Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 36 (5.9.1902)
- Date
- 1902-09-05
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 36 Dr. Blvch's Wochenschrift. ÄtUr 581 die Wahrheit der israelitischen Religion. Ein jüdischer Dichter des Mittelalters sang daher mit Recht: Ein Volk, das man in Feuer Und Wasser bringt hinein, Muß Dir wieder theuer Gereinigt von der Sünde sein! (Zunz, Synagog. Poesie.) Nicht nur das finstere Mittelalter, sondern auch die lichtvolle, culturfreundliche, aufgeklärte, moderne Zeit mit ihrem sogenannten „Antisemitismus" beweist klar und deutlich, daß Mausche emes, wetaurosau emes, die ewigen Wahrheiten der Thora nicht aus der Welt geschafft werden können. Ja, wir pflichten Sr. Eminenz dem Herrn Bischof vollkommen bei, wenn er in der Verfolgung der Religion den Beweis ihrer Wahrheit erblicken zu können glaubt. Die Wahrheit ist unbesiegbar, sagen unsere Weisen. Und der Umstand, daß das Judenthum trotz der grausamen Verfolgungen, denen es seit Jahrtausenden ausgesetzt war, trotz der Verleumdungen, die gegen dasselbe geschleudert wurden und noch werden, trotz der thörichten, lächerlichen, blutrünstigen Märchen, die in finsteren Zeiten gegen sie ersonnen wurden und noch heute aufgefrischt werden, um den Stamm Juda zu entwurzeln, immer aufrecht unter den Völkern dasteht, beweist zur Genüge, daß „die Lehre, die Moses uns geboten, ein ewiges, unzerstörbares Erbgut Jakobs" sei. P i s e k, 27. August 1902. Fr. Wrrterrrchtsfragen*). m. Beim Unterricht der jüdischen Jugend muß, wie die Verhältnisse jetzt liegen, das Hauptgewicht auf die Geschichte des jüdischen Volkes bis auf die Gegenwart gelegt werden. Diese These mag auf den ersten Auqeublick als etwas Selbstverständliches erscheinen : indessen bedarf sie doch ein-v eingehenden Erörterung, weil man sich bei uns zumeist wed über den Inhalt noch über die Form des geschichtlichen Unterrichts klar ist. ' Man betrachtet die jüdische Geschichte als einen Theil des Religionsunterrichtes. In der Regel beginnt man mit der biblischen Geschichte, mit der man auch aufhört. Höchstens, daß man noch Einiges aus der nachbiblischen Zeit mitnimmt, bis man aus die Zerstörung des zweiten Tempels durch Titus kommt — dann hat die jüdische Geschichte und eigentlich auch das jüdische Volk aufgehört. In den kurzen geschichtlichen Compendien, die hier und dort beim Religionsunterricht benützt werden, wird in lapidarischer Kürze auch die Geschichte der Juden in der Diaspora gestreift, wobei eigentlich nur von den blutigen Verfolgungen, die die Juden erlitten haben, und von der jüdischen, zumeist theologischen Literatur die Rede ist. Was die Geschichte der Leiden Israels betrifft, so muß natürlich bei der Darstellung auf die herrschenden Zuständen, d. h. auf die jetzigen Verhältnisse Rücksicht genommen werden. Die Schule ist nicht der Ort, wo derartige Auseinandersetzungen stattfinden dürften. Zu dieser berechtigten Rücksichtnahme kommt noch die unberechtigte Leisetreterei. Ein Theil kann nicht gesagt werden, und einen Theil wollen w i r nicht sagen. Es erinnert mich dies an die Praxis der russischen Censur: da zeichnet der Censor zwei oder drei Zeilen in einer Zeitschrift an, die nach seiner Ansicht in allen Exemplaren gestrichen werden müssen. Der Kanzleibote, der mit dieser Arbeit betraut wird, vergißt im Eifer, welche Zeilen zu streichen seien und streicht lieber mehr als weniger. Auf diese Weise wird die ganze Spalte schimpfiert. Aus übertriebener Aengstlichkeit hat die officielle jüdische Geschichte jede Grundfarbe verloren. Am liebsten bleiben wir bei der biblischen Geschichte, da wir mit dieser ja nirgends Anstoß erregen können, höchstens daß man sich dabei den billigen Luxus erlaubt, recht liberal zu sein auf Kosten der natürlichen Schönheit der biblischen Geschichte. Indessen vergißt man stets, daß doch die biblische Geschichte auf dem Glauben beruht — und der Glaube auf der biblischen Geschichte. Im Laufe der Zeit fangen diese eigenthümlichen Stützen an, zu wanken, und gerathen sie ins Wanken, so gibt es keinen Halt mehr. Die biblische Geschichte kann übrigens in ihrer Großartigkeit durch ein Paar Namen und Jahreszahlen nicht begriff-u und verstanden werden. Im reiferen Alter bgi. nt der Zwerjel gegen die Richtigkeit der Jahreszahlen — und dann ist die Gieichgiltigkeic gegen das Judenthum fertig. Meiner Anschauung nach müßte man vor Allem die Fortdauer des jüdischen Volkes bis auf die Gegenwart als die Grundlage der jüdischen Geschichte anerkennen. Dann soll man sich nicht lange mit der biblischen Geschichte aushalten, sondern der Jugend beibringen, die Bibel selbst fleißig zu lesen, da nur dadurch dieie altehrwücdigen Documente der jüdischen Urgeschichte eine erziel,liche Wirkung ausüben und gleichzeitig einen ästhetischeil Genuß gewähren können. Der eigentliche Geschichtsunterricht, wenig'te.is für die reifere jüdische Jugend, soll mit der nachbiblischen Zeit beginnen. Die Geschichte unseres Volkes ist eine Leidensgeschichte. R-cht viele Blätter sind da mit Blut befleckt. Dies macht uns gewiß keine Unehre; im Gegentheil muß es auf das jugendliche Gemüth ergreifend wirken, wenn da geschildert wird, mit welcher Stanohaftigkeit unsere Vorfahren Alles erlitten und erduldet haben, um beim angestammten Glauben zu beharren. Aber Eins darf nicht vergessen werden. Wir dürfen nicht das Wort Jude in die religiöse Anschauung einengen, vielmehr muffen wir auch aus Jene bedacht sein, bei denen das religiöse Gefühl in der Folge abgeschmächt wird. Darüber führen wir ja immerwährend Klage: deß nämlich ein großer The-l der Jud-nheit deni jüdischen Glauben entfremdet wird, worauf er sich entweder zu allem Jüdischen ganz indifferent verhält, oder einfach ins andere Lager überläuft. Das Judenthum muß auchSolchen theuer gemacht werden, die nicht mehr religiös gesinnt sind. Dieser Ausspruch mag Manchem recht kühn erscheinen, wenigstens bis vor etwa zwanzig Jahren war man bei uns der Ansicht, daß Derjenige, der mit dem Judenthum als Religion zerfallen ist, nicht mehr der Judenheit augchöre. Nun ist man aber bereits zum Theil von dieser ebenso irrigen wie gefährlichen Anschauung abgekvmmen. S lbst von dem rechtgläubigen Standpunkt muß sich jeder vernünftig denkende Ju>e sagen, daß, soiang«' der Abfall nicht vollzogen ist, wir immer noch auf eine spätere Erleuchtung hoffen können und dürfen. Jeder Jude, der mit einer Faser am Judenthum hängt, gebürt zu uns und kann u 's in der Folge sehr ersprießlich werden. Die Geschichte der Juden muß daher gerade für die Jugend nicht nur als eine religiöse Erscheinung, sondern auch als eine culturelle behandelt werden. Dadurch geschieht dem religiösen I halt des Ilidenthums kein Abbruch. Judenthum ist ein sehr vielseitiger B.'gr ff. Man soll aber nicht über das Judenthum an die Juden vergesse». Die Geschichte Israels darf nicht so ausgefaßt werden, als sei das jüdische Volk blos um der Religion willen da; sondern die Judenheit ist ein reich begabter Stamm, der unter den vielen Verdiensten um die Menschheit auch das hat, geläuterte religiöse Begriffe geschaffen und geholfen zu haben, die Menschheit von dem blöden Fetischismus wesentlich zu befreien. Es darf nicht vergessen werden, in welchem Zeitalter und unter welchen geistigen Strömungen wir jetzt leben. Man ist in unseren Tagen nicht so sehr geneigt, sich mit Abstractem zu befassen. Gerade die gebildete jüdische Jugend! bt in einer Um gebung, in der man wenig Berständniß für eine rein geistige Bewegung zeigt. Nun kommen wir mit dem jüdischen Monotheismus und seiner Bedeutung für den culturellen Fortschritt. Für meine Person ist der Monotheismus gewiß etwas Erhabenes; aber in der Regel kann ich mit ihm die gebildete jüdische Jugend für das Judenthmn nicht begeistern, weil mir stets entgegengehalten wird, das Judenthum hätte somit jetzt >n Europa keine Bedeutung mehr, da ja alle civilifirten Völker Monotheisten — oder Atheisten seien. Anders verhält sich die Sache, wenn wir besonders die Bedeutung der Judenheit betonen, eine Bedeutung, die sich auch jetzt constatiren läßt, vorausgesetzt, daß die Juden — Juden bleiben. Die Bedeutung des jüdischen Stammes ist z. B. in seinem socialen Empfinden, in seiner socialen Gleichheit zu finden. Es kommt dabei nicht so sehr darauf an, was das Judenthum lehrt, sondern wie die Juden gelebt haben. Für uns freilich ist es unzweifelhaft, daß die sociale Gerechtigkeit im Judenthum begründet ist; aber die Geschichte soll eben keine Lehrmeinungen aufstellen, sondern das Gewordene und thatsächlich Geschehene demonstriren. Statt daß man katechetisch lehrt, das Judenthum enthält das G'bot: „Du sollst Deinen Nächsten lieben, wie Dich selbst", oder Hillel hat gelehrt: „Was Dir unlieb *) Vergl. Nr. 34.