solcher Lehrstühle wird gar nicht auf die wissenschaftliche Leistung und die Lehrfähigkeit der Candidaten gesehen, sondern nur auf gute Empfehlungen und Familienverbindung. Was nach dieser Richtung hin in den letzten Jahren geschehen ist. ist eines der traurigsten Capitel unserer modernen Culturgeschichte. Und ich werde dies umfangreiche, wenn auch nicht erbauliche Capitel noch dereinst schreiben, wenn ich über die nöthige Ruhe und künstlerische Objectivität verfügen werde. Zur Zeit ärgere ich mich noch über die herrschende Corruption, und in solcher Stimmung schreibt man keine Geschichte. Einen Trost habe ich dabei: die tüchtigen Kräfte sind bei uns heutzutage so rar, daß man sie schon deshalb selten übergehen kann. Wollt Ihr aber jüdische Gelehrte großziehen, die dann mit Verbitterung und Verachtung sehen würden, welche Nullen sich auf Lehrstühlen breitmachen, während man sie, die Tüchtigen und Beträchtlichen, consequent übergeht? In unseren herrschenden Kreisen herrscht zur Zeit das, was der Talmud so schön als den »Haß des Ignoranten gegen den Gelehrten" bezeichnet. Und dann will der Verein Jahresversammlungen veranstalten, wie es unter Fachgelehrten anderer Kreise üblich ist.

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