Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 36 (5.9.1902)
- Date
- 1902-09-05
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 578 Dr> ^war^s MochLnjUzrtt^ srr. y« Woboril, da er einen jüdischen Trödler getödtet hat, hatte an der „Deutschen Zeitung" sein eigenes publicistisches Organ. Auch das Bombenattentat, das in Selzthal begangen wurde, wird zu antisemitischen Zwecken fructificirt. Das „Deutsche Volksblatt" berichtet über ein Attentat aus den „Kohlenjuden" Gutmann, unterstreicht, daß es sich um einen jüdischen Bergrath handelt, und die „Ostdeutsche Rundschau", das Blatt des politisch und moralisch verkrachten K. H. Wolf, bespricht das entsetzliche Verbrechen in einer Art, die einem förmlichen Lobe auf den an einem Juden verübten Anschlag nahekommt. Die jesuitische Moral vom Zweck, der die Mittel heiligt, ist ein anerkannt antisemitisches Dogma, und so wird denn auch der Mord, insoserne er zur Ausrottung der Juden beitragen kann, mindestens entschuldigt und beschönigt, zuweilen aber auch direct empfohlen. Einzig und allein die Furcht vor dem Staatsanwalt, der übrigens dem Treiben der Antisemitenpresse gegenüber außerordentliche Nachsicht bekundet, hält die Gesellen der antisemitischen Presse davor zurück, den Judenmord anzupreisen. Herr Ernst Schneider, den seine Immunität vor Verfolgung schützt, braucht sich freilich nicht zu geniren und darf zum Zusammenschießen der Juden ohneweiters auffordern. * * * Im Vergleiche mit dieser Anempfehlung des Mordes sind die täglichen Bübereien der Antisemitenpresse allerdings recht harmlos, und die Schilderungen, die im „Deutschen Volksblatt" über das Benehmen der Juden, über ihre Physiognomien, ihre Lebensweise und ihr Gebühren aufgetischt werden, dürften auch bei dev christlichen Lesern nicht die gewünschte Wirkung erzielen. Auch die ewigen Hetzereien gegen die jüdisch-polnischen Schauspieler, weil sie angeblich in einem unverständlichen Jargon vortragen, während die Redacteure des Antisemitenblattes in letzter Zeit selber mit Vorliebe dieses Jargons sich befleißen, dürften kaum ihren Zweck erreichen. Diese Leistungen der antisemitischen Presie sind nämlich so gemein, daß auch der christliche Leser vor derartigen publicistischen Darbietungen Ekel empfinden muß. Es werden dann täglich die krummen Nasen, die X-Beine und sonstigen Körpertheile der Juden dem arischen Leser mit einem vermeintlichen Humor vorgeführt, der dem Verfasser die Verachtung aller anständigen Menschen zusichert. Denn wenn beispielsweise das Berganiblatt bei der Schilderung eines Zionistenausfluges eine „dicke Jüdin" vorführt, die mit schmutzigen Fingern ihren Mitreisenden Bonbons darreicht, so sei dem Herrn Ernst Vergani persönlich das Folgende bemerkt: Daß es dicke Jüdinnen gibt, geben wir ohneweiters zu, gibt es doch auch einen dicken Vergani und einen noch dickeren Josef Strobach. Es kann auch Vorkommen, daß eine Jüdin schmutzige Finger hat; in diesem Falle würden wir ihr empfehlen, sich die Finger zu waschen. Dagegen möchten wir dem Herrn Ernst Vergani hinsichtlich seiner schmutzigen Finger einen solchen Rath nicht ertheilen, weil die Befolgung desselben vollständig nutzlos wäre. Den Schmutz, der an den Fingern dieses publicistischen Antisemitenführers klebt, bringt kein Wasser der Welt hinweg. Mit diesen Fingern hat er Gemeinde- Obligationen defraudirt, mit diesen Fingern Bestechungen und Erpressungen eingeheimst. Schmutz der Corruption haftet an diesen Fingern. Und das muß gesagt werden, nicht um das Publicum neuerlich daran zu erinnern, was es ohnehin weiß, sondern um der Empörung darüber Ausdruck zu geben, daß unbescholtene Menschen blos deshalb, weil sie Juden sind, von solch' nichtswürdigem Gesindel sich verspotten und beschimpfen lassen müssen. Zu diesem Gesindel rechnen wir ausdrücklich alle Jene, die im Solde Vergani's einem solchen nichtswürdigen und gemeinen Beginnen ihre Feder und Ehre verkaufen. * * * Bei der Sparkasse in Leitmeritz ist eine Buchhaltexstelle zu besetzen. „Bewerber haben ihre Gesuche, die von den in Leitmeritz nicht heimatsberechtigten Bewerbern auch mit dem Tauf- und Heimatfchein und mit dem Sittenzeugnisse belegt sein müssen, bis zum 27. September 1902 Hieramts einzubringen". Diese Ankündigung finden wir im „Prager Tagblatt" und im „Pilsener Tagblatt". Die Forderung der Vorlage eines Taufscheines bedingt natürlich, daß Juden von der Bewerbung um dieses Amt ausgeschlossen sind. Die Juden haben bekanntlich keinen Taufschein, und die Verfasser der betreffenden Kundmachung können sich damit nicht entschuldigen, daß dieselbe auf der herkömmlichen Schablone beruhe, weil bei Concurs-Ausschreibungen von öffentlichen Aemtern darauf hingewiesen wurde, daß die geforderte Vorlage eines Taufscheines die Juden von der Bewerbung ausschließt und daher den Grundsätzen von der constitutionellen Gleichberechtigung widerspreche. Ein solches Vorgehen ist wiederholt öffentlich gerügt worden. Sowohl in Wien, als auch in der Provinz würde uns die Concurs-Ausschreibung in dieser Form nicht wundern, wenn sie die Unterschrift irgend einer antisemitischen Parteigröße tragen würde. Wen sehen wir aber auf jener Leitmeritzer Concurs-Ausschreibung unterzeichnet: den Herrn Bürgermeister Dr. Funke. Herr Dr. Funke ist der Führer der „Deutschen Fortschrittspartei", zu deren Programm die constitutionelle Gleichberechtigung gehört. Sollte er im Drange der Geschäfte diesen Grundsatz nach bewährtem Recepte „zurückgestellt" haben, so würde das zur Annahme berechtigen, daß man diesen Grundsatz nur braucht, wenn es sich um die Stimme des jüdischen Wählers handelt. Dann holt man ihn aus irgend einer Schreibtischlade hervor, in welcher ihn Herr Dr. Funke augenscheinlich vergessen hat. * * * Das Berganiblatt, das Organ des allerdümmsten Kerls von Wien, das sich die Pflege der schwärzesten Verdummung zur Aufgabe gesetzt hat, befaßte sich dieser Tage an leitender Stelle mit der Pflege — des Universitätsstudiums. Verblüfft muß man sich fragen, wie das Blatt auf so perverse Einfälle kommen kann; und man begreift diese Verirrung des Verganiblattes erst, wenn man erfährt, daß es sich nicht so sehr um das Universitätsstudium an sich, als um das Universitätsstudium der Juden handelt. Also der Leitartikler des „Deutschen Vvlksblatt-s" hat mit bewährten Scharfsinn herausgeklügelt, warum die Zahl der Studirenden an der Wiener Medicinischen Facultät constant abnimmt. Die jüdischen Studirenden und die jüdischen Professoren sind schuld! Die christlichen Studirenden — so leitartikelt das Berganiblatt — fühlen eine Abneigung, neben jüdischen Studenten auf der Schulbank zu sitzen und den Lehren jüdischer Professoren zu lauschen, und um dieser Unannehmlichkeit auszuweichen, lassen sie sich überhaupt nicht an der Wiener medicinischen Facultät inscribiren. — Diese Argumentation wird vielleicht einem Leser des „Deutschen Volksblattes" einleuchten, einem vernünftigen Menschen nicht. Also weil die Wiener Universität „verjudet" ist, deshalb nimmt die Zahl der Studirenden an alleneuropäischen medicinischen Facultäten ab. Der alberne Herr Leitartikler weiß nämlich nicht oder will.es nicht wissen, daß nicht nur an der „verjudeten" Wiener Facultät, sondern auch an allen übrigen medici nischenFacult ät en, auch an den „judenreinsten", der Zudrang der Mediciner von Jahr zu Jahr schwächer wird. — Und weil der christliche Student nicht gerne neben dem jüdischen Studenten im Hörsaale sitzt, deshalb ziehen sich die — jüdischen Studenten vom medicinischen Studium zurück. Der genannte alberne Herr weiß nämlich nicht, daß nicht nur die christlichen, sondern auch die jüdischen Studenten dem medicinischen Studium derzeit ablehnend gegenüberstehen und daß sich die Abnahme der Studirenden dem Percentverhältniß entsprechend gleichermaßen auf alle Confessionen vertheilt. Also Verehrtester Herr Leitartikler, wenn Sie schon lügen wollen, so stellen Sie es doch wenigstens etwas schlauer an! I s e g r i m. Eine sociale Frage. Es ist eine traurige sociale Erscheinung, daß trotz des continuirlichen Jammerns von Seite unserer Glaubensgenossen über Bedrückung durch den Antisemitismus — trotz der traurigen Thatsache, daß jüdische Geschäftsleute von den Antisemiten boycottirt werden und trotzdem das Kampf-Wort „Kauft nur bei Christen" in sehr vielen Fällen Anwendung findet — bei Besetzung von Dienstesstellen von jüdischen Arbeitgebern den Bewerbern christlicher Confession in der Regel der Vorzug eingeräumt wird. Daher kommt es auch, daß Tausende jüdischer Arbeitskräfte brach liegen, daß Leutunseres Glaubens, welche so gerne arbeiten möchten, am Hungertuche nagen müssen. Wo bleibt da das so vielgerühmte Solidaritätsgefühl der Juden? Ich habe hier die Besetzung von Dienstesstellen subalterner Kategorie im Auge, und da tritt eben das bedauerliche Moment in die Erscheinung, daß die Dienstgeber — selbst solche, welche als gute Juden gelten oder gelten wollen, bei Vacanzen lieber Christen beschäftigen. Woher kommt wohl diese Aversion gegen jüdische Diener? Man wird mir nicht antworten, daß der jüdische Diener nicht gerne schwer arbeitet, daß er überhaupt arbeitsscheu wäre. — Man kann Nachweisen und durch Thatsachen belegen, daß der jüdische Diener dort, wo ihm nicht Unmögliches aufgebürdet wird, ebenso seinen Mann stellt wie der christliche Diener, wobei