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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-08-29 · 35 (29.8.1902) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
35 (29.8.1902)
Date
1902-08-29
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 560 Dr. Blvch's WochrnfchrM Nr/ 35 ist von Rom aus die christlich-sociale Agitation nicht nur geduldet, sondern auch wohlgefällig gefördert worden, und nur zu lange haben auch die österreichischen Bischöfe die Pflicht versäumt, gegen diese der Lehre von der Nächstenliebe so brutal widersprechende Bewegung mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln einzuschreiten. Und dieselbe Pflichtversäumniß ist, wie den Bischöfen, so auch den Organen der Staatsgewalt zum Vorwurfe zu machen. Wie die ffrchliche Autorität, so hat auch die staatliche Autorität durch die frechste Verhöhnung von Gesetz und Recht, durch offene Widersetzlichkeit und Auflehnung den schwersten Schaden erlitten. Das Wort eines österreichischen Ministers, daß die Staatsgewalt an den Klosterpforten aufhöre, war das Resultat dieses ungeheuerlichen Zersetzungsprocesses. Wir wiederholen es: Nicht das Judenthum, sondern Staat und Kirche sind in Gefahr, von der christlich-socialen Umsturzbewegung in ihren Grundfesten erschüttert zu werden. Vom LgtzrmKrk! des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichte. (Stampiglius redivivus. — Ein Vorschlag zur Güte. — Antisemitismus und Gaunerthum. — Die Trauungstaxen bei den Juden.) Sei mir gegrüßt, Meister Stampiglius — wo hast Du so lange geweilt, daß uns die Erinnerung an Dein liebes Ohrseigengesicht beinahe aus dem Gedächtniß entschwand? Lagst Du, süßen Branntweins voll, auf den Bänken der Schnapsboutiquen herum oder weiltest Du auf den Höhen des christlich-socialen Spittelberges? Warst Du auf Reisen, um falsche Zeugen anzuwerben, die über Verbrechen der Juden auszusagen bereit sind, oder beschäftigte der Plan irgend einer anderen antisemitischen Lumperei Deinen edlen Geist? Endlich haben wir Dich wieder und sehen Deinen Namen wieder an der Stätte, die allein Deiner würdig ist, auf dem publicistischen Schindanger, den man „Deutsches Volksblatt" nennt. Ihr seid ja zwei Ehrenmänner, einander ebenbürtig. Ihr liebet emander und koset zärtlich in der Laube der Verjährung.z Wie sehr, o Meister Stampiglius, haben Deine Enthüllungen über „die revolutionäre Bewegung in Rußland und die Juden" unser Gemüth erheitert. Wie viel auch die russische Regierung gegen Recht und Menschlichkeit gesündigt hat, wie viele Opfer ihrer Willkür und ihrer Barbarei in den Bergwerken Sibiriens schmachten, so hättest Du, o Ernst Schneider, ihr doch nicht eine so große Schande bereiten sollen, daß sie von Dir vertheidigt wird. Reichsraths- und Landtagsabgeordneter ist Ernst Schneider in Oesterreich; das hat er nur in einem constirutionellen Staate werden können. Für Rußland aber verlangt er den Absolutismus, weil die Reformen, die das geknechtete Volk begehrt, den Juden zugute kämen, und in den westlichen Ländern habe man sich von den schrecklichen Folgen der Gleichberechtigung überzeugen können. Bekanntlich hat Ernst Schneider die Einführung eines Schußgeldes für Juden in Oesterreich vorgeschlagen; bisher hat sich das Land für die Verwirklichung dieses schönen Gedankens nicht reif gezeigt. Vielleicht ist das heilige russische Reich, für dessen Erhaltung als absolutistisch regierte Monarchie Ernst Schneider begeistert eintritt, glücklicher darin. Das „einzig richtige Recept in Bezug auf die Behandlung revolutionärer Erscheinungen in Rußland" ist nämlich nach der Ansicht Schneider's, folgendes: „(so oft in Rußland ein Attentat im Interesse der „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit" verübt wird, zernire man irgend eine Juden stadt und schieße in dieser Stadt alles zusammen, was jüdisch i st. Nicht nur Rußland, die ganze Welt würde daran profitiren, und die ganze Welt wird dem Czaren, der dies versuchte, zum ewigen Danke verpflichtet sein." Nicht immer, o ehrenwerther Meister Stampiglius, warst Du so entrüstet über die anarchistischen Verbrechen. Auch die Stadt Wien war einst der Schauplatz derartiger Attentate. Wir erinnern uns an die Ermordung des Wechselstubeninhabers Eifert durch Stellmacher, an einen Mord in Floridsdorf, an die Mvrdthaten eines Kämmerer, an die von Anarchisten gelegten Brände in der Roßau, und wir erinnern uns an den Proceß gegen den Anarchisten P e u k e r t, von dem die Geschwornen sich haben dupiren lasten. Die ganze Sippe bestand durchwegs aus arischen Verbrechern, und eines Tages brachte der damalige Reichsrathsabgeordnete Dr. Bloch im Parlament eigenhändige Briefe des Ernst Schneider zur Verlesung, aus welchen hervorging, daß dieser mit Anarchisten in allerintimsten Beziehungen stand. Woher also jetzt die Entrüstung Schneider's gegen die russischen Anarchisten? Vielleicht wegen des verschwindend geringen Percentsatzes von Juden, die sich in ihren Reihen finden? Die ganze Welt würde „daran profitiren". wenn man alles zusammenschießen würde, was jüdisch ist. Ernst Schneider hat freilich infolge seiner, mit Respect zu sagen, politischen Carriere an vielerlei Dingen gezeigt, daß man „daran profitiren" kann, wie z. B. an den Wassermessern. Vielleicht würde er das Schießpulver für die Judenmassacres liefern und „daran Profitiren". Auf österreichische Verhältnisse übertragen und der westeuropäischen Cultur gemäß gemildert, ließe sich die Schneider'sche Logik in einer sehr rentablen Weise verwerthen. Zur Strafe für Verbrechen, die von arischen Anarchisten begangen werden, soll man die Juden zusammenschießen. Wie wäre es, wenn jedesmal, so oft bei uns zu Lande ein Antisemit eine Gaunerei begeht, z. B. einige Defraudationen, Betrügereien und Erpressungen, irgend einer Judenstadt eine Contribution auferlegt würde? Für W a st l beispielsweise hätte die jüdische Cultusgemeinde in Baden, für Dr. Löbel die Wiener israelitische Cultusgemeinde soundsoviel zu bezahlen. Für die Finanzen der Stadt Wien würde sich da, wenn die Juden jeden antisemitischen Spitzbubenstreich durch empfindliche Geldstrafen zu büßen hätten, eine fortlaufende Einnahmsquelle eröffnen. Das wäre rentabler als das Schußgeld für Juden, das ln dem Augenblicke entfallen würde, als der letzte Jude abgeschossen ist; der Antisemitismus aber ist der unerschöpfliche Ergänzungsbezirk des Gaunerthums. * * * Aus diesem Ergänzungsbezirke ist auch der Landtagsabgeordnete Dr. Anton Löbel hervorgegangen, dem die christlichsociale Partei durch einen Rechtsbruch das Neunkirchener Landtagsmandat zugeschanzt hat. Er war ein Gesinnungsgenosse, Freund und Schützling Vergani's, der die Berjudung des Advocatenstandes so oft beklagt hat und der deshalb für „christlichen Rechtsschutz" Sorge traf. Das Bureau für christlichen Rechtsschutz, das im Deutschen Bolksblatt" dem christlichen Volke so warm empfohlen wurde, bildete den Grundstock der Advocaturskanzlei des Dr. Anton Löbl, und wie die Clientel da christlich rechtgeschützt wurde, das hat sie bald zu ihrem empfindlichen Schaden erfahren müssen. Der christlich-sociale Parteigänger sitzt im Landesgerichte und die Betrogenen können sich für den Verlust ihres Vermögens bei der christlich-socialen Partei bedanken, die der Bevölkerung den Glauben beigebracht hat, daß es nicht auf den persönlichen Charakter, sondern auf die Confession und auf die Parteizugehörigkeit ankommt. Unter dem Regime der christlich-socialen Partei ist weder die Tüchtigkeit noch die Vertrauenswürdigkeit eines Mannes maßgebend, damit er vorwärts komme. Die Hauptsache ist, daß er sich der Judenhetze anschließt, für Lueger, Purscht und Strobach agitirt. Alles Andere kommt dann von selbst; dann gibt es Ehrenstellen und besoldete Aemter und keiner der antisemitischen Agitatoren hat jemals Anlaß zu der Klage: „Es mangelt mir an Beförderung". Wirtschaftlicher Boycott für die Gegner, Geschäfte und Lieferungen für die Anhänger, das ist christlich-sociales System und dieses hat es bewirkt, daß moralisch verkommene Streber, Abenteurer und notorische Lumpen in dem Anschlüsse an die verlogenste und ordinärste Partei ihre Rechnung zu finden hoffen. Nicht Alle freilich bringen es zu einem eigenen Hause in der Josefsgaffe, und nur die Ungeschicktesten, die sich nicht rechtzeitig ihren Parteigenossen „entdecken", endigen im grauen Hause. * * * Seitdem es mit dem Antisemitismus in Frankreich bergab geht, sind die Macher der Bewegung einander in die Haare gerathen, und dabei kommen verblüffende Sachen ans Tageslicht. Ein streitbarer Antisemit Namens D o m e r g u e, der ehemalige Secretär und Freund des algerischen Bandenführers Max Regis, veröffentlicht über diesen allerlei hübsche Details. Domergue bezichtigt den gefallenen Heros von Algier, für Wahl- und Prop a gand a zwecke ihm anvertraute Summen unterschlagen, Erpressungen verübt, alle seine Freunde und Gönner betrogen und verrathen

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