Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 35 (29.8.1902)
- Date
- 1902-08-29
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 85 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 563 Mann ununterbrochen in seinem Geburtsorte Jizila gewohnt. Er besaß dort ein kleines Feld, vier Hektaren, welches er selbst bebaute, und hatte sogar noch Staatsländereien in Pacht, zwölf Hektaren, wofür er den Jahreszins per 120 Francs pünktlichst entrichtete. Um demselben Zins wurde, als der Pachtvertrag im Jahre 1900 zu Ende ging, der Pacht einem echten National- Rumänen verliehen. Der Grund für diesen Wechsel in der Person des Pächters war offenliegend ein confessioneller. Nun geschah aber noch mehr. Der Mann, dem der Bürgermeister amtlich bestätigt, daß „er sich des besten Rufes erfreut", erhielt einen mündlichen Ausweisungsbefehl ohne irgend eine Begründung. Ein paarmal erstreckte der Bürgermeister die Ausweisung. Endlich, im Frühjahre 1902, mußte dem Befehle des Präfecten Folge geleistet werden. Der Mann mußte um jeden Preis, um 80 Francs per Hektar, sein altes Besitzthum losschlagen. Der ausgediente rumänische Soldat mußte seinen Geburts- und Heimatsort verlassen; er, seine Frau, seine vier unmündigen Kinder und dazu noch seine alten Eltern, welche seit Menschengedenken dort gewohnt hatten. Solche Fälle kommen zu Hunderten, seit Jahren zu vielen Tausenden vor, nur mit dem Unterschiede, daß zumeist andere Bürgermeister weit unmenschlicher Vorgehen; daß die Unglücklichen plötzlich aus ihren Wohnungen aufgestöbert, mit Familie und ihren geringen Habseligkeiten auf Wagen geladen, mit Sack und Pack bei jeder Jahreszeit — auch im strengsten Winter — bis außerhalb der Ortschaften befördert und auf freiem Felde abgelagert werden. Der Aufenthalt im Dorfe ist dem ^Fremd- Einheimischen" verboten; und um dieses Verbot wirksamer zu machen, ist eine große Zahl kleiner Städte als Marktflecken oder Dörfer erklärt worden. Und da fragt man nach den Ursachen der Auswanderungsbewegung, welche allerdings dem Lande sehr zum Schaden gereicht! Als ein Wunder möchte man es ansehen, daß solches Leid und Weh ein Menschenalter hindurch in immer steigendem Maße erduldet werden konnte! Heute sind es nicht allein die Unbemittelten, auch Angehörige der Bemittelten, die social höher gestellten Claffen sind es, welche sich anschicken, das Land zu verlaffen. Während Erstere sich in Gruppen zusammenthun, um sich die Auswanderung zu ermöglichen, gehen die Letzteren daran, ihre kaufmännischen Geschäfte, ihre industriellen Unternehmungen zu liquidiren und den Wanderstab zu ergreifen. In Bukarest sind die Häuser in ganzen Straßenzügen leerstehend. In Jassy klagt der Bürgermeister, daß die Mahala (die Vorstädte) sich entvölkern. Aehnliche Berichte laufen aus nahezu allen rumänischen Städten ein. Ja! Wie heißt es im rumänischen Volkslieder „Ach, was nützt die schöne Braut Und daß mein Getreide wächst, 's geht doch Alles wie verhext. Die Beerdigung Antokolsky's. Die Beerdigung Markus Antokolsky's, des berühmten, reich begabten russichen Bildhauers, hat einen Charakter getragen, der sie weit über ein Ereigniß von augenblicklicher oder localer Bedeutung hinaushob und sie vielmehr zu einem für das geistige und culturelle Leben Rußlands bedeutsamen Vorgang stempelte. Schon in der Frühe des Beerdigungstages versammelte sich am Warschauer Bahnhof in Petersburg eine zahlreiche Menge, unter ihr Deputationen verschiedener Petersburger und Provinzvereine. Die Vertreter der Künstlerwelt und eine Deputation der Akademie der Künste waren auch bereits erschienen. Allgemeines Aufsehen erregte ein älterer Herr durch seine starke Erregung, sein besorgtes Gesicht. Stassow war es, der berühmte Kunstkritiker, der seinem Freunde den letzten Dienst erwies. Nun erschien auch die Familie Markus Antokolsky's, und sofort eilte die akademische Jugend dem Eisenbahnwagen, der Antokolsky's Leiche nach Petersburg gebracht hatte, zu. Bald kehrten sie zurück mit mächtigen Kränzen aus Silber, Metall und lebenden Blumen. Der bekannte Maler Rjepin, Lobojkow, Czystiakow, Mate und Baron Horaz Ginzburg trugen den Eichensarg mit den Ueberresten des Bildhauers und stellten ihn auf einen Katafalk. Einige Trauergesänge folgten diesem Act. Nun setzte sich die Schaar in Bewegung in der Richtung nach der Alataja Masteskaja, wo sich die Synagoge befindet. Dort nahmen die Ehrenplätze ein: der Vice-Präsident der Akademie der Künste Graf Tolstoj, der Künstler Benua, der Akademiker Botkin, Professor Cyrow, Zalemanu, Kuindui, Rjepin, Barasin, Bode, Czystiakow, Stassow, Lugowy, der Componist Iwanow, Dr. A. Harkawy, die Deputation der Petersburger Rechtsanwälte, die Mitarbeiter der „Nowoje Wremja'" „Petersburger Wjedomosti", „Nowostni" und der anderen Petersburger Blätter. Unter Psalmenchor wurde der Sarg durch den Grafen Tolstoj, Stassow, Rjepin, Kuindui, Czystiakow und Andere herangebracht. Ein hebräischer Gottesdienst fand statt, und der Rabbiner Dr. Drabkin hielt eine kurze Rede. Er betonte unter Hinweis auf einen Vers im Propheten Ezechiel, daß es doch überflüssig und unnütz wäre, den Verblichenen zu betrauern; er sei unsterblich, seine Werke find es. Die ganze Culturwelt ist Zeuge seiner Arbeit, seiner großen Erfolge. Nachdem die Rede verhallte, setzte der Trauerzug seinen Weg fort. Er pasfirte den Newsky-Prospekt und blieb plötzlich beim Alexander- Theater stehen. Da sprachen mehrere den Wunsch aus, den Sarg selbst zu tragen, und da die Polizei diesmal den Wunsch berücksichtigte, eilten Schaaren der versammelten akademischen Jugend dem Katafalk zu. Die Jugend trug andachtsvoll die Kranze vor dem Sarge. Am Nikoläjensky-Bahnhof angelangt, wurde der Sarg mittelst Sonderzuges nach dem Preobraschenskij-Friedhose geführt, Nach einer Viertelstunde erreichte er sein letztes Ziel. Die Jugend trug die vielen Kränze voran, die Sängerchöre folgten mit brennenden Fackeln. Jetzt trug die Schaar der Leidtragenden den Sarg in die Halle, wo ein kurzer Gottesdienst stattfand. Einige Minuten später stand man am offenen Grabe. Nun wurden Reden gehalten. Als Erster sprach der Vicepräsident der kaiserlichen Akademie der Künste, Graf T o l st o j. Er sprach von den großen Verdiensten des Verstorbenen um die Akademie der Künste und um die russische Kunst selbst, die erst von Antokolsky datire. Hierauf ergriff der Kritiker Stassow das Wort: „Nur klein ist die Zahl Derer," sagte er, „die Antokolsky von seiner Jugend an kannten. Ich gehöre zu diesen Wenigen. Ich lernte ihn als 22- bis 23jährigen jungen Mann kennen, und schon damals war ich voll Entzücken und Bewunderung für ihn. Ich war um zwanzig Jahre älter als er, sah und beobachtete schon viele, sogar mehrere talentvolle und berühmte Künstler, aber hier blieb ich bewundernd stehen. Ich war gezwungen, ihm, dem jungen Künstler, besondere Aufmerksamkeit zu schenken; fühlte ich doch, daß er in sich eine wundervolle Seele, einen wundervollen Verstand mit etwas Unbeschreiblichen, etwas ganz Originellen in Bezug auf Talent und Gedanken vereinte. Und ich hatte nur einen Wunsch, nur ein Verlangen: mich ihm zu nähern, mit ihm zusammen zu sein, ihm zu gehören, seine Wünsche kennen zu lernen, zu wissen, was er zu thun gedenke, was er bezwecke. Noch nie zuvor fand ich Gelegenheit, so etwas zu bemerken, denn bei uns herrscht, speciell auf dem Gebiete der Bildhauerkunst, eine große Gleichgiltigkeit. Nun begann er zu schaffen, und immer wieder erschienen wundervolle Werke, das eine überragte das andere an Bedeutung und Größe. Ich bewunderte ihn, war von seinen Arbeiten entzückt, und doch hatte ich noch nicht die mindeste Ahnung, daß er das werden würde, was er thatsächlich später geworden ist. Wir finden in Andersen's Märchen eine reizende Erzählung unter dem Titel: „Die häßliche Ente." Eine Ente war es, eine häßliche, und Niemand ahnte, was sie im Innern barg. Es war doch nur eine Ente! Aber die Ente wuchs heran, das Näschen, das Köpfchen, der Körper entwickelte sich, die Flügel kamen hervor, und . . . siehe da, Plötzlich ward ein Schwan aus dem grauen Entchen, ein wundervoller, poetischer Schwan! So etwas Aehnliches finden wir auch in Antokolsky's Jugend. Zwar war er nie ein „Ungethüm", weder im buchstäblichen noch im allegorischen Sinne, auch wurde er nie zum Schwan. Aber man kann doch Andersen's Vergleich mit Recht hier anwenden. Er war etwas Unbemerktes, etwas Geringes, nnd plötzlich tauchte er als Adler auf. Wie groß war meine Freude, wie groß mein Glück! Mit Bewunderung lauschte ich dem Rauschen seiner Flügel! Voll Entzücken sah ich ihn, den jungen Künstler, diese irdische Hülle, die so viele Leute für ewig umschlingt, verlassen und dem weiten, breiten Horizont sich nähern. Ich freute mich seiner, wie er sich aus den Engen emporrang, die großen, mächtigen Ideen faßte. Wie vielen seiner Brüder, wie vielen Künstlern sind diese Wege verschlossen! Er schwang sich empor zu fernen Horizonten, er strebte Mächtiges an. Antokolsky's Jugendstimmung war meistens traurig, elegisch. Er liebte es, über die Negationen, die Leiden, durch die Schwäche verursacht, nachzudenken (man denke an Spinoza, Sokrates, den Kops von Johannes dem Täufer und Anderes). Später aber verließ er diesen Anschauungskreis und wandte sich den Vorzügen der Thätigkeit, Kraft und Wirksamkeit (Peter der Große, Nestor, Jermak, und Anderes) zu. Aber ich muß es gestehen, nachdem ich doch 30 Jahre meines Lebens mit ihm in seiner unmittelbaren Nähe verbrachte, ich kenne ein Werk, das alle anderen an Gedankenfülle, an Macht, an Seele, ja an unvergleichlicher Tragik und Gefühl überragt. Nein, dies gilt noch nicht von dem wundervollen „Iwan dem Grausamen". Mein Lob, meine Bewunderung gehören dem noch mächtigeren, noch wundervolleren Werke: der „Inquisition". Der Inhalt dieses Meisterwerkes ist Ihnen ja bekannt. Was fagt es uns? Wir sehen einen fettleibigen, satten, spanischen Cardinal. Sein Gesicht trägt den Ausdruck der Selbstzufriedenheit, der Gedankenlosigkeit. Dieser Inquisitor steigt in einen Keller hinunter, wo die versammelten Juden ihr Osterfest feiern. Sie erschrecken, wollen davonlausen, suchen ein Versteck. Doch siehe, da erscheint zwischen diesem erschrockenen, zitternden Häufchen der Aermsten, in diefem Versteck, wo Tische umgeworfen, Tischdecken heruntergeriffen und das Geschirr des festlichen Mahles in Unordnung den Fußboden bedeckt, ein Mann... ein Mann von Kraft. Diese Gestalt verkörpert die Größe, den Edelmuth und strotzt von Kraft. Ist es ein Prophet, ein mittelalterlicher Führer seiner Glaubensgenoffen? „Wohin eilt Ihr?" ruft er den Zitternden zu. „Haltet ein! Wozu denn? Fürchtet Ihr denn die Fesseln, flößen Euch die Hellebarden und Schwerter dieser unserer Feinde Schrecken ein? Unnöthig ist es doch! Haltet ein! Für uns gibt es keine Rettung mehr!"