Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 35 (29.8.1902)
- Date
- 1902-08-29
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 35 Dr. Bloches Wochenschrift. Sn:. 571 sämmtlicher Arbeiten. Hirsch's aus dem »Jeschurun", (1854 bis 1872), wie auch der Gelegenheitsarbeiten, Programme, Streitschriften u. s. w., die fast gänzlich vergriffen waren. Der vorliegende I. Band, redigirt von Justizrath Dr. Hirsch, präsentirt sich inhaltlich und äußerlich durch seinen literarischen Werth und seine vorzügliche Ausstattung als eine hervorragende Bereicherung der Hirsch-Literatur. Schon die »Betrachtungen zum jüdischen Kalender", die Abhandlung: »Der jüdische Sabbath" sind werthvolle Arbeiten, welche das ganze Gepräge der eigenartigen Genialität dieses Meisters offenbaren. Ueberaus werthvoll sind mehrere pädagogische Schriften und Aufsätze, welche hier vor uns liegen. Sie haben trotz der Jahre an Actualität nichts eingebüßt und bieten eine Fülle von Belehrung und Anregung. Endlich sind auch die »Briefe über Psalmen" hervorzuheben, welche jeder mit hohem Interesse lesen wird. Jede einzelne dieser Arbeiten bildet ein kleines Meisterwerk, in sich vollendet und abgerundet. Zur Empfehlung dieses literarischen Unternehmens genügt aber schon der Name des unübertroffenen Samson Raphael Hirsch. 8. Ziegler, Dr. Ignaz. Die Königsgleichnisse des Midrasch, beleuchtet durch die römischeKaiserz e i t. Breslau 1903. In einem schön gedruckten stattlichen Bande, der 32 Seiten Einleitung, 453 Seiten Text und 192 Seiten Beilagen enthält, bringt Dr. Ziegler, der durch seine Jahrzehnte andauernde segens- und erfolgreiche Thätigkeit als Kanzelredner und durch sein humanes Wirken rühmlichst bekannte Rabbiner von Kar l sb a d, ein interessantes Thema zur Erörterung. Es handelt sich um die Königsgleichniffe des Midrasch, jene leichtfaßlichen und dennoch so sinnigen anekdotenartigen Erzählungen des Midrasch, mit denen die alten Lehrer das religiöse Leben des Judenthums zu illustriren liebten. Man wußte oder man ahnte es vielmehr auch bis jetzt, daß diese Gleichnisse aus dem Leben herausgegriffen sind und daß sich in ihnen in überraschend genauer Weise die griechisch-römische Culturwelt wiederspiegelt; aber dies im Einzelnen mit großer Sachkenntniß, unter steter Berücksichtigung der classischen Quellen, nachgewiesen zu haben, ist das große Verdienst Z i e g l e r's. Das groß angelegte, fleißig gearbeitete Werk enthüllt uns den ganzen Reichthum der Midrasch-Literatur, und zwar nach einer Seite hin, die das Judenthum nur wenig, die allgemeine Sitten- und Cultur-Geschichte hingegen sehr stark berührt. Wieder einmal sehen wir den starken Nexus zwischen jüdischem Schriftthum und dem allgemeinen Geistesleben, und die Sache ist umso wichtiger, als sie gerade an den Aussprüchen der Rabbinen demonstrirt wird, die man leider noch immer vor immer noch vernehmbaren Verleumdungen in Schutz nehmen muß. Der Verfasser hat mit seinem Werke die claffischen Philologen vor Augen; das classische Alterthum mit seiner Pracht und Herrlichkeit, mit seinen Cäsaren und Sclaven, mit seiner Kunst und Sittenlosigkeit, mit seiner Weltmacht und seinen kleinlichen Plackereien — das Alles läßt sich, das führt Ziegler aus, auch aus dem Midrasch reconstruiren, ja, in vielen strittigen Punkten und auch bei überhaupt unbekannten Seiten des classischen Lebens erweist sich der Midrasch als vorzügliche Quelle. Man könnte also den Titel des Werkes einigermaßen umgestalten. »Die römische Kaiserzeit, beleuchtet durch die Königsgleichnisse des Midrasch", denn die römische Welt erhält durch den Midrasch mindestens ebensoviel Beleuchtung als der Midrasch durch die römischen Quellen. Darum hätten wir es gerne gesehen, wenn Dr. Ziegler den ganzen Kreis des Alterthums an der Hand des Midrasch beleuchtet hätte; dadurch, daß er sich auf die Königsgleichniffe beschränkt, die zwar sehr kernig und aufschlußreich sind, dennoch aber nur eine einzige Form des im Midrasch aufbewahrten claffischen Gutes bilden, hat er sich schlagende Parallelen und ausdrückliche Bezeugungen von römischen Sitten entgehen lassen. Ziegler selbst fühlt diesen Uebelstand, und er sieht sich einigemale bemüffigt, sein Programm zu erweitern; wäre doch der Plan ganz anders gefaßt worden! Bei Benützung des ganzen Midrasch und des ganzen Talmud zur Beleuchtung römischer Zustände wäre das Werk conciser und wissenschaftlicher ausgefallen, und dies auch dann, wenn der Ausgangspunkt, wie ihn sich Ziegler erwählte, die classische Literatur wäre, von der aus der Midrasch beleuchtet wird; so aber bietet uns Ziegler blos die Königsgleichniffe, und da bleibt es unentschieden, wie sich das römische Alterthum in den übrigen Partien des Midrasch ausnehmen mag. f Ziegler bietet uns die Königsgleichniffe fast arrsnahms-Z los in ihrem ganzen Umfange und setzt noch im Anhänge bereit' Text bei; man muß es anerkennen, daß dadurch allen Jenen, die sich in diesem Zweige der Wissenschaft orientiren wollen, ein bequemes Nachschlagebuch geliefert worden ist, man darf es sich aber nicht verhehlen, daß für rein wiffenschaftliche Zwecke — und eine strenge wiffenschaftliche Methode ist gerade bei den Pflegern der classischen Alterthumskunde zuhause — auch ein bloßer Hinweis auf die betreffenden Nachrichten genügt hätte, so daß ein umfangreiches Werk, wie das vorliegende, bei den precären Verhältnissen des jüdischen Schriftthums ungemein reicher hätte ausfallen sollen. Möchte sich doch der gelehrte Verfasser durch meine Bemerkungen angeregt fühlen, sich eine größere Aufgabe zu stellen; er ist dazu, das beweist sein Buch, gut ausgerüstet. In der Uebersetzung der Königsgleichniffe, woraus nun einmal nach dem selbst erwählten Plane das Werk Z i e g l e r's zu großem Theile besteht, scheint uns nicht Alles richtig zu sein. Der Verfasser stützt sich zumeist auf das große Agada-Werk Bache r's, das er oft anzieht, auch wenn es nicht nöthig wäre; nun übersetzt aber Bacher nur inhaltlich, nicht wörtlich, auch die anonymen Stellen registrirt er nicht, und so müssen die hiebei unterlaufenen Fehler nur Ziegler zugemeffen werden. Die Gleichnisse beginnen zumeist mit der Formel: N. N. sagte bum. So viel ich weiß, pflegt man diese beiden hebräischen Wörter zu übersetzen: »Ein Gleichniß von einem König." Ziegler jedoch trennt durchgängig bc» von; er übersetzt: »N. N. sagte ein Gleichniß; ein König" rc. Nun kommt aber bva bitnas und dergleichen vor, nicht aber bum -,vn. auch schwebt dann b von -bab in der Luft. Das Wort wird auch häufig ausgelassen, zum besten Beweise, daß keme Ergänzung bei sich hat; auch ist es ja sehr häufig, daß "bub bum steht, ohne daß las vorangeht. Ziegler selbst hat eui Beispiel (Cap. VII, Nr. 47): »Abimelech's Gleichniß — womit ist es ähnlich?" Also keine Spur von der Verbindung mit -iük. — Cap. I, Nr. 50 spricht die Stelle von einem Soldaten (s. fma in meinem Wörterbuch), der das Bild des Kaisers mit Sternen bewirft und, während ihm Alles zuschaut, ruhig seine Kleider von Läusen säubert (das ist der Sinn von wie jedes Wörterbuch lehrt); Zi e g l e r hat die wichtigsten zwei Ausdrücke mißverstanden! Durch solche Jncorrectheiten geht der tiefe Sinn und auch die Pointemancher Gleichnisse verloren, doch ist hier nicht der Ort, dies im Einzelnen nachzuweisen. In einem anderen Gleichnisse gibt der Kaiser dem berauschten Söldner, der sein Bild steinigt, Rückkehr (I. Nr. 46)! Das hat ja keinen Sinn! Es heißt vielmehr: Der bewußte Schuldige erhält Strafe, den betrunkenen Schuldigen läßt man laufen. VIII. Nr. 6 ist das Wort mit »tanzen" übersetzt. was es einigemal allerdings bedeutet, aber an der betreffenden Stelle ist der Sinn: »Der König formte um sich einen Kreis", wie Jastrow richtig übersetzt, dessen Wörterbuch Ziegler freilich schwerlich Vorgelegen hat. — Daselbst Nr. 20 steht Ziegler in -dc das Wort für »schauen", es ist aber nach dem Zusammenhänge -po »salben". — VII. Nr. 7 heißt Rath; Nr. 27 •Tn ist griechisch und heißt Lebensmittel, Proviant; S. 345 bedeutet mö-nü mauritanische Sclavin, im Gegensatz zur äthiopischen Sclavin; X. Nr. 49 ist die Conjectur repotia unmöglich; daselbst Nr. 50 ist ppD’a: Ehe in zwiefacher Weise übersetzt, der Sinn jedoch, daß erst der Kaiser in Person, dann der Vermittler die Ehe abschließt, ist nicht erkannt worden; daselbst Nr. 62 lies ptrbpjo bu: prK »Mutter der Senatoren", nicht aber »Wärter des Senats", was in Bezug auf die Kaiserin nichts aussagt. Im Ganzen kümmert sich Ziegler um die Cvrrectheit seiner Texte wenig, und so laufen ihm ganz unmögliche Dinge unter. Einen Einwand erhebe ich auch gegen die sorglose Benützung von Quellen verschiedenen Alters; neben dem alten tannaitischen Midrasch figuriren auch ganz junge Midrasch-Werke, und zwar nicht nur als Parallel-Stellen, sondern auch als erste Quellen, so z. B. I. Nr. 32 die junge Quelle Lekach Tob, da sollte doch wenigstens durch eine Note auf den Charakter der Quelle aufmerksam gemacht werden! Gleichnisse die in den Jellinek'schen kleinen Midraschim, in Pirke di Rabbi Eliezer, in Tanna di be Elijahu und dergleichen jungen Quellen Vorkommen, können zwar alt sein, sind es aber in der Regel nicht, wie schon ihre Sprache beweist; da liegt doch der Gedanke nahe, daß nicht sowohl altrömische, als byzantinische Zustände zu Grunde liegen, wie Sachs und P e r l e s in vielen Fällen richtig gesehen haben. Die classischen Philologen, auf deren Belehrung es doch Ziegler absieht und die aus seinem Buche thatsächlich viel lernen können, L werden eine solche Quellenscheidung nicht vornehmen, und da Uwird ihnen die Wissenschaftlichkeit unserer jüdischen Autoren »wieder nicht sehr imponiren.