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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-09-05 · 36 (5.9.1902) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
36 (5.9.1902)
Date
1902-09-05
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 576 Dr Tloch's Wochenl'chrM. Nr. 36 der Gemeinden, leider ohne ernsten Widerstand zu finden. Diesem Feinde zu begegnen, sind die Einzelgemeinden außer Stande. Pflicht des „Bundes" wäre es, in die Bresche zu treten und das Gesammtintereffe zu wahren. Rumänische Versprechungen. Die von der rumänischen Regierung „inspirirten" Bukarester Journalisten haben eine Neuigkeit in die Welt gesetzt, wonach die Regierung beschlossen haben soll, „der im Herbst zufammentretenden Kammer einen Gesetzentwurf zu unterbreiten, in welchem eine größere Anzahl von in Runt ä n i e n ansässigen Pers ouen m o s a i s ch e n G l aubens, welche auf dem Gebiete der Wissenschaft, des Handels und der Industrie sich Verdienste erworben haben, zur N aturalisation rn Vorschlag gebracht werden s o l I." Die Regierung soll bereits zu diesem Zwecke mit den verschiedenen Parteiclubs zum Zwecke der Namhaftmachung der für die Naturalisation vorzuschlagenden Persönlichkeiten in Verbindung treten. „Die Botschaft hör' ich wohl, allein mir fehlt der Glaube". Genau dasselbe Versprechen war vor 25 Jahren von Ivan Bratianu g-'macht worden und Demeter Sturdza, Bratianu's gelehriger Schüler, wird wohl darum gewußt haben — erfüllt ist das Versprechen nicht und an dessen Stelle kam die berüchtigte individuelle Naturalisation, die bekanntlich in der empörendsten, corruptesten verlogensten Weise gehandhabt wird. Woraus sollten wir die Hoffnung schöpfen, daß die rumänische Regierung endlich ihr feit 25 Jahren geübtes Unrecht einsehen und zur Pflicht zurückkehren wird? Die momentane resp. periodisch wiederkehrende Geldnoth der rumänischen Regierung mag wohl ein Motiv sein, daß Rumänien sich als zahlungswilliger Schuldner hinstellen möchte, aber da es seit 25 Jahren, statt seinen Verpflichtungen nachzukommen, Schuld auf Schuld gehäuft hat, kann eine Zu- ' 3-. ichdie erste Schuld abstatten zu wollen, nicht nur nicht stauben finden, ja sie könnte Rumänien auch dann noch nicht entlasten, selbst wenn es dieses einemal sein verpfändetes Wort einlösen wollte. Welche Bedeutung hätte auch die „Naturalisirung" von „°iner größeren Zahl von in Rumänien ansäffigen Personen mosaischen Glaubens, die sich aus dem Gebiete der Wissenschaft, des Handels und der Industrie Verdienste erworben haben" — wenn man Hunderttausend? von Haus und Hof jagt, ihnen den Erwerb nimmt, ihnen verbietet, diesen oder jenen Beruf zu ergreifen, ihren Kindern öie Schule verschließt, sie zwingt, das Land zu verlassen, weil sie dort amtlich vom Lebensunterhalt ausgeschlossen werden. Die Naturalisation einiger Günstlinge soll vielleicht Europa hinwegtäuschen über die Thatsache, daß in seiner Mitte enr Volk existirt, welches barbarischer ist als die Boxer in China, wrlches materiellen und geistigen Massenmord auf gesetzlichem Wege betreibt? Und zu dieser Täuschung soll sich Europa verfützren lassen, weil Rumänien Geld braucht? Nein, für so dumm darf man in Bukarest die europäische Welt nicht halten. Die Politik mag die Charaktere verderben, die Politik mag verschulden, daß man einem Staate durch die Finger sieht, weil man ihn momentan nicht auf die Finger klopfen kann — aber anlügen läßt man sich durch die Politiker nicht. In Rumänien handelt es sich, das muß mit aller Wahrheit und Entschiedenheit festgestellt werden, nicht um die Naturalffirung etlicher Individuen, sondern um die Erfüllung einer Bedingung für die Anerkennung seiner Selbstständigkeit. Diese Bedingung ist nicht nur nicht erfüllt worden, sondern die ganze neue Gesetzgebung ist in einer dieser Bedingung geradezu hohnsprechenden Weise ausgeübt worden, und wo das Gesetz vielleicht noch eine Lücke hatte, half die Verordnung nach, und wo die Verordnung noch nicht genug die „Fremden" bedrückte — da setzte die menschenmordeude Praxis ein und führte aus, was Verordnung und Gesetz etwa noch nicht anbefahlen. Diesem System müßte ein Ende gemacht, dieser Rechtsvergewaltigung müßte ein Ziel gesetzt werden, Rumänien müßte sich eine volle Umkehr auserlegen — dann, aber auch nur dann könnte es wieder Vertrauen in Europa finden, sonst aber nicht. Die partielle Naturalisation, und würde sie sich auch auf eine größere Anzahl erstrecken, befreit Rumänien von diesem Brandmal nicht, daß es ein seine moralischen Verpflichtungen nicht erfüllender Staat ist, solange seine ganze Gesetzgebung nicht den Bedingungen des Art. 44 des Berliner Vertrages entspricht, daß Confession und Abstammung überhaupt keinen Rechtsunterschied in Rumänien begründen dürfen. Aber die durch die „inspirirten" Bukarester Journalisten propagirte Meldung verdient auch aus anderer Ursache keinen Glauben. Wer garantirt denn dafür, daß die Parteien das Ministerium nicht im Stich lassen? Das ist in Rumänien widerholt geschehen und sogar künstlich ins Werk gesetzt worden, wenn man sich einer eingegangenen Verpflichtung entziehen wollte. Wir haben deshalb alle Ursache, mißtrauisch zu sein und Mißtrauen zu erwecken. Der Weg, den Rumänien zu gehen hat, um das Mißtrauen zu bannen, ist ein einfacher: Selbsterkenntniß und Umkehr — volle Umkehr. Rumänische Dementis. „Rumänische Dementis" haben bereits ein geschichtliche Notorität. Es war einige Monate nach dem Abschluß des Berliner Vertrages, daß der damalige rumänische Minister Boörescobei den europäischen Großmächten persönlich intervenirte, um einige „Erleichterungen" zu erwirken in Bezug auf die Ausführung des Artikels 44. Er weilte gerade in Berlin und die „Bossische Zeitung" brachte die Mittheilung, daß Herr Boöresco sich zu dem gleichen Behufe in den nächsten Tagen auch nach Petersburg begibt. Der Zufall wollte, daß Herr Benjamin Hirsch aus Halberstadt, der zu Geschäftszwecken ebenfalls nach Petersburg zu reisen halte, diese Notiz las. Auf dem Bahnhofe in Wirballen (preußischrussische Grenze) sah Herr Benjamin Hirsch einen großen Schlafwagen mit besonderen Einrichtungen für die Bequemlichkeit des reisenden Publicnms. An dem Schlascaum anstoßend war ein geeigneter Wohnraum für den Tagesaufenthalt, das gefiel ihm, und er erkundigte sich, was ein Passagier für die Miethe zu zahlen hätte. „Fünfzig Rubel" war die Antwort. Da wandte sich Herr Hirsch an einen zweiten Reisenden mit der Frage, ob sie zusammen sich nicht das Reiselocal miethen wollen. Der Vorschlag wurde angenommen und man reiste Abend gemeinsam nach Petersburg ab. Des anderen Morgens war Herr Benjamin Hirsch früher aufgestanden, verließ den Schlafraum und verrichtete im angrenzenven Zimmer das Morgengebet. Erst viel später stand der Reisegenosse auf und beim Frühstück beobachtete Herr Hirsch in der Hand des Reisegefährten eine in französischer Sprache abgefaßte Schrif! über die Lage der rumänischen Juden. Die Schrift war von der Pariser „Alliance Jsraelite Universelle" herausgegeben und Herr Benjamin Hirsch bemerkte zu seinem Nachbar, diese Schrift sei lesenswerth, sie enthalte eine objective und leidenschaftslose Darstellung der rumänischen Judenfrage, und es wäre zu wünschen, daß der rumänische Minister Herr Boöresco dieselbe lesen möchte. D?r Nachbar antwortete: „Der rumänische Minister Boöresco liest soeben diese Schrift". Es erfolgte hierauf die gegenseitige Vorstellung und zwischen den beiden Reisenden entwickelte sich eine lebhafte Unterhaltung über die rumänische Judenfrage. Boöresco sprach von den Schwierigkeiten einer plötzlichen Naturalisation oer gesammten jüdischen Bevölkerung. Die rumänischen Juden, welche kein Recht haben, Grundbesitz zu erwerben, sind vielfach Hypotekargläubiger der christlichen Besitzer. Eine Aenderung des Rechtszustandes der Juden müßte eine völlige Umwälzung der städtischen Besitzverhältnifse herbeiführen. Herr Hirsch bemerkte, daß man dagegen kaufmännische Mittel hat, die Gewährung eines Moratoriums für Hypotheken u. dergl. Boörescu sagte, er plane für die Naturalisation einen gewissen Bildungscensus einzuführen, er sei von den besten Absichten beseelt und wünsche blos über die Schwierigkeiten, welche sich der Ausführung entgegenstellen, hinwegzukommen. Herr Hirsch antwortete, daß ein solcher Bildungscensus bei der Bestechlichkeit der Beamten allem Mißbrauch und aller Corruption Thür und Thor öffne. Schließlich erklärte der Minister, ec werde trachten, einen geeigneten Ausweg zu finden, er freue sich, daß er Gelegenheit hatte, mit einem gebildeten deutschen Juden über die rumänische Frage sich eingehend zu unterhalten, und er kann ihn versichern, daß das, was er vernommen, nicht ohne gute Folgen sein wird, für die rumänischen Glaubensgenossen. Im Lause des Tages hatte Herr Hirsch Gelegenheit, aus einer Markirung auf den Gkpäcksstücken sich zu überzeuge», daß sein Reisegefährte wirklich der rumänische Munster Boöresco ist.

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