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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-08-22 · 34 (22.8.1902) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
34 (22.8.1902)
Date
1902-08-22
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 84 Dr. Bloches Wvchrnfchrifk, Sette 565 Theilpreis stad. sur. Bruno Plau-Marienwerder; der königliche Preis der medicinischen Facultät wurde dem stad. msd. Franz Wohlauer, der königliche Preis der philosophischen Facultät dem stad. phil. Abraham Hoffmann,Sohn des Herrn Seminardirectors Dr. D. Hoffmann-Berlin, der Preis für die geschichtliche Aufgabe („Die Nachrichten des Flavins Josephus über die römische Kaiserzeit") dem stad. phil. Eugen Täubler-Berlin und der Preis der englisch-philologischen Aufgabe dem sind. phil. Bernhard Neuendorf-Berlin zuerkannt. Von den (mit Ausnahme des ausscheidenden theologischen) insgesammt sieben verliehenen Preisen sind sechs von jüdischen Studierenden erworben worden. Feuilleton. Der Chanukalenchter. Von Babette Fried in Prag. (Fortsetzung.) VI. In dem Parke, welcher die Fantes'sche Billa umgab, knospete und grünte es, und die Vögel sangen in begeistertem Hymnen Lobeslieder zu dem Gotte empor, welcher den Wechsel der Jahreszeiten anordnet und auf den rauhen Winter den anmuthigen Frühling und den warmen Sommer folgen läßt. In dem weiten Parke wimmelte es von Arbeitern, welche, mit Rechen, Hacken und Scheere bewaffnet, emsig daran gingen, die Spuren des langen, harten Winters in dem Garten zu verwischen und ihm ein einladendes Aussehen zu geben. Diese Arbeiten überwachte ein junger Mann, welchem der Obergärtner eben die Anleitung ertheilte, welche Beschäftigung er den einzelnen Arbeitern und Gehilfen anweisen solle. Er selber konnte sich damit nicht befassen, seine Gegenwart war in den Gewächshäusern, die eben gründlich hergerichtet werden mußten, dringend nothwendig. „Ich weiß nicht, Herr Obergärtner", sprach der junge Mann in gutem, wenn auch fremdartig klingendem Englisch, „ob ich Ihren Anforderungen entsprechen werde; ich bin ein Eigarrenarbeiter und verstehe von der Gartenkunst so viel, eigentlich so wenig, wie vom Seiltanzen." Der Obergärtner zuckte die Achseln. „Der Herr Fabriksdirector", sagte er, „weiß, was er thut. Er hat mir Sie empfohlen und ich habe zu gehorchen. Mir scheint es, als habe er Sie darum m den Garten commandrrt, weil Ihnen das eingesperrte Leben in dem tabakerfüllten Raume der Werkstätte nicht dient. Sie sehen wirklich zum Erbarmen aus, junges Herrchen. Nun die Lust im Parke wird Ihnen gut thun, schauen Sie mich an, wie sie mir bekömmt!" Das Gespräch der Beiden wurde durch die Ankunft zweier Herren unterbrochen, welche, anscheinend in ernstes Gespräch vertieft, an sie herantraten. Ehrerbietig trat der Obergärtner zurück und verschwand hinter einem Gebüsche. Auch der Andere wollte sich grüßend entfernen; jedoch der Aeltere der beiden Herren, der Fabriksherr winkte ihm, zu bleiben. Sein Begleiter, der Director, machte eine vorstellende Handbewegung: „Herr Rudolf Kohen, Abtheilungsausseher in der Fabrik, von dem ich even mit Ihnen sprach". „Sie haben Recht, Herr Lewoje, daß Sie diesen jungen Mann aus der ungesunden Fabrikslust entfernten und in den Park beorderten." Dann wendete sich Fantes an den jungen Mann mit der Frage: „Warum haben sie nicht selbst um Urlaub angesucht behufs körperlicher Erholung, den man Ihnen doch nicht verweigert hätte"? „Ich fühle kein Bedürfniß nach Erholung". „Ihr Aussehen straft Ihre Worte Lügen. Ihnen dient das Cigarrenmachen nicht." „Die Güte des Herrn Directors hat mich von dieser Arbeit enthoben, indem er mich vor Kurzem zum Aufseher ernannt hat", antwortete Kohen. „Was aber nicht ausschließt, daß Sie den ganzen Tag in dem von Tabaksstaube erfüllten Arbeitssaal zubringen müssen. Ihre Ausdrucksweise beweist mir, daß Sie einen yöhern Bildungsgrad genoffen haben. Warum sind Sie denn eigentlich nach Amerika gegangen, wo, wie Sie wissen mußten, ein jeder von der Pike auf dienen muß, und wo die Verhältnisse die denkbar ungünstigsten sind? Sagen Sie es mir — das heißt, wenn man das wissen darf, denn Sie sind keineswegs verpflichtet, mir Ihre Vergangenheit zu enthüllen, wenn Sie Grund zu haben glauben, selbe zu verschweigen. Wir leben in einem Lande der vollständigen persönlichen Freiheit. Uns genügt es. wenn Sie sich hier nichts zu Schulden kommen lassen. Ihre Vergangenheit von drüben geht uns gar nichts an. Es ist nur das Inter» sie, das ich an dem intelligenten Glaubensgenossen und Landsmann nehme, das mich diese Frage stellen läßt". Tiefe Röthe hatte bei den liebreichen Worten seines Chefs die bleichen Wangen Rndolf's bedeckt. Dann sagte er: „Ich bin Ihnen, als dem Ersten der mir seit meiner Abreise aus der Heimat ein Interesse beweist, unendlich dankbar dafür, bemerke aber, daß in meiner Vergangenheit nichts liegt, was ich verbergen müßte. Ich habe eines Familienzwistes wegen, den meine Liebe zu einem braven aber unbemittelten Mädchen heraufbeschworen hatte, meine Heimat verlaffen". „Ei, das ist interessant! Das hört sich fast wie ein Roman an. Kommen Sie junger Mann, und setzen Sie sich zu mir auf diese Bank und erzählen Sie mir Ihre Lebens- und Liebesgeschichte. Und Sie lieber Director, haben Sie die Güte, meiner Frau zu sagen, daß ich ihr zum Lunch einen Gast mitbringe, bitte sehr". Mit einer Verbeugung gegen den Herrn und einer ermunternden Handbewegung gegen Rudolf entfernte sich der Director. Hingerissen von der bezaubernden Liebenswürdigkeit des alten Herrn legte Rudolf Kohen jede Zurückhaltung ab und erzählte diesem in Kürze seinen Lebenslauf, von dem Tage an, wo er sich mit seinem Vater entzweite. Wie er nach diesem unseligen Zerwürfniffe, ohne directen Abschied von dem geliebten Mädchen zu nehmen, zurück nach Wien gekehrt sei, dort seine Stellung gekündigt und seine ganze Habe in baares Geld umgesetzt habe. Damit begab er sich in die neue Welt, wo er binnen Kurzem ein reicher Mann zu werden hoffte, um dann als solcher heimzukehren, seinen Vater zu versöhnen und dann mit dessen Erlaubniß und Segen die Geliebte heimzusühren. Seine gründliche kaufmännische Ausbildung und Kenntniß der englischen Sprache sollte ihm den Weg zu Reichthum und Glück bahnen. Er hatte sich aber verrechnet. Sein mitgebrachtes kleines Capital war verbraucht, ehe er eine Anstellung erhalten konnte. Amerika hatte ausgehört, das Dorado aller Europamüden zu sein, und als der letzte Dollar aus gegeben war, mußte es Kohen noch als Glück betrachten, als gewöhnlicher Cigarrenarbeiter in der Fantes'sche» Fabrik ausgenommen zu werden. Unter diesen Umständen war seine Rückkehr in die Heimat in weite Ferne gerückt, und falsche Scham verhinderte ihn. seinen Angehörigen ein Lebenszeichen von sich zu geben. So ruhig als es unter den gegebenen Verhältnissen möglich war, lebte Rudolf seiner Arbeit und nur in seinen Mußestunden suchte er Zerstreuung und Anregung bei einem guten Buche, das er sich immer zu verschaffen wußte, nachdem er die laute» und oft wüsten Unterhaltungen seiner Kameraden mied und deshalb von diesen als stolz und hochmütyig öfters angefeindet wurde. Selbst diese erzwungene und künstlich behauptete Gemüthsruhe ward jäh zerstört, als er den Chanukaleuchter erblickte, der einst Eigenthuur seines Vaters war. Von da an bemächtigte sich seiner eine heftige Sorge, was war während seiner Abwesenheit in der Heimat vorgefallen, daß dieses theuere Andenken in fremde Hände geriety? Nur die höchste Noth, wenn nicht gar der Tod seines Vaters konnte dies veranlaßt haben. Rudolf konnte das Ende des Gottesdienstes kaum abwarten, um etwas Näheres über die Art und Weise zu erfahren, wie der Herr zu dieser Menorah gekommen ist. Noch selben Abends suchte er den russischen Rabbl in seiner in der Billa befindlichen Wohnung auf, von welchem er wußte, daß er die Aufstellung des neuen Leuchters besorgt habe, der ihm vielleicht etwas Näheres sagen konnte. Er hatte sich an die richtige Adresse gewendet, denn von dem gütigen Alten erhielt er volle Aufklärung. Ja, seine Ahnung hatte sich erfüllt, die Noth hatte seinen Vater veranlaßt, dieses Kunstwerk, an welchem fein ganzes Herz hing, zu veräußern, und er, der einzige Sohn, der für seinen Vater hätte arbeiten, der ihn hätte unterstützen sollen, weilte in weiter Ferne von ihm, arbeitete für einen Tagelohn, der ihm nicht gestattete, einige Ersparniffe zu machen, um sie dem alten darbenden, vielleicht durch Entbehrung krank gewordenen Vater senden zu können. Jndeffen hoffer doch zum bevorstehenden Peffachfeste etwas für ihn abgeben zu können. „Deswegen ihr schlechtes Aussehen junger Mann?" unterbrach Fantes, der bisher schweigend, doch mit regstem Interesse

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