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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-08-29 · 35 (29.8.1902) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
35 (29.8.1902)
Date
1902-08-29
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 570 dx. Vlvch's WoLMjArrrl?- 9te< 3o Er heißt Rudolf Kohen, gebürtig aus Neudorf, Böhmen, Pilsener Kreis, war zuletzt in Wien angestellt bei der Firma Heinrich Retting's Nachfolger, spricht deutsch, czechisch, englisch. Sollte es Euer Wohlgeboren gelingen, seinen gegenwärtigen Aufenthaltsort ausfindig zu machen, so wollen ihm freundlichst wissen laffen, daß sein Vater ihm längst vergeben habe und nichts sehnlicher wünschet, als ihn in seine Arme zu schließen. Sie thun ein gottgefälliges Werk damit, welches der Gott Israels gewiß nicht unbelohnt lasten wird. Ich aber will den Namen unseres Wohlthäters in mein tägliches Gebet einschließen, und bis zu meinem letzten Athemzuge werde ich ihnen das innigste Dankbarkeitsgefühl bewahren. Genehmigen Sie den Ausdruck meiner tiefsten Ergebenheit, womit ich zeichne als Ihre dankschuldige Ella Siegel. Rudolf hatte diesen Brief gelesen und große Tropfen fielen aus seinen Augen auf das Blatt Papier, welches er in seinen zitternden Händen hielt. Fantes schwieg eine Weile, um Rudolf Zeit zu lassen, seine Gefühle zu bemeistern. Dann wendete er sich an ihn mit der Frage: „Nun, Herr Kohen, was gedenken Sie zu thun?" „Wenn Sie mich freundlichst des Dienstes entheben wollten, würde ich am liebsten heimkehren, um meines Vaters Sehnsucht zu stillen". Die Sehnsucht des alten Vaters und noch jemandes minder Alten? Sprechen Sie es nur getrost aus! Auch ich weiß, was Liebe ist." Tiefbewegt antwortete Rudolf: „Gewiß wissen Sie was Liebe ist, und zwar Liebe im weitesten Sinne des Wortes: Menschenliebe —" Fantes unterbrach ihn rasch: „Keine Ueberschwänglichkeit, keine Schmeichelei. Sie wisten gut, daß ich dies nicht liebe und daß es eine der Eigenschaften war, welche mir an Ihnen gefiel, daß Sie niemals durch schöne Worte sich bei mir einzuschmeicheln suchten. Warum jetzt, wo Sie im Begriffe sind, mich zu verlassen, erst damit anfangen wollen? Sprechen wir jetzt ein ernstes Wort. Ich kann Sie jetzt nicht so ohne Weiteres entbehren, nachdem ich mich an Sie so gewöhnt habe. Erst muß ich für einigermaßen genügenden Ersatz bedacht sein, dann können Sie fort. Inzwischen werden Sie an den Vater, und wenn Sie wollen noch an Jemand Anderen schreiben. Es war unbedacht von Ihnen, und ich gestehe es zu, auch von mir gehandelt, daß dies nicht schon früher geschehen ist. Sie sind ein junger Brausekopf, und was mich betrifft, so habe ich mir eine schöne Überraschung zurechtgelegt, die ich mir nicht verderben wollte. So aber ist es bester." „Herr Fantes!" rief Rudolf einer plötzlichen Eingebung folgend, wollen Sie mich nicht für undankbar halten und annehmen, daß ich je eher, je lieber von hier loszukommen und Sie zu verlassen wünsche. Nichts liegt mir ferner als ein solcher Gedanke, aber wenn schon ein Ersatz für mich geschafft werden muß, so wüßte ich einen jungen Mann, der in allen kaufmännischen Arbeiten als tüchtig und verläßlich erprobt ist, außerdem einen guten Charakter und gefällige Umgangsformen hat. Es ist dies der älteste Bruder meiner zukünftigen Verlobten, Otto Siegel. „Glauben Sie. daß er nach Amerika gehen würde?" fragte Fantes. „Er hatte immer unbedingtes Vertrauen zu mir. Wenn ich ihm daher diesen Vorschlag mache, wird er mit Freuden darauf eingehen und wird Ihnen dieselbe Dankbarkeit entgegenbringen wie ich." „Ah, gehen Sie mir mit dieser Dankbarkeit, ich mag das gar nicht hören, ich entlohne Jedem seiner Leistung gemäß, das ist Alles. Versprechen Sie mir lieber, so lange hier zu verweilen, bis Ihr Vetter hier anlangt und Sie ihn in seinen Pflichtenkreis eingeführt haben." „Ö mit tausend Freuden. Ich war eben im Begriffe, dies selber anzubieten." „Also abgemacht. Jetzt gehen Sie und schreiben Sie beide Briefe, einen an den Vetter—Schwager bezüglich des Postens und einen nach Hause. In letzterem Briefe bestätigen Sie die richtige Uebernahme der Sefer Thora und sprechen Sie meinen vorläufigen Dank für die schöne künstlerische Ausführung derselben aus. Sobald ich etwas Zeit und Stimmung habe, werde ich wieder etwas bestellen. Und jetzt zu Ihnen, junger Freund! Was gedenken Sie in der Heimat zu beginnen?" -Ich hoffe einen Posten zu bekommen." „Sie hoffen wieder und können getäuscht werden, wie schon früher einmal. Dem aber kann ich Vorbeugen. Sie werden, wenn es Ihnen recht ist, die Leitung der Niederlage übernehmen, welche ich in Berlin einzurichten gedenke. Ich hätte selbe in Wien eingerichtet, woselbst Sie Platzkenntniß haben, aber in Oesterreich besteht noch immer das Tabakmonopol, alle Tabak- und Cigarren- Fabriken befinden sich in den Händen des Staates, da läßt sich nichts thun. Sie werden sich schon entschließen müssen, mit Ihrem jungen Weibchen nach Deutschland hinüberzugehen. VIII. Trotzdem Rudolf gleich nächsten Tages an den Bruder Ella's einen ausführlichen Brirf geschrieben hatte und ihm mit warmen Worten die Vortheile einer Stellung auseinandersetzte, welche ihn hier in Amerika erwartete und dieser sich auch bereit erklärte, eine solche anzünehmen, so dauerte es doch ziemlich lange, bevor Rudolf die Verbindung mit seinen Chef lösen und sich einschiffen konnte. Ec hatte noch Gelegenheit, der festlichen Einweihung der neuen Sefer Thora auzuwohnen, zu welcher Feier Fantes nicht nur alle seine Verwandten, sondern auch viele Freunde und Geschäftsleute, mit denen er im Verkehr stand, eingeladen hatte. Der junge intelligente Siegel war bald mit seinen neuen Pflichten vertraut geworden und Rudolf nahm rührenden Abschied von seinem Wohlthäter Herrn Fantes, dann von dem ihm stets wohlgesinnten Fabriksdirector und allen Denen, welche ihm während der Zeit, wo er als gewöhnlicher Arbeiter in der Fantes'schen Fabrik thätig war, kameradschaftliche Gefühle entgegengebracht hatten. Seine Reise ging rasch und anstandslos von Statten, abgesehen von der unvermeidlichen Seekrankheit. Als Rudolf in Hamburg das Schiff verlassen wollte, hörte er nach seinem Namen fragen und da kam ihm ein Commiffionär mit einem Briefe in der Hand entgegen; wie freudig überrascht war der Ankömmling, als er aus dem Briefe erfahren hatte, daß sein Vater mit Ella die weite Reise aus Böhmen nicht gescheut hat, um den lo länge und so schmerzlich Vermißten gleich beim Betreten vaterländischen Bodens begrüßen zu können. Das Wiedersehen der glücklich Vereinigten war ein ergreifendes. Vergessen hatte Rudolf die beschwerliche Seereise, die kaum überstandene Seekrankheit; in den Armen der Seinen war er wieder gesund und kräftig geworden. Der Brautstand mit Ella war nur kurz, nachdem Fantes darauf drängte, daß Rudolf so bald als möglich seinen Wohnort bezöge, um dort für ihn zu wirken, kaum daß die vom Gesetze vorgeschriebenen Formalitäten, als Aufbietung u. s. w., erfüllt wurden. Dann wurde still und prunklos die Hochzeit gefeiert. Der alte Freund des Sofer, der Rabbiner Dr. Ehrenfels nahm den Trauungsact vor. In dem Momente, als Rudolf den Trauring an Ella's Finger steckte, sagte der Sofer leise den Segensspruch, den der Vater bei der Confirmation des Sohnes zu sprechen hat: Gelobt seist Du Gott, Herr der Welt, der mich von diesem erlöst hast. Unter diesem war der Meineid verstanden, von welchem er sich erlöst betrachtete; denn nun war sein dem Sterbenden gegebenes Versprechen erfüllt. Ella war mit des Vaters Einwilligung das Weib seines Sohnes geworden. Als Alles eben in fröhlichster Laune beim Festmahle saß, brachte man eine Kiste herein, welche unterdeß beim Rabbiner eingelagert gewesen. Sie enthielt die kostbarsten Hochzeitsgeschenke an das Brautpaar von Herrn Fantes und dem Bruder Ella's aus Amerika. Fantes entschuldigte in einem beigelegten Briefe sein Ausbleiben von der Feier mit seinem persönlichen Befinden, welches ihm eine so weite anstrengende Reise nicht gestattete. Auf dem Grunde der Kiste lag als Geschenk an den Sofer — die silberne Menorah. Beim Anblicke dieses schmerzlich vermißten Erbstückes vergoß der alte Mann Freudenthränen. Jetzt erst schien ihm seine Schuld vollkommen gesühnt zu sein. Literatur. S. R. Hirsch. Gesammelte Schriften. Erster Band. Frankfurt a. M., I. Kauffmann 1902. IX. und 486 Seiten. Preis Mark 4.50. Die Verlagsbuchhandlung hat sich durch dieses literarische Unternehmen ein hohes Verdienst um alle Verehrer des unvergeßlichen Samson Raphael Hirsch — und ihre Zahl ist keine geringe, es zählen dazu nicht nur die zünftigen Orthodoxen, sondern alle Freunde jüdischer Größe und Genialität — erworben. Unter dem Namen „Gesammelte Schriften" veranstaltet sie eine Ausgabe

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