Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 34 (22.8.1902)
- Date
- 1902-08-22
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sette 558 Dr. Bloch's Wochsnschrifl. Nr. 34 berief sich zum Beweise ihrer dahin gehenden Behauptung auf Treitschke's Darstellung in seiner deutschen Geschichte und ferner auf die von Treitschke dort citirten Schriftsteller Die Prüfung der betreffenden Schriften ergab, daß Treitschke's Darstellung geradezu als eine Fälschung anzusehen ist, wenn man nicht annehmen will, daß er die Schriften selber gar nicht gelesen und das alles nur einem Anderen aus Treue und Glauben nachgeschrieben hat. In diesem Falle würde er sich allerdings einer Frivolität schuldig gemacht haben, welche an Unehrlichkeit stark heranreicht. Lassen wir Treitschke's Darstellung zunächst folgen. Er schreibt (Bd. 2, S. 418): „In dem literarischen Kampfe, der sich nun entspann, offenbarte sich auf jüdischer Seite nicht selten eine erschreckende Verlogenheit und Ueberhebung; sie bewies klarer als alle Reden der Gegner, welche ernsten Bedenken der vollständigen Emancipation des Judenthums noch im Wege standen. Saul Ascher in Berlin bewitzelte die „Germanomanie" des jungen Geschlechts in einer Reihe hämischer Schriften, die einen fanatischen Haß gegen alles Deutsche, namentlich auch gegen Goethe bekundeten. Er rühmte von den glaubenslosen Juden, daß sie von der Weltgeschichte bestimmt seien, dereinst allen positiven Glauben zu einer freieren Form zu leiten, und hatte die Stirn, seinen Stämmesaenoffen sogar das Hauptverdienst an den Siegen des Befreiuugskrieges zuzuschreiben: „Man vergißt, daß Deutschlands Heere in dem Kampfe gegen Frankreich unterlagen, ehe noch die Juden in ihrer Mitte Theil daran nahmen, und erinnert sich nicht, wie erfolgreich sie m den Jahren 1813 und I8i4 kämpften, als die Juden aus Rußland, Polen, Oesterreich und Preußen mit ihnen in Reihe und Glied standen." Ein anderer jüdischer Schriftsteller, der gegen Rühs und Fries zu Felde zog, versicherte dreist, nur ein Jahr nach dem belgischen Feldzuge, daß bei BelleAlliance allein 55 Mische Officicre gefallen seien, während die preußische Armee dort insgesammt nur 24 Officiere verloren hatte. Ein Dritter, der . s offenbar wohl meinte, richtete ein „freundliches Wort an die Christen" und meinte gemüthlich: Die eigensinnigen jüdischen Köpfe würden dock nicht von ihren alten Bräuchen laffen; am klügsten also, wenn die Christen um der Eintracht willen ihren Sonntag auf den Sabbath verlegten. Der jüdische Lehrer Heß in Frankfurt erklärte alle seine christlichen Gegner einfach für Phantasten oder für Wertzeuge eines gemeinen Eigennutzes. ) Einem solchen Hochmnth gegenüber konnten auch in dem anderen Lager ungereäte und gehässige Worte nicht ausbleiben. Indessen bewahrte die große Mehrzahl der christlichen Schriften eine würdige Haltung. Die Ideen Lessing's hatten doch in der Stille ihren Weg gemacht; so grausam wie einst Fichte wollte jetzt kein Deutscher mebr über die Juden schreiben. Die Verständigeren gingen fast alle von dem Grundsatz aus, daß der Aufenthalt im Lande allein noch keinen Anspruch auf das Bürgerrecht gebe; sie wollten den Israeliten wohl die Gleichheit auf dem Gebiete des Privatrechts zugestehen, aber nicht — oder jetzt noch nicht — das volle Maß der staatsbürgerlichen Rechte. Und so hart diese Meinung den gebildeten Inden erscheinen mußte, die Masie ihres Stammes befand sich damals unbestreitbar noch in einem verwahrlosten Zustande, der die vollständige Emancipation nicht ratbsam erscheinen ließ; richtete doch einer von ihnen selber an die deutschen Fürsten die wehmüthige Bitte, durch Verbesserung des jüdischen Schulwesens „meine Nation aus der geistigen Trübheit zu erheben".^) Das preußische Gesetz von 1812, das den Juden mit Ausnahme der Zulassung zu den Staatsämtern alle staatsbürgerlichen Rechte gewährte, ging über die engherzigen Vorschriften der meisten anderen deutschen Gesetze weit hinaus und bezeickuete ungefähr das Maß dessen, was die Liberalen jener Zeit vorläufig für erreichbar hielten; Hardenberg selbst, der Gönner Koreff's, der sich der Juden überall gütig annahm, wollte diese Grenze durchaus nicht überschreiten. In diesem Sinne etwa sprach sich der Historiker Rübs aus, der den Reigen der anrijüvischci, Schriften eröffnete; ihm folgten Fries und Luden. Aber auch das radicale Oppositionsblatt schloß sich der Ansicht der christlich-germanischen Gelehrten an. desgleichen Paulus, der Führer des Nationalismus, und Klübcr, der weltlich liberale Publicist Unter den namhaften Schriftstellern zeigte Kotzebue den Juden das meiste Wohlwollen, der Todfeind der jungen Teutonen fühlte sich durch eine innere Wahlverwandtschaft zu Saul Afcher hingezogen; doch auch er meinte, erst müßte die Cultur der Juden „durch eine Art von Bekehrung" gründlich umgestaltet werden, bevor sie die Gleichberechtigung erlangen könnten. Die sofortige Emancipation forderten nur einzelne wenig bekannte christliche Pablicisten, so Lips in Erlangen, der die deutsche Nation durch die Beimischung jüdischen Blutes beweglicher machen wollte." ') Saul Ascher, Germanomanie, Berlin 1815, S. 67. Beinerkungen zu den Schriften der Professoren Rühs und Fries über die Juden, Frankfurt 1816, S. 4. Ein freundliches Wort an die Christen von einem Juden, o. O. 1816. *) Patriotischer Aufruf eines treuen Israeliten an die Fürsten Deutschlands. Büdingen 1816. M. Heß, frcimüthige Prüfung der Schrift von Rühs. Frankfurt 1816. Diese Darstellung hat von vornherein zwei Grundfehler. Erstens muß sie in dem Leser den Glauben erwecken, als hätten die Rühs, Fries rc. sich auf den Boden des Gesetzes von 1812 gestellt, während sie in Wirklichkeit dieses Gesetz gerade abschaffen wollten und insbesondere die Ausschließung der Juden vom Dienst im Heere erstrebten. Zweitens erscheint nach Treitschke's Darstellung das Vorgehen von Rühs und Fries als eine Abwehr anmaßender jüdischer Bestrebungen, während in Wirklichkeit die Schriften der Rühs und Fries zeitlich vorhergingen und ihrerseits die Veröffentlichung der jüdischen Schriften erst veranlaßt hatten. Von den vier Schriften, die Treitschke citirt, bezeichnen sich zwei als derartige Antworten schon im Titel, und eine dritte, nämlich Saul Ascher's „Germanomanie", richtet sich im Wesentlichen ebenfalls gegen Rühs. Nur die vierte („Ein freundliches Wort" o. O ) * * *) macht in dieser Beziehung eine Ausnahme; sie ist übrigens nicht, wie Treitschke angibt, o. O. 1816 erschienen, sondern Königsberg 1804. Beginnen wir die Prüfung im Einzelnen mit Saul Ascher's Germanomanie. Wie der Leser sich überzeugen wird, ist es eine einfache Unwahrheit, ihr Haß gegen alles Deutsche nachzusagen. Im Gegentheil spricht die kleine Schrift, an deren trefflichen Stil sich mancher Retter des Deutschthums ein Beispiel nehmen könnte, von den deutschen Tugenden mit großer Wärme, und nur die Uebertreibung des Volksgefühls, die Germanomanie, die wir heute deutschen Chauvinismus nennen würden, bekämpft sie, wie aus ihrem hier folgenden Schlußwort deutlich zu ersehen ist. Seite 70, Zeile 1. Möge dereinst eine geschicktere und gewandtere Hand ein vollkommenes Gemälde davon aufzustellen sich berufen fühlen, dann wird in der Galerie der deutschen Verirrungen neben der Gallomanie und Anglomanie die Germanomanie eine würdige Stelle einnehmen können. In damaliger Zeit muß diese Deutung in der literarischen Welt geläufig gewesen sein, wie aus der bekannten Schiller'schen ^enie „Griechheit"2) hervorgeht. Es wird 'ähnlich wie von Schiller den Graecomanen von Saul Ascher den Germanomanen zum Vorwurf gemacht, daß sie eine edle Sache (das Deutschthum) in unrichtiger Weise vertreten. Bewunderung deutscher Tugenden tritt in folgenden Stellen deutlich zu Tage: Seite 18, Zeile 14. Jene Besonnenheit und Lauterkeit, welche das protestantrscheDeutschland selb st in denreligiösen Ideen begründet hatte, wurden mit der Kraft eines begeisterten Fanatismus von unseren katholisirenden Denkern bestürmt und gehöhnl. Seite 31, Zeile 6. Was beabsichtigen endlich diese Fanatiker in dem Eifer ihrer Germanomanie? Wozu die Anregung zu einem Krenzzuge gegen alles Undcutsche oder Ausländische? Soll Deutschland das Beispiel zur Zwietracht und zum Nationalhaß aufstellen? Gibt es denn für Deutschland kein anderes Mittel, seine Selbstständigkeit und Eigenheit zu erhalten? Hat es nicht einen Fond von Kräften, diese Lage zu erschwingen, in der Geradheit, Betriebsamkeit und der Kraft seiner Nation? Seite 42, Zeile 10. Wollen unsere enthusiastischen Germanomanen von Deutschland alle Ausländerei entfernen, so mögen sie auch den Einfluß des Alterthums auf uns zu entfernen suchen, den Einfluß vorzüglich der Griechen, deren ganzes Wesen so innig den Deutschen anspricht, ') Der genaue Titel lautet: „Ein freundliches Wort an die Christen zur gänzlichen Beilegung ihres Streites mit den Juden. Von einem Juden " Ich vermuthe gerade aus der falschen Citirung des Titels, daß Treitschke die Schrift nicht in Händen gehabt hat, sondern sie einfach als o. O. 1816 bezeichnet hat, weil ihm der Ort des Erscheinens nicht bekannt war, und er annahm, sie sei, wie die übrigen derartigen Schriften, 1816 erschienen. 2) Kaum hat das kalte Fieber der Gallomanie uns verlassen, Bricht in der Graecomanie gar noch ein hietziges aus Griechheit, was war sie? Verstand und Maß und Klarheit! Drum dächt ich, Etwas Geduld noch ihr Herren, eh' ihr von Griechheit uns sprecht! Eine würdige Sache verfechtet ihr; nur mit Verstände Bitt' ich, daß sie zum Spott und zum Gelächter nicht wird.