Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 35 (29.8.1902)
- Date
- 1902-08-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Klr. 35 Dr■ BIOCH 8 Jahrgang XIX Centralorgan für die gesammten Interessen des Iudenthums. Wie«, 29. August 1992. -—- Lrsch eint jeden Freitag. -^- Brief-Adresse: Wien. IX/1, Berggasse 39. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift. Wien. X -. - X «. ft. xofisparraffen-Arnk Clearing-Verkehr Nr. 810.976. Lrdartion und Administrattom Wir» IX/1, Verggasse Nr. 39. Talephon Nr. 14.847. X -— % xx= Vexugsprri» flir Vryrrrrich Halbjährig 8 Krone». Einzelexemplare 56 Heller. Für'» Anslnnd: Halbjährig 10 Lrouea. Ganzjährig 20 » Anzeige»; Die4malgespalteae Petitzeile 24 Heller. Inhalt: Leitartikel: Die Revolte gegen die Bischöfe. — Vom Jahrmarkt des Levens: Glossen zur Tagesgeschlchte. Eine „Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judenthums". Die rechtliche Stellung der rumänischen Juden. Die Judenauswanderung aus Rumänien. Die Beerdigung Antokolsky's. lieber Nikolaus Lenan's Beziehungen zum Judenthum. — Eorrespondenzen: Verein für unentgeltliche Arbeitsvermittlung. Wien. Grundsteinlegung des Unterstädter israelitischen Tempels in Essek. Israelitische Knaben- und Mächenschule zu Brody, Berlin, Pasewalk —Vermischtes: Kranzablösungsspenden zu Gunsten der Ehewra-Kadischa in Wien. Wien, Königgrätz, Prag, Kostet, Brody, Diakovar, Pakrac, Serajewo, Antisemitische Hotels und Logierhäuser in Karlsbad. — Feuilleton: Der Ehanukaleuchter. — Literatur. — Briefkasten. — Notizen. — Inserate. Die Kevolte gegen die Kifch-fe. Seit der merkwürdigen Entdeckung des Abgeordneten Schneider und seiner christlich-socialen Genossen, daß jene Päpste, welche ihre Stimmen gegen die Blutbeschuldigung erhoben, von den Juden bestochen waren, kann es nicht überraschen, wenn die Antisemiten wiederum einmal auch den österreichischen Episcopat der Abhängigkeit von den Juden beschuldigen. Den Anlaß hiezu bietet das von den Bischöfen erlassene Verbot des zweiten niederösterreichischen Clerustages. In einem Artikel, betitelt: „Der Clerus und das Judenthum" behauptet das „Deutsche Volksblatt", daß den Juden ein großer Triumph gelungen sei, weil sie den hohen Clerus zum bewußten oder unbewußten Bundesgenossen erhalten haben. Es wirft den Bischöfen vor, daß sie das christliche Volk an die Juden verrathen, und drohend ruft Herr Vergani aus: „Der Kirchenverrath geht uns nichts an. Da soll Rom zusehen! Volksverrath an die Juden dulden wir von Niemandem!" Soweit wären wir also. Die Bischöfe sind verjudet, die Päpste sind verjudet und über die jüdische Abstammung Christi besteht selbstverständlich ohnehin kein Zweifel. Als die christlich-sociale Bewegung noch in ihren Anfängen stand, als sie Gesetz und Autorität zu leugnen begann, da haben wir es vorahnend ausgesprochen, daß durch diese Bewegung nicht das in tausendjährigen Leiden und Verfolgungen gehärtete und gefestete Judenthum, sondern der Staat, die Kirche, das Christenthum in allererster Reihe bedroht seien. Man hat als Christenpflicht gepriesen, was das Staatsgesetz zum Verbrechen stempelte; man hat die Autorität der Bischöfe geschmäht und verhöhnt; man hat in dem Alten Testamente die Grundlage des christlichen Glaubens angetastet; man hat jeden ehrlichen und rechtschaffenen Christen, wenn er nicht in das Horn der Geßmann und P. Scheicher blies, zum „Juden" oder „Judenknecht" gemacht. Ohne unseren Willen sind wir Juden auf solche Weise allmählich in eine ganz respectable Gesellschaft gerathen. Wir haben uns darauf nie etwas zugute gethan. Wir erklären nach wie vor, daß wir uns selbst genügen und daß wir hoffen, unserer Gegner durch eigene Kraft Herr zu werden, wie das im Laufe der Jahrtausende stets der Fall gewesen ist. Wenn die Bezeichnung „Jude" für die Würdenträger der Kirche und des Staates ein Schimpfwort bedeuten soll — für uns Juden bedeutet die Vergesellschaftung mit diesen Würdenträgern keine Ehre, nach der wir geizen. Aber wir empfinden es immerhin als eine Art Genugthuung, daß unsere Vorhersagungen sich so rasch und vollständig bewahrheitet haben. Wenn der österreichische Episcopat die christlich - sociale Reformbewegung Niederhalten zu müssen glaubt, so ist das ein Beweis, daß er durch diese Bewegung eine Erschütterung der katholischen Hierarchie befürchtet. Und er hat Recht, diese zu fürchten. Alle Macht und aller Glanz der katholischen Kirche beruhen auf dem Principe des absoluten, unbedingten Gehorsams, auf der widerspruchslosen Unterordnung unter den Willen der Oberen. Das wissen die Bischöfe so gut wie die Scheicher'schen Reform- Christen. Es ist unsere Sache, die Sache der Juden nicht, uns in den Streit zwischen dem niederen und oberen Clerus zu mengen, der, wie uns scheinen will, sehr materiellen, sehr irdischen Beweggründen entspringt. Aber die Ehre müssen wir ablehnen, daß man von der einen oder von der anderen Seite in diesem Kampfe unsere Bundesgenossenschaft in Anspruch nimmt. Und wahrhaftig! Wenn die Bischöfe gegen die Fronde des niederen Clerus heute ihr Machtwort erheben, so geschieht es nicht uns Juden, sondern sich selbst, ihrer eigenen Macht, der Macht der katholischen Kirche zuliebe. Es mag ja sein, daß der eine oder der andere der hochwürdigsten Herren, wie das „Deutsche Volksblatt" behauptet, „Tarockcollege von Freimaurern und Juden" ist, es kommt auch vor, daß da und dort ein Bischof, der noch fest und treu an den Lehren des Evangeliums hängt, seine Stimme gegen die abscheuliche Judenhetze erhebt. Aber im Großen und Ganzen haben wir Juden keine Ursache, uns der besonderen Sympathien des katholischen Episcopats oder gar des heiligen Stuhles zu rühmen. Wenn heute die Bischöfe sich gezwungen sehen, gegenüber dem niederen Clerus ihre Autorität geltend zu machen und die Kirche vor einer tieferen Zerklüftung zu bewahren, als bereits eingetreten ist, so haben sie sich diesen Zustand der Dinge nur selbst zuzuschreiben. Nur zu lange