Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 36 (5.9.1902)
- Date
- 1902-09-05
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 586 Dr. Bloches Wochonschrifl. Nr. 36 Herrn Ignatz S ch l e i n und dessen Gemalin Emilie, Tochter des sel. Herrn Sanitätsrathes Dr. M. Reiner, wurde am 27. August zu Grabe getragen. In der Centralhalle des israelitischen Friedhofes war eine große Zahl von Leidtragenden erschienen, unter denen sich Vorsteher mehrerer Bethaus-Vereine in Wien befanden. Herr Gemeinderabbiner Dr. G e l b h a u s hielt eine Trauerrede, in welcher er die trauernden Eltern zur Ergebung in den unerforschlichen Rathfchluß der Vorsehung ermahnte und ihnen in empfindungsvollen Worten Trost spendete. Die Rede machte auf alle Trauergäste eine tiefe Wirkung. Die vorgeschriebenen Gesänge trug Herr Obercantor Kläger unter Assistenz des Cantors Herrn P e k a r n i k mit Chorbegleitung ergreifend vor. Baden. Mittwoch den 17. September, halb 2 Uhr Nachmittags, findet im israelitischen Tempel zu Baden die Trauung von Frl. Emma Reich. Tochter des Herrn Rabbiner Doctor Reich, mit Herrn Wilhelm Rosenzweig, Gutspächter aus Neutra, statt. Tabor. Diese Tage beehrte Se. Excellenz Herr Minister Dr. Rezek die Regional-Ausstellung in Tabor mit seinem hohen Besuche. Nach Besichtigung der Ausstellung und der Sehenswürdigkeiten der Stadt besuchte derselbe auch unsere Synagoge, wo er vom Rabbiner Herrn Dr. Weislovits und dem Gesammtvorstande, mit Herrn Dr. Fried. Guttmann an der Spitze, ehrerbietigst begrüßt und empfangen wurde. Die Ansprache des Herrn Cultusgemeinde-Präses erwiderte Se. Excellenz in freundlichster Weise, besichtigte eingehend unseren schönen Tempel, zog Erkundigungen über die Verhältnisse unserer Cultusgemeinde ein, und nachdem er sich rückhaltslos äußerst anerkennend über den Tempel und unsere sonstige Einrichtungen geäußert hatte, verabschiedete er sich unter nochmaligem Danke für den ihm bereiteten Empfang vom Herrn Rabbiner, Herrn Cultusgemeinde- Präses und jedem einzelnen Vorftandsmitgliede. Gewrtsch. Am 27. August l. I. fand im hiesigen Tempel die Trauung der Tochter unseres hochgeschätzten Cultusvorstehers Herrn Dr. T. L ö w i t, Fräulein Jda L ö w i t, mit Herrn meä.-Dr. Moritz Spiegel, Arzt in Göttelsbrunn, statt. Unter der trefflichen Leitung unseres Chormeisters Herrn N. V e i t h sang der verstärkte Tempelchor das „lila towu", sodann in präcffer Weise den Brautmarsch aus „Lohengrin". Die anderen gesanglichen ritu'ellen Gebete nahm in gewohnter herrlicher Art der Cantor Herr M. Fuchs in Begleitung des Chores vor. In ausgezeichneter Rede feierte unser allverehrter Herr Rabbiner D. Keßler die Tugenden des Brautpaares und die allgemeine Hochschätzung der Brauteltern. Zum Schluffe wurde ein vom Capellmeister Julius G o t t l i e b, Berlin, prachtvoll componirtes „Brautlied" in schöner Weise gesungen. Krakau. Se. Majestät der Kaiser hat dem Vice-Präses der hiesigen Cultusgemeinde, Großindustriellen Herrn Hirsch- Landau, den Titel eines kaiserlichen Rathes verliehen. Kürzlich feierte derselbe das 30jährige Jubiläum als Cultusvorsteher. Eisenach. Zum Landrabbiner des Großherzogthums Sachsen-Weimar-Eisenach wurde an Stelle des verstorbenen Dr. Salzer-Stadt-Lengsseld Herr Dr. Wiesen Böhmisch-Leipa gewählt. Die ministerielle Bestätigung dieser Wahl ist bereits erfolgt. Der Landesrabbiner wird künftig seinen Wohnsitz in Eisenach nehmen. Herr Dr. Wiesen ist ein Sohn des verstorbenen Lehrers Wiesen in Osterode, der sich durch die Herausgabe des hebräischen Lesebuches mit gegenüberstehendem hebräischen Text sowie durch seinen Verlag von Bildern großer jüdischer Männer rühmlichst bekannt gemacht hat. Djakovar. Am 25. August l. I. wurde unser neucrwählter Rabbiner Herr Dr. Lazar Roth in feierlicher Weise in sein Amt eingeführt. Am Bahnhofe erwartete eine Deputation unter Führung des Herrn Dr. Ziga Spitzer den Rabbiner, worauf er in langer Wagenreihe nach dem eine Stunde von der Station entfernt liegenden Djakovar geleitet wurde. Um 5 Uhr fand ein feierlicher Gottesdienst statt, bei welchem nicht nur die Gesammtgemeinde vertreten war, sondern auch die Spitzen der Behörden nebst einem zahlreichen nichtjüdischen Publicum. Am Eingänge des Tempels begrüßte der Präses der Cultusgemeinde Herr Adolf Kohn den Ankommenden mit einer herzlichen Ansprache. Nach dem Minchagebete bestieg Herr Rabbiner Dr. Roth die Kanzel und entfaltete in einer großangelegten, formvollendeten Rede das Programm seiner zukünftigen Thätigkeit. Die Rede machte auf alle Anwesenden einen sehr günstigen Eindruck und bekräftigte uns in unserer Voraussetzung, den richtigen Mann auf den hiesigen Rabbinerposten gestellt zu haben. Möge ihm eine recht lange, glückliche und segensreiche Thätigkeit beschieden sein. Ung.-Brod. Anläßlich des Schulbeginnes fand am Sonntag den 31. August, um 5 Uhr Abends, ein feierlicher Gottesdienst statt. Die gesammte Schuljugend erschien in festlicher Kleidung unter Leitung des Lehrkörpers. Beim Eintritte in das hell beleuchtete Gotteshaus wurde vom Obercantor Rosenberger ein wunderbar vorgetragener Ma towu angestimmt. Nachdem Herr Rabbiner Dr. Jung die Festrede an.die Schuljugend halten sollte, diese aber im letzten Momente absagte, bestieg Herr Oberlehrer R i e s e n f e l d die Kanzel und hielt aus dem Stegreif eine weihevolle Rede, welche nicht nur auf die kindlichen Gemüther der Schuljugend, sondern auch auf alle anwesenden Eltern der Kinder derart mächtig eiuwirkte, daß beim Verlassen der Kanzel Herr Oberlehrer Riesenfeld von allen Honoratioren, wie: Herrn k. k. Bezirksschulrath Singer, Herrn Ortsschulrath Dr. S p i e g l e r und Anderen, herzlichst beglückwünscht wurde. Nach der vortrefflichen Rede des Herrn Oberlehrers wurden 2 Psalmen abgesungen und fand mit dem Gebete für Se. Majestät den Kaiser und dem Absingen der Bolkshymne diese Feierlichkeit ihren Abschluß. Feuilleton Kilder am einer kleinen Stadt (Ein Beitrag zur Charakteristik des Antisemitismus). Der Sommerurlaub führte den Schreiber dieser Zeilen Mieter einmal in sein Pomwersches Heimatstädtchen. Es ist ein Ort von rund 6000 Einwohner. Die jüdische Bevölkerung zählt etwa 75 Köpfe. Sie ist mit dem wirthschaftlichen und öffentlichen Leben der Stadt auf Engste verwachsen, und zwar nicht so specifisch jüdisch, wie uns die Antisemiten so gern glauben machen. Einige Juden gehören dem Handwerkerstande an; einer treibt eine Ackerwirthschaft mit außerordentlicher Umsicht, wie uns von Fachleuten gesagt wurde; eine Anzahl jüdischer Damen ernährt sich durch Schneiderei. Die Mehrzahl der jüdischen Bürger zählt allerdings zum Handelsstande. Doch es ist bcmerkenswerth, daß sie sich in ihren Vermögensverhältnissen nicht über den Durchschnitt der Bürger erheben, ja eine ganze Anzahl ist sogar arm, notorisch reich nur einer, wobei man den kleinstädtischen Begriff von Reichthum in Betracht ziehen muß. Der Verkehr zwischen den älteren jüdischen und christlichen Bürgern ist ein aufrichtig herzlicher. Fast durchgängig liegen ihm alte Jugendfreundschaften zu Grunde, die auf der gemeinsamen Schulbank geschlossen sind. Vor einem guten Menschenalter kannte mein Heimatstädtchen noch nicht den Luxus einer „Vorschule". Alle drückten dieselbe Bank und verübten außerhalb und innerhalb der Schule ihre gemeinsamen Streiche. Das Jneinanderwachsen in Freud und Leid durch die allgemeine Volksschule des Ortes hat für die jüdische Bevölkerung seine guten Früchte getragen. Diese Schul- und Altersgenossen verbindet in der Erinnerung an die gemeinsam verlebte Zeit ein Band der Zuneigung, das durch nichts zerrissen werden kann. Gerade durch dieses gegenseitige Durchdringen der kindlichen Persönlichkeiten ist der Jude dem Christen menschlich näher g-rückt und ihm bekannt geworden. Die spätere Generation kennt sich weniger genau. Da es fast allgemeiner Brauch wurde, die Gymnasialschüler zunächst in die Vorschule des Ortes zu schicken, machte auch der Jude diese Unsitte mit. (Man verzeihe uns diesen Ausdruck, den vielfach trübe Erfahrungen in socialer Hinsicht rechtfertigen.) Zwar wurde dadurch das Verhältniß zwischen Juden und Christen kein unangenehmes oder gar schroffes, aber es verlor von der alten Wärme, die die Alten verbunden hatte. Nach unseren Erfahrungen, die sich nicht nur auf das Heimatstädtchen erstrecken, gibt es kein besseres Mittel, um dem Christen die allgemein menschlichen Eigenschaften und damit das Verbindende zwischen Juden und Christen näher zu bringen, als die allgemeine Volksschule. Die gemeinsame Schulerziehung ist eins der besten Mittel gegen antisemitische Machenschaften. Wo sich später am einstigen jüdischen Spiel- und Schulkameraden Schlacken, auch recht unangenehme, zeigen, da werden sie nicht nach dem Parteikatechismus abgewogen und beurtheilt, sondern sie finden Richter, die rein menschliche Maßstäbe anwenden, wobei immer das Er-