Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 36 (5.9.1902)
- Date
- 1902-09-05
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3020846-3021439-3021476--12051-3036623- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 684 Dr. Vloch's Wochrnschrrfk. i»r. 36 Juden und Christen friedlich neben einander ruhen, so wie es auch in Wien auf dem Döblinger Ortsfriedhofe der Fall ist. Wie groß war nun mein Erstaunen, als ich, beim Ausgang angelangt, in einiger Entfernung einen großen, völlig abgesonderten Theil bemerkte, der durch eine hohe Planke geschützt war und zu dessen verschlossener Thüre man nur mit Erlaubniß Eingang fand. Auf meine Frage an den christlichen Bediensteten, was denn eigentlich hier ruhe, erhielt ich die im Frankfurter Dialect gegebene Antwort: »Auch Jude, aber besonders Fromme, die wolle auch im Tode nichts von ihre Glaubensbrüder wisse!" Kein Blumenschmuck ziert die Gräber, kein gebahnter Weg führt zu ihnen, die wenigsten Grabsteine führen, und auch diese nur an der Rückwand, den deutschen Namen des unter ihm Ruhmden. Kopfschüttelnd entfernte ich mich und konnte den Ausruf nicht unterdrücken : »Also das ist die ganz besondere Frömmigkeit, das die Liebe und Einigkeit des Volkes Israel!" Kurz darauf hörte ich den wahrhaft erhebenden, auch in seiner Kürze wohlthuenden Gottesdienst in der Neuen Synagoge. Rabbiner Dr. Plaut hob in seiner Predigt hervor, wie dringend nöthig die Eintracht der Glaubensbrüder sei, wie wir Alle nur an Einen Gott glaubten, an einen einzigen liebenden Vater, dessen Kinder wir wären, und der Alle in gleicher Liebe umfasse, und wir hätten nur eine Religion der Liebe, und wenn unser Gebet aus reinem Herzen kommt, so hört es der Vater dort oben, wo und in welcher Form wir auch andächtig seiner gedenken. Nur zu wohl verstand ich den Rabbi, die Scheidewand auf dem »Guten Ort" fiel mir ein und sein Hinweis, daß wir vor Gott Alle gleich sind, konnte nur auf die Spaltung und Uneinigkeit der hiesigen Gemeinde Bezug haben, und diese scheint besonders den reformirten Predigern zu Herzen zu gehen, da auch Rabbiner Dr. Seligmann, den ich leider nicht hören konnte, 14 Tage vorher an gleicher Stätte dasselbe Thema der Liebe und Duldsamkeit in formvollendeter Rede behandelt haben soll. Gestatten Sie mir, verehrter Herr Redacteur, Ihnen den Eindruck des Gottesdienstes zu schildern, wenngleich derselbe ganz im Gegensätze zu Ihrem Berliner Berichterstatter steht, der von seinem historisch gelehrten Standpunkt ausgeht, während wir Frauen uns hauptsächlich von unserem Empfinden leiten lassen. Wie sollen wir unseren Kindern etwas lehren, das wir selbst nicht verstehen, wie es bei dem orthodoxen Gottesdienste der Fall ist, etwas, das auf uns, weil völlig unverständlich, eher abstoßend (?) als erhebend wirkt. Wo sollte da die Andacht Herkommen, die uns die Kinder vom Angesicht ablesen sollen? Wer anders als die Mutter soll dem Kinde die Liebe zur Religion einflößen? Und eine modern erzogene Frau, modern im besten Sinne des Wortes, wird sich nur für einen Gottesdienst begeistern, den sie versteht, der ihr selbst zum Herzen spricht. Diese Religion ihren Kindern einzuimpfen, wird jeder jüdisch empfindenden Frau ein wahres Herzensbedürfniß sein. Weit weniger vom Abfall der Juden würde man hören, wenn es für die Mutter die Möglichkeit gäbe, die Religion zu lehren, die sie versteht und die ihr eigenes Herz voll Andacht empfindet. Ich bin dem Herzen nach Jüdin und fühle mich ganz als solche, und kann nur sagen, hätten wir mehr solcher Andachtsstätten, wie es in Frankfurt a. M. die neue Synagoge ist, so hätten wir auch mehr jüdisch fühlende Jugend und weniger Abfall vom alten Stamme. Das starre Festhalten an dem Althergebrachten führt zur Uneinigkeit, und die Jugend versteht ja doch nichts davon. — Also lassen Sie uns beten, wie wir es verstehen. Eine Mutter für Viele. Kiel. Im Thierschutzverein erstattete Herr Schlachthofdirector Rufer Bericht über die Mißerfolge, die er mit dem Schußapparat der Adlerwaffenfabrik in Zella (St. Blasien) erzielt habe. Schweine wurden zwar sofort betäubt; hin und wieder ging das Abbluten reichlich langsam. Pferde stürzten sofort bewußtlos zusammen. An einem Stiere jedoch prallte der Bolzen ab, und Theile des Apparates flogen davon. Die Versuche wurden mit einem neuen Apparat fortgesetzt und führten zu dem Ergebniß, daß der Apparat sowohl in seiner Handhabung als auch in seiner Wirkung nicht den Erwartungen entspreche. Abgesehen davon, daß jeder Schuß vier Pfennig kostet (das bedeutetallein für die Tödtung der Schweine jährlich 2000 Mark) stellten sich folgende Mängel heraus: Der Apparat erwärmt sich bei anhaltendem Gebrauch sehr stark in der Hand; das Schußrohr muß zu häufig gereinigt werden; die Pulverladung ist im Berhältniß zu der Größe des Geschosses (des Bolzens) zu klein und die Wirkung darum namentlich beim Großvieh (Stiere werden nur sehr schwach betäubt, ihnen mußten 'noch einige Hiebe mit der Axt versetzt werden) zu schwach; die Handhabung ist nicht ganz ungefährlich. Schlachthofdirk ctor Rufer will jetzt andere Systeme auf ihre Brauchbarkeit untersuchen und später den Vorstand einladen, den Versuchen im Schlachthofe beizuwohnen. Bukarest. (Die Auswanderung der Juden.) Wie ein hiesiges Blatt meldet, wird sich die Auswanderungsbewegung unter den Juden, welche in der letzten Zeit bedeutend nachgelassen hatte, im Laufe der nächsten Wochen wieder stärker accentuiren. Aus Bukarest, so meldet dieses Blatt, wird eine aus 2710 Personen bestehende Gruppe auswandern, aus Jassy eine Gruppe von 1800 Personen, aus Braila eine Gruppe von 1500 Personen. Ferner werden noch zwei Gruppen aus ver Provinz abreisen, so daß die Zahl der Auswanderer in einem einzigen Monate auf mehr als 8000 Seelen steigen werde. Alle diese Gruppen werden von der »I c a" unterstützt und werden sich nach den Vereiniaten Staaten (Philadelphia, Chicago, San Francisco und New-Iork) nach Argentinien und zum geringen Theile nach Canada begeben. Einige dieser Gruppen, wie z. B. die Bukarester, wollten schon zu Beginn dieses Monates wegziehen, sie mußten aber ihre Abreise verschieben, weil sie nicht das nothwendige Geld beisammen hatten. Die Bukarester Gruppe braucht für ihre Abreise 120.000 Francs, verfügte aber in der Mitte des Monates Juli nur erst über 60.000 Francs. In dem gegenwärtigen Augenblicke hat die Gruppe das Geld nahezu vollständig beisammen. — Nebenbei sei bemerkt, daß der Schulinspector Mustazu in dem einen Jahre 1901/1902 fünfzig jüdische Schulen auf administrativem Wege geschlossen hat, weil die Lehrgegenstände »nicht entsprechend dem analytischen Programm" gelehrt werden. Derselbe Inspektor hat bei seinem letzten Besuche der Talmud-Thora von Padul- Jloiei bei Jassy dieses Institut geschlossen, weil der Unterricht in der hebräischen Sprache nicht entsprechend dem Programm gewesen sei und die Schüler nicht Handbücher mit hebräischrumänischem Texte gehabt hätten. — .Die Auswanderungsbewegung hat nun auch die besser gestellten jüdischen Bevölkerungsclassen ergriffen — Kaufleute und Industrielle liquidiren ihre Geschäfte und wandern nach Amerika aus. Nach der Abreise dieser Familien wird das Elend unter den Zurückbleibenden nur noch größer werden. Besonders arg scheint die Noth unter den jüdischen Handwerkern von P i a t r a zu sein, wo es an Arbeit fehlt. Petersburg. (Zum Gedächtniß für Mark A n t o k o l s k y.) Baron David Günzburg hat in hiesigen jüdischen Blättern einen beredten Aufruf an alle Glaubensgenossen erlassen, das Andenken des kürzlich verstorbenen jüdischen Bildhauers Mordechai Mark Antokolsky in einer seiner würdigen Weise zu ehren. Der Aufruf weist darauf hin, daß der verstorbene Künstler immer zum Besten seiner armen Glaubensbrüder gewirkt und immer das Bestreben gezeigt hat, das jüdische Volk zu einer künstlerischen Nation zu entwickeln. Er hat gewußt, daß die Vorsehung den Juden zur Arbeit bestimmt hat. und hatte den Wunsch, diese Arbeit durch Schönheit und vortreffliche Ausführung veredelt zu sehen, wie sie allen Erzeugnissen des menschlichen Geistes eigen ist. In der kunstgewerblichen Thätigkeit hat er das Heil und die Zukunft der jüdischen Arbeiter gesehen. »Da er nun zu Grabe gegangen ist, bevor er seine Ideen hat realisiren können, ist es an uns, die wir jetzt weinen und klagen, zum Andenken seines Namens das ins Leben zu rufen, was ihm so dringend am Herzen gelegen. Drum, ihr Söhne Israels, gebt mit nimmer müden Händen! Trage jeder sein Scherflein bei zur Errichtung einer Kunstgewerbeschule in Wilna, von wo während der letzten Generationen manche Leuchte der Wissenschaft des Judenthums ihren Ausgang genommen und wo uns die Sonne der jüdischen Kunst aufgegangen ist: »Mordechai Mattwejewitsch Antokolsky". New-Pork. Mit unbeschreiblichem Jubel wurde Mayor Low gestern Abend, als er in Begleitung des Schulsuperintendenten Maxwell und Schulcommissärs Frissell auf dem neuen Dachgarten des Schulhauses an Hefter und Orchard Str. erschien, von den dort versammelten Kindern, etwa dreitausend an der Zahl, begrüßt. Die liebe Jugend lauschte den Klängen eines Orchesters, das dort oben stationirt war, als die drei Beamten auftauchten. Der Bürgermeister wurde sofort erkannt. »Three Cheers for Mayor Low" hieß es und immer wieder ertönte der Ruf aus all' den jugendlichen Kehlen, bis die Kinder den also Gefeierten in die Mitte nahmen und um ihn herum einen »Rosenkranz" tanzten. Es währte geraume Zeit, bis der Mayor und seine