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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-08-22 · 34 (22.8.1902) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
34 (22.8.1902)
Date
1902-08-22
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 34 Dr. Bloch's Wochenschrift. Teile 557 Sprache allein reicht nicht aus, um das Judenthum zu kennen und es lieben zu lernen. Es ist dies ein Problem, das die Judenheit seit uralten Zeiten beschäftigt, seit der Zeit, wo die Juden außerhalb Palästinas zu leben anfingen und die hebräische Sprache nicht mehr genügend oder überhaupt nicht verstanden. Dazu kam noch der Umstand, daß die Juden in der Zerstreuung, trotz der heißen Liebe zum väterlichen Glauben und trotz der nnigsten Ueberzeugung von der culturellen Bedeutung des jüdischen Stammes, nicht umhin konnten, sich mit der sie umgebenden sCultur zu befreunden. Es ist dies eines der wichtigsten Capitel der jüdischen und der allgemeinen Culturgeschichte, das nicht in solcher Kürze behandelt werden kann. Jedenfalls handelt es sich um die bedeutsame Begegnung der abendländischen mit der morgenländischen Cultur, die, trotz der reichhaltigen Literatur, die über dieses Thema vorhanden ist, noch immer nicht in ihrem vollen Umfange gewürdigt worden ist. Mit kleinen Aenderungen ist die jetzige Lage der westeuropäischen Judenheit jener der Juden in Egypten und Kleinasien sehr ähnlich. Die Frage ist immer: Wie behält man die Judenheit, unbeschadet ihrer Lernfähigkeit und ihrer Empfänglichkeit gegen die äußeren Einflüsse, mitten in einer nichtjüdischen Umgebung jüdisch? Dabei ist es keineswegs unser Wunsch, die Judenheit in ein geistiges Ghetto zu lchließen und ihre Bildungsfähigkeit herabzudrücken. Mit dieser Frage haben sich im neunzehnten Jahrhundert alle wirklich aufgeklärten Männer in der westeuropäischen Judenheit beschäftigt, alle Jene, denen die Erhaltung des Judenthums Herzenssache gewesen ist. Und auch jetzt drehen wir uns um den einen Punkt herum. Wir wollen nicht unserer Jugend Haß und Verachtung gegen nichtjüdisches Wesen beibringen; es fällt uns nicht ein, für die Lästerungen des Judenthums, mit der sich ungebildete und sogar gebildete Rowdies befassen, uns mit Gegenlästerungen des Christenthums Genugthuung zu verschaffen. Aber wir wollen auch nicht in solch schmachvolle Weise aus der Geschichte gestrichen werden. Das Judenthum soll nicht nur erhalten bleiben, es muß auch fortblühen und neue Früchte zeitigen. Diese Ueberzeugung von der Unvergänglichkeit der Judenheit und somit auch des Judenthums habe ich an anderer Stelle wissenschaftlich zum Ausdruck gebracht und bekräftigt. Hier will ich aber die praktische Bedeutung dieser Frage erörtern. Man weiß gar nicht, welche neue Kräfte dem Judenthume erstanden wären, wenn bei uns der jüdische Unterricht (ich verstehe darunter mehr als jüdischen Religionsunterricht) nicht ein Jahrhundert hindurch so arg vernachlässigt worden wäre. George Eliot sagt in ihrem „Daniel Deronda" so schön, jede Familie müsse ihre Kinder so erziehen, daß aus ihr der ersehnte Messias hervorgehen könnte. Ich möchte dies Wort dahin variiren, jeder Jude und jede Jüdin müßte so erzogen sein, daß sie unter allen Umständen für das Judenthum muthig, überzeugt und begeistert eintreten könnten. Es heißt somit, unsere Jugend mit der Geschichte und dem Schriftthum Israels innigst vertraut machen. Geschichte und Schriftthum stehen bei uns in enger Verbindung. Ich gehöre nicht zu den Leuten, die Israels Größe lediglich in seinen geistigen Leistungen finden; aber unser geistiges Schaffen bildet ein Ruhmesblatt unserer Geschichte. Die Judenheit war ein hochbegabter Stamm, der so Viel und so Vieles geschaffen hat. Und jedenfalls wäre die Liebe zum Judenthum viel größer und ausdauernder, wenn unsere Juden es in all seiner Erhabenheit, in seiner geschichtlichen Bedeutung kennen würden. Dafür ist gar nicht gesorgt. Ich will nicht den Werth einzelner guter Schriften herabsetzen; Einiges mag wohl wohl vorhanden sein. Aber im Großen und Ganzen leiden wir da geistig Roth. Schon mit der Kenntniß des biblischen Schriftthums. Selbstverständlich wäre es am besten, alle Juden ohne Ausnahme wären im Stande, die Bibel in der Ursprache zu lesen. Welch herrlicher Genuß wäre ihnen da geboten! Aber wir müssen ja damit rechnen, daß der weitaus größte Theil der westeuropäischen Judenheit eben nicht soviel hebräisch versteht. Wir müssen somit zu einer guten Uebersetzung greifen. Aus persönlichen Gründen will ich mich hier in die Einzelheiten dieser Frage, nämlich, was eine gute Uebersetzung zu leisten habe, nicht einlassen. Hingegen muß ich's aussprechen, daß das Lesen der Bibel sehr viel verlangt. Die biblischen Schriften darf man nicht lesen, wie man sonst ein noch so interessantes Buch liest, vielmehr hatten unsere Alten Recht, wenn sie sagten: Lest und lest d a r i n! So viel man die heilige Schrift liest, niemals hat man sie genug gelesen. Man entdeckt immer neue, erhabene Schönheiten in diesen Büchern» stets bietet sie uns sowohl ästhetisch, wie auch vom Standpunkte der Sittlichkeit Neues. Man soll unsere Jugend gewöhnen, die Bibel fleißig zu lesen. Es genügt nicht. Einiges auswendig zu lernen oder das Geschichtliche der Bibel im Auszug zu kennen — biblische Geschichte ist an sich gut. wenn sie gut dargestellt ist, aber keineswegs die Bibel selbst, ebensowenig wie man etwa Goethe durch die beste Literaturgeschichte kennt oder gar sich aus einem solchen Buch den geistigen Genuß, den uns die Lectüre von Goethe's Schriften gewährt, verschaffen kann. Die biblischen Schriften sind mannigfaltig und vielseitig. Man soll sie natürlich alle kennen und genau kennen. Es ist ein landläufiger Jrrthum, wenn man das eine oder das andere Buch herausnimmr und dessen Lectüre empfiehlt. Wer nicht Alles kennt, der kennt gar nichts. Die geschichtlichen Bücher sind ebenso schön wie die prophetischen und deren Lectüre ebenso nützlich wie die der zuletzt Genannten. Eine Auswahl zu treffen, ist schon deshalb nicht angängig, weil dabei doch immer nur der subjective Geschmack des Einen in Betracht kommt. Nach meiner Ueberzeugung bekundet sich dadurch ein gewisser Hochmuth, wenn man daran geht, das biblische Schriftthum zu „sichten". Es kann nicht genug empfohlen werden, die Jugend daran zu gewöhnen, die Bibel fleißig zu lesen, wobei sich ja die Auswahl von selbst ergibt, indem der Jüngling oder das heranreifende Mädchen das liest, wofür zur Zeit Neigung und Berständniß vorhanden ist. Ueber die Methode, wie man das biblische Schriftthum der Jugend in die Hand geben kann, ohne sich des Bandalismus an diesen herrlichen Schöpfungen schuldig zu machen, werde ich bei anderer Gelegenheit ausführlich sprechen. Hier stelle ich nur meine These auf: Der Grund zu einem ersprießlichen jüdischen Unterricht (ich wiederhole, daß ich nicht nur vom Religionsunterricht spreche) kann nur gelegt werden, wenn man die Jugend dazu erzieht, selbstständig und fleißig die Bibel zu lesen. Dr. S. Bernfeld. Antisemitische GeschichtsdarsteUung. Wahrscheinlich war kein Schriftsteller der antisemitischen Bewegung so förderlich wie Treitschke. Ein begeisterter Anhänger des Reichsgedaukens, von der studirenden Jugend verehrt, hat er mit seinem feurigen Temperament eine antijüdische Stimmung in Kreisen zu erregen gewußt, die für diese Bewegung sonst wohl nicht zu haben gewesen wären. Unter solchen Umständen sind die Bemerkungen, die Treitschke in feiner deutschen Geschichte über die nach den Freiheitskriegen einsetzende autijüdische Bewegung macht, von besonderer Bedeutung. Hier handelt es sich nicht um gelegentliche, im Aerger gemachte Bemerkungen, nicht um die Entgleisung eines Journalisten, sondern um die zusammenfassende Darstellung, welche der Historiker einer von ihm als wichtig angesehenen Erscheinung zu Theil werden läßt. Die Prüfung der betreffenden Stelle hat nun das überraschende Ergebniß gezeitigt, daß die Treitschkeffche Darstellung im Wesentlichen auf falschen, beziehentlich entstellten Citaten sich aufbaut. Von Interesse ist es, daß diese Thatsache erst jetzt entdeckt worden ist, nachdem Hunderte von Juden Treitschke's Werk gelesen haben, darunter in großer Zahl auch solche, welche die wissenschaftliche Qualification besaßen, die Treitschke'sche Darstellung auf ihre Richtigkeit zu prüfen. Wäre etwas Wahres an der angeblichen „Empfindlichkeit der Juden gegen alle tadelnden Urtheile", so wäre die Haltlosigkeit der Treitschkeffchen Darstellung sicherlich schon früher erkannt worden. Auch jetzt ist die Entdeckung, wie sehr Treitschke ins Blaue gearbeitet hat, nur durch einen Zufall erfolgt, nämlich dadurch, daß seine Darstellung Gegenstand einer von der „Deutschen Hochwacht" gegen den „Verein zur Abwehr des Antisemitismus" angestrengten Klage wurde. Der Proceß, in dem beiläufig die „Deutsche Hochwacht" rechtskräftig abgewiesen wurde, hatte zum thatsächlichen Untergrund die Behauptung, daß die Juden sich das Hauptverdienst an dem Erfolg der Freiheitskriege beigemessen haben. Die „Deutsche Hochwacht"

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