Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 36 (5.9.1902)
- Date
- 1902-09-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ur. 36 Iahr-air- XIX ri ♦Itri Dr. Bloch’s t Centrslorgan für die gesammten Interelfen des Iudenthums. Wem, 3. Keplember 190Z. -H —»- Erscheint jeden Freitag. - ■> -4» - Brief-Adresse: Wien, IX/1» Berggaffe 39. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift» Wien. B. k. Postsparrsffen-Nrni Clearing-Verkehr Nr. 810.976. AedarRon und ALminifiratw» Wir» IX/1. Berggaffe Nr. 39. Talephon Nr. 14.847. X- Bcjugaprei» für Oesterreich Halbjährig 8 Krone». Einzelexemplare 50 Heller. Dir'» Ausland: Halbjährig 10 Krone». Ganzjährig 20 Anzeigen: Die4mal gespaltese Petttzeile 24 Heller. Inhalt rLeitartikel: Oesterreichisch-Jsraelitischer Bund. — Rumänische Versprechungen. — Rumänische Dementis. —Vom Jahrmarkt des Lebens: Glossen zur Tagesgeschichte. Eine sociale Frage. Wie der tapfere Germane Jro angreift und auskueift. Tie Bilanz der „Jca". Gebet eines jüdischen Arztes im 12. Jahrhundert. Die Wahrheit der Religion. — Unterrichtsfrageu. — Korrespondenzen: Rumänische Barbarei. Das Schächten und die thierärztliche Fleischbeschau. Wien, Baden. Prag, Frankfurt a. M., Kiel, Bukarest, Petersburg, New-Aork. —Vermischtes: Wien, Baden, Tabor, Gewitsch, Djacovar, Ung-Brod. — Feuilleton: Bilder aus einer kleinen Stadt. — Literatur. — Briefkasten. — Notiz. — Inserate. Grsterreichisch - Israelitischer Kund. Bon Dr. M. S. Der jüngst erschienene Rechenschaftsbericht des »Bundes" hat die in Letzteren gesetzten Erwartungen nicht gerechtfertigt. Bei seiner Gründung durfte man ihn als ein Centralorgan für die Gesammtinteressen der Juden Oesterreichs betrachten, als eine Gesammtvertretung, welche, über den Cultusgemeinden stehend, sie leiten, stützen, organisiren würde. Nicht nur die bei der Gründung des Bundes gehaltenen Reden, auch dessen Documente, Circulare und Statuten ließen es hoffen, daß sich der Bund mit jenen Grundfragen befassen werde, von denen der Bestand des Judenthums abhängt. Wer sich nicht täuschen will, der sieht es klar, daß die Grundfesten des Jndenthums ins Wanken gerathen sind. Der zunehmende Abfall, der Niedergang des jüdischen Wissens, das Versiegen der Tradition, des Familiensinns, der Langlebigkeit lassen ein allmäliges Schwinden des Judenthums besorgen. Ein solches ist in Frankreich und Italien bereits eingetreten und wird in Deutschland und Oesterreich nur durch den vom Antisemitismus erzeugten Gegendruck momentan aufgehalten. Dieser Krisis zu steuern, soweit sie die Juden in Oesterreich betrifft, den Krankheitsursachen nachzuforschen und diese nach Kräften zu bekämpfen, erschien als die Aufgabe des »Bundes". Anstatt solchen Zielen nachzustreben, hat der Bund — seinem Rechenschaftsbericht zufolge — sich darauf verlegt, die »Abwehr" nach dem Vorbild der »Oesterreichisch-Jsraelitischen Union" und des »Jüdischen Volksvereins" zu üben. Er hat sich wesentlich mit dem Falle Araten und ähnlichen Einzelverletzungen jüdischer Rechte befaßt, er hat bei Gerichten und Behörden intervenirt, Humanitätsacte geübt, bei Ministern Klage geführt — eine verdienstliche Action, die sich jedoch mit den weittragenden Aufgaben einer Centralvertretung keineswegs deckt. Diese Aufgaben sind nicht akademischer, sondern eminent praktischer Natur. Das schwindende Gefühl der Zusammengehörigkeit unter den Juden läßt sich durch Phrasen.nicht neu beleben. Vielmehr müßte man praktisch thätig sein, conservirend und organisatorisch wirken, um die gemeinsamen Jntereffeu wahrzunehmen, sie zu pflegen und zu stärken, ehe der zweitausendjährige Bau aus den Fugen geht. Die einzelnen Gemeinden können diesen Aufgaben nicht gerecht werden; dazu fehlt es ihnen an Willen, wie an Kraft. Sache einer Centralvertretung wäre es, helfend und ergänzend einzugreisen, dem Zerfall entgegenzuarbeiten, die richtigen Wege zu weisen und dafür zu sorgen, daß auch diese Wege wirklich beschritten werden. Hiebei handelt es sich in erster Linie um den Religionsunterricht, dem in unserer Zeit jene Rolle zugefallen ist, welche ehedem das jüdische Haus erfüllt hat. Für den Unterricht sollte eine einheitliche Form und Methode erstrebt und zugleich die Möglichkeit geboten werden, daß die Gemeinden der ihnen zugetheilten Ausgabe entsprechen. Sodann müßte die Beamtenfrage in Angriff genommen werden, und zwar in persönlicher wie in wirthschaftlicher Hinsicht. Rabbiner, Lehrer. Cultusbeamte find heutzutage die alleinigen Träger der Tradition; von deren richtiger Auswahl, deren socialem Niveau hängt die Zukunft des Judenthums ab. Um hier zu bessern, bedarf es der Errichtung von Lehrerbildungsanstalten, der Einführung von Beamtenprüsungen, aber auch finanziellen Eingreifens, Feststellung der Gehalte und vor Allem einer Alters- und Witwenversorgung, sohin einer gemeinsamen Pensionsanstalt, eventuell eines Berficherungssurrogates. Desgleichen müßte die in Atome zersplitterte Wohlthätigkeitsaction der zahlreichen Gemeinden, insbesondere die Waisen, und Krankenpflege, in Verbände gesammelt und dadurch aus der Ohnmacht zu fruchtbringender Thätigkeit gehoben werden. Es ist überhaupt hohe Zeit, sich mit den ethischen und wirthschaftlichen Interessen des Judenthums zu befassen, ehe der Zerfall der kleineren Gemeinden und die Indifferenz der größeren unheilbare Wunden schlagen, wie dies im Ostenan einzelnen Symptomen, am Mädchenhandel, an der zunehmenden Criminalität am biologischen Niedergange bereits erkennbar ist. Der Vorstand des »Orsterreichisch-Jsraelitischen Bundes" scheint sich vornehmlich der Bekämpfung des äußeren Feindes zu widmen. Gefährlicher als dieser aber ist der innere Feind. Dieser Letztere wühlt und wüthet im Schooße der Familien, der Schulen,