Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 34 (22.8.1902)
- Date
- 1902-08-22
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 84 Dr. Bloch's Wochrnschrrfl. Seite 561 fung der Schuldigen zur Folge haben, sondern wahrscheinlich auch dazu beitragen, daß der Polizeidienst in Zukunft nach anderen Principien, als denjenigen, die gegenwärtig gang und gäbe sind, verrichtet werden wird. Aus den Reihen der Bürgerschaft erheben sich Stimmen, welche fordern, daß die zum Schutz der Bewohner abcommandirten Polizisten auch Verständniß und Sympathie hegen für die Classen der Bevölkerung, in deren Mitte sie ihres Amtes walten. Bon hervorragenden Bürgern auf der unteren Ostseite wird in einem dem Mayor zugesandten Schreiben aus den Umstand hingewiesen, daß die Polizei, welche in den Revierwachen des Ghetto stationirt ist, sich der Einwohnerschaft jenes Stadtviertels gegenüber stets feindselig betragen habe. Die M a s s e n k n ü p P e l e i, behaupten jene Bürger, wäre kein spontaner Ausbruch, sondern das Resultat einer jahrelangen Gegnerschaft zwischen der jüdischen Bevölkerung und den Polizisten, die sich nicht als ihre Beschützer, sondern a l s ihre Verfolger und Bedrücker gezeigt haben. Der Mayor ist von dem „East Side Civic Club" ersucht worden, nicht bei der Bestrafung der Polizisten, die sich bei den jüngsten Excessen brutaler Handlungen schuldig gemacht haben, stehen zu bleiben, sondern die Enquete über die Zustände auf der Ostseite weiter zu führen und der Bevölkerung besseren Polizeidienst zu geben. Ein Ausschuß, welcher in dem Bureau des Mayors vorsprach, um mit demselben zu conferiren, konnte das Stadtoberhaupt nicht sprechen. Durch seinen Secretär, Herrn Reynolds, ließ er der Delegation wittheilen, daß er die von der Vereinigung, welche der Ausschuß vertrat, angenommenen Beschlüsse über Bestrafung der Schuldigen und Vorkehrungen zur Verhinderung ähnlicher Vorkommnisse in der Zukunft in Erwägung ziehen werde. Das Comitö suchte sodann den Districtsanwalt auf, welcher den Herren die Zusicherung gab, daß er Alles aufbieten werde, um die Schuldigen zur Rechenschaft zu ziehen. Er habe die Ansicht gewonnen, daß die Angaben der Zeugen der Wahrheit entsprächen und die Schilderungen über die brutale Knüppelei nicht übertrieben seien. Um Ihnen behilflich zu sein, diese Ursachen zu ergründen, möchten wir hiermit erklären, daß der Krawall nur als Höh epunkt einer langjährigen feindseligen Haltung der Polizei den Tausenden fried- und gesetzliebenden Bürgern der unteren Ostseite gegenüber bezeichnet werden kann." Um über den Charakter der „Blauröcke", wie man in New-Iork die Polizisten nennt, ein richtiges Urtheil zu erlangen, ist es nothwendig, an die colossalen Scandale zu erinnern, die das verbrecherische Treiben zahlreicher New-Jorker Polizisten und Polizeibeamter zur Folge hatte. Nachdem eine Anzahl compromittirter Spitzbuben aus den leitenden Stellen hinausgejagt und bestraft worden war, versuchte insbesondere der berühmte Districtsanwalt I e r o m e eine energische Säuberung der Polizei. Diese ist ihm aber bisher nur zum kleinen Theile gelungen. Ich lese seit Jahren die New-Iorker Blätter, und die Berichte über Acte der Bestechlichkeit und des Mißbrauches der Amtsgewalt seitens der Polizisten bilden fast eine ständige Rubrik. Freudenhäuser und Spielhöllen standen und stehen noch unter dem Schutze derselben Polizisten, die beauftragt sind, die Schlupfwinkel des Lasters und die Wettbureaux ausfindig zu machen und ihre Inhaber zu verhaften. Anständige Frauen werden verhaftet und der Prostitution beschuldigt, wenn sie einem Polizisten nicht zu Willen sind, und die New-Iorker Bürgerschaft empfindet die in ihrer Polizei herrschenden Mißbräuche als einen höchst unerträglichen Uebelstand. Daß Polizisten von solchem Caliber ihre Erpressungen nicht auch an den Juden verüben oder wenigstens versuchen sollten, wäre ein Wunder, und es entspricht nur ihrem Charakterbilde, daß sie von Haß gegen die Juden erfüllt sind. Die größten Lumpen in einer Stadt, man kann damit rechnen, sind Antisemiten, und das ist nicht blos in New-Jork so, sondern auch diesseits des großen Wassers, und es bedarf keiner überseeischen Expedition, vielleicht auch nicht einmal einer Fahrt mit der Stadtbahn, um wahrzunehmen, daß Antisemitismus, Bestechlichkeit, Corruption, Erpressung und Mißbrauch der Amtsgewalt die organischen Bestandtheile stadtbekannter Figuren sind. Dafür bietet uns die Verhaftung des gewesenen christlichsocialen Landtags-Abgeordneten Dr. Anton Löbel einen lehrreichen Beitrag. * * * Das antisemitische Feuilleton bürgert sich allmälig in die Tagesliteratur des Geschäftsantisemitismus ein. Recept: Ein polnischer Jude mit Pajes. Ein Wechselten zu zehn per Mese. Ein bewucherter Gutsbesitzer oder Osficier. Einiges „Gemauschel". Damit kann ein „Feuilletonist", der für Antifemitenblätter schreibt, Jahre lang aus kommen. Leser, deren geistiger Horizont ungefähr dem des Herrn Josef Strobach gleichkommt, amüsiren sich dabei. Nach dem erwähnten Recept ist auch eine „Geschichte aus Galizien" gemacht, die ein sicherer Hadrian Boxberg unter dem Titel „Naftali in Nöthen" im Berganiblatt erzählt. Naftali Morgenroth. Morgenroth — schöner Name. — Der Feuilletvnist mag sich wohlgefällig im Spiegel beguckt haben, als er diesen Namen niedergeschrieben. Naftali Morgenroth — von mir! Leser schmunzelt, Feuilletonerfolg gesichert. Leider ist die Geschichte nicht darnach geartet, um Allen zu gefallen. Die miserabelste Rolle in dieser albernen Geschichte aus Galizien läßt nämlich der Herr B o x b e r g die Officiere spielen. Ein Hauptmann läßt nämlich, um den Gläubiger seiner subalternen Officiere einzuschüchtern, ihn unter dem Vorwände, daß er ihn für einen Spion halte, in die Casematten eines Festungswerkes einsperren. Soldaten mit aufgepflanztem Bajonett führen ihn ab. Erst nachdem Naftali genügend Angst ausgestanden, läßt ihn der Hauptmann, dem vor den Folgen seiner Handlungsweise bange wird, wieder laufen. Das ist fürwahr ein echt antisemitisches Feuilleton; um den Juden in einer lächerlichen Rolle erscheinen zu lassen, wird k. u. k. Officieren eine ehrlose und verbrecherische Handlungsweise zugeschrieben. Allerdings ist die Geschichte zu dumm, als daß sich irgendwer darüber ärgern sollte, und Officiere, die sie lesen, werden höchstens finden, daß der Herr Bvxberg um ein B zu viel im Kopfe hat. * * * Die „Deutsche Zeitung" constatirt, wir wissen nicht, ob mit Bedauern oder mit Behagen, den angeblichen physischen Verfall und Niedergang der jüdischen Race, und sie theilt ihren Lesern mit: „Auf 763 Juden kommt ein Idiot, wo hingegen bei anderen Confefsionen beinahe auf die doppelte Zahl ein Idiot zu setzen ist." Wir kennen uns wahrlich nicht mehr aus. Bald sind wir Juden viel schlauer und gescheidter als alle anderen Menschen und sind ihnen dadurch so überaus gefährlich, bald sind wir mit der doppelten Zahl von Idioten behaftet wie die Arier. Im Vertrauen gefragt: Wie steht es mit dem statistischen Verhältniffe der Idioten zu der Gesammtzahl in der Redaction der „Deutschen Zeitung"? Isegrim. Neue Hilsner-Enthüllungen. Das „Deutsche Volksblatt" bringt anläßlich der Nachricht, daß der Vagabund Zellinger, einer der Zeugen im Hilsner- Processe, wahnsinnig geworden sei, eine neue, höchst interessante Enthüllung zum Polnaer Morde. Es theilt mit. daß Hilsner zwei Tage vor der Auffindung der Leiche der Angnes Hruza bereits von dem Morde an derselben erzählte, also schon zu einer Zeit über den Mord an Agnes Hruza mit Leixner gesprochen habe, als noch gar Niemand in Polna wußte, daß das Mädchen ermordet worden sei. Es ist dies ein vollkommen neues Moment, welches das „Deutsche Volksblatt" in die öffentliche Discussion über die Affaire Hilsner bringt, und umso überraschender, als weder in der Kuttenberger, noch in der Piseker Verhandlung von einem solchen angeblichen Geständniffe Hilsner's gegenüber Leixner die Rede war. Auch Leixner gehört dem ehrenwerthen Kreise an, welcher den Katharinberg frequentirte und mit welchem Hilsner an dem Tage, an welchen der Mord geschehen sein soll, Karten spielte. Leixner ist wiederholt den eindringlichsten Verhören unterzogen worden, ohne daß er auch nur mit einer Silbe angedeutet hätte, was das „Deutsche Volksblatt" heute erzählt. Das Verganische Blatt behauptet, daß Leixner, den es einen Kronzeugen nennt, verschollen sei und Niemand wisse, was mit dem Burschen geschehen ist. Da Leixner vor seinem Verschwinden nichts von diesem angeblichen Geständniffe Hilsner's mitgetheilt hat, muß man annehmen, daß er es nach seinem Verschwinden gethan hat, daß er sich also an einem Orte befindet, der den Redacteuren des „Deutschen Volksblatt" wohlbekannt ist und daß sie dort Gelegenheit haben, mit dem interessanten Jüngling eingehende Unterhaltungen über den Polnaer Mord zu pflegen. Es geschieht nicht das erste Mal, daß die Redaction des „Deutschen Bolksblatt", respectioe jenes „Rechtscomitä", welchem der Specialredacteur für Ritualmorde, Herr Hans Arnold Schwer angehört, über die wichtigen Details des Polnaer Mordes beffer unterrichtet ist, als es die Gerichte erster Instanz, die gesammte Oeffentlichkeit und der oberste Gerichtshof waren. Noch im Laufe