Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 36 (5.9.1902)
- Date
- 1902-09-05
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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3tr. 36 Dr. Bloch's Wochenschrift. Sette 577 Herr Hirsch verweilte wenige Tage in Petersburg und war überrascht, in einer Petersburger Zeitung die Mittheilung zu lesen: »Der Reichskanzler Fürst Gortschakow ist ganz entrüstet, wie Herr Boeresco die rumänischen Juden unterdrücken will, und habe ihm deswegen offen seine Meinung gesagt". Darauf schrieb Herr Benjamin Hirsch an die Berliner »Bosnische Zeitung" einen ausführlichen Bericht über seine Begegnung mit Herrn Boeresco und wiederholte wörtlich die Versicherungen des Wohlwollens für die Juden, welche Herr Boeresco ihm gegenüber gemacht hat. Die rumänische Agentur in Berlin kam rasch mit einem Dementi, welches sowohl die Begegnung, als auch die Unterhaltung rundweg ableugnete. Herr Benjamin Hirsch publicirte hierauf mit voller Namensunterschrift in der »Vossischen Zeitung" eine Erklärung, welche an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig ließ. Herr Boeresco hielt es für gerathen, jede weitere Polemik zu vermeiden. Der jetzige Ministerpräsident von Rumänien Herr Sturdz a hat, wie unsere Leser sich erinnern werden, den Wiener Schriftsteller Dr. Hugo Ganz in Bukarest empfangen, welcher in der »Frankfurter Zeitung" über diese Begegnung und Unterhaltung ausführliche Mittheilungen gemacht. Nun kommen wiederum die Dementis. Man schreibt der »Frankfurter Zeitung": Die officiösen Blätter „laclexeaäanee roumaine“ und „Vointa uationala“ bringen heftige Dementis der Mittheilungen, welche Dr. Hugo Ganz in der „Frankfurter Zeitung" über seine Unterredung mit dem Ministerpräsidenten D. Sturdza veröffentlicht hat. Die „Valuta uationala" widmet diesen Mittheilungen einen ganzen Leitartikel, in welchem sie Herrn Ganz beschuldigt, den Herrn Ministerpräsidenten unrichtig verstanden oder seine Worte in sophistischmißgünstiger Weise verdreht und gedeutet zu haben. Dasselbe geschieht auch in einem Entrefilet der im Auslande mehr als die „Valuta uatlouala" gelesenen „luääpauciaues roumame", welche unter Anderem sagt: Herr Ganz legt dem Herrn Sturdza beleidigende Worte für die Familie Obrenowitsch und folglich auch für den König von Serbien in den Mund. Niemand wird aber glauben, daß ein erprobter Staatsmann wie D. Sturdza sich zu einer so muthwilligen Beleidigung eines benachbarten, befreundeten Souveräns Herbellassen werde. . . . Endlich soll noch Herr Sturdza Herrn Ganz erklärt haben, daß Rumänien keiner fremden Capitalien bedürfe. Niemals konnte eine solche Absurdität von Herrn Sturdza ausgesprochen werden. Das, was er behauptet, ist, daß er nach wie vor ein überzeugter Anhänger der Sparsamkeit bleibt und daß, so lange als er an der Macht ist, keine neue Anleihe contrahirt werden wird. Zu behaupten, daß Rumänien auf wirthschaftlichem Gebiete keiner fremden Capitalien bedürfe und zu denselben keine Zuflucht nehmen werde, ist aber eine Dummheit, welche niemals in den Gedanken und folglich auch nicht in den Worten des Ministers vorhanden war. . . ." (Das officiöse rumänische Blatt verdreht hier in dreister Weise die Worte des Herrn Dr. Ganz, der über die diesbezügliche Auslassung des rumänischen Premiers folgendermaßen berichtete: „Man glaubt Rumänien in die Enge zu treiben, indem man ihm erschwert, Anleihen beim Auslande zu machen. Gut. Rumänien wird überhaupt keine Anleihe machen. Sturdza wird zeigen, daß er ausländisches Geld nicht braucht. Er wird lediglich durch solide Gebahrung Jahr für Jahr Ueberschüsse ausweisen und hat sich nach dieser Richtung auch durch feierliche öffentliche Erklärungen schon gebunden." Von Anleihen, nicht von fremden Capitalien überhaupt ist die Rede, und daß er keine Anleihe machen wolle, hat Herr Sturdza auch bei anderen Gelegenheiten erklärt. Red.) Es kann nicht meine Aufgabe sein, zu diesen Auslassungen der „luäexenclauee roumaine“, welche Herrn Ganz beschuldigt, daß er den Mini st er Präs identen getäuscht habe, indem er sich fälschlich für einen Freund Rumäniens ausgab, Stellung zu nehmen. Dagegen muß ich im Interesse der eigenen publicistischen Ehre auf eine undementirt gebliebene Stelle des Interview-Berichts zurückkommen, laut welcher Herr Sturdza die hiesigenBerichterstatter beschuldigt hat, daß dieselben dank der Bestechungen, die sie aus den gouvernementalen und Partei-Fonds erhalten, oberflächliche und gehässige Berichte über Rumänien verbreiten. (Die angezogene Stelle in dem Berichte des Herrn Dr. Ganz lautete wörtlich: „Er (Sturdza) wirft ihr (der Presse) Oberflächlichkeit in Bezug auf Rumänien vor. Die ansässigen Correspondenten kommen so schlecht weg, als ob sie allesammt aus Regierungs- oder Parteifonds gespeist würden. Ein Achselzucken bei der Nennung ihrer Namen sagt mir mehr, als ein Steckbrief." Red.) Ich will nun zwar nicht behaupten, daß die unberechtigte Kritik, welche hie und da ein Berichterstatter zweiten Ranges an der einen oder der anderen rumänischen Regierung übt, ohne materielle Motive ist. Publicistische Parteiparasiten hat es immer gegeben und wird es immer geben. Dagegen muß eine Verallgemeinerung oieser Thatsache auf alle ständigen Bukarester Correspondenten von meiner Seite als eine ungerechtfertigte Verdächtigung zurückgewiesen werden. Noch in anderer Richtung ist der Dementirungsapparat oer rumänischen Regierung thätig. Die Aeußerungen des Königs, welche er zum Herrn Oberrabbiner Dr. Ga st er und zu dem Exporteur Herrn Marco Men dl aus Galatz über die Behandlung der Juden gemacht hat, ist den rumänischen Regierungsleuten unbequem und Herr Marco Men dl mußte sich herbeilassen, telegraphisch bei der Wiener »Neuen Freien Presse" um ein Dementi jener Mittheilungen, welche auch wir in der »Oesterreichischen Wochenschrift" nach einer Meldung des »Berliner Tageblatt" zur Kenntniß unserer Leser brachten, zu ersuchen. Das »Berliner Tageblatt" dagegen hält ihre Mittheilungen aufrecht und bemerkt in einer der letzten Nummern: Wie Herr Marco M e n d l aus Galatz dementirt, ergibt sich aus folgender Mittheilung des »Bukarester Tagblattes" vom 6. August: „Audienz. Wir lesen im „Galatzii": Letzten Dienstag wurde Herr Marco Mendl von Sr. M. dem Könige im Sinaia in Audienz empfangen. S. M. erwies Herrn Mendel die hohe Ehre, ihn zu bitten, daß er Alles thne, was in seinen Kräften steht, um die in unserer Stadt bestehende A u s w a n d e r u n g sstr ö mun g zu verringern. Herr Mendl versprach, das Verlangen des Souveräns zu erfüllen. Gleichzeitig berichtete Herr Mendl dem Souverän auch über die commercielle Situation unserer Stadt, und S. M. hörte seine Ausführungen mit großer Aufmerksamkeit an." Das „Berliner Tageblatt" bemerkt dazu: »Also wohlg-mcrkt: Dieser Bericht über die Audienz des Herrn Marco Mendl stammt aus einem in Galatz, dem Wohnort des Herrn Mendl, erscheinenden Blatte. Die Audienz muß also doch wohl stattgefunden und den in dem Blatte angegebenen Verlauf genommen haben. Angesichts dieser Thatsache hat Herr Marco Mendl — sagen wir: den M u t h, an die »Neue Freie Presse" zu telegraphiren, der Bericht des »B e r l i n e r Tageblatt" über seine Audienz bei König Carol sei »vollständig erfunden und entbehre jeglicher positiven Grundlage". Wir müffen gestehen, daß es uns an der erforderlichen Dialektik fehlt, um diesen ungeheuren Widerspruch zwischen den von unserem absolut zuverlässigen Gewährsmanne berichteten Thatsachen und der durch Herrn Marco Mendl aus Galatz gewagten Ableugnung derselben auch nur einigermaßen zu mildern." Rumänische Zeitungen melden übrigens, daß Herr Marco Mendl an einer Broschüre über die wahren Gründe der jüdischen Auswanderung arbeite, die er dem Könige nach dessen Rückkehr aus Gastein vorlegen wolle. Er hat zu diesem Zweck auch schon verschiedene Berathungen mit dem Rabbiner und angesehenen jüdischen Persönlichkeiten in Galatz gehabt. Nach den Erfahrungen mit den Dementis läßt sich voraussehen, was man von dieser Broschüre zu erwarten haben wird. Es ist von jeher ein Kniff der rumänischen Regierung gewesen, daß sie ein paar reiche Juden mit allerlei Mitteln zu gewinnen suchte, um sie als Kronzeugen dafür zu gebrauchen, daß die Juden eigentlich gar nichts in Rumänien zu leiden haben würden. Vom Jahrmarkt des Levrus. Glossen zur Tagesgeschichte. (Das Bombenattentat in Selzthal und die Antisemit e n p r e s s e. — Zweierlei Schmutz. — W a n n D r. Funke die Juden nicht braucht, und wann er sie braucht. — Vergani und d i e Universität.) Die blutigen Excesse in Agram zeigen, wie die »Nationalität zur Bestialität" führen kann. Bürger ein und desselben Staates, Bewohner ein und desselben Landes verfolgen einander mit wüthendem Hasse, der in Straßenkämpfen und Plünderungen seinen Ausdruck findet. Die Vorgänge in Agram zeigen, daß die Aufstachelung der Bolksinstincte keineswegs harmlos ist, sondern zu unabsehbaren Folgen führen kann. Auf den Antisemitismus angewendet, muß man wirklich noch darüber staunen, daß die fortwährende Verhetzung, die ungestraft unter den Augen der Behörde begangen wird, nicht ebenfalls schon die Propaganda der That gezeitigt hat. Unseren Feinden und Verfolgern ist kein Mittel zu schlecht, kerne Lüge zu plump, um den Haß gegen die Juden in der Bevölkerung zu erregen und zu schüren, um die Juden als gefährlich und Verabscheuungswerth zu schildern. Das geht soweit, daß die Mörder, wofern fie nur verbrecherische Anschläge auf Juden unternehmen, einer sympathischen Behandlung seitens der antisemitischen Presse gewiß sein können. Jeder antisemitische Strolch findet die Anerkennung im »Deutschen Bolksblatt", und der Raubmörder