Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 34 (22.8.1902)
- Date
- 1902-08-22
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Sette 566 dr. Vlvch's WoürrnrchrM. Nr. 34 zugehört hatte, den Sprecher, „es war, wie ich sehe, sowohl Sorge und Kummer als auch Entbehrungen, die Sie sich aufgelegt hatten". „Nicht doch, Herr Fantes", rief Kohen aus, wahrend sein männlich schönes Antlitz mit glühender Röthe bedeckt wurde, „Entbehrungen brauchte ich mir keinerlei aufzulegen ich habe als Aufseher eine wesentliche Gehaltsaufbkfferung bekommen, welche ich entbehren kann und demnach nach Hause schicken werde; ersparen mußte ich mir nichts". „Streiten wir nicht darüber, lieber Kohen, und behalten Sie Ihr Erspartes für sich, Sie werden es setzt nothwendig zu einer standesmäßigen Equipirung benöthigen, denn ich beabsichtige, Sie aus der staubersüllten Atmosphäre der Arbeitersäle wegzunehmen und im Comptoir zu verwenden, und zwar, wenn es Ihnen recht ist, als meinen Privatsecretär. Ich kann solchen Menschen, wie sie es sind, gut brauchen, und habe mich schon längere Zeit vergeblich nach einem solchen umgesehen". Mit vor Thränen unterdrückter Stimme stammelte Rudolf einige Dankesworte, welche aber Fantes in seiner kurzen Art abschnitt, indem er sagte: „Für ihren Vater werde ich vorderhand selber sorgen, bevor, Ihr Gehalt es ermöglicht, in ausgiebiger Weise es thun zu können, indem ich ihm eine Arbeit übertrage, und dafür die Entlohnung sofort anweise. Er soll für meine Synagoge eine Sefer Thora schreiben, gleich werde ich alles durch Vermittlung meines Wiener Bankhauses veranlassen. Darf ich auch Ihrer erwähnen, lieber Kohen?" „Wenn ich bitten darf, so möchte ich vorderhand ganz aus dem Spiele bleiben und erst hervortreten, wen ich meinen Vater für mich günstig gestimmt wissen werde". „Ei, das können Sie ja durch Ihr reizendes Büschen erfahren, wenden Sie sich an diese", meinte der gütige^Herr, indem er schalkhaft lächelte. „Dies darf ich nicht, so gerne ich>uch wollte. Der Vater hat mir mit seinem Fluche gedroht, wenn ich mich dem Mädchen mündlich oder schriftlich nähere, und diesen will ich nicht auf mein Haupt laden. Aus diesem Grunde auch habe ich meine Heimat verlaßen. Ich wollte jeder Anfechtung aus dem Wege gehen". „Ja, weit davon ist gut vom Schuß, da haben Sie ganz recht und da soll der alte Böhm—Amerikaner so eine Art Vermittler spielen, so einen Leus ex machina, was? Sehen Sie, junger Mann! Ich habe in dem Lande der Dollars noch nicht jeden Hang zum Romantischen verloren, so lange Zeit ich auch hier lebe, und so werde ich wohl eintreten, damit der Hans seine Gretel bekommt und aus dem Trauerspiel, wie jetzt die Sachen stehen, ein Lustspiel wird, mit einer Hochzeit am Schlüße derselben. Mich aber lassen Sie dann nicht zu Hause, Herr Bräutigam! Habe ich es mir auch versagt, jemals wieder den Boden Europas zu betreten, auf welchem die giftige Sumpfpflanze Antisemitismus so ungehemmt wuchert, zu Ihrer Hochzeit komme ich jedenfalls. Soll nur Papa Sofer eine Garnitur schöner Mesusas anfertigen für die Thüren des Hauses, welches ich dann dem jungen Ehepaar einrichten werde".-— Welchen Genuß gewährt doch gut angewandte Wohlthätigkeit! Eine größere Freude, als sie den auf einmal von allen Sorgen befreiten jungen Mann erfüllte, empfand der alte Fantes selber; seine trostreiche Verheißung, in so liebevolle Worte gekleidet, hatte die Schatten verscheucht, welche sich über das Leben des talentirten jungen Mannes gelagert hatten, indem er in Verhältniße gesetzt wurde, welche so gar wenig seiner Individualität und seinen geistigen Anlagen entsprachen. Nicht mit einem Schwalle von Dankesworten dankte Rudolf seinem edlen Herrn für dessen Güte, nur mit wenigen fast stammelnd vorgetragenen Worten; doch der Blick, den er auf den alten Herrn richtete, sagte diesen mehr, als es eine stundenlang gehaltene Rede vermache hätte. (Fortsetzung folgt.) Literatur. Pascheles' illustrirter israelitischer Wolkskalendcr für das Jahr der Weit 5663 (1902 -1903) ist im Verlage der altrenommirten Verlagsbuchhandlung Samuel W. Pa sch ele s, Pra g, Zeltvergas s e, nunmehr in seinem 50. Jahrgange erschienen. Eine Fülle des Interessanten und Lesenswerthen bietet dieses vortreffliche Jahrbuch. Der literarische Theil enthält neben mehreren mit Portraits gezierten Biographien hervorragender Männer des Judenthums eine spannende Prager Ghettogeschichte von Auerbach, sowie u. A. auch sehr zeitgemäße Abhandlungen über Judentaufen und die Getauften in der jüdischen Gesellschaft. Der dem religiösen und kaufmännischen Leben gewidmete Theil ist den praktischen Bedürfnissen in vollendetster Weise angepaßt. So präsentirt sich dieser Kalender, dem sein reicher Inhalt den Charakter einer I u b i l ä u m s - A u s g a b e verleiht, als ein in jeder jüdischen Famrlic unentbehrliches Handbuch, dem die weiteste Verbreitung gesichert ist. ilc i- Such Mtllheilungen -er Gesellschaft für jüdifche Volkskunde, unter Mnwirkung helvorragender Gelehrter, heraus, gegeben von M. Grunwald, Hamburg. Heft X, Jahrg. 1902 Nr. 2. Inhalt: M. G r u n w a l d, Bibliomantie und Gesundbeten. Wiener L., Märchen und Schwänke in An^rika aus dem Munde russischer Juden ausgezeichnet. Grunwald M., Bilder und Zeichen auf jüdischen Denkmälern. Tarlau I., Volksmedicinisches aus dem jüdischen Rußland. Cohn I., Purimlied. Eingänge und Erwerbungen. Mittheilung. Jüdischer Volkskalender für das Jahr der Welt 5663 (1902/03) I. Jahrgang. Preis 70 Heller. Eigenthum und Verlag; „Jüdische Volksstimme", Brünn. Jüdische Sagen und Legenden von Dc. Bernhard K u t t n e r. I. Bändchen. Verlag von I. Kauffmann, Frankfurt a. M. „Der Landarbeiter", Kalender für Colonisten und Gärtner, redigirt von M. Weller in Wilna. An Horeb's Höhen. Zehn Predigten zum Wochenfest, gehalten in der Synagoge zu Lübeck von Rabbiner Dr. S. C a r l e b a ch. 1902. I o h. W i r t h'sche Hofbuchdruckerei, A.-G., Mainz. Kanzelreden von Dr. David Feuchtwan g. Rabbiner zu Nikolsburg. ll. Theil. 1902. Verlag von M. W. Kaufmann, Leipzig. Briefkasten. Chewra-Kadischa. Der Ausdruck betrifft die Hinterbliebenen. M. T., New-Iork. Herzlichen Dank und besten Gruß. A. Popper, Wien. Nur eine Agitation unter den Lesern könnte diesen Schädling zur Raison bringen. Ein Tadel in irgend einer Zeitung würde er als Concurrenzneid erklären und der öffentlichen Verachtung und dem Spotte preisgeben. Es haben sich bereits Viele au uns um Abhilfe gewendet in derselben Angelegenheit, wo nur Selbsthilfe und Agitation von Mann zu Mann am Platze ist. La;ar Schneck in Gleichenberg. Die Ziffern waren in allen Tagesblättcrn. Näheres wissen wir nicht. Eine Agitation für Gleichenberg in der Presse einzuleiten, ist lediglich Aufgabe des Vereinsvorstandes. F. Der deutsch-nationale Redacteur Karl H a b e r m a n n, ein unentwegter Wolferianer, versendet von Innsbruck aus einen sechs Spalten langen, enggedruckten „offenen Brief" an den Abgeordneten Jro, in welchem dieser sozusagen mit photographischer Genauigkeit dargestellt wird. Habermann macht dem Abgeordneten Jro zuerst zum Vorwurfe, daß er mit seinem wohlvorbereiteten Angriffe gewartet habe, bis beide Häuser, deren Immunität er als Abgeordneter genießt, vertagt sind und ein gerichtliches Verfahren unmöglich wurde. „Germanisch ist so was nicht", meint Herr Habermann. Dann nennt er den Abgeordneten Jro den „bösen Geist", die „Tratschbase der Partei", welche Schönerer durch „Zwifchenträgereien" irre machte. Weiters hält Habermann dem Jro vor, daß dieser von den „corrupten Scherer-Leuten" immer eine Menge Gefälligkeiten verlangt habe; z. B. Gedichte und Aufsätze für seinen „Zeitweiser" (Kalender). „Aber auch Gesetzesvorlagen — schreibt Habermaun an Jro — sammt Begründung dazu hätten wir Dir beschaffen sollen, da Du selbst nicht Zeit habest und den Stoff nicht beherrschest. Schade, daß uns damals diese Zumuthung über die Hutschnur ging. Du wärest heute durch das „österreichische Congregationsgesetz" „Lex Jro" ein berühmter Mann! Nun mußt Du fteilich auf Deinen Lorbeeren des Getreidetermingesetzes ausruhen, gelt Schäker, und das ganze Material Deiner Reden hatte Dir die „Oesterreichische Centralstelle zur Wahrung der landwirthschaftlichen Interessen" beigestellt!. . Bei Licht besehen, schauen Deine übrigen politischen Leistungen vielleicht ähnlich aus und Dir bliebe nur der heute noch in Eger lebende Nachruhm, daß seit Dir Niemand mehr so gute Pumpernickel zu backen verstünde". — An einer anderen Stelle schreibt Habermann: „Ich will Dir mcht zu nahe treten und muthe Dir beileibe nicht zu, daß Du je unseren im „Scherer" von Anfang an vertretenen Anschauungen beigestimmt hättest, denn Du warst und bist ein dogmatischer Pfaffe, wie's nur einen in irgend einer Kirche gibt. Anschauungen, besonders selbstständige, waren Dir ja immer Mumpitz, oder doch ein Gräuel, es lebt sich ja auch viel ruhiger, wenn man Andere für sich denken läßt; ich nehme also an, daß Du seit jeher mich und alle „Scherer"-Leute für