Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 35 (29.8.1902)
- Date
- 1902-08-29
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 35 Dr. Bloch's Wochenschrift. Sette 569 Ehrenpreis, des dermaligen Großrabbiners von Bulgarien. Da nun seit einigen Jahren mehrere jüdische Gemeinden in Croatien und Slavonien junge gelehrte Rabbiner gewählt haben, von denen einige sich literarisch bemerkbar machten, ist zu hoffen, daß wenigstens von dieser Seite neues jüdisches Leben in die jüdischen Gemeinden Croatien-Slavoniens getragen werden wird. Vederemo! Pakrae (Slavonien.) Die hiesige israelitische Cultusgemeinde hat am 19. August Herrn M. Tauber, Rabbiner in Ludbreg, der ein guter Redner ist, mit stürmischem Beifall zu ihrem Rabbiner gewählt. Früher pflegte ein Cantor auch den Religionsunterricht zu versehen. Da aber die Gemeinde seit der Berufung ihres sehr tüchtigen Beamten, des Herrn Schlang, nach Belgrad in Serbien als Rabbiner der österreichisch-deutschen Gemeinde durch einen ihr von einer Schwester-Gemeinde empfohlenen Cantor diesbezüglich gewitzigt wurde, so hat sie beschlossen, das Rabbinatsverweseramt mit einem vollkommen qualificirten Rabbiner zu besetzen, dessen Ruf und Vergangenheit in jeder Hinsicht tadellos ist. In Herrn Tauber, der gute Charaktereigenschaften, Lamdonus und allgemeine Bildung in sich vereinigt. hat die Pakracer israelitische Cultusgemeinde eine ausgezeichnete Wahl getroffen. Serajewo. Zur Feier des 18. August fand im Tempel der österreichisch-ungarischen israelitischen Cultusgemeinde in der Theresiengasse um 10 Uhr ein Festgottesdienst statt. Nachdem Herr Cantor Singer einen Festpsalm vorgetragen, bestieg Herr Rabbiner Dr. Wessel die Kanzel, um eine formvollendete und vom warmen Patriotismus getragene Rede zu halten. Der Redner pries namentlich die drei Haupttugenden des Monarchen: Gottesfurcht mitten in den härtesten Prüfungen, die das Leben gebracht, beispielloses Pflichtgefühl im hohen Herrscherberufe und die alle seine Völker ohne Unterschied umfaffende Liebe. Die den Anwesenden wahrhaft zu Herzen gehende Predigt klang in ein schwungvolles Gebet aus. Hierauf wurde die Bundeslade geöffnet und der Rabbiner verrichtete ein abermaliges Gebet für den Monarchen und das Allerhöchste Herrscherhaus. Ein Schlußpsalm beendete die Feier. Antisemitische Hotels und Logierhäuser in Karlsbad werden in einer Zuschrift an reichsdeutsche Blätter, wie folgt, notirt: Hotel Morgenstern, Hotel National, Hotel de Russie, Residenz Hotel, Cafe Sanssouci, Cafe Schweizerhof, Haus Grillparzer (Alte Wiese), Haus Röm. Feldherr (Neue Wiese), Haus O e l z w e i g (Marienbaderstraße), Haus Jtalia (Schloßberg). Haus Stadt Warschau (Kaiserstr.). Haus Insel Malta (Kaiserstr.), Haus Rosenstock (Kaiserstr), Haus Brandenburg. Thor (Kreuzstr.), Haus Germania (Schloßberg), Haus Preuß. Krone (Egerstr.), Haus Egeria (Egerstr.), Haus Diamant (Egerstr.), Haus Engl. Krone (Egerstr.), Haus Schubert (Parkstr.), Jtalia und Florenz (Schloßberg). _ Feuilleton. Der Chanirkalertchter. Von Vabette Fried in Prag. (Schluß.) VII. Das Leben in der Fantes'schen Fabrik nahm seinen gewöhnlichen Fortgang, kaum daß die Versetzung Rudolf Kohen's irgend eine Aenderung verursacht hatte. Im ewig gleichen Einerlei schlossen sich die Tage zu Wochen, diese zu Monden, es dachte Niemand an den Wechsel der Jahreszeiten, Jeder lebte seiner Arbeit und seinem Erwerbe. Einem Einzigen der Hunderte, welche in dem weitverzweigten Etablissement beschäftigt waren, schien die Zeit mit schneckengleicher Langsamkeit zu verstreichen; dies war Rudolf Kohen, welcher den Zeitpunkt kaum erwarten konnte, bis die Sendung aus Europa ankommen werde. Daß sein Vater lebte und sich relativ wohl befand, hatte er dem Berichte entnommen, den die Länderbank seinerzeit dem Chef erstattete. Dieser Bericht lautete dahin, daß der Sofer Jsak Kohen den ihm durch Vermittlung des dortigen Rabbinates gewordenen Auftrag, eine Gesetzrolle zu schreiben, übernommen habe und sich verbindlich machte, selben bestens in so kurzer Zeit als nur immer möglich auszuführen. Der Vater mußte sich doch wohl fühlen, wenn er ein so schweres Werk, noch dazu in kurzer Zeit auszuführen gedachte. Der junge Mann, der jahrelang jeder Nachricht von der Heimat entbehrte, begnügte sich mit dieser Nachricht von seinem Vater. Je näher aber der Zeitpunkt heranrückte, wo die Sendung ankommen konnte, desto ungeduldiger wurde er. Endlich nach einer für diese Ungeduld überlangen Zeit kam das Aviso an. Das Fabriksgebäude ist mit einem Schienenstrange mit der nächsten Eisenbahnstation verbunden. Rudolf stand klopfenden Herzens vor dem großen Thore, als der Waggon anlangte, der unter Anderem auch die Kiste enthielt. Rudolf legte bei der Ausladung mit Hand an und half die längliche festgefügte Kiste hinauf in das an das Bureau des Chefs angrenzende Zimmer tragen, welches zur Aufnahme des Heiligthumes bestimmt war. Rudolf schickte die mitgekommenen Arbeiter, die ihm die theuere Last tragen halfen und voller Neugierde waren, den Inhalt der Kiste kennen zu lernen, fort. Niemand sollte das heilige Gut, das aus seiner fernen Heimat angelangt war, berühren, als er selber, der Sohn dessen, der es geschaffen hatte. Mit Hammer und Meisel ausgerüstet, ging er daran, den Deckel aufzumachen. Nach mehreren vergeblichen Versuchen sprengte er den Deckel der Kiste entzwei. Dann entfernte er die Hülle von wasserdichtem Wachstuche, worin das Sefer zum Schutze gegen Feuchtigkeit eingewickelt war, und vor ihm lag die mit einem rothen goldgestickten Mäntelchen umgebene Sefer Thora. Vorsichtig. als wäre es ein zerbrechliches Ding, entnahm er sie der Kiste, hielt sie jubelnd empor und drückte glühende Küsse darauf, als wäre es ein zärtlich geliebtes, einziges Kind, das er da in seinen Armen hielt, um es immer wieder an sein hochklopfendes Herz zu preffen. Wie gerne hätte er gleich das Manterl abgenommen und das Sefer aufgerollt, damit er endlich nach fc langer Zeit wieder die Handschrift seines Vaters sähe und glühende Küsse darauf drücken könne. Jedoch, diese Freiheit gestattete er sich in Abwesenheit seines Chefs, des eigentlichen Eigenthümers, nicht. Während er aber den Tisch herrichtete, auf welchen die Gesetzrolle gelegt werden solle und ihn mit dem vorbereiteten kostbaren Teppich bedeckte, erblickte er zwischen den Falten des Mäntelchens ein Papier versteckt, einen versiegelten Brief, wie er bei näherer Besichtigung bemerkte, welcher als Aufschrift die Hand seiner Ella zeigte. Mit vor Freude bebenden Händen wollte Rudolf das Siegel erbrechen, aber noch zur rechten Zeit wurde er gewahr, daß der Brief nicht an ihn gerichtet, sondern an seinen Chef adreffirt war. Nun hieß es sich gedulden, bis dieser kam, was nicht lange dauerte, da man ihn indeffen von der Ankunft der Kiste verständigt hatte. Als der Chef eingetreten war, überreichte ihm Rudolf mit einer Verbeugung den an ihn adressirten Brief. Fantes öffnete das Schreiben, las es, dann übergab er es seinem Secretär mit der Bedeutung es auch zu lesen. Der Brief war in der That von Ella geschrieben, an Herrn Fantes gerichtet und hatte folgenden Wortlaut: Euer Wohlgeboren! ZEin armes, unbedeutendes Mädchen erlaubte sich, die von Ihnen bestellte und von meinem Oheim, dem Sofer Kohen, geschriebene Sefer Thora als Boten zu benützen, um an Sie dieses Schreiben gelangen zu lasten. Edler Herr! Sie haben mit Ihrer Bestellung meinen alten Oheim vor materiellem, sowie moralischem Untergang gerettet. Aus diesem Grunde verehre ich Sie als unseren Retter und größten Wohlthäter. Aber nicht dies allein. Eine innere Stimme sagt mir, daß Sie es auch sind, der eine große Last, die unsere Seele bedrückt, davon wälzen werden. Der einzige Sohn meines guten Oheims hat in kindischem Trotz sein Vaterhaus verlassen und ist seither verschollen. Alle Zeichen sprechen dafür, daß er sich nach Amerika begeben hatte und daß er nicht eher zu uns wiederkommen werde, bis er der Verzeihung seines Vaters sicher wird. Diese ist ihm gesichert und mit ihr erhält er auch die Hand derjenigen, durch welche er von zu Hause weggegangen ist. Von hier aus ist es unmöglich, Nachforschungen nach irgend Jemand, der sich in dem fernen Welttheile aufhält, anzustellen, besonders wenn er sich, wie in diesem Falle absichtlich verbirgt. Sie, edler Herr, haben uns einen glänzenden Beweis von Ihrer wahren Frömmigkeit und Menschenliebe gegeben. Dies ermuthigt mich, eine große, große Bitte auszusprechen: O haben Sie die Gnade, durch Zeitungen oder auf andere Art, die ich, als mit den dortigen Verhältnissen nicht bekannt, auch nicht nennen kann, den Aufenthalt meines Vetters ausfindig zu machen.