Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 36 (5.9.1902)
- Date
- 1902-09-05
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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rttr. 36 Dr. Bloch's Wochenschrift Sette 587 gebniß sein wird,- daß der Jude nicht als Jude, sondern als Mensch geirrt und unmoralisch gehandelt hat. Wir haben für unsere Behauptung von dem Segen einer gemeinsamen Schulerziehung ein hervorragendes literarisches Beispiel in R a a b e 's „H u n g e r p a st o r". Der Sohn des jüdischen Trödlers glänzt wahrlich nicht durch Tugend, schon in der Jugend nicht. Dennoch hält der schlichte Schusterssohn treulich zu ihm, denn zwischen den vielen häßlichen Zügen seines Spielkameraden ist auch mancher, der doch wenigstens Respect einflößt. Dieser Respect, der nicht ohne einen starken Zusatz von Liebe ist, bildet die Brücke einer allgemein menschlichen Theilnahme, die bis an das Lebensende dauert. Gewachsen ist sie auf der gemeinsamen Schulbank und dem Spielplatz. Daß Raabe's „Hungerpastor" in der Redection der „Staatsbürgerzeitung" nicht befriedigt, kann man wohl annehmen, denn nach antisemitischen Recepten müßte beim Anblick solcher Verworfenheit, die selbstverständlich nichts anderes als specifisch jüdisch sein kann, aus dem zahmsten Hungerpastor ein Eiferer werden, der mindestens Pückler'sche Faustrechtsgelüste mit Bewer'scher „Wissenschaftlichkeit" vereinigt. Doch der feine Seelenkenner Raabe schließt anders, weil ihm als ehrlichem Künstler die Wahrhaftigkeit der erste Grundsatz des Schaffens ist. Auf dem Boden dieser Wahrhaftigkeit im Urtheil ist das harmonische Verhältniß unter Christen und Juden meiner Heimat gewachsen. Niemand nimmt Anstoß an den besonderen gottesdienstlichen Gebräuchen und rituellen Vorschriften der jüdischen Bürger. Sie betheiligten sich an dem gesammten gemeinnützigen oder patriotischen Zwecken dienenden Vereinsleben der Stadt. Allein drei jüdische Veteranen und Mitkämpfer aus unseren Einigungskciegen gehören zum Kriegerverein, einer ist sogar in den Vorstand gewählt worden. Als in den Siebziger- Jahren der erste B i l d u n g s v e r e i n in der Stadt gegründet wurde, war ein jüdischer Kaufmann einer der treibenden Kräfte des Vereines. Er ruht schon längst unter dem kühlen Rasen; aber noch heute erzählt man von dem hingebenden Eifer dieses Mannes um die Vereinssache und von seiner Schlagsertigkeit im Debattiren, die, ohne Rücksicht auf das Geschäft, die Dinge, manchen zum Leid, jederzeit beim richtigen Namen nannte. Die häufig recht unsanft Geschüttelten sind dennoch seine Kunden geblieben, weil ihnen die Ehrlichkeit der Absicht und die Ueberzeugungstreue gefiel. Doch auch im friedlichsten Hirtenthal gibt es Wölfe. Auch meine kleine Heimatstadt hat ihre antisemitische Local- und gleichzeitig Scandalgeschichte, die sich aber schließlich zu einer wahren Comödie gestaltet hat. Es liegt in der Natur der Sache, daß es in jedem Handelsgeschäft, ob jüdisch oder christlich, neben leistungsfähigen auch nicht leistungsfähige Kunden gibt, die im Laufe der Zeit immer höher in der „Kreide" steigen. Das kleinstädtische Schuhmachergewerbe befindet sich in den letzten Jahrzehnten in einer gerade nicht rosigen Lage. Der Anzahl der angeseffenen Meister entspricht nicht der Markt, was um so schwerer ins Gewicht fällt, als sie einseitig, fast alle in derselben Richtung arbeiten. Die Nachfrage nach derben Ackerstiefeln, wie sie unsere ländliche Bevölkerung zumeist trägt, befriedigt heute der Großbetrieb billiger und in der Qualität nicht schlechter. Technische Anpassung an neue Bedürfnisse ist diesen Meistern der alten Schule nicht mehr möglich. Ehe sie Feldhüter, Laufbvten oder derartiges wurden, versuchten sie selbstverständlich, sich über Wasser zu halten. Natürlich stieg beim Lederhändler die Schuld. Als der nun endlich sein Geld verlangte — da wurde Zeter und Mordio geschrieen. Im Augenblick des Höhepunktes dieser Krisis gründete ein soeben dorthin versetzter Staatsbeamter, der zur politischen Schule des Stöcker'schen Antisemitismus gehört, einen Rohstoffverein für Schuhmacher. Es war natürlich ein Leichtes, die Thatsachen aus dem rein commerciellen Gesichtswinkel herauszurücken und ihnen ein antisemitisches Mäntelchen umzuhängen. Es wurde nämlich die Entdeckung gemacht, daß der jüdische Lederhändler besonders für Kleinigkeiten, wie Schwarzwachs, Schuhknöpfe u. s. w. verhältnißmäßig sehr hohe Preise gefordert hatte. Niemand aber war so ehrlich, zuzugeben, daß hierin für ihn die einzige Möglichkeit lag, zu seinen Zinsen zu kommen. Denn während man große Lederposten anschreiben ließ, wurden diese kleineren Zuthaten meistens baar bezahlt. Dasselbe Odium lastete später zum Hohn für die künstlich aufgedrückte antisemitische Marke auch auf den christlichen Colonialwaarenhändlern, den holzverkaufenden Großgrundbesitzern und Schneidemüllern, als sich herausstellte, daß die entsprechende Rohstoffabtheilung billiger lieferte. Doch im blinden Eifer für die Sache des Antisemitismus wollte man diese Thatsache als begreifliche Allgemeinerscheinung wirthschaftlicher Natur übersehen. Es wurde nun weiter versucht, dem künstlichen antisemitischen Präparat eine politische Fassung zu geben, und Männer wie Rens, Sedlatzek und, irre ich nicht, auch der A h l w a r d t der Tage, als er es noch nicht liebte, sich unsichtbar zu machen, wurden gerufen. Für zwei Groschen Entree amusirten sich meine Landsleute weidlich, ohne daß der Antisemitismus auch nur einen Schritt weiter gerückt wäre.. Dann kam der große Schlag. Der Hauptsührer der Antisemiten verließ den Schauplatz unter Zeichen moralischer Selbstentäußerung, um es gelinde auszudrücken. Es ist nicht unsere Art, in antisemitischer Manier die Familiengeschichte eines Menschen zu durchstöberu. Unseren Lesern mag genügen, daß die Gerichte ein lebhaftes Interesse daran haben, den mit polnischem Abschied gegangenen Herrn recht bald vor ihren Schranken zu sehen. An Stoff zum Lachen wird es bei der Auflösung nicht fehlen; denn wo man statt eines Revolvers mit Feuerwerkskörpern Attentate auf sich selber verübt, um andere der Mordgelüste zu zeihen, da kommt auch das Zwerchfell zu seinem Recht. So ist die antisemitische Localgeschichte meines Heimatstädtchen schließlich zum Lustspiel geworden. Wie sehr die wirthschastlichen Momente in der antisemitischen Bewegung Kunstproduct waren, beweisen die Thatsachen. Einer der ehemaligen antisenlitischen Führer verkauft heute selber Leder, und man hört weder, daß das christliche billiger sei als das jüdische, noch daß er meine, an privatem Lederhandel klebe Betrug. Die modernen Schuhmacher kommen weiter, auch wenn sie außerhalb der Genossenschaft stehen, die von der Zeit überholten haben entweder schon den Leisten an den Nagel gehängt oder führen ein kärgliches Dasein, und das trotz der Einkaufsgenossenschaft, die Allen zum Rettungsanker weroen sollte. So ist der Antisemitismus ein Rechten und Schmälen mit dem unabänderlichen Gesetz der wirthschaftlicben Entwicklung und deren unausbleiblichen Krisen. Biele Meister haben dem „Rohstoff" den Rücken gekehrt. Man kaust heute verständigerweise da, wo man den größten Vortheil hat, der nicht immer durch eine kleine Preisdifferenz gegeben ist. Die persönlichen Beziehungen, die zwischen dem Kaufmann und dem Handwerksmeister bestehen, kann keine Genossenschaft ersetzen. Und gerade von jüdischen Kaufleuten meiner Heimat habe ich gehört, daß sie den Grundsatz zu achten wissen: „Eine Hand wäscht die andere". In der Genoffenschaft ist der Meister die Nummer Soundso im Laden des Kaufmannes eine Persönlichkeit, die verdienen läßt und wieder verdienen will, und dazu gehört gegenseitige Empfehlung. Damit will ich principiell nichts gegen das Genossenschaftswesen einwenden, sondern nur zeigen, wie die Thatsachen meistens verständigere Richter find, als vie Menschen. Jene haben meinem pommerschen Heimatstädtchen wieder die pupillarische Sicherheit des Geschästslebens gegeben. Wäre es aber nach den antisemitischen Agitatoren gegangen, so hätte auf meiner heimatlichen Scholle die Ruhe dem Racenhaß und der widerlichsten Verhetzung Platz machen müssen. Literatur. Uene Sucher. Im Verlage von I. Kauffmann, Frankfurt a. M. sind erschienen: I. Gossel, Prediger der israelitischen Gemeinde in C a m e n. Populär-wissenschaftliche Vorträge über jüdische Geschichte und Literatur. I. Band. 1902. Israel Nobel. Prediger und Schuldirigent in Berlin. Sabbath und Feftpredigten. 1902. Frankfurter Israelitischer Volkskalender nebst jüdisches Hotel-Adreßbuch für das Jahr 5663, XX. Jahrgang. H. Rabbinowicz, Lehrer. Dorath Chajim. Hebräische Vorträge für das Trauerhaus, nebst Anhang: Hebräische Grabschriften. 1902. Chaim Ben Josua Schai. Der Zionismus im Dienste der Civilisation. Bolkswirthschaftliche Studie. I. Auflage. 5662. Verlag von Osias Geyer, Budapest, Königsgaffe 20.