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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-08-29 · 35 (29.8.1902) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
35 (29.8.1902)
Date
1902-08-29
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 35 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 567 g) D i e V o r s ch u ß c as s e, ein Geschenk des sel. Herrn Nathan Ritter von Kallir und des Herrn Heinrich Nirenjtein in Wien, im Betrage von 800 K, wurde auch in diesem Jahre seitens der Mitglieder des Lehrkörpers fleißig in Anspruch genommen, wodurch denselben eine wahre Wohlthat erwiesen wurde. Die Rückzahlung geschah regelmäßig und anstandslos, so daß das Stammcapital intact blieb. h) Die Schulbibliothek hat sich im abgelaufenen Schuljahr um mehrere hundert Bände vermehrt, die theils neu. theils antiquarisch angeschafft, theils geschenkt wurden. Für die intelligentere Jugend ist die Bibliothek zum Bedürfniß geworden. Am Freitag werden die Bücher regelmäßig abgegeben, wobei gewöhnlich wieder 3OO Bände verliehen werden. Der Bibliothekar bittet dringend um Geschenke für die Bibliothek. Mit Recht sagt er : „Wie viele Jugendschriften und belletristische Werke, die einst das Herz der Kmdcr ergötzt haben, vermodern jetzt unbenützt in so manchen Bücherschränken." Dr. Herzl schließt den Jahresbericht mit den Worten: „Die Gefühle, die mich beim Schreiben dieser Zeilen beherrschen ob der wahrhaft zerrütteten Verhältnisse, die unsere Lehranstalt stark tangiren, sind die denkbar traurigsten. Meine Feder sträubt sich, Näheres darüber zu berichten. Möge es mir vergönnt sein, im Interesse unserer zahlreichen Schülerzahl, die der Belehrung und Erziehung bedarf, in Bälde Erfreuliches berichten zu können." Berlin. In der „Nationalzeitung" veröffentlicht G. Weisstein Mittheilungen über den vermuthlich letzten Theil des Nachlasses von Heine, der bei einem deutschen Buchhändler in Paris aufgetaucht und zu verkaufen ist. Der Nachlaß enthält Bücher und Zeitungsbände, ferner kleine zusammengebündelte Zettel. In diesen Zettel sind u. A. 46 Bücher aus Heine's Bibliothek vermerkt, weiter sind in den Blättern zahlreiche Handschriften von Heine's Hand erhalten, die vermuthlich die Druckmanuscripte der Bücher darstellen, die er aus seinen Zeitungsartikeln zusammenstellte. Aus diesen Blättern wäre zur Entstehungsgeschichte von Heine's Arbeiten gewiß noch vielerlei zu ersehen. Nach der Angabe dieser Zettel sind es wohl noch an hundert Blatt Manuscript des Dichters, Correcturblätter und spätere erweiternde Notizen zu gedruckten Artikeln, die uns einen Blick in des Dichters schriftstellerische Werkstatt ermöglichen. Das Wichtigste in diesem Zettelbündel ist aber Folgendes: Manuscript de 58 pp. in 8° en franqais corrigö parait-il pas Heine. Sur le dossier est ecrit: Feuilles supprimees dans les Gonfessions.“ Also eine Erzählung zu den „Geständnissen", Blätter aus der französischen Ausgabe, die beim Druck ausgefallen und von dem Dichter zurückbehalten worden sind. Der Gedichtcyklus „Geständnisse. 1853—54" erschien zuerst in den drei Bänden der „Vermischten Schriften" 1854. Die Bände enthalten außerdem „Die Götter im Exil", „Die Göttin Diana", „Lutezia" und einige Berichte in Prosa. Nach diesen seit einem halben Jahrhundert secretirten Gedichten und Prosa-Aufsätzen haben bisher alle Heine-Forscher vergeblich gefahndet, wußte man doch, daß die „Geständnisse", eins der letzten Werke Heine's, nur verstümmelt ans Licht getreten sind. In diesem „dossier“ ist wohl das werthvollste Stück der ganzen Hinterlassenschaft zu sehen, die noch aus mehreren Hunderten Briefen an Heine besteht, die der Katalog sonderbarer Weise folgendermaßen eintheilt: „154 Briefe mit leserlichen Unterschriften, 48 Briefe mit unleserlichen Unterschriften, gerichtet an Heine". Unter den Correspondenten des Dichters finden wir: Bauernfeld, O'Connell, Dagobert von Gerhardt, Dr. Härtel in Leipzig, seinen Onkel S. Heine mit mehreren Briefen, seine Nichte Prinzesiin della Rocca, Heinrich Kruse, Franz Lißt, Heine's Freundin, die „Mouche", Julius Rodenberg, Ignaz Moscheles den Musiker, und viele andere Namen, die auf die letzten beiden Jahrzehnte von Heine's Leben Hinweisen. Aber noch andere Dinge finden wir in diesem Berzeichniß: Die Todtenmaske Heine's, sein Bild mit eigenhändiger dichterischer Unterschrift (wohl der bekannte Kupferstich), zwei Medaillen, darunter eine „medaille de mariage de Heine“, und das berühmte Bronce-Medaillon von Heine, welches David d'Angers modellirt hat. Hierzu ist allerdings zu bemerken, daß in der Heine-Biographie von Robert Proelß berichtet wird, dies Medaillon-Relief befinde sich im Besitz des Freiherrn Ludwig von Embden. Ueber die Herkunft dieser ganzen Relikten gibt ein Zettel einen Hinweis, der Folgendes enthält: „Manuscript de Mr. Julia de 67 pages in 4 0 sur les dernieres annSes de la vie de Heine, intitul6: Remembrances.“ Von einer ebenso betitelten Handschrift ist auch eine Darstellung auf 128 Seiten in Quart vermerkt. Henri Julia war der Rechtsbeistand Heine's über den uns Eduard Engel in seiner Ausgabe der Memoiren unterrichtet hat, und Julia, der nach des Dichters Tode mit Frau Mathilde sehr befreundet gewesen ist, wird der ursprüngliche Erbe dieses jetzt verkäuflich gewordenen Nachlasses gewesen sein. Es sind Bestrebungen im Gange, diese letzten literarischen Reliquien Heine's zu erhalten und damit den Grund zu einem Heine-Museum in des Dichters Geburtsstadt Düsseldorf zu legen. Berlin. Am 12. d. M. ist hier der belgische Generalconsul Georg Goldberger, ein Bruder des Geheimen Commercienrathes Max Goldberger, im Alter von 51 Jahren hier gestorben. Vor einigen Wochen erkrankte er an einer Blinddarmentzündung, die eine Operation erforderlich machte. Goldberger war zunächst im Geschäft seine Bruders thätig und wurde dann Director der Internationalen Bank. In seinen Kreisen erfreute sich der Verstorbene eines guten Ansehens. Er war auch jahrelang Vorsteher der Synagoge in der Heidereuthergasse und verschiedener Humanitätsvereine. Die Beisetzung hat am 15. d. M. unter großer Betheiligung stattgefunden. Es fand zunächst im Trauerhause in der Alsenstraße eine Gedenkfeier statt. Der belgische Gesandte, Baron Greindl, der einen kostbaren Kranz mit Schleife in den belgischen Farben schon vorher übersandt hatte, erschien mit dem Botschaftsrath Graf d'Ursel und dem ersten Legationssecretär. Groß war die Theilnahme, die aus den Kreisen der Handelswelt bekundet wurde. Die Geschäftsinhaber der Berliner Handelsgesellschaft überbrachten Kränze; wir sahen ferner die Commercienräthe Baare. Jacob Manheimer und Friedenthal, den Geheimen Rath Rathenau, den Consul Doctor Sobernheim. Dr. Fritz v. Liebermann, Generalconsul Landau, Director Gutmann von der Dresdener Bank und viele Vertreter der belgischen Colonie. Die Rede hielt Dr. Ungerleider als alter Freund des Hauses, alsdann nahmen der Gesandte Baron Greindl, sowie der Secretär der Union Belge, Fabricius, das Wort. Darauf wurde die Leiche nach Weißensee überführt. Friede seinem Andenken! Pasewalk. Bei der Beerdigung eines Mitgliedes der jüdischen Gemeinde, des Herrn Baruch Keibel, zu der auch viele Nichtisraeliten erschienen waren, wurde von dem Bezirksrabbiner Dr. F i n k e l die Erinnerung an folgende Episode aus dem Leben der Familie des Verstorbenen wachgerufen: Der „Pasewalker Anzeiger" vom 10. Jänner 1882 brachte aus der „Neuen Stettiner Zeitung" folgende Reminiscenz: Als in Pommern 1831 zum ersten Male die Cholera auftrat, herrschte bekanntlich der Glaube, daß auch die Leichen der an Cholera Gestorbenen ansteckend seien. Daraus erwuchsen oft arge Verlegenheiten; denn es hielt außerordentlich schwer, Personen zu finden, welche bereit waren, das Beerdigungsgeschäft zu besorgen. Als die Krankheit, immer mehr fortschreitend, aus dem Randowschen Kreis in den Ueckermünder übergetreten war, ergriff sie u. A. daselbst aus das Dorf Jatznick. Ein Einwohner starb, aber Niemand hatte den Muth, die Leiche zu berühren. Schon lag sie drei Tage in der Hütte, ohne daß man Hand angelegt hatte, sie dem Schooß der Erde zu übergeben, die alle Vorfahren des Verstorbenen immer willig ausgenommen. Klagend irrten die Angehörigen durch den Ort, flehten, beschworen, weinten — Alles vergeblich. Da kam ein armer Handelsjude seine Straße gezogen, wohlbekannt im Dorf und von Jung und Alt als ein menschenfreundlicher Mann geehrt. „Der Jude wird helfen!", sagten alle; sie hatten sich nicht geirrt. Kaum hatte er von der Noth der Gemeinde gehört, als er kurz entschlossen erklärte, das Begräbniß vornehmen zu wollen. Ohne auch nur eine Spur von Furcht zu verrathen, lud er die Leiche auf einen Karren und fuhr sie nach dem Kirchhofe. Während er dies that, forderte die Cholera ein zweites Opfer, und wiederum fiel dem Juden die Aufgabe zu, das Opfer dahin zu bringen, wo es den Frieden suchte. „Dank, tausend Dank!", rief man im Dorf dem willigen Alten zu, „fordere deinen Lohn, Jude; wir wollen dir Geld geben, soviel wir haben." Aber Michael Tebel — so hieß dieser Alte — wies jede Belohnung zurück. „Ich habe Euch einen Gefallen gethan", sagte er, „und so ist es gut; Euer Geld will ich nicht. Jetzt laßt mich gehen und nach Hause ziehen." Er legte seinen Pack auf den Nacken und ging. Erstaunt sahen die Bewohner ihm nach. Wußten sie doch, daß er nicht zu den Reichen gehörte. Hatte er nicht daheim in Pasewalk eine Frau und neun Kinder zu ernähren, und riefen diese Kinder nicht unaufhörlich nach Brot? Und doch verschmähte er die Gelegenheit, sich Gewinn zu verschaffen! Aber war es denn nicht möglich, fich ihm auf andere Weise dankbar zu zeigen? Glücklicherweise fand sich dieses Mittel. Schon seit dem Jahre 1822 wohnte Tebel, sich kümmerlich durchbringend, in Pasewalk. Wiederholt hatte er um die Verleihung des Staatsbürgerrechts nachgesucht, aber immer war er abschlägig beschieden worden. War er doch ein Jude und noch do-u

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